Blick vom Pier auf den belebten Strand und den neu entstehenden Aussichtsturm
© Andrea Artz

Kleine Schwester am Meer

  • TEXT PIA VOLK
  • FOTOS ANDREA ARTZ

„London by the sea“ wird Brighton von den Engländern auch genannt. Es ist genauso bunt wie die Hauptstadt, nur nicht so stressig – perfekt für ein schräges Wochenende

Vor einem Gebäude, das aussieht wie der Palast eines Maharadschas, steht ein schlaksiger Mann mit langen blonden Dreadlocks. Philipp Nicholls lässt seine Hüften kreisen, dabei wandert ein Hula-Hoop-Reifen um seinen Körper herum. Nicholls tanzt mit dem weißen Stück Plastik, immer wieder erfasst eine Welle der Bewegung erst ihn und dann den Reifen, der nach oben steigt, die ausgestreckten Arme hinauf, wo Nicholls ihn greift und in die Luft wirft. Er ist ein Hooper, wie sich die Hula-Hoop-Tänzer nennen, an Wochenenden sieht man ihn und andere auf den Grünflächen der Stadt Kunststücke vorführen. Seit drei Jahren macht er das schon, mittlerweile ist er Hula-Hoop-Lehrer im Nebenjob. Sein Einkommen verdient er als Projekt­manager, der akademische Verlage bei der Digitalisierung unterstützt. Nerd und Hippie? „Hier in Brighton ist so etwas alltäglich“, sagt der 34-Jährige.

Brighton ist ein Ort, an dem sich Widersprüche in Selbstverständlichkeiten auflösen: hüftkreisende Anzugträger, ein gärtnernder Rockstar, nackt radelnde Nachbarn. Dabei kommt die Stadt zunächst ganz unscheinbar daher. Typisch englische Reihenhäuser, schmal, mit kleinen Erkern, die sich staffeln wie Bücher in einem Regal, am Strand kleine Buden, in denen Menschen, die sich für Künstler halten, ihre Stadtansichten verkaufen. Aber dann flaniert vor den Reihenhäusern ein in roten Tüll ge­wickelter Mann entlang, bevor er in einem Friseursalon für Hunde verschwindet. Am Strand aus groben Kieseln beobachte ich die Addams Family und ihre Freunde: Männer und Frauen mit hochtoupierten Haaren, gekleidet in schwarze, viktorianisch anmutende Kleider und Fräcke. Fröhlich plaudernd packt die Gruppe Picknick­decken und Tupperdosen aus.

1 Hove | 2 Royal Pavilion | 3 Blackbird Tea Rooms | 4 Brighton Pier | 5 Proud Cabaret

1 Hove | 2 Royal Pavilion | 3 Blackbird Tea Rooms | 4 Brighton Pier | 5 Proud Cabaret  

© Christóbal Schmal

 „Die Gruftis lieben Brighton“, erzählt Nicholls, „es ist diese Mischung aus konservativem Look, gepaart mit ihren sehr freiheitlichen Werten, die die Stadt für sie anziehend macht.“ Immer wieder hat es auch Ikonen der Gothic-Bewegung nach Brighton und in die Nachbarstadt Hove verschlagen. Nick Cave sieht man manchmal im Supermarkt einkaufen, über Robert Smith, den Sänger von The Cure, wird erzählt, dass er gern im Garten steht und seine Rosen pflegt. Auch andere Musiker wie der DJ Fatboy Slim oder die Sängerin Adele haben hier ein Häuschen. „Jeder weiß, wo sie wohnen, aber niemand würde ihnen auflauern und sie wegen Autogrammen belagern“, sagt Nicholls. Sie sind nur einige unter vielen schrägen Vögeln dieser Stadt. Menschen wie Nicholls, die ihren Spaß am Spielen, am Herum­albern, Experimentieren und Ausprobieren nicht verloren haben.

Wann dieser verspielte Geist in Brighton einzog? Zum Ende des 18. Jahrhunderts jedenfalls war er schon da. Brighton war ein feines Seebad, und der Thronfolger, der spätere König Georg IV., hatte eine Salzwasserkur gegen „geschwollene Halsdrüsen“ verschrieben bekommen. Ihm war das ganz recht, er hatte wenig Lust auf steife Empfänge und den Austausch von Höflichkeiten in London. In Brighton vernachlässigte er bald seine therapeutischen Pflichten und gab sich stattdessen dem Glücksspiel, Theater und Pferderennen hin. Er wurde zum Dauergast und ließ ab 1787 erst einen klassizistischen Pavillon errichten. Später jedoch, mittlerweile war er schon Prinzregent, wünschte sich Georg IV. die Erweiterung zu einem orientalischen Schloss: Also ließ er ab 1815 jenen indisch anmutenden Palast an die Kanalküste setzen, vor dem Nicholls hoopt. Übrigens hat niemand den um 1823 fertiggestellten Prachtbau je Schloss genannt. Er firmiert weiter als „The Royal Pavilion“, als wäre da nur ein kleines, temporäres Gebäude einer hübschen königlichen Biennale, die nie endet.

Kein Gedränge am Strand

Kein Gedränge am Strand

© Andrea Artz
Schön kitschig hier: Der Musikpavillon von 1884 zeugt von Brightons Geschichte als Seebad

Schön kitschig hier: Der Musikpavillon von 1884 zeugt von Brightons Geschichte als Seebad

© Andrea Artz
Stapelweise Süßes: die Blackbird Tea Rooms in klassisch britischem Ambiente

Stapelweise Süßes: die Blackbird Tea Rooms in klassisch britischem Ambiente

© Andrea Artz
Klare Kante: Blick auf die Klippenformation „Sieben Schwestern“, rund 30 Kilometer östlich der Stadt

Klare Kante: Blick auf die Klippenformation „Sieben Schwestern“, rund 30 Kilometer östlich der Stadt

© Andrea Artz
Trödel, Kitsch und Trash: Flohmarkt auf dem Saturday Market in der Upper Gardener Street

Trödel, Kitsch und Trash:
Flohmarkt auf dem Saturday Market in der Upper Gardener Street

© Andrea Artz
Drei Superhelden am Brighton Wheel

Drei Superhelden am Brighton Wheel

© Andrea Artz
Picknick vor dem Royal Pavilion

Picknick vor dem Royal Pavilion

© Andrea Artz

 The Royal Pavilion ist, man kann es nicht anders sagen, der reine Wahnsinn. Er sieht aus, als habe sich ein Kind aus den Moden vergangener Zeit alles herausgesucht, was ihm gerade gefiel, ganz gleich, ob es passte oder nicht. Es ist eine Collage aus indischem Prunk, asiatischem Kitsch und überbordendem Trash entstanden. Außen: Zwiebeltürme, sandfarbene Fassade. Innen: manischer Dekorausch. Die schmale Eingangshalle ist mit Spiegeln behängt, damit sie größer wirkt, dazwischen stehen chinesische Porzellanfiguren. Die Wände zieren asiatisch inspirierte Vogelzeichnungen. Hinter Sofas und Betten entdeckt man versteckte Türen, die in geheime Gänge münden. Die hat Georg IV. angeblich in den späten Lebensjahren genutzt, als er sich nicht mehr der Öffentlichkeit zeigen wollte. Sie enden in den Stallungen, von dort aus soll der Monarch heimliche nächtliche Ausritte unternommen haben. Ein nationales Vorbild war er kaum, die Regierungsarbeit überließ er lieber dem Premierminister.

Noch heute läuft in der Politik Brightons einiges anders als im Rest des Lands. Aus Brighton stammt Caroline Lucas, die einzige grüne Abgeordnete des britischen Unterhauses. Anlässlich einer öffentlichen Sexismus-Debatte verletzte Lucas den Dresscode der Westminister Hall, weil sie ein T-Shirt mit provokantem Slogan trug. „Lucas ist der Gegenwind, den die Männer in ihren grauen Anzügen bekommen“, sagt Heike Feldpausch, eine Deutsche, die seit 20 Jahren in Brighton lebt. Sie kam als Kunststudentin und blieb, mittlerweile arbeitet sie im Marketing eines Windturbinenproduzenten und besitzt ein kleines Haus in Brighton, ohne Garage. Oft sieht man sie mit ihrem Rad in der Stadt, einmal im Jahr beim „Naked Bike Ride“: Hunderte Menschen radeln dabei kaum oder gar nicht bekleidet durch Brighton. Ein verspielter Protest, der vor zehn Jahren mit einer Handvoll Menschen begann und inzwischen zu einer imposanten FKK-Tour geworden ist. „Wir sind nackt, weil wir zeigen wollen, dass wir verletzlich sind“, sagt die 44-Jährige, „aber ich will auch auf den Klimawandel aufmerksam machen.“ Feldpausch bastelt sich jedes Jahr dazu passende neue Kostüme, mal geht sie als hippieske Blumenwiese, mal als Wolke, mal als Fisch. „Politisch aktiv sein und Spaß haben sind keine Gegensätze“, sagt sie. Jedenfalls nicht in Brighton. „Hier leben so viele extravagante Geister, die sind immer offen für neue Ideen.“

Hier leben extravagante Geister, die offen sind für Neues

Heike Feldpausch, seit 20 Jahren in Brighton

Ruth Allsop ist einer von ihnen, oder war es zumindest. Die 46-Jährige sitzt im Proud Cabaret, einem Club im Stil der 1920er- Jahre. Es läuft eine Burlesque-Show. Die Frau, die sich auf der Bühne mit lasziven Bewegungen entkleidet, erinnert ein wenig an Josephine Baker, bald trägt sie nur noch Federboa und Korsett. Die kuppelförmige Decke des Clubs ist mit Gemälden von Hindu-Göttern verziert. Dort, wo Allsops Stuhl steht, ist eine rechteckige Betonplatte in den Boden eingelassen. „Das war mal ein Grab“, sagt sie, „und der Raum das Mausoleum eines reichen Kaufmanns – aber der ist mittlerweile auf einem Friedhof bestattet.“ Allsop und ein paar Freunde haben diesen Raum entdeckt, sie hat eine der ersten Partys hier organisiert und gefeiert, damals, als der Laden noch nicht mal einen Namen hatte.

Heute finden im Proud Cabaret oft Hochzeitsfeiern für Schwule statt, Junggesellinnen feiern sich selbst, Burlesque-Tänzerinnen das Leben. „Klar, in London findet man das alles auch“, sagt Allsop, „aber dort ist das Leben anonym und stressig. Die Menschen verschwinden hinter ihrer Arbeit. Brighton dagegen ist ein großes Dorf, in dem jeder jeden kennt.“ Deshalb ist sie geblieben. Mittlerweile hat sie einen Job als Marketing-Managerin, der überwiegend tagsüber zu bewältigen ist, und zwei Kinder. Mit ihnen geht sie oft hinunter zum Pier, auf den Rummelplatz, der niemals abgebaut wird. Dort fahren sie unermüdlich Riesenrad und Achterbahn. „Brighton ist wie ein großer Spielplatz“, sagt sie, „auch für Erwachsene.“


Very British: die schönsten Exporte aus Sussex

Gekonnt gemischt

Blue Bird Tea bietet über 80 Blends an – und Kurse zum Selbermischen.

bluebirdteaco.com

Leicht beschwipst

Das frische Aroma von „Brighton Gin“ erinnert an die Meeresbrise.

brightongin.com

Fröhlich gerappt

Das gut gelaunte Duo Rizzlekids mixt Retro-Hip-Hop mit Pop-Elementen.

rizzlekicks.com

Süss aufgetürmt

Bei Choccywoccydoodah entstehen fantastische Torten-Skulpturen.

choccywoccydoodah.com

Tipp: Das 1910 eröffnete Duke of York’s Picturehouse ist eines der ältesten Kinos der Welt und befindet sich überwiegend im Originalzustand, nur die Sitze sind heute bequemer als früher.

picturehouses.com