Kolumne von Helge Timmerberg: Verrat am Malawisee
© Tim Möller-Kaya

Verrat am Malawisee

  • TEXT HELGE TIMMERBERG
  • ILLUSTRATION TIM MÖLLER-KAYA

Wir gingen auf einem Weg, der parallel zum Ufer des Malawisees verlief, durch den Busch und hatten es eilig. Noch drei Stunden bis zur Lodge, und wir wollten sie unbedingt vor Anbruch der Dunkelheit erreichen, weil danach in dieser Gegend für alles, was Zähne hat, die Jagd beginnt. Christina schien frustriert. Die Schottin arbeitete seit Monaten für die Lodge und hatte die Bewohner der umliegenden Fischerdörfer zu Kunstschnitzereien inspiriert, die sie an die Gäste des Vier-Sterne-Etablissements verkaufen wollte. Nun trug sie jede Menge kleine Holzkrokodile in ihrem Rucksack. „Warum habt ihr nur Krokodile gemacht?“, hatte sie die Fischer gefragt, und die Antwort war: „Weil wir die hier am häufigsten sehen.“ Wahrheit ist die eine Sache, Geschäft die andere. Wie soll sie den Gästen der Lodge, die jeden Tag im Malawisee schwimmen, das erklären? Krokodile sind ja nicht nur im Wasser gefährlich, auch an Land machen einige bis zu 25 Stunden­kilometer, aus dem Stand. Auch das würde ein Thema werden, sobald die Sonne unterging, darum machten wir Tempo, und Tempo macht hungrig. Zeit für ein kurzes Picknick unter einem uralten Affenbrotbaum.
Zwei Sandwiches lagen im Picknickkorb. Ein großes und ein kleines. Ich überließ Christina den ersten Zugriff, aber sie gab die Wahl zurück. Ohne zu zögern griff ich mir das größere, und den Blick, den sie mir daraufhin schenkte, vergesse ich nie. Nicht nur die Enttäuschung darin, sondern vor allem das Erkennen. Bis dato hatte sie mich als ehrenwerten, hilfsbereiten, lustigen Abenteuer-Kollegen geschätzt, aber nun war klar, wenn es hart auf hart kommt, werde ich zum knallharten Egoisten. Und was lernte ich daraus? Es sind immer die kleinen Dinge, die einen verraten. Bei den großen passt man besser auf.


Unser Kolumnist, 1952 geboren, trampte mit 17 Jahren erstmals nach Indien und traf anschließend seine Berufswahl: Reiseautor. Seitdem pflegt er sein heftiges Fernweh, schreibt Reisebücher aus aller Welt – und jeden Monat hier.

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