Trauminsel Mauritius: Blick auf den Inselberg Le Morne Brabant, hier versteckten sich früher flüchtige Sklaven
© Malte Jäger

Paradies mit Geschmack

  • TEXT ADRIAN PICKSHAUS
  • FOTOS MALTE JÄGER

Mauritius bezaubert mit einer blauen Lagune, weißen Stränden und einem grünen Herz. Doch das ist nicht alles: Die Trauminsel hat eine fesselnde Geschichte, die man am besten von Tellern und aus Gläsern liest

Spitzenkoch ist ein Knochenjob. Immer. Auch hier auf Mauritius. Michel de Matteis hat Schweißperlen auf der Stirn und Ungeduld in der Stimme. Vor ihm tanzt ein Männlein im Kreis, funkelnde Augen unter dem Piratenkopftuch, einen Oktopus in den Händen. Die irre Szene ist eine Preisverhandlung.

„Zu viel, viel zu viel“, sagt de Matteis, Küchenchef im Nobelhotel Royal Palm, zu dem alten Fischer. Dann packt er dessen Kraken an den Tentakeln, drückt, prüft, lässt ihn wieder in den Bottich voll Meerwasser gleiten, platsch. „Komm, wir gehen weiter“, sagt der Maître zu mir. „Wir suchen den roten Zackenbarsch.“

Am Cap Malheureux, dem Kap des Unglücks, im rauen Norden der Insel, gibt es den besten Fisch. Früher warf der Sturm hier die Schiffe der Kolonialherrn auf die Felsen, tonnenweise Exportzucker ging über Bord und gab der Gischt eine süße Note. Heute ist der Indische Ozean glatt wie ein Spiegel. Vor dem Glockenturm der Kapelle Notre-Dame Auxiliatrice lässt sich ein Brautpaar aus China ablichten. Flitterwochenidyll. Doch Mauritius kann mehr als weißer Strand und blaues Meer, viel mehr als nur Kulisse liefern für Angeber-Posts auf Facebook. Die 1,3 Mil­lionen Einwohner haben eine Multikulti-Historie, die dafür sorgt, dass jeder Snack am Straßenrand zur geschmackvollen Welt­reise wird. Von dieser Reise will ich erzählen.

Fang, frisch: Chefkoch Michel de Matteis kauft Meeresfrüchte, die er als Luxusvariante des Inseleintopfs Rougaille serviert

Fang, frisch: Chefkoch Michel de Matteis kauft Meeresfrüchte, die er als Luxusvariante des Inseleintopfs Rougaille serviert

© Malte Jäger
Chefkoch Michel de Matteis begutachtet einen roten Zackenbarsch

Die Ware begutachtet der Chefkoch ganz genau, hier einen roten Zackenbarsch

© Malte Jäger

 Anfang des 16. Jahrhunderts landeten die Portugiesen auf dem Eiland, stießen nur auf Urwald und segelten wieder davon. Die Holländer folgten 1598, sie wollten bleiben, gaben aber bald auf: zu viele Piraten. 1715 eroberten die Franzosen die Insel, sie blieben, gründeten die Hauptstadt Port Louis und verfrachteten Sklaven aus Schwarzafrika und Madagaskar auf die Zuckerrohrplantagen. Anfang des 19. Jahrhunderts übernahmen die Briten, schafften die Sklaverei wieder ab – und heuerten fast eine halbe Million Gastarbeiter aus Indien an. Seit 1968 ist Mauritius unabhängig. Und so bunt wie die Inselflagge.

Michel de Matteis stapft auf mich zu, seine Goldkette wippt. Er hält einen Barsch hoch, lang wie ein Unterarm, rot wie das Kapellendach. „Ich liebe diesen Fisch. Er schmeckt so … subtil.“ Der 55-Jährige spricht die Sprache der Sterneküche, er verfolgt alles, was in der Gastro-Szene seiner französischen Heimat passiert. Dabei kam er schon vor 13 Jahren auf die Insel. Warum? „Ich kochte in Monaco: steife Kragen, steife Küche, ein Michelin-Stern. Nach dem ersten willst du den zweiten, nach dem zweiten den dritten. Aber meistens kriegst du nur einen Herzinfarkt.“

Der Koch war reif für diese Insel, als man ihm anbot, Küchenchef im Royal Palm zu werden. Das erste Jahr sei eine einzige Lehrstunde gewesen, sagt er. „Ich musste Mauritius wirklich lernen. Die Fische, die Gewürze, die Küche. Es war eine harte Zeit, aber auch der Beginn einer großen Liebe.“

Strandidyll am Cap Malheureux. Das vorgelagerte Eiland Gunner’s Coin ist ein beliebter Tauchspot

Strandidyll am Cap Malheureux. Das vorgelagerte Eiland Gunner’s Coin ist ein beliebter Tauchspot

© Malte Jäger
Rougaille: Geschmackvoller Eintopf aus Fisch und Fleisch

Rougaille: Geschmackvoller Eintopf aus Fisch und Fleisch

© Malte Jäger
Feines Näschen: Dany Ramsami prüft einen edlen Tropfen

Feines Näschen: Dany Ramsami prüft einen edlen Tropfen

© Malte Jäger
Indische Einflüsse: Curry­gerichte und Chutneys sind typische Inselspezialitäten

Indische Einflüsse: Curry­gerichte und Chutneys sind typische Inselspezialitäten

© Malte Jäger

 Die Liebe hält bis heute. Jetzt muss de Matteis zu seinem Team, das Dinner vorbereiten. Heute Abend wird er Rougaille mit schwarzen Tigergarnelen servieren, seine Version des kreolischen Inseleintopfs. Und er wird den roten Zackenbarsch in die Pfanne hauen, für den er sich in der Sonne hat grillen lassen.

Ich fahre die Küste entlang nach Mon Choisy, an den schönsten Strand des Nordens. Die Äste der Kasuarinenbäume greifen hier nach dem Meer, in ihrem Schatten sitzt der Inselmix: Hindu-Mädchen in prächtigen Saris, kichernd. Alte Muslime, ­rauchend. Kreolische Rastaboys, feixend, die kichernden Hindu-Mädchen stets im Blick. Alle essen, Picknicken ist auf Mauritius sonntägliche Pflicht. „Und natürlich der Kirchgang“, sagt ­Nina Sansquartier, ganz die strenge Großmutter. In ärmelloser Bluse und Faltenrock sitzt sie auf einer bunten Decke. Aus einem riesigen Kochtopf schaufelt sie Biryani, ein scharfes Reisgericht, auf Dutzende Teller. Abnehmer ist ihre gut 40-köpfige Großfamilie.

Erst Kirchgang, dann an den Strand: Picknicken ist auf Mauritius sonntägliche Pflicht

„Wir sind kreole Christen und auf Wallfahrt“, erklärt die 68-Jährige, „und weil Fastenzeit ist, kommt in mein Biryani heute kein Hühnchen.“ 14 verschiedene Kirchen hat Familie Sansquartier heute schon mit ihrem rostigen gelben Reisebus abgeklappert. Einige von Ninas Sprösslingen veranstalten darin eine Jam-Session, jede Menge Bob-Marley-Coversongs, na klar, die gehen immer.

Der „Buffalo Soldier“ stapft in meinem Ohr herum, während es Richtung Port Louis geht. In der 150 000-Einwohner-Stadt brummt das Leben, die Kapitale ist Wirtschaftszen­trum und Kreativmotor. Ich setze mich auf eine Bank vor dem Blue Penny Museum. Hinter den dicken Mauern des Kolonialbaus warten die berühmtesten Briefmarken der Welt auf Besucher: die blaue und die rote Mauritius, hauchdünn und millionenschwer.

Von den Philatelisten, die hierherpilgern, kommen drei Viertel aus Deutschland. Ich gehöre nicht dazu. Ich treffe lieber Shakti Callikan, Historikerin, halb Inderin, halb Französin, voll hübsch. Sie will mir andere Schätze zeigen. „Die meisten Touristen auf Mauritius liegen am Strand und verlassen nie die Hotelanlage. Der einzige Einheimische, den sie kennenlernen, ist der Pooljunge oder der Kellner“, sagt die 36-Jährige. Mit ihrer kleinen Agentur MyMoris will Shakti Callikan das ändern. In den kommenden Stunden soll ich das echte Mauritius sehen, fühlen und vor allem schmecken.

Shakti Callikan studierte Geschichte an der Pariser Sorbonne. Um Besuchern die versteckte Schönheit ihrer Heimat zu zeigen, kehrte sie zurück nach Mauritius

Shakti Callikan studierte Geschichte an der Pariser Sorbonne. Um Besuchern die versteckte Schönheit ihrer Heimat zu zeigen, kehrte sie zurück nach Mauritius

© Malte Jäger
Gott ist groß: 33 Meter hoch ragt die Shiva-Statue am Grand Bassin in den Himmel

Gott ist groß: 33 Meter hoch ragt die Shiva-Statue am Grand Bassin in den Himmel

© Malte Jäger
Tamilen-­Tempel in Port Louis

Tamilen-­Tempel in Port Louis

© Malte Jäger
Ein schmaler Gang voll China: Miss Yongs kantonesische Garküche in Port Louis

Ein schmaler Gang voll China: Miss Yongs kantonesische Garküche in Port Louis

© Malte Jäger

 Amina, 60, gelbe Zähne und gute Laune, macht das beste Roti der Stadt. Hauchdünnes Fladenbrot, das mit dickem Curry und Wasserspinat belegt und dann gerollt wird. Seit zehn Jahren kocht und backt und lächelt sie an ihrem Stand unter den Türmen der Jummah-Moschee. „Rund 17 Prozent der Insulaner sind Muslime“, verrät mir Callikan, während ich kaue. Damit sind sie nach Hindus (52 Prozent) und Christen (30 Prozent) die dritt­größte Religionsgemeinschaft auf der Paradiesinsel.

Die indischen Muslime von Port Louis handeln mit Gewürzen, das hat Tradition. In ihren Läden lagern Linsen und Chilischoten in allen Farben, gerahmt von Holzregalen aus dem 19. Jahrhundert, hinter Mauern aus schwarzem Basalt. Callikan stellt mir Abdullah Ibrahim, 82, vor. Womit handelst du, Abdullah? „Mit Reis, Mehl und Öl.“ Wie lange ist deine Familie schon im Geschäft? „In vierter Generation. Ich selbst bin hier im Laden ge­boren.“ Und wie läuft es so? „Schlecht. Hohe Steuern, wenig Kaufkraft.“ Der Alte schaut wieder in seine Bücher. Wegen der Insellage müssen viele Lebensmittel importiert werden, das treibt die Preise hoch. Und weil die Europäische Union Subventionen gestrichen hat, droht Zuckerrohr vom Exportschlager zum Ladenhüter zu werden. Die Regierung versucht deshalb, die Inselwirtschaft breiter aufzustellen, eine „Cybercity“ vor den Toren der Hauptstadt soll Start-ups anziehen. Und der Tourismus? „Die meisten Hotels sind in der Hand ausländischer Investoren“, sagt Callikan, „viele Gewinne fließen ab.“

Wir schlendern die Queen Street hoch, vorbei an fliegenden Händlern, es duftet nach gerösteten Erdnüssen. Ein Schritt durch ein rotes Tor, schon sind wir mitten in China Town. „Die ersten Chinesen kamen um 1820 auf die Insel, als der Hafen von Port Louis an Bedeutung gewann“, sagt Callikan. Heute sind rund drei Prozent der Einwohner chinesischer Abstammung. Callikan zieht mich in einen schmalen Korridor. Drei Tische sind da hineingezwängt, dazu eine winzige Garküche. Hier führt Miss Yong, 60, ihr strenges Regiment. Reden will sie nicht – „No, no, no!“ Doch sie stellt mir Teller hin. Viele Teller. Gebratene Nudeln, Dim Sum mit Huhn in würziger Brühe, süße Teigbällchen aus Sesam. Kantonesische Küche, mitten im Indischen Ozean. „Die hohen Preise haben auch Vorteile“, sagt Callikan. „Die Leute schätzen gute Geister wie Miss Yong, die leckeres Essen zu kleinen Preisen anbieten.“ In die Filialen von US-Burgerbratern gingen die Insulaner höchstens an Geburtstagen. „Um sich etwas zu gönnen.“ Callikan lacht, ich auch, Miss Yong natürlich nicht.

Hindus an der Pilgerstätte

Hindus an der Pilgerstätte

© Malte Jäger
Grüner Riese: Der Mont du Rempart auf Mauritius

Grüner Riese: Der Mont du Rempart auf Mauritius

© Malte Jäger

 Der Insel-Highway M2 liegt wie ein graues Band auf einem grünen Teppich. Ich fahre gen Süden, nein, ich krieche. Denn auf dem Highway ist die Hölle los: Rund eine halbe Million Hindu-Pilger sind unterwegs zum Grand Bassin, einem kleinen Kratersee nahe der Ortschaft Le Pétrin. Der Tümpel soll unterirdisch mit dem Ganges verbunden sein, deshalb gilt das Wasser als heilig. Steile These, finde ich, aber die halb nackten jungen Männer vor mir hegen keine Zweifel. Und so schultern sie fünf Meter hohe Statuen der Göttin Shiva und schleppen sie durch die Mittagshitze. Singend. Der Glaube macht Laune.

Am Fuße des Piton de la Petite Rivière Noire, 828 Meter hoch, liegen die Gebäude der Chamarel Rum Distillery wie in die Ebene getupft. Das Anwesen atmet den Geist der alten Zuckerbarone, nur ohne die Grausamkeit der Sklaverei. Zuckerrohr wird hier immer noch per Hand geschlagen, immer noch ist das eine brutale Plackerei, nur wird sie heute „ökologischer Anbau“ genannt. Dany Ramsami, 41, blaues Hemd und raspelkurze Haare, steht zwischen Kupferkesseln und Messingrohren, seine Nase schnuppert in ein Glas. Er lächelt. „Unser Spitzenprodukt: Bio-Rum, doppelt destilliert, sechs Jahre lang gelagert in Eichenfässern aus Bordeaux.“ Nur 800 Flaschen wurden davon abgefüllt. Die Jahresproduktion in Chamarel liegt bei gut 180 000 Litern. 80 Prozent sind für den Heimatmarkt bestimmt, nur 20 werden exportiert. Im Vergleich zu Rum-Riesen wie Bacardi brennt man auf Sparflamme. „Uns geht es mehr um Qualität als um Quantität“, sagt Dany. Und: „Die weltweite Bio-Bewegung hilft uns natürlich – die Bestellungen aus Europa nehmen rasch zu.“

Fast die Hälfte der Fläche von Mauritius ist heute noch mit Zuckerrohr bepflanzt, die meisten Plantagen liegen in Küstennähe. Aber für guten Rum sollten die Stauden etwas höher wachsen, so wie hier, auf den 70 Hektar Hügelland am Rande des Black-River-Gorges-Nationalpark. Vor mir steht eine Armada an Flaschen. Es gibt weißen Chamarel-Rum, der nach Banane duftet, und braunen Rum, der mit Kaffeearomen angereichert wurde. Dany sagt, ich müsse jetzt alle Sorten probieren.

Die Probe hängt mir einen Schleier vor den Blick. Ich könnte jetzt etwas essen. Neben der Brennerei wartet zum Glück das Restaurant L’Alchimist mit kreativer Inselküche auf. Wieder Rougaille, dieser fantastische Mix, Eintopf mit Fleisch und Fisch und viel Knoblauch dazu? Diesmal entscheide ich mich anders: für Wildschweinbraten, im Ofen gegart, mit Kürbismousse und schwerer Sauce, ein Gedicht in Kreol.

Es gibt ein Zitat von Mark Twain, das in keiner Werbebroschüre fehlen darf: „Zuerst wurde Mauritius geschaffen, dann das Paradies. Aber das Paradies war nur eine Kopie von Mauritius.“ Twain ist ein Gigant, aber dieses eine Mal hat er doch Quatsch geschrieben. Auf Mauritius hätte Adam niemals in die Sündenfrucht gebissen. Äpfel sind hier kein heimisches Obst.


Tipps für Mauritius

La Goélette

Im Hausrestaurant des Nobelhotels Royal Palm serviert Chefkoch Michel de Matteis seinen fulminanten Mix aus Insel- und französischer Spitzenküche. Unbedingt probieren: den scharfen Tandoori-Hummer.

royalpalm-hotels.com

My Moris Tours

Portal zu einer anderen Insel: Shakti Callikan und Maya de Salle-Essoo kennen das Mauritius der Einheimischen. Ihre feinen Touren führen in Straßenküchen, auf Märkte, in Teestuben und Handwerksbetriebe.

mymoris.mu

Flying Dodo Brewing Company 

In der Brauerei, nach dem ausgestorbenen Wappenvogel benannt, gibt es das beste Craft-­­ Beer im Indischen Ozean. Bierjäger Oscar Olsen rekrutiert weltweit Braumeister – und lässt sie auf Mauritius ein süffiges Gastspiel geben.

flyingdodo.com

Dinarobin Hotel

Am Fuße des Inselbergs Le Morne Brabant liegt diese weitläufige Fünf-Sterne-Anlage. Wer nicht am Sandstrand herumlümmeln will, macht Wassersport oder spielt Golf. Das Spa gilt als eines der schönsten der Insel.

dinarobin-hotel.com