Illustration: Schwäne auf der Moldau in Prag
© Tim Möller-Kaya

Die Schwäne von Prag

  • TEXT HELGE TIMMERBERG
  • ILLUSTRATION TIM MÖLLER-KAYA

  Das Fenster ist immer wichtig, um nicht zu sagen, das Wichtigste. Der Ausblick macht ein schlechtes Zimmer erträglich und ein gutes perfekt. Ich sehe gern in ­Bäume, wenn sie grün sind oder Schnee tragen, ich schwärme für den Blick auf die Gassen und Gässchen einer alten Stadt sowie für den Blick über ihre Dächer. Am liebsten aber ist mir der Klassiker: das Fenster zum Meer, zum See, zum Fluss. Auf die Moldau zum Beispiel. Obwohl es schon so lange her ist, vergesse ich das einfach nicht. Ich wachte in einem Hotelschiff auf. Keine Kreuzfahrt, es hatte seinen Anker für immer geworfen und war am Ufer fest vertäut. Meine Kabine hatte kein Fenster, sondern ein Bullauge direkt neben dem Kopfende des Bettes. Oder soll ich Koje zu dieser Schlafstätte sagen? Sehr geräumig war das alles nicht. Auch nicht sehr teuer, es gibt deutlich anspruchsvollere Hotelschiffe in Prag.

Vielleicht wollte ich sparen, vielleicht war es der Zufall, vielleicht hatte mich auch ein Taxifahrer hier ausgesetzt, aber die zwei Sterne des Hotels vertausendfachten sich, als mich der Schlaf verließ und ich die Augen aufschlug. Das Bullauge lag knapp über dem Wasserspiegel. Die Sonne ging gerade auf. Ihre Strahlen funkelten auf den Wellen und blendeten mich ein bisschen, deshalb glaubte oder verstand ich im ersten Augenblick nicht, was ich vor meinem Bullauge sah. Ein Schwan glitt daran vorbei, ein großer, weißer Schwan, zum Greifen nah, und dann noch einer und noch einer und auch ein paar kleine. Die ganze Familie Schwan zog ihre Bahnen direkt vor meiner Nase, durch, wie es schien, flüssiges Gold. Bin ich im Paradies? Das war ­tatsächlich meine erste Frage. Dann fiel es mir ein. Ich bin im Herzen von Prag. Und das ist manchmal dasselbe. Ich hatte das richtige Fenster für den göttlichen Moment.

PRG

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Unser Kolumnist, 1952 geboren, trampte mit 17 Jahren erstmals nach Indien und traf anschließend seine Berufswahl: Reiseautor. Seitdem pflegt er sein heftiges Fernweh, schreibt Reisebücher aus aller Welt – und jeden Monat hier.

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