Das Empire lässt grüßen: Glasgows Dalhousie Street
© Evelyn Dragan

Herz aus Stein

  • TEXT DOROTHEA SUNDERGELD
  • FOTOS EVELYN DRAGAN

Glasgow besitzt einen Schatz an Bauwerken und eine lebendige Kunst- und Designszene – nicht zuletzt dank des Architekten Charles Rennie Mackintosh. Seine Kunsthochschule ist bis heute ein Kraftzentrum der Stadt.

Möwen kreischen, eine frische Brise bläst den Himmel frei, und warme Sonnenstrahlen bringen die regennasse Renfrew Street zum Leuchten. Hier, am höchsten Punkt von Glasgow, zeugen blitzsaubere Sandsteinfassaden vom Wohlstand, den die Industrialisierung im 19. Jahrhundert brachte, als Glasgow die zweitgrößte Stadt Großbritanniens war und seine Werften die Dampfschiffe für das Empire bauten. Es war ein Wohlstand, der sogar einen eigenen Architekturstil hervorbrachte: den Glasgow Style. Der Architekt und Designer Charles Rennie Mackintosh prägte ihn zu Beginn des 20. Jahrhunderts als schottische Antwort auf Art Nouveau und die Wiener Secession. Sein berühmtestes Bauwerk steht an der Renfrew Street: die zwischen 1897 und 1909 in zwei Phasen erbaute Glasgow School of Art. Der Bau vereint Türme, Giebel und schießschartenartige Fenster im Stil schottischer Schlösser mit der Strenge des Japonismus, verbindet Jugendstil-Elemente mit geradlinigem Funktionalismus – und gilt damit als Schlüsselwerk für den Übergang zwischen Tradition und Moderne. Wegen ihrer ausgeklügelten Raumaufteilung, eines wegweisenden Heizungs- und Lüftungssystems und des virtuosen Umgangs mit Licht galt die School of Art als eines der innovativsten Gebäude ihrer Zeit. Ein besonderes Highlight dieses Gesamtkunstwerks ist die Bi­bliothek im Westflügel, die jedoch 2014 von einem Feuer zerstört wurde – die Restaurierung ist noch nicht abgeschlossen.

Universaldesigner und Begründer des Glasgow Style: Charles Rennie Mackintosh (1868–1928)

Universaldesigner und Begründer des Glasgow Style: Charles Rennie Mackintosh (1868–1928)

© National Portrait Gallery/INTERFOTO
Seine Glasgow School of Art

Seine Glasgow School of Art ...

© Janet Wilson
ist ein Gesamtkunstwerk, das er bis ins kleinste Detail gestaltete

... ist ein Gesamtkunstwerk, das er bis ins kleinste Detail gestaltete

© Brotch Travel/alamy

  Mackintoshs Architektur machte die Glasgow School of Art nicht nur zu einer der berühmtesten Kunsthochschulen Europas, bis heute ist sie auch eine der besten. Sechsmal ­ging der Turner-Preis schon an „Mack“-Absolventen, 15 weitere ­wurden für den prestigeträchtigsten britischen Kunstpreis nominiert. Wenn man Justin Fenton glauben darf, trägt das legendäre Schulgebäude selbst erheblich zu diesen Erfolgen bei. „Mackintoshs Architektur funktioniert wie ein Werkzeug zum Lernen“, sagt der Architekt vom Büro Page\Park, das die Instandsetzung des Gebäudes verantwortet. „Die Blickachsen helfen dabei, Perspektive zu verstehen, und noch die Handläufe der Treppen sind so gestaltet, dass sie jeden kreativ arbeitenden Menschen inspirieren.“ Fenton, ein zurückhaltender Mann in dunklem Anzug, hat schon viele historische Gebäude restauriert, darunter auch einige von Mackintosh, aber noch keines von so hohem Symbolwert für Glasgow und die Kunstwelt zugleich.

Die Textildesigner Alistair McAuley (links) und Paul Simmons ironisieren traditionelle Motive

Die Textildesigner Alistair McAuley (links) und Paul Simmons ironisieren traditionelle Motive

© Evelyn Dragan
Die Glasgow Central Station gilt als Exempel für die Ingenieurskunst des 19. Jahrhunderts

Die Glasgow Central Station gilt als Exempel für die Ingenieurskunst des 19. Jahrhunderts

© Evelyn Dragan

  Die Restaurierung der Bibliothek begann damit, dass Archäologen bald nach dem Abrücken der Feuerwehrleute Hunderte Bruchstücke der berühmten Deckenleuchten aus der Asche bargen. Sie setzte sich fort mit intensiven Recherchen in den ­Archiven und der Bestimmung von Holzarten, sie mündete schließlich in eine leidenschaftliche Diskussion darüber, in welchen historischen Zustand das Gebäude zurückversetzt werden soll. „Authentizität ist ein schwieriges Wort“, sagt der Architekt vorsichtig, „aber wir sind überzeugt, dass wir es hinkriegen.“

Die Schwierigkeit liegt darin, dass sich auch ein von ­Anfang an ikonenhafter Bau wie die School of Art in den über hundert Jahren seiner Nutzung ständig veränderte. Fenster wurden ausgetauscht, Heizungsanlagen und Einbauschränke installiert, die Räume den technischen Anforderungen der verschiedenen ­Epochen angepasst. „Auf diesen Wandel müssen wir Rücksicht nehmen“, sagt der Architekt. Wenn die Bibliothek wie geplant im Frühjahr 2019 wieder eröffnet wird, soll sie weitgehend aussehen wie auf den Fotografien, die Bedford Lemere 1910 aufnahm. „Wir werden trotzdem mit dem Schock des Neuen umgehen müssen, wenn die Räume fertig sind“, sagt Fenton. „Aber die Patina zu imitieren, die die Bibliothek durch Kerben, Kratzer und den Zigarettenrauch von Jahrzehnten angenommen hat – das wäre nicht infrage gekommen.“

  Was die Schule neben ihrer steinernen Hülle so besonders macht, weiß Jenny Brownrigg. Die Kuratorin der hauseigenen Ausstellungsräume ist eine dynamische Schottin mit wilden Haaren und sympathischer Zahnlücke. „Die School of Art ist wie eine Stadt, die niemals schläft, hier passiert immer etwas“, beschreibt sie ihre Wirkungsstätte, „aber wir sind kein Elfenbeinturm. Unsere Studenten lernen, Dinge anzupacken. Viele Kulturprojekte in Glasgow wurden von Studierenden ins Leben gerufen – Atelierführungen, Galeriegründungen, Kunstfestivals.“ Die Galerieräume der Schule liegen im 2013 eröffneten Neubau mit Blick auf den Haupteingang des Mackintosh-Baus. Hier können die Studenten ihre Arbeiten der Öffentlichkeit präsentieren und Publikumsreaktionen sammeln. „Meine Rolle ist es, ihnen klarzumachen, dass zur Organisation einer Ausstellung mehr gehört, als Bilder an eine weiße Wand zu hängen“, erklärt Brownrigg lachend.

Justin Fenton restau­riert die 2014 von Feuer verwüstete Bibliothek der School of Art

Justin Fenton restau­riert die 2014 von Feuer verwüstete Bibliothek der School of Art

© Evelyn Dragan
Blick vom Mackintosh-Bau The Lighthouse

Blick vom Mackintosh-Bau The Lighthouse

© Evelyn Dragan

  Der feste Wille, etwas anzupacken, führte auch Alistair McAuley und Paul Simmons zusammen. Die beiden Textildesigner lernten sich an der „Mack“ kennen und gründeten Anfang der 1990er-Jahre das Label Timorous Beasties, zu Deutsch etwa „Furchtsame Viecher“. Obwohl sie seit über 25 Jahren ein Team sind, könnten sie unterschiedlicher nicht sein: McAulay – schwarze Jeans, grauer Pullover – kommt aus einem klassischen Glasgower Arbeiterhaushalt und schätzt ein aufgeräumtes Büro. Simmons, in bunt gesprenkelter Hose und modischen Sneakers, entstammt einer Akademikerfamilie und fühlt sich im kreativen Chaos wohl. Was sie gemeinsam haben: selbstbewusst zu tun, was sie wollen, auch wenn es nicht dem Zeitgeschmack entspricht. „Nach dem Studium war klar, uns würde niemand einstellen“, erzählt McAulay trocken. „Die Neunziger waren eine minimalistische Ära, alles war beige, grau, uni – das Gegenteil unseres Stils.“ Also beschlossen sie, sich selbstständig zu machen. Heute arbeiten sie in einem Industriebau im Westen der Stadt mit großen Fensterfronten und schönster Sicht auf das Glasgow-typische Wechselspiel von Sonne und Regen. Sie sind bekannt für farbenfrohe, extravagante Dessins, die sie auf Stoffe und Tapeten, mittlerweile auch auf Keramik, Teppiche und Verpackungen drucken. Der Durchbruch gelang ihnen 2004 mit dem „Glasgow Toile“, einer Tapete in der Tradition von Mustern, wie sie im vorrevolutionären Frankreich beliebt waren. Nur dass ihre Variante statt pittoresker Jagdmotive und Landschaften Szenen aus der weniger anmutigen Gegenwart ihrer Heimatstadt zeigte: Teenagermütter, die Kinderwagen an Hochhausblocks vorbeischieben, Heroinabhängige, ein Mann, der an einen Baum pinkelt.

GLA

,

  Simmons und McAulay verdanken ihrer Stadt aber weit mehr als nur schräge Tapetenmotive. „Wir hätten uns nirgendwo sonst so entwickeln können wie hier“, resümiert Simmons, „schon wegen der Mechanik unseres Geschäfts. Denn um Texti­lien zu bedrucken, braucht man 20 Meter lange Tische. Entsprechende Räume in London? Unbezahlbar!“ Auch ihnen half die Philosophie der School of Art, ihre Studenten darauf vorzubereiten, „ihr eigenes Ding zu machen“, so McAulay. Und wie wichtig war ihnen der Mackintosh-Bau? „Es war toll, an der Mack zu studieren“, sagt der Designer, „aber für uns war es unsere Schule, kein Museum. Wir haben dort gelebt und gearbeitet, die Türen mit Füßen getreten und Kerben im Holz hinterlassen. Manchmal kamen japanische Touristen, die alles mit Ehrfurcht betrachteten und ihren Augen nicht trauten, weil wir dort rauchten!“

Kulturauftrag: Das Merchant City Festival bringt Kunst, Theater und Musik auch in Glasgows weniger privilegierte Viertel

Kulturauftrag: Das Merchant City Festival bringt Kunst, Theater und Musik auch
in Glasgows weniger privilegierte Viertel

© Evelyn Dragan

  Die Vorzüge Glasgows gegenüber der Metropole London hat auch Rachel McMillan zu schätzen gelernt. Um die junge Modedesignerin in ihrem Atelier zu besuchen, lassen wir das elegante Westend und das historische Stadtzentrum hinter uns. McMillan arbeitet im East End unweit des River Clyde. Noch vor 20 Jahren war Glasgows Osten geprägt von Slums, mittlerweile haben sich am Barras Market Künstler und Designer angesiedelt. „Es ist ein bisschen wie Shoreditch in London, nur familiärer“, sagt McMillan. Nach dem Modestudium ­absolvierte sie einige Praktika in London, doch bald zog es sie heim nach Glasgow. „Als ich die großen Modehäuser von innen kennen­lernte, geriet ihr Glamour-Status für mich schnell ins Wanken“, erklärt sie. Ausschlaggebend war schließlich der Dokumentarfilm „The True Cost – Der Preis der Mode“, der schildert, unter welchen Umständen die schnelllebige Modebranche in Billiglohnländern produzieren lässt. McMillan wollte es besser machen und gründete eine eigene Firma. Mit 22 entwarf sie ihre erste ­eigene Kollektion, mittlerweile produziert sie Streetwear aus Fairtrade-Textilien, die sie in Schottland nähen lässt und über ihren Web-Shop und Pop­-up-Stores vertreibt. Nun will sie ein Aufbaustudium in Modedesign dranhängen – natürlich an der Glasgow School of Art. Dort könnte sie dann zur ersten Generation von Studenten gehören, die in der frisch renovierten Mackintosh-Bibliothek neue Kratzer und Kerben hinterlassen.

Schauen, essen, übernachten: Tipps für Glasgow

THE LIGHTHOUSE

Auch ein Mackintosh-Bau, beherbergt Schottlands Centre  for Design and Architecture.

thelighthouse.co.uk

TRANSMISSION GALLERY

Selbst ist der Künstler: renom­mierte Galerie, gegründet von Studenten der School of Art.

transmissiongallery.org

A’CHALLTAINN

Alles frisch: neues Fisch­restaurant im Künstlerviertel am Barras Market im East End.

baadglasgow.com

ABODE GLASGOW

Hotel in liebevoll restauriertem Townhouse, einige Gehminuten von der School of Art entfernt.

abodeglasgow.co.uk


ZUM ZIEL

Lufthansa fliegt bis zu viermal wöchentlich von München (MUC) nach Glasgow (GLA). Ihre Meilengutschrift errechnen Sie auf meilenrechner.de