Illustration Daniel Egnéus
© Daniel Egnéus

Gruß aus der Vergangenheit

  • TEXT MAX KÜNG
  • ILLUSTRATION DANIEL EGNÉUS

Unter uns leben fantastische Wesen, die sich seit 350 Millionen Jahren kaum verändert haben – das jagt uns ein wenig Angst ein.

„Absolut sicher“, sagte ich zu meinen Kindern, als wir durch
den Wald schritten, ließ es ganz besonders ernsthaft klingen und ­lächelte. Das Gelände war steil, und hoch stand der Farn, ein Wasserfall donnerte hernieder, wurde in einem breiten Becken zu einem sanften Fluss, und wir sahen Bäume von seltsam knorriger Gestalt, die Wesen zu sein schienen. Äste peitschten uns ins Gesicht. Glucksend versank ein Fuß im sumpfigen Grund. Ich sagte: „Für Dinosaurier kommen wir gut 60 Millionen Jahre zu spät.“ – „Ganz sicher?“ – „Ganz sicher!“ Aber auch als wir einen geeigneten Platz für ein Feuer entdeckten und bald Würste an Spießen über der Glut brutzelten, sahen sich die Kinder immer wieder um.

Eine gewisse Sorge befiel sie, ob nicht vielleicht doch Dinosaurier leben könnten, genau hier, im Wald, in einem Tal namens Misox im Süden der Schweiz. Am Abend zuvor hatten wir ein Buch betrachtet, vor dem knisternden Kamin, einen schwergewichtigen Bildband mit nichts drin außer Illustrationen von Urzeitviechern, nicht wenige davon in blutrünstige Kämpfe verwickelt. Dies hatte die Fantasie der Kinder befeuert. Das Misox ist für viele so unbekannt wie die Urzeit, kaum jemand macht hier halt, obwohl viele durchfahren auf der Autobahn A13, als Alternative zur stets staugeplagten Gotthardroute gen Süden. Aus touristischer Sicht existiert wenig Magnetisches. Es gibt eine ­Minigolfanlage beim Tunnelportal in San Bernardino, kühle Höhlenkneipen namens grotti im südlichen Talabschnitt und wilde Natur à gogo, das meiste davon unzugänglich. In diese urtümliche Landschaft hätten ein paar segelnde Archaeopteryxe, eine Meute blutdurstiger Velociraptoren oder ein laut durchs Gehölz polternder T-Rex bestens gepasst.

Dass ich jedoch falsch lag mit meiner so überzeugt vorgetragenen Behauptung, dass es hier keine Urzeittiere gibt, ganz und gar falsch, sollte ich am nächsten Morgen erfahren. Und beinahe am eigenen Leib.

 

  Es gehört eher nicht zu meinen morgendlichen Routinen, die Schuhe auszuschütteln, bevor ich sie anziehe. Ich weiß nicht, weshalb ich es trotzdem tat. Vielleicht weil in der Fremde alles fremd erscheint, sogar die eigenen Schuhe? Und ja, ich erschrak, als etwas aus dem Schuh herausfiel. Es bewegte sich. Es war ein Tier. Ein Tier, das ich nicht erwartete, schwarz saß es auf dem Fußboden, erhob seinen Stachel, seine Scheren, herausfordernd, als hätte es nicht übel Lust auf einen kleinen Kampf: ein Skorpion.

Mithilfe der Kinder und einem Marmeladenglas wurde das Viech gefangen. Unter der Lupe betrachteten wir es. Es war schauerlich anzusehen. Die Kinder wussten dank Internet bald mehr. Dass es sich bei Skorpionen eigentlich um lebendige Fossilien handelt. Dass die Entwicklung dieses Tieres bereits vor 350 Millionen Jahren im Großen und Ganzen abgeschlossen gewesen ist, aus gutem Grund: Der Skorpion ist von Grund auf so gut konstruiert, ein so perfektes Design der Natur – es gab in den letzten 350 Millionen Jahren schlichtweg keinen Bedarf für Verbesserungen des Bauplans. 350 Millionen Jahre ist, verglichen etwa mit dem Lebenszyklus einer iPhone-Generation, eine beträchtliche Zeit.

Bald brachten wir den Skorpion außer Haus zu einer Stelle, von der wir annahmen, sie könnte ihm gefallen für sein weiteres Leben. Schnell verkroch er sich in einem dunklen Spalt einer Mauer. Die Ferien gingen vorbei, wir packten, endreinigten das Ferienhaus, verließen die Berge, fuhren nach Hause, wo der skorpionlose Stadtalltag wieder begann, und etwas hatte ich gelernt: Es gibt sie noch, die wirklich alten Dinge. Auch und gerade wenn sie in der fürchterlichen Gestalt eines Skorpions daherkommen, gebührt ihnen höchster Respekt. Seither schaue ich an einem jeden Morgen in meine Schuhe, bevor ich hineinschlüpfe. Denn: Sicher ist sicher.

P.S.: Das erwähnte Buch heißt „Paläo-Art: Darstellungen der Urgeschichte“, von Zoë Lescaze, Taschen Verlag, 2017.


 Ein Beitrag aus dem Vielflieger-Magazin Lufthansa Exclusive. Mehr zu den Miles & More Angeboten von Lufthansa erfahren Sie hier.