Ein paradiesischer Strand für Surfer in Ghana
© Bénédicte Kurzen

Paradies in Arbeit

  • TEXT REINHARD KECK
  • FOTOS BÉNÉDICTE KURZEN

Ein junger Surfer will ein ghanaisches Fischerdorf in ein Traumziel für Wellenreiter verwandeln – doch das ist weit schwieriger, als die Leichtigkeit dort vermuten lässt

Der Ozean schäumt in meinem Rücken. Das Sprudeln und Rauschen der Welle kommt näher. Ich greife fester an die Kanten des Surfbretts. Dann kommt der Schub. Der Druck der Welle schießt das Board nach vorne.

Jetzt muss es schnell gehen. Aus der Bauchlage springe ich in die Hocke, die Anstrengung lässt meine Beine zittern. Aus dem Augenwinkel sehe ich Peter, er steht am Strand und macht – Daumen hoch, kleiner Finger abgespreizt – den Surfergruß. Shaka! Alles gut!

Recht hat er. Plötzlich klappt, was vorher ein Dutzend Mal nicht klappen wollte: Mein Körper pendelt sich in die Balance, meine Füße stehen stabil, und ich reite auf der in Weißwasser zerfließenden Welle.

Selbst als Anfänger spüre ich den Zauber des Surfens sofort: Ich rutsche dem Meer den Buckel runter. Was für eine rotzfreche Aktion. Ich ziehe mein Brett aus den Fluten. „Das war ziemlich gut“, meint Peter, „also, fürs erste Mal.“ Der Surflehrer klopft mir auf die Schulter, und ich überlege: Meint der das wirklich? Oder sagt er das hier jedem?

Ich bin in Busua, einem Dorf in Ghana, Westafrika. Hier leben etwa 5000 Menschen – wie viele es genau sind, weiß niemand. Busua ist ein Kaff zwischen Strand und Dschungel am Golf von Guinea, bewohnt von Fischern und Bauern.

Auch findet man hier eine der wenigen Surfschulen Ghanas: Ahanta Waves, betrieben von Peter Ansah, einem einheimischen Surflehrer. Der 29-Jährige ist äußerlich ein durchaus typischer Vertreter seiner Zunft: lässiger Gang, breite Schultern, muskulöse Arme, Sixpack. Eine Spur von Schwermut liegt in seinem Blick, obwohl er fast immer lächelt.

Peter Ansah betreibt einige der wenigen Surf-Schulen Ghanas

Peter Ansah betreibt einige der wenigen Surf-Schulen Ghanas

© Bénédicte Kurzen

Surfen in Ghana, das ist in etwa so populär wie Cricket in Deutschland: eine Disziplin am äußersten Rand der Randsportarten. Dabei sind die Bedingungen am Golf von Guinea ideal. Die Brecher sind nicht höher als einen oder zwei Meter. Anfänger und Fortgeschrittene können recht gefahrlos Wellen reiten. Auch sichtet man hier häufiger Wale als Haie.

Doch da Ghana nicht als Traumziel für einen Strandurlaub gilt (obwohl der Tourismussektor wächst und man kurz davor ist, die Marke von einer Million Besucher im Jahr zu schaffen), verirren sich nur wenige Surfer und auch kaum andere Touristen in die Region.

Bislang sind es verwegene Weltenbummler, die das Land besuchen. Oder abenteuerlustige Kulturtouristen, die sich von Reiseveranstaltern durch Ghana chauffieren lassen. Da geht noch mehr. Selbst rund um Busua gibt es einiges zu entdecken: einsame Strände, dichten Urwald, koloniale Forts.

Peter will seinen Heimatort populärer machen, und zwar weltweit. Sein Traum: Busua in einen Sehnsuchtsort zu verwandeln. Ein Santa Cruz oder Bondi Beach an der Küste Westafrikas. Das ist die Vision. Wie könnte sie Wirklichkeit werden? Dazu später mehr, jetzt will Peter erst mal was essen.

Peter Ansah will seine eigene Surf-Schule in Ghana zum Erfolg führen

Peter Ansah will seine eigene Surf-Schule zum Erfolg führen

© Bénédicte Kurzen
Vor dem Surfen: Unbedingt Muskeln dehnen!

Bevor es ins Wasser geht: Unbedingt Muskeln dehnen!

© Bénédicte Kurzen
Busua und der Nachbarort Dixcove sind durch einen Trampelpfad verbunden

Ein Trampelpfad ist die wichtigste Verbindung zwischen Busua und dem Nachbarort Dixcove

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Ein stattliches Arsenal an Brettern hat sich Peter Ansah inzwischen beschafft

Ein stattliches Arsenal an Brettern hat sich Peter Ansah inzwischen beschafft

© Bénédicte Kurzen

 Busua – allein der Name rollt über die Zunge, wie eine Welle. Wir gehen über Brücken aus Holzlatten vom Strand in die Siedlung, vorbei an Fischerbooten, alle bunt bemalt, auffallend viele mit dem Logo des FC Chelsea.

Die Häuser haben Dächer aus Wellblech, in den Hinterhöfen stampfen Frauen Fufu, einen Maniokbrei, Ghanas Nationalgericht. Kinder in zerfetzten T-Shirts jagen einen Lederball durch die Gassen. „Obloni!“ („Weißer Mann“), rufen sie, als sie mich sehen.

An einem Haus am Strand, aus dem Reggae scheppert, machen wir Halt. Die Dorfgaststätte. „Peter, alles easy?“ Kellnerin Patricia begrüßt uns und stellt Cola und Bratreis auf den Tisch.

Dann erzählt Peter von seinen Anfängen als Surfer. 2006 tauchten zwei amerikanische Entwicklungshelfer in Busua auf, sie gründeten den Black Star Surf Shop, um Einheimischen das Wellenreiten beizubringen, auch Peter war dabei.

Erst lernte er schwimmen, dann wagte er sich aufs Brett. Und er war gut. „Ich wusste sofort: Das ist mein Ding!“ Er ging sogar bei einem Wettkampf in Südafrika an den Start und offenbarte seinen Eltern, dass er nicht vorhabe, wie sie als Bauern auf dem Feld zu arbeiten.

Warum nicht auch vom Surfen leben wie die Lebenskünstler aus Europa und den USA, die immer wieder in Busua stranden und für ein paar Monate dort abhängen? Sie erzählten Peter vom Leben in Kalifornien, Hawaii oder Bayern. Von dort kam Otto, ein süddeutscher Surfer und Rucksackreisender. Er zeigte Peter, wie man Wellenreiten unterrichtet, wie man als Lehrer Theorie, Technik und Sicherheit vermittelt.

Ein junger Ghanaer surft am Strand von Busua

Am Strand von Busua wird auch der heimische Surfer-Nachwuchs trainiert

© Bénédicte Kurzen

 Peter lieh sich bei Freunden Geld, um in sein Business zu investieren: Er kaufte Surfbretter für Anfänger, T-Shirts und Bermuda-Hosen für den Shop und eröffnete Ahanta Waves. Das war vor knapp zwei Jahren. Immer wieder verirren sich seitdem Abenteurer und erholungsbedürftige Expats nach Busua und schauen auch bei Peter vorbei. Er könnte sich zufriedengeben. Doch er will mehr. Viel mehr.

Nach dem Mittagessen gehen wir zurück zu Peters Surfschule, einem zweistöckigen Betonbau, eingerahmt von Palmen, an den Wänden lehnen Surfbretter und trocknen in der Mittagshitze. Auf dem Schild über dem Eingang ist „Surfshop“ und „Ahanta Waves“ gepinselt. Der Name Ahanta führt Peter zu Punkt eins auf seinem Aktionsplan: die Bevölkerung gewinnen und über das Surfen aufklären.

Das versucht Peter mit einer Legende: „Bonsoe“ heißt in der Ahanta-Sprache Wal, daraus soll der Name Busua entstanden sein. Die Könige der Region wurden früher so genannt, denn die Ahanta sollen, so heißt es, an den Flossen von Walen über die Ozeane gereist sein. Sie seien also nichts anderes gewesen als Busuas erste Surfer. Oder eben Wasserskifahrer. Jedenfalls Leute, die den Ozean liebten.

Susie ist die Herrin der Bar bei der Ahanta Waves Surf School

Susie ist die Herrin der Bar bei der Ahanta Waves Surf School

© Bénédicte Kurzen
Die örtlichen Meerkatzen blicken skeptisch auf Besucher

Die örtlichen Meerkatzen blicken skeptisch auf Besucher

© Bénédicte Kurzen

 Heute ist zahlreichen Einheimischen das Meer eher gleichgültig – obwohl sie davon leben. Viele haben nie schwimmen gelernt. Sie betrachten den Golf als launisches Biest, dem man Nahrung abtrotzen kann. Und das man ansonsten besser in Ruhe lässt.

Die Ignoranz gegenüber der Umwelt beschränkt sich nicht allein aufs Meer. Das führt Peter zu Punkt zwei auf dem Aktionsplan: Das Dorf soll sauberer werden – oder zumindest attraktiver für den fremden Urlauber. Nicht, dass Busua dreckiger wäre als andere Dörfer im ländlichen Afrika. Aber es sei eben nicht ordentlich genug für Peters Geschmack.

Warum sehen sie nicht das große Ganze?

Peter Ansah über die örtlichen Fischer

Neulich hat er einen großen Strandputztag veranstaltet. Diese Plastiktüten, die Fischkadaver, die ganzen anderen Abfälle, die sich am Straßenrand und am Ufer immer wieder ansammeln! Doch nur neugierige Kinder und Jugendliche tauchten am Aktionstag auf. Das Meer spüle den Müll schon von alleine weg, erklärten einige Fischer und dösten weiter im Schatten ihrer Chelsea-Kutter.

Diese Trägheit stört Peter besonders. „Warum sehen sie nicht das große Ganze?“, fragt er. Ein sauberer Strand, ein gesundes Meer, was gibt es Wichtigeres für einen Fischer? Er kann es nicht begreifen. „Aber wir brauchen keine fremde Hilfe. Wir können uns selbst ändern“, meint Peter.

Daher steht auch „Bildung“ ganz groß auf dem Aktionsplan. „Wir haben genug Schulen. Wir brauchen Lehrer, die den Kindern sagen, dass man Müll nicht in den Busch wirft oder verbrennt“, meint Peter. Irgendjemand müsse es ja tun, wenn schon nicht die Eltern.

Müllentsorgung, bürgerliches Engagement, Kehrwoche am Strand – manchmal erinnert der Surflehrer an einen baden-württembergischen Gemeinderat. Trotz aller Bemühungen, Ghana gerade auch im Ökotourismus stark zu machen, wirkt Peter ziemlich einsam in seinem Kampf.

Alte Kähne auf faulem Wasser im Hafen von Dixcove: Meeresschutz steht auf der Prioritätenliste der Fischer recht weit hinten

Alte Kähne auf faulem Wasser im Hafen von Dixcove: Meeresschutz steht auf der Prioritätenliste der Fischer recht weit hinten

© Bénédicte Kurzen

 Dabei erscheint die Rechnung plausibel: Ein funktionierender Ort zieht Touristen an, Urlauber bringen Wohlstand und damit Fortschritt. Nicht nur ihm und seiner Surfschule, der ganzen Region: den Taxifahrern, den Fufu-Köchinnen, den Kneipenbesitzerinnen und Kellnerinnen.

Doch in einem Dorf, das mitten im Urwald liegt, in dem es keine geregelte Müllabfuhr oder Kanalisation gibt und das erst vor einigen Jahren überhaupt ans Stromnetz angeschlossen wurde, ticken die Uhren naturgemäß langsamer als anderswo.

„Peter, kann ich mal dein Board ausleihen?”, fragt ein junger Mann, es ist Emmanuel, Peters Freund, er hilft jeden Tag ein paar Stunden im Shop aus. Peter antwortet nicht, er ist in Gedanken vertieft. Verzweifelt hier ein Ghanaer an seiner eigenen, komplexen und manchmal widersprüchlich erscheinenden Kultur?

Am Nachmittag spazieren wir über einen Trampelpfad durch den Urwald in den Nachbarort Dixcove. Kinder kommen uns entgegen, sie balancieren Macheten auf den Köpfen und tragen frisch geschlagene Bananen zum Markt. „Hey, Peter!“, grüßen sie. Peter zwinkert zurück. Kinder mag er, er kennt fast alle in der Gegend. Kinder hören ihm gerne zu.

Peter lächelt nun wieder, erzählt von seinen Erfolgen: Von der schicken Homepage, die eine Freundin aus Europa für Ahanta Waves entwarf. Und kürzlich hat ein deutscher Reiseveranstalter, der sich auf Afrika-Touren spezialisiert, Peters Surfschule in seinen Katalog aufgenommen.


SURFERS SMALLTALK

Ganz vorne

Wellenreiten gehört zu den ältesten Sportarten der Menschheit. Als Erfinder des modernen Surfens gilt der Hawaiianer Duke Kahanamoku (1890–1968). Sein erstes Brett war aus Akazie und wog 52 Kilo.

Tief unten

Einer Umfrage zufolge denken 66 Prozent aller Surfer, während sie im oder auf dem Wasser sind, an: Haie!

Weit oben

Der Brasilianer Picuruta Salazar legte 2003 den längsten Ritt hin. Die tidenbedingte und hochgefährliche Amazonaswelle Pororoca bezwang er 12,5 Kilometer und 37 Minuten lang.


 

 Wir setzen uns auf die Mauer des Fort Metal Cross, einer alten Festung, erbaut von den britischen Kolonialherren. Von hier aus drangen die Eroberer der Goldküste ins Landesinnere vor, auf der Suche nach Edelmetallen, Elfenbein und Sklaven. Über Jahrhunderte führten sie blutige Kriege mit dem Volksstamm der Ashanti.

Unterhalb der Wehranlage ist heute die Ruine einer Ferienanlage zu sehen: ein leerer Pool, verfallene Bungalows, Rohbauten. Auch hier hat mal jemand von einem Touristendomizil geträumt.

Doch Peter blickt darüber hinweg, schaut viel weiter in die Ferne, dorthin, wo sich die Wellen auftürmen, zieht dann ein iPad aus der Tasche, wischt durch die Bildergalerie und deutet auf Punkt vier seines Plans: ein Haus bauen. Die Fotos zeigen eine betonierte Fläche, umringt von dichtem Gebüsch.

„Hier entsteht die erste Surfer-Lodge von Busua!“ Peter klingt wie ein Priester, der aus der Bibel zitiert. Da werde ein Gästehaus gebaut, für Surfer und Touristen. Das Fundament sei längst fertig. „Zeige ich dir morgen!“

Der nächste Tag beginnt mit klarem Himmel. Peter hat schon Kundschaft: Gerade erklärt er drei britischen Lehramtsstudenten, wie sie das Brett in die Wellen ziehen und aufsteigen. Bevor ich wieder aufs Brett steige, will Peter selbst ein paar Wellen reiten.

Er hat zunächst Schwierigkeiten, fällt, taucht auf, paddelt wieder raus, wartet. Irgendwann kommt der passende Brecher. Beim Surfen muss man Geduld haben. Das gilt für alles. Auch – und gerade – für den Aufbau einer neuen Touristenattraktion, hier, im Niemandsland von Ghana.


 

Ein Beitrag aus dem Vielflieger-Magazin Lufthansa Exclusive. Mehr zu den Miles & More Angeboten von Lufthansa erfahren Sie hier.