Illustration: Kolumnist Helge Timmerberg in Nepal
© Tim Möller-Kaya

Auf zur Erleuchtung

  • TEXT HELGE TIMMERBERG
  • ILLUSTRATION TIM MÖLLER-KAYA

Manchmal muss ich weg. So schnell, so weit und so hoch wie möglich. In diesem Fall empfiehlt sich Nepal. Weil es das Visum bei der Einreise in Kathmandu gibt, kann ich quasi sofort einen Flieger nehmen, weit genug ist es auch, und was die Berge angeht, hat das Land ein paar namhafte Achttausender zu bieten, aber so hoch muss es gar nicht sein. Ich scherze. So hoch darf es nicht sein, ich bin kein Bergsteiger. Ich wandere gern auf 2500 bis 3000 Meter Höhe, auch dafür ist Nepal ideal. Das Zauberwort heißt Annapurna-­Massiv. Die Berge der Hirten, Yogis und Trekker. Die touristische Infrastruktur beschränkt sich auf die Holz- und Lehmklasse. ­Hütten am Wegesrand, die Betten, Wärme und Porridge anbieten, wenn es sein muss, auch indisches Bier.

Was will ich da? Wandern, nicht denken. Was ich immer will, wenn mich Denken nicht weiterbringt. Ab 2500 Meter über null unterstützt mich die Sauerstoffarmut in der Luft, ab 3000 übernimmt sie die Meditation im Alleingang. Das kann man wohl wissen­­schaftlicher formulieren, muss man aber nicht, und vielleicht ist es auch ein Einzelschicksal. Immer wenn ich im Himalaja auf dieser Höhe unterwegs war, brauchte ich keine Meditationstechniken mehr, der innere Frieden kam quasi mit dem Atem. Dazu gesellt sich das Glückshormon des Wandersmanns, das überall funktioniert. Die Endorphine des reinen Gehens treffen auf den Frieden der dünnen Luft. Das sind zwei Fliegen mit einer Klappe. Es gibt noch eine dritte: Die Gegend ist irre. Politisch gehört sie zu Nepal, geografisch ist sie Teil der tibetischen Hochebene, poetisch spricht man vom „Dach der Welt“. Die Trekkingrouten unterhalb der Drachenrücken des Annapurna-Massivs sind die letzten Meter zum Himmel. Und manchmal, das kommt vor, schwebt eine weiße Wolke daher und nimmt dich ein Stückchen mit.


Unser Kolumnist, 1952 geboren, trampte mit 17 Jahren erstmals nach Indien und traf anschließend seine Berufswahl: Reiseautor. Seitdem pflegt er sein heftiges Fernweh, schreibt Reisebücher aus aller Welt – und jeden Monat hier.

helgetimmerberg.com