Hafenpromenade Santander, Spanien
© Luis Díaz Díaz

Unsere Stadt soll klüger werden

  • TEXT MORITZ HERRMANN
  • FOTOS LUIS DÍAZ DÍAZ

Smart City – das will fast jede Metropole sein. Santander, die kleine Hafenstadt in Nordspanien, hat sich den Titel erarbeitet, sie dient der Welt als Labor und Vorbild. Wie haben die das gemacht?

Luis Muñoz, der Mann, der die klügste Stadt der Welt erschaffen haben soll, sieht, bei allem Respekt, nicht aus wie ein Technik-Nerd. Grüner Pulli über Karohemd, Lederslipper, Jeans in Rentnerbeige. Ein lustiger Onkel könnte er sein, oder der Eckkneipenwirt, bei dem das letzte Bier aufs Haus geht. „Willkommen in der Stadt, die mitdenkt“, ruft er, „willkommen in Santander!“

„Smart City“, das war lange ein Trendbegriff für Stadtplaner, die visionär klingen wollten. Ein Wortgefäß, in das man Träume hineindachte. Über die Hälfte der Weltbevölkerung lebt heute in Städten, Tendenz steigend. Kluge Lösungen sind nötig, um das Wachstum zu bewältigen. Also wurde vielen Orten angekündigt, sie würden digitalisiert, man sei bereit. Smart City, das war immer ein Versprechen. Eingelöst wurde es nur selten.

Hier schon. Rund 20 000 Sensoren sind in Santander verteilt und übermitteln Hunderttausende Daten pro Tag. Es gibt kluge Mülltonnen, kluge Bewässerungs- und Parksysteme. „Wir haben nicht nur geredet, wir haben gemacht“, sagt der IT-Professor Muñoz. 2009 saß er mit seinem Team an der Universität zusammen, im selben Raum, in dem sie sich bis heute treffen. Muñoz fragte: Wieso probieren wir Smart City nicht im echten Leben aus? Warum alles nur zu Tode simulieren? Auf die Straßen damit, zu den Menschen! Und wenn es nicht klappt, meine Güte, dann haben wir es wenigstens versucht. Das klingt natürlich nach Technikmärchen, nach Weltverbesserungsromantik. Okay, der Weg war steiniger, gibt auch Muñoz zu. Im Rathaus kämpfte er gegen Bedenken. „Aber ich hatte so eine Ahnung, dass es bei uns eher funktionieren könnte als anderswo.“ Eine Wette auf die Zukunft, trotz Risiken für die Gegenwart.

Stadtinfos als Augmented Reality der Smart-City-App

Stadtinfos als Augmented Reality der Smart-City-App

© Luis Díaz Díaz
Informatik-Professor Luis Muñoz

Informatik-Professor Luis Muñoz hat viele der Technologien entwickelt

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Sportpalast am Parque Las Llamas

Santander mit und ohne Sensor: Sportpalast am Parque Las Llamas

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Palmen am El Sardinero, dem besten Surferstrand der Stadt

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Fähren kreuzen die Bucht

Fähren kreuzen die Bucht

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Santanders Bürgermeisterin Gema Igual

Bürgermeisterin Gema Igual

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Häuserfassade Santander

Jugendstil-Architektur vor blauem Himmel

© Luis Díaz Díaz

BIO

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  Dabei ist Santander auch ohne den konzeptionellen Überbau ein schönes Reiseziel. Es gibt hier nicht nur eine Bank von Weltruf, sondern auch diese Lebenslässigkeit, wie man sie nur in Städten mit Möwen und Palmen findet, Städte, in denen man schon mittags ein Gezapftes zu den Empanadillas ordern kann, und die Leute gucken nicht blöd, die stoßen mit an. Die Jüngeren ziehen wegen der Universität hierher. Die Alten setzen einander in den Cafés schachmatt. Am Strand von El Sardinero traben Surfer mit Brett in die Wellen. Über allen hängt die Sonne wie eine fette Orange. Rund 175 000 Einwohner zählt Santander. Zu wenige, um zu überfordern. Zu viele, um Provinz zu sein.

Muñoz sagt, das Bewässerungssystem müsse man sehen, also zum Park Las Llamas. Schubkarrende Gärtner sieht man keine, den Job machen Ingenieure mit Smartphone, vom Büro aus. Es sind Männer wie Luis Bolado. Der zeigt auf eine Antenne: 44 Sensoren sind im Park installiert. Die Antenne übermittelt ­Daten an den Server, der alles auswertet – Sonnendauer, Luftfeuchtigkeit, Niederschlag – und bei Bedarf das Wässern befiehlt. Bolado kann am Handy, ein Klick, Sprenger aktivieren, kann, klick, das Wasser regulieren. Müsste er aber nicht, läuft auch so. Wenn man noch eine Rest-Technikskepsis in Santander entdecken will, dann in dieser stichprobenhaften Kontrolle der Systeme. „Vertrauen ist gut, Kontrolle besser“, findet Bolado.

Eine zweite Tour, jetzt mit der Müllabfuhr, frühmorgens. Am Paseo de Pereda, der Hafenpromenade, parkt der Wagen rechts. Fünf Tonnen haben gemeldet, dass sie geleert werden müssen. „In den Mülltonnen sind Sensoren, die Bescheid geben, wenn sie voll sind“, erklärt Begoña Castaño, die Frau, die den Abfall der Stadt managt. In jedem Fahrerhaus hängt ein Tablet, auf dem sich die Routen laufend aktualisieren. Die Müllabfuhr spart unnötige Wege, verschmutzt weniger Luft, braucht weniger Personal. Darauf ist Castaño stolz, merkt man. Warum manche trotzdem gegen Smart Citys wettern, versteht sie nicht.

Santander erstreckt sich über einen Hügel

© Luis Díaz Díaz

  Jeder Versuch, eine Stadt besser zu machen, indem man Daten sammelt und Technik implementiert, ist ein Erregungsthema. Datenschützer sagen, die Privatsphäre werde verletzt. Kritiker mahnen, eine digitalisierte Stadt mache sich angreif­barer. Solche Sorgen haben manche Smart-City-Initiative in Deutschland ausgebremst. Spektakuläre Hacker-Angriffe wie die konzertierte Aktion „WannaCry“ im Mai taten ein Übriges: 230 000 Computer in 150 Ländern infiziert, Firmen wie FedEx, Telefónica, Renault betroffen, Europol sprach von einem „nie dagewesenen Ausmaß“. Seitdem fragen wieder alle leicht fiebrig: Ist Santander sicher?

Wir haben nicht nur geredet, wir haben einfach gemacht

Luis Muñoz, IT-Professor und Stadtplaner

Muñoz äußert Verständnis für die Skeptiker. „Wir müssen die Systeme bestmöglich schützen. Wir haben Firewalls und Back-ups auf dem neuesten Stand. Aber eine absolute Garantie wird es niemals geben.“ In Santander bietet die zentrale SmartSantander-App eine Funktion an, mit der man den Parkplatz per Klick verlängern kann. Klingt nicht spektakulär. Aber weil die Daten zentral einlaufen, weiß jeder andere Nutzer, was wo wann frei wird. Es gibt auch einen Augmented-Reality-­Modus. Der User hält das GPS-Handy in die Umgebung, die via Kamera auf dem Screen erscheint, ergänzt um verfügbare Services. Der User erfährt mit einem Schwenk alles über seine Umgebung. Die App erfährt im Gegenzug viel über den User: wo er ist, was er macht, wo er hinwill. Santanders Ex-Bürgermeister Íñigo de la Serna hat verkündet, jene Städte, die sich bei den Daten am wenigsten restriktiv verhielten, seien in Zukunft am konkurrenzfähigsten. Klartext: Bitte nicht regulieren!

Die Datenschutzgesetze, die in Santander gelten, sind laxer als in Deutschland. Weil bis jetzt noch niemand versucht hat, Daten abzugreifen oder gewerblich zu nutzen, gab es bisher ­keine Beschwerden. Sollte das System aber gehackt werden, könnte die Stimmung kippen. Das wissen sie alle, das weiß auch Muñoz. Er glaubt aber, dass Smart Citys gleichsam Freiheit bringen, eine, die wir vielleicht noch gar nicht ganz begriffen haben. Wenn der Bürger Aufgaben an die Stadt delegiert, ist er dann nicht frei für andere Aufgaben? Wo andere nur Risiken sehen, sieht Muñoz Chancen. Den Regierenden malte er eine Vision in die Luft: Santander, ehemals Sommerfrische des spanischen Königs, wird zum klügsten Ort der Welt! Eine Underdog-Story, für die man sich begeistern konnte.

Anzugträger am Handy in Santander

Santander beherbergt die gleichnamige Großbank, Anzugträger am Handy sieht man überall ...

© Luis Díaz Díaz
Palmen in Santander

... Palmen aber auch

© Luis Díaz Díaz
Balkon mit Ausblick in Santander

Nicht wegen der Architektur ...

© Luis Díaz Díaz
Surfer in den Straßen Santanders

... der Atlantikwellen wegen kommen viele Surfer nach Santander

© Luis Díaz Díaz
Windsurfer im Hafen Santanders

Im Mittelalter war Santander der wichtigste Hafen Kastiliens, heute legen hier noch die Fähren ins englische Plymouth ab – und einsame Windsurfer

© Luis Díaz Díaz

  Im Rathaus empfängt die jetzige Bürgermeisterin Gema Igual. Wer verstehen will, wieso hier geklappt hat, was anderswo häufig scheiterte, muss ihr zuhören. Sie erzählt von der Krise 2008, als Santander am Boden lag, die Wirtschaft war kaputt. Es brauchte einen neuen Impuls, um der Stadt den Stolz zurückzugeben. Smart City sei das richtige Projekt in einer verzweifelten Zeit gewesen. „Wir werden immer alles tun, was getan werden muss, um die Idee zu unterstützen“, sagt Igual, „wir wissen, was wir ihr verdanken.“ Jobs seien entstanden, eine effiziente Verwaltung, die Bürger hätten Vertrauen in die Verwaltung.

Mit der SmartSantander-App können die Santanderinos auch Alltagsprobleme melden: kaputte Laternen, zugeparkte Einfahrten, Schlaglöcher, Staufallen. In der App können sie dann sehen, wie schnell ihr Problem bearbeitet wird. Die Bürokratie lässt sich freiwillig beobachten, um besser zu werden, das Volk dankt es ihr. Nicht zuletzt habe plötzlich die halbe Welt Santander gekannt, so Igual. Vertreter aus anderen Städten kommen an den Atlantik, ein Delegationstourismus ist entstanden.

Der Palacio de Riva-Herrera, das Smart City Demonstra­tion Center, ist hier untergebracht. Neulich waren die Japaner da, davor die Südafrikaner, Chilenen zu Jahresbeginn, und die Amerikaner, die sowieso, ständig. Aber jetzt sind die Türken zu spät. Pedro Cano schaut auf die Uhr. Nach einer halben Stunde kommen sie doch, die Delegierten aus der Metropolregion Ankara, Slim-Fit-Anzüge, gelackte Schuhe. Cano, der Referent im Center, grüßt, nickt, lacht. Dann erzählt er eine Stunde lang von Bussen, Polizeiautos und Taxis, die via Sensor Position, Tempo und Messwerte übermitteln. Von Laternen, die nur hell leuchten, wenn jemand bei Nacht vorbeispaziert. Und vom Parksystem, mit dem alles anfing: „Unsere Innenstadt war zugestaut, unmöglich, einen Platz zu finden“, ruft er. Muñoz und seine Leute verlegten magnetoelektrische Module, alle paar Meter. Die merken, wenn ein Auto parkt, melden das der Zentrale, von Tafeln an den Straßen leuchtet es den Fahrern digital entgegen, wo sich die Suche lohnt. Die Türken umringen Cano. Einer fragt, ob man die Sensoren, an denen er arbeite, übernehmen könne. Statt die Anfrage wegzulachen, sagt Cano, claro, schon möglich, bitte an die Universität schreiben. An Muñoz.

Es ist diese Offenheit, die Santander von anderen Smart Citys unterscheidet. Abgeschirmt wird hier nichts. Santander ist ein Labor ohne Tür. Jeder darf eintreten und mittüfteln. „Ich träume von einer Stadt, in der Bewohner die Probleme nicht nur melden, sondern selbst beheben“, sagt Muñoz. Das, findet er, wäre wirklich smart. Das, findet er, wäre die Zukunft. Es ist eine neue Vision, noch größer. Aber Muñoz hat schon wieder so eine Ahnung: Wenn es irgendwo klappt, dann in Santander.


Zum Ziel

 

Lufthansa fliegt mehrmals täglich von Frankfurt (FRA) sowie München (MUC) nach Bilbao (BIO). Von dort ist es gut eine Stunde mit dem Auto bis Santander. Ihre Meilengutschrift ermitteln Sie auf meilenrechner.de.