Die Aktivistin Asma Mansour steht für das junge Tunesien
© Jörg Brüggemann

Herz über Kopf

  • TEXT THERESA BREUER
  • FOTOS JÖRG BRÜGGEMANN

In Tunesien, wo der „Arabische Frühling“ begann, kämpfen junge Kreative um die Zukunft der Gesellschaft – gefragt sind Optimismus und ein langer Atem.

Die Luft in der Altstadt von Sidi Bou Said duftet nach Zucker und Fett. Die Fischrestaurants in dem tunesischen Küstenstädtchen haben an diesem Abend keine Chance mit ihren gegrillten Calamari und marinierten Shrimps. Alle wollen Bambaloni, frittierte und gezuckerte Gebäckkringel, die einheimische Variante des Donuts, Zuckerexplosion aus der Fritteuse. Pärchen schlendern durch die Straßen, den Partner jeweils an der einen Hand, den Kringel in der anderen. Junge Männer trinken in Cafés Pfefferminztee. Händler bieten Schmuck und Tücher feil, an ihren Ständen schießen junge Frauen mit rot geschminkten Lippen Selfies. Der Winterabend ist kühl, aber die Atmosphäre ist die einer lauen Sommernacht.

Wenig deutet hier, eine halbe Autostunde nordwestlich der Hauptstadt Tunis, darauf hin, welche Umwälzungen ­Tunesien in den vergangenen Jahren erlebt hat. Es war dieses kleine Land an der Mittelmeerküste, in dem 2010 die Proteste begannen, die Nordafrika und den Nahen Osten in Aufruhr versetzten und die als „Arabischer Frühling“ in die Geschichte eingingen. In Tunesien stürzte 2011 mit Zine el-Abidine Ben Ali der erste Diktator der Region. Seit 1987 hatte er das Land fest im Griff gehalten und jahrzehntelang systematisch geplündert. Sechs Jahre später toben in Syrien und im Jemen Bürgerkriege, in Ägypten lässt ein autoritärer Machthaber Oppositionelle einsperren und foltern.

Und in Tunesien? In Sidi Bou Said sitzen Jugendliche auf der Straße und spielen Bob Marleys Klassiker „No Woman No Cry“ auf der Gitarre. Wer durch die Gassen der Stadt spaziert, vorbei an weißen Fassaden und blauen Fensterläden, das Meer immer in Sichtweite, der versteht, was Maler wie Paul Klee und August Macke hier suchten und fanden. Noch heute ist Sidi Bou Said ein Ort, der Kreative anzieht.

Mounir Letaief in seiner Galerie und Pension

Mounir Letaief in seiner Galerie und Pension

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Eingang zum Café des Délices in Sidi Bou Said

Eingang zum Café des Délices in Sidi Bou Said

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Kräuter im Souk von Tunis

Kräuter im Souk von Tunis

© Jörg Brüggemann

TUN

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  Einer von ihnen ist Mounir Letaief, 56 Jahre alt, das schwarze Haar an den Schläfen ergraut. Er malt, musiziert und hat die Aura eines Mannes, der es gewohnt ist, dass ihm die Leute zuhören. Seit 2006 führt Letaief eine Galerie in Sidi Bou Said, eine Begegnungsstätte für Nachwuchskünstler, die abends Wein auf seiner Dachterrasse trinken und Letaief als ihren Mentor bezeichnen. „Ein kleines Paradies“ nennt er sein Haus.

Nach der Revolution wollte Letaief sein Paradies für mehr Menschen öffnen, „die Welt einladen“, wie er sagt, und baute seine Galerie in eine ­Pension um. Jedes Zimmer ist individuell gestaltet, mal herrscht Rot vor, mal Grün. In allen hängen Letaiefs eigene Werke: barbusige Berberschönheiten, angeblich nach Modellen aus Fleisch und Blut gezeichnet. „Sidi Bou Said ist ein Ort für Reisende, die Tunesien nach der Revolution neu kennenlernen wollen“, sagt er. Menschen also, die nicht an einem All-inclusive-Urlaub interessiert sind, sondern an der wahren Natur des Landes und seiner kulturellen Identität.

„Die Revolution hat die Art verändert, wie wir miteinander kommunizieren“, fährt Letaief fort. „Vorher bekamen wir unsere Informationen nur von staatlich kontrollierten Sendern. YouTube zum Beispiel war gesperrt.“ Jetzt beobachte er die Gegenbewegung: „Statt als Masse sind wir wieder als Individuen sichtbar.“

Spürbar ist das vor allem in Tunis. Die berühmte Medina – die Altstadt – ist eine Melange aus verwinkelten Gassen und Kaffeehäusern, die Neustadt wird durch weltstädtische Boulevards erschlossen. Die französische Kolonialmacht ließ die Prachtstraßen im 19. Jahrhundert bauen. Aber unter Ben Ali fehlte es Tunis an jenem intellektuellen Charme, der eine Stadt erst zu einer Metropole macht. Das Regime ließ Theater, Literatur- und Philosophieclubs schließen. Nun entstehen sie neu, auch Kinosäle werden renoviert. Junge Menschen drehen Dokumentarfilme, Dutzende Initiativen fördern den kreativen Geist, beflügelt von der wiedergewonnenen Rede- und Meinungsfreiheit.

Unweit der Avenue Habib Bourguiba, der Straße, in der die Proteste gegen das Regime am lautes­ten waren, treffen wir Mohamed Ali Ben Jemaa. Der 46-jährige Schauspieler und Musiker kleidet sich ganz in Schwarz, um den Hals hat er locker einen Schal geworfen, auf dem Kopf sitzt eine Baskenmütze. Seine Gesten sind ausladend und kon­trolliert, wie die eines geübten Darstellers. Ben Jemaa leitet ein kleines Kulturzentrum in Bab Souika, einem Viertel, das er selbst als „Montmartre von Tunis“ bezeichnet. Von einem kleinen Café im Eingangsbereich führen Stufen hinauf in einen Vorführraum. Dort hängen Poster von tunesischen Filmklassikern und von heimischen Dichtern.

Mohamed Ali Ben Jemaa in seinem Kulturzentrum in Tunis

Aktivist gegen den Frust: Mohamed Ali Ben Jemaa in seinem Kulturzentrum in Tunis

© Jörg Brüggemann

  Ben Jemaa hat schon in den 1990er-Jahren in Filmen mitgespielt, die Polizeigewalt thematisierten, und Lieder darüber geschrieben, wie der Staat die Jugend manipuliert. Wie er sie mit Fußball ruhigstellt, statt Jobs zu schaffen, die so dringend nötig waren. Ben Jeema war als Sänger erfolgreich, sollte sogar, wie es die Ironie will, in der Halbzeitpause eines Fußballspiels auftreten. Bis die Polizei seine Texte hörte – der Auftritt fand nie statt. Heute sagt er, dass er wegen seiner Arbeit nie offen bedroht worden sei, das Kultusministerium seinen Projekten jedoch fast immer die Finanzierung verweigert habe. „Es war hart“, sagt er, „aber wir waren auch sehr kreativ, weil wir immer überlegen mussten, wie wir die Zensur umgehen können.“

Eine Zensur gibt es in Tunesien nicht mehr. Doch viele der Probleme, die das Land unter Ben Alis Herrschaft lähmten, sind noch immer ungelöst. Junge Menschen finden nach wie vor schwer Arbeit. Viele sind frustriert, fühlen sich von der jungen Demokratie nicht repräsentiert. Rund 3000 junge Männer sollen sich in den vergangenen Jahren der Terrormiliz „Islamischer Staat“ angeschlossen haben. In den Vororten von Tunis predigen radikale Imame. Ihre Anhänger haben im letzten Jahr mehrere Attentate begangen, auch auf Touristen.

 

Wir waren immer kreativ, nur so ließ sich die Zensur umgehen

Mohamed Ali Ben Jemaa, Kulturzentrums-Chef

Die schwierige Lage der jungen ­Generation sei der Grund, weshalb er sich mit seiner Arbeit speziell an sie richte, sagt Ben Jemaa. Er organisiert Graffiti-Projekte für Kinder, zeigt Filme, gibt Schauspielunterricht. Er will die Fantasie der Jungen anregen, neue Ideen fördern. „Wir haben die Dunkelheit überstanden. Und jetzt, da uns alle Möglichkeiten offenstehen, muss sich zeigen, ob wir die Gesellschaft wirklich verändern können.“

Asma Mansour denkt ähnlich wie Ben Jemaa. Doch ihr Feld ist die Wirtschaft. 2011 gründete die heute 31-Jährige das Tunisian Center for Social Entrepreneurship, das junge Unternehmen im sozialen Sektor unterstützt. Seither hat sie an der Gründung von mehr als einem Dutzend Firmen in Tunis und zahllosen weiteren im ganzen Land mitgewirkt.

Es war ein weiter Weg für die junge Frau. Man­sour stammt aus einer konservativen Familie. Als Kind wäre sie lieber ein Junge gewesen – sie war unangepasst und wild, spielte Fußball und prügelte sich. „Ich habe es gehasst, dass Mädchen leise sein und sich benehmen sollen“, sagt sie. Doch ihr Vater duldete keinen Ungehorsam, die Mutter schlug er. Er war der Meinung, Frauen hätten jungfräulich in die Ehe zu gehen und sich in ein Dasein als Hausfrau zu fügen. „Meine Beziehung zu ihm basierte mehr auf Angst als auf Liebe“, sagt Mansour.

Immerhin durfte sie dann doch an die Universität. Buchhaltung, den Studiengang hat ihr Vater bestimmt. Mansour begann, ehrenamtlich mit NGOs zu arbeiten. Dann kam das Jahr 2010, und im ganzen Land gingen die Menschen auf die Straße. Mansour nicht. Ihr Vater sperrte sie in ihrem Zimmer ein. Doch die Zeit, in der alte Männer sich in Tunesien an ihre Macht klammern konnten, war vorbei. Ben Ali floh nach fast 25-jähriger Herrschaft ins Ausland. Und Mansour dachte sich: Wenn das Volk seinen Diktator loswird, dann kann ich mich auch von meinem Vater lösen. Sie zog aus. „Es war hart“, sagt sie. Eine Zeitlang war sie obdachlos, schlief in Parks und am Flughafen.

Heute lebt sie in einer kleinen Wohnung in einem Vorort von Tunis. An der Wand lehnen Reiseführer und Bücher, die Titel wie „Talk like TED – die 9 Geheimnisse der weltbesten Redner“ tragen. Sie ist viel gereist in den letzten Jahren, hat auf Konferenzen gesprochen. Man spürt, dass sie so viel Leben wie möglich in sich aufsaugen will. Sie spricht laut und mit Inbrunst, dabei flucht sie viel und mit großem Vergnügen. Schwer vorstellbar, dass sich diese Frau mit den wilden schwarzen Locken je mit dem Dasein eines Hausmütterchens hätte abfinden können.

Auch Mansour weiß, dass Tunesien noch einen weiten Weg vor sich hat. „Wichtig ist, dass wir das ganze Land voranbringen, nicht nur die Hauptstadt“, sagt sie. Deshalb versucht sie auch, ihre Ideen in kleinere Städte und die Dörfer zu tragen. „Das ist schwierig, aber es gibt schon gute Ansätze“, sagt sie.

Salam Mlik mit einem Fuchs auf dem Arm

Schlaue Füchse: Einst nervte Salam Mlik die Statthalter des Regimes mit seinem Piratensender – heute macht er Radio mit Lizenz

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Ein Esel in der Oase Tozeur

Vierbeinige Transportmittel werden in der Oase Tozeur noch geschätzt

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Drei Männer klettern auf einer Dattelpalme

Dattelpalmen...

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Datteln aus der Oase Tozeur

...und ihre Früchte sind das kostbarste Gut der Oase Tozeur

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Jeep nahe Tozeur in der Sahara, wo einige der „Star Wars“-Filme entstanden

Wüste Fahrt: nahe Tozeur in der Sahara, wo einige der „Star Wars“-Filme entstanden

© Jörg Brüggemann
Monument für den Dichter Abu al-Qasim al-Shabbi

Monument für den Dichter Abu al-Qasim al-Shabbi

© Jörg Brüggemann

  Wie die aussehen können, ist tief in der Wüste zu besichtigen. Sieben Stunden Busfahrt Richtung Süden, zunächst vorbei an Olivenhainen und Schafherden, später durch Dörfer, in denen Keramikvasen und handgeknüpfte Teppiche an der Straße feilgeboten werden. Immer karger wird die Landschaft, bis am Horizont schließlich die Oase Tozeur auftaucht. Früher kamen zahlreiche Touristen wegen der Kulissen, die George Lucas hier für sein erstes „Star Wars“-Epos bauen ließ. Heute stehen viele Luxushotels in der Oasenstadt leer.

Die Welt scheint Tozeur fast vergessen zu haben, aber Salam Mlik, 33, will das nicht hinnehmen. Immerhin stammt einer der berühmtesten Poeten aus seiner Heimatstadt, Abu al-Qasim al-Shabbi (1909–1934), der als Nationaldichter bis heute verehrt wird. Und natürlich hat Mlik einige Zeilen parat, auch weil sie während der Revolution landauf, landab zu hören waren. „Wenn das Volk eines Tages das Leben einfordert, dann muss das Schicksal das gewähren. Die Nacht muss weichen, die Ketten gesprengt werden“, rezitiert er. „Einfach, kann jeder hier“, setzt er trocken hinzu und grinst.

Mlik sitzt zwischen Dattelpalmen, seine Familie besitzt Hunderte davon, sie ist bekannt in der Region. Wahrscheinlich war das seine Rettung, als die Polizei 2009 eines Nachts vor seiner Tür stand – wegen des Piratensenders, den er im Internet betrieb. „Warum kritisierst du die Regierung?“, fragte ihn ein Polizist. „Tue ich doch gar nicht“, wehrte sich Mlik – bis ihm einer der Männer Bänder mit Aufnahmen und Blogeinträge vorlegte.

„Ehrlich, Mann, ich bin kein Held“, sagt Mlik, ein massiger Mann, und zuckt mit den Schultern. „Ich habe sofort aufgehört.“ Die Polizei ließ die Sache fallen. Fortan konzentrierte sich Mlik wieder auf seinen Job als Informatiker. Dann kam die Revolution, und auch Salam Mliks Leben veränderte sich sofort. „Ich liebe die Wüste und wollte, anders als die meisten, nicht nach Tunis. Ich wollte hier etwas aufbauen.“ Er begann wieder zu senden, und seit 2014 hat Djerid FM auch eine Lizenz. Heute beschäftigt Mlik zwölf Angestellte, darunter einige Frauen. Für die Gleichberechtigung sei noch viel zu tun. „Wir wollen die Botschaft rüberbringen, dass Frauen die gleichen Träume haben wie Männer und dass sie die gleichen Rechte und Möglichkeiten haben müssen.“

Diktaturen verschwinden nicht von einem Tag auf den anderen. „Ein System lässt sich nur langsam verändern“, sagt Mlik. Deshalb will auch er sich auf junge Menschen konzentrieren, auf all jene, „bei denen man im Kopf noch etwas drehen kann“.

Salam Mlik, Asma Mansour, Mounir Letaief und Ben Jemaa – alle vier wissen, dass eine Demokratie, nur weil sie offizielle Staatsform ist, nicht automatisch funktioniert. Dass man gemeinsam anpacken muss, dass das zäh und frustrierend sein kann. Doch wer mit den jungen, von Zukunftshoffnungen erfüllten Tunesiern Tee und Schnaps trinkt und bis tief in die Nacht diskutiert, wird zum Optimisten. Am frühen Morgen, wenn die kühle Brise frischen Wind über das Land weht, möchte man gern glauben, dass ein friedlicher Wandel möglich ist.

 


Ein Beitrag aus dem Vielflieger-Magazin Lufthansa Exclusive. Mehr zu den Miles & More Angeboten von Lufthansa erfahren Sie hier.