Südkorea: Kunst­werkstadt Seoul September 2016 Lufthansa Magazin
© Jun Michael Park

Kunstwerkstadt Seoul

  • TEXT SILKE BENDER
  • FOTOS JUN MICHAEL PARK

Südkoreas Hauptstadt Seoul ist zum Impuls­geber für ganz Asien geworden. Den größten Anteil daran haben die Künstler: ausgebildet in aller Welt, unabhängig, originell und politisch

Man spürt es zuerst im Bauch: ein Ziehen, das einen den Atem anhalten lässt. Jun Ahn lehnt sich über die Balustrade auf dem Dach des Büroturms Mijin Plaza, 23 Stockwerke hoch. „Höhenangst habe ich auch“, sagt sie, „doch der Blick in die Tiefe ist der Moment, der mich intensiv die Gegenwart spüren lässt. Wie ein leerer Raum zwischen Vergangenheit und Zukunft.“ Ihre Selbstporträts auf Wolkenkratzern in aller Welt haben ihr eine Blitzkarriere beschert. Die schwindelerregenden Bilder, auf denen die 34-Jährige wie Mary Poppins über Dachkanten tanzt, ihre Füße in den Abgrund baumeln oder sich zum Fenster heraushängen lässt, wurden in Asien und den USA ausgestellt und haben der Künstlerin aus Seoul bereits diverse Kunstpreise beschert. Nein, um den Thrill gehe es ihr nicht. „Bei gefährlichen Positionen sichere ich mich immer mit einer Bergsteigerausrüstung ab“, berichtet sie, „auch mir wird dann schwindlig – das ist eine ganz natürliche Angst.“ Die „Voids“, die Leerraum-Bilder, wie Ahn ihre Werke auch nennt, touren weiter, im vergangenen Jahr waren sie zu Gast in der Frankfurter Kunsthalle Schirn.

Schöne Künste oder Kommerz? Die Unterscheidung ist für mich obsolet, die Nahtstelle spannend

Sho Jang, Collagenkünstler

Wie Ameisen sehen die Menschen aus, die unten über die belebte Kreuzung wimmeln. In Gangnam, dem wohl berühmtesten Viertel der Zehn-Millionen-Stadt, startete Seouls Ruf als Hipster-­Metropole. Mitte der 1990er-Jahre begann der Siegeszug des K-Pop, der 2012 mit dem Welthit „Gangnam Style“ des Sängers Psy seinen Höhepunkt erreichte. Die von Kopf bis Fuß schönheitsoperierten Girl- und Boygroups wie Girl’s Generation oder Big Bang haben in ganz Asien, Nord- und Südamerika sowie im arabischen Raum zur Hallyu beigetragen, der koreanischen Welle. Die glitzernden Wolkenkratzer und die pompösen Ladenfassaden in Gangnam spiegeln das Wirtschaftswunder, das Südkorea seit den 1980er-­Jahren zu einer der wichtigsten Industrienationen der Welt machte.

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Die Wolken kratzen, und im Bauch dieses Kitzeln: ein klassisches Ahn-Werk

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 Die Apgujeong Rodeo Street in Gangnam, benannt nach dem Rodeo Drive in Beverly Hills: Es reihen sich Flagshipstores westlicher Edelmarken, die Zentralen der K-Pop-Produktionsfirmen und überlebensgroße Figuren beliebter Hallyu-Stars aneinander. Und überall Werbung für Schönheitsoperationen. Mehr als 500 Kliniken gibt es allein in Gangnam, ständig begegnet man Männern und Frauen mit Pflastern im Gesicht. Die ganze Stadt scheint um Fassadenoptimierung bemüht. Die Kehrseite: Der Druck, schön und erfolgreich zu sein, ist in Südkorea so groß, dass sich täglich bis zu 50 Menschen das Leben nehmen: Das Land hat die höchste Selbstmordrate der Welt unter den OECD-Staaten. Jun Ahn will ihre halsbrecherische Fotokunst aber nicht als Kommentar zu solchen Krisen verstehen. Die Idee kam ihr während ihrer Studienzeit 2008 in New York. „Ich hatte ein winziges Studio im 21. Stock in Manhattan“, erzählt sie, „und Zugang zum Dach, wo ich frische Luft schnappte, einen Kaffee trank und die Aussicht genoss.“ Dort entstanden die ersten Fotos der „Void“-Serie, die sie vor zwei Jahren abschloss. Ahn hält der Schwerkraft als Thema die Treue: Für ihre Serie „Float“ fotografiert sie fallende Steine.

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Seouls Szene ist jung und cool

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Szene aus Garosugil:
der Name des Viertels bedeutet „Mit Bäumen gesäumte Straßen“ – fast genauso häufig sind aber Schaufenster

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Die Hyundai Card Music Library

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Itaewon, Freitagnacht:
In Seouls trendigstes Viertel strömt, wer gut essen will oder viel trinken; hier ballen sich die besten Clubs und Bars

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 Nicht weit vom Mijin Plaza, in einer ruhigen Seitenstraße, liegt das Studio „Col.l.age+“ von Sho Jang. Markenzeichen des Künstlers, der auch in New York studiert hat, sind hyperkomplexe Mosaike aus Tausenden Fotos, darauf Pralinen und Markenlogos, Schmuck und Schmetterlinge, die sich zu neuzeitlichen Wimmelbildern in der Tradition eines Hieronymus Bosch fügen. Zehn Millionen Internet-Fotos lagern auf seinen Festplatten. Jang bearbeitet sie, druckt sie aus, schneidet sie per Hand zurecht, scannt sie und setzt sie dann am Computer zu einem digitalen Kaleidoskop zusammen. Er zieht seine Motive auf Kacheln, Skulpturen, Handtaschen und Kleider, animiert sie in Videos und auf Laufstegen. Zur diesjährigen Kunstmesse Art Paris ließ er die Fassade des Grand Palais illuminieren. Für den südkoreanischen Avantgarde-Modedesigner Sang Bong Lie hat er Stoffmuster verziert, für BoA, Königin des K-Pop, Videoclips gedreht. Im nächsten Jahr wird er einen Lamborghini als „Art Car“ lackieren. „Schöne Künste oder Kommerz? Die Unterscheidung ist für mich obsolet“, sagt er, „mich interessiert es, an dieser Nahtstelle zu arbeiten. Kunst ist Leben, Leben ist Kunst.“ Das Cross-over der verschiedenen Kontexte und Medien, die sich in seiner Kunst wie in einem endlosen Spiegelkabinett gegenseitig reflektieren, ist sein Programm. Als Hobbymusiker Sho Jang 2009 aus den USA in die Heimat zurückkehrte, wollte er nach dem Vorbild von Andy Warhols „Factory“ mitten in Seoul einen Ort schaffen, an dem sich Kreative aller Medien austauschen.

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Jang, im Bild rechts, mit Kollege Min Kim, erstellt detailversessene Collagen ...

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... zum Beispiel aus kaschiertem Papier

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 Drei Jahre lang diente sein altes Studio als Treffpunkt für Musiker, DJs und Designer. Selbst die US-Band Limp Bizkit schaute für eine Privat­session vorbei. So wie europäischen Besuchern in Seoul wegen der vielen Touchscreens, der Monitore in den U-Bahnen oder den Billig-Shopping-Malls von Dongdaemun Market schnell die Augen flimmern, ging es dem Südkoreaner einst auf dem Times Square: „Die Gleichzeitigkeit von zu vielen Informationen, die täglich auf uns moderne Städter einprasseln, die Fixierung auf die Oberfläche, dazu die buddhistische Überzeugung, dass sich die Welt in einem kleinen Detail offenbaren kann – das sind meine Themen.“
Grobe Eisenträger, nacktes Mauerwerk, roher Beton: Auf der anderen Seite des Han-Flusses, der durch Seoul fließt, erteilt das „Platoon Sonnendeck“ dem geleckten Design von Gangnam eine Absage. Der kantige Glaskubus über den Dächern des Stadtteils Itaewon klingt so deutsch, wie er ist. Es gibt Bier aus Deutschland und Currywurst, dazu Lesungen, Ausstellungen, DJ-Gigs und Kinovorführungen. Alles, nur kein Mainstream. Tom Büschemann, 51, einer der beiden Gründer, hat sich Kulturförderung auf seine Fahnen geschrieben, so wie das Berliner Mutterhaus von „Platoon“, das seit 1999 die Baulücken in der Stadt als Hang-out für Mitte-Hipster und Internet-Kreative bespielt, oft gesponsert von großen Marken.

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© Cristóbal Schmal

 In Itaewon fühlt sich Büschemann fast wie in Berlin-Kreuzberg: Europäische und amerikanische Expats und die Gay Community leben und feiern hier. Es ist der Ort, an dem Seoul nie schläft, die Streetfood-Stände qualmen die ganze Nacht. „Als wir 2008 herkamen, gab es keine Subkultur oder alternative Kunstszene“, erzählt Büschemann, „doch genau danach sehnten sich die Südkoreaner.“ Nachdem sie 30 Jahre lang für den Wirtschaftsaufschwung gerackert haben, ist eine neue, kleine Avantgarde nun reif für die Einsicht, dass das Leben aus mehr als nur Buckeln und Shopping besteht. „Wir haben eine unabhängige Plattform für die Leute geschaffen, die sich trauen, gegen den Strom zu schwimmen“, sagt Büschemann. Er weiß: Die vielen privaten Galerien und Museen Seouls sind in der Hand der Jaebeols, riesige Mischkonzerne in Familienbesitz, die das Land wirtschaftlich beherrschen. Die Hyundai Card Music Library zum Beispiel oder das Leeum Samsung Museum of Art, beide zehn Gehminuten vom Sonnendeck entfernt, beeindrucken mit spektakulärer Architektur. Aber im Museum werden hauptsächlich Kunst-Blockbuster wie Jeff Koons, Damien Hirst und Anish Kapoor gezeigt. Unbequeme Künstler haben hier wenig bis gar keine Chance, ausgestellt zu werden.

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Der Künstler Sungpil Han verarbeitet hier die Trennung Koreas – damit hat er auch die Yeongang Gallery nahe der Demilitarisierten Zone bespielt

© Jun Michael Park

 Das gilt auch für Sungpil Han. 2013 hat der Künstler bei Platoon in Seoul seine Arbeiten zur Umsetzung des Marx-Engels- Denkmals in Berlin gezeigt. Der Installationskünstler beschäftigt sich mit politischer Geschichte und ihrer Deutung. Seine meist fotografischen, überdimensionierten Leinwände kehren das Innere von Gebäuden nach außen, verändern Landschaften oder ganze Stadtkulissen. Zur Havanna-Biennale 2015 zauberte er den Gameunsa-Tempel auf einer Plane mitten in die kubanische Hauptstadt. Han spielt mit Illusion und Wirklichkeit, ein so logisches wie brisantes Thema im schönheitsoperierten Seoul. „Man könnte es als plastische Eingriffe in Gebäude, Städte und Landschaften bezeichnen“, sagt er und schmunzelt. Er hat schon in den großen Museen der Welt ausgestellt, aber sein Herzensprojekt liegt zwei Autostunden nördlich von Seoul. Hier befindet sich die Demilitarisierte Zone, kurz DMZ, die Nord- und Südkorea trennt, vier Kilometer breit, rund 250 Kilometer lang. Seit 1953 ist das Land geteilt. Anders als einst zwischen BRD und DDR, gibt es weder Grenzübergänge noch Brief- oder Telefonverbindungen. Immer wieder kommt es zu militärischen Provokationen, im vergangenen Jahr schlugen Raketen aus Nord- in Südkorea kurz hinter der DMZ ein, wo Bauern Ginseng, Bohnen und Blaubeeren anbauen. Hans Großvater fiel in der Schlacht irgendwo in der DMZ, seine Leiche wurde nie gefunden.

„Die Eröffnung der Yeongang Gallery zu bespielen hat eine persönliche Bedeutung für mich“, sagt Han. Es ist wohl die einzige Galerie der Welt, für deren Besuch man einen Grenzposten passieren muss. Früher diente das Gebäude als Gemeindehaus mit Luftschutzbunker, seit diesem Jahr sitzt hier die Yeongang. Han hat die Außenwände mit Fotos von der Bauakademie Berlin, Naturaufnahmen der koreanischen Grenzregion und Friedensbotschaften aus etlichen Ländern der Welt verkleidet.

Der Grenzsoldat spricht fließend Englisch. Er wuchs in den USA auf und absolviert nun seinen Wehrdienst. Er erzählt von der blutigen Schlacht, die einst am Han geschlagen wurde, dem Grenzfluss zwichen Nord- und Südkorea. Und er will wissen, wie die Wiedervereinigung in Deutschland umgesetzt wurde – Südkoreaner fühlen sich den Deutschen wegen der ähnlichen Geschichte nahe. Han hat seine Ausstellung „Innocence“ genannt. Unschuld. Nach der Natur der Grenzregion, die sich prächtig entwickeln konnte – im krassen Gegensatz zur politischen Realität.