Diese eine Liebe

  • TEXT HARALD BRAUN
  • FOTOS CHRISTIAN O. BRUCH

Wer Sylt verstehen will, überlässt die Insel im Sommer den anderen. Erst in der kalten Jahreszeit, wenn die Strände leer sind und der Nordseesturm tüchtig weht, offenbart sich ihre Seele. Unser Autor machte sich auf den Weg – und traf ein paar Komplizen

Vor 17 Jahren reiste ich zum ersten Mal auf die größte der nordfriesischen Inseln, es war Anfang Oktober, es regnete. Meine Freundin Swantje holte mich am Bahnhof von Westerland ab. Sie strahlte und küsste mich mit heißem Kakao-Atem, dann zeigte sie mir mein Fahrrad. Die Fahrt dauerte, wir fuhren im Dämmerlicht nach Keitum, wo Swantjes Familie bereits auf uns wartete. Meine Beine brannten, die Hälfte meiner Reisegarderobe hing in nassen, ausgebeulten Nestern an mir herunter. Ich war erschöpft, aber auf eine irritierend angenehme Weise. Die sonnige Swantje lachte mich nur aus.

Der schwarze Tee dampfte schon auf dem Holztisch neben dem Kamin. Schnell wurde mir warm, ich verfiel in meinem Sessel in eine matte, erhabene Bedürfnislosigkeit. Ihre Eltern müssen mich für einen gut gelaunten Taubstummen gehalten haben. „Nicht schlimm“, sagte Swantje, „das ist bloß dieses Sylt-Gefühl.“

Es basiert auf einem einfachen Prinzip: Erst musst du nach draußen, weil die klare Luft der Insel dich glücklich macht, selbst wenn es regnet oder so kalt ist, dass du Zuckerwatte atmest. Und dann, nach einer Stunde oder zweien, musst du wieder hinein in eine beheizte Stube, mit klammen Fingern, laufender Nase und strahlenden Augen, bis du die Wärme spürst, die sich erst in deinen Zehen ausbreitet und sich dann langsam bis in die Haarspitzen vorkämpft – und dich schon wieder glücklich macht. So geht das in einem fort, immer heiß und kalt und heiß und kalt …

Für dieses Gefühl kehre ich regelmäßig im Herbst und Winter nach Sylt zurück. Swantje lebt schon länger nicht mehr dort. Ich wohne meist in kleinen Pensionen, von denen es immer weniger gibt, und freue mich über jede Kneipe und jedes Restaurant, in denen ich nicht das Gefühl habe, mit meiner Vorspeise den nächsten SUV des Wirts zu finanzieren.

 Und da ist es, das Sylt-Klischee. Keiner kommt daran vorbei. Man kann sich über das Schicksal der Insel beklagen, die unter zu viel Reichtum ächzt. Bestseller-Autorin Meike Winnemuth beschreibt trefflich: „Ich will Sylt toll finden, wirklich. Ist ja auch toll: die Dünen, die Heide, der Strand, der Wind, die Wolken. Aber die Leute. Die verzweifelten Leute. Die Männer mit ihren roten Hosen und Dieter-Bohlen-Hemden. Die Frauen so blond, so rundstirnig, so behängt. Und alle zu braun. Und alle zu laut.“

Oder man tritt die Flucht nach vorn an, wie der Sylter Kabarettist Manfred Degen. In vollen Sälen trägt er auf der Insel Geschichten über „Geld, Gier und Eitelkeiten“ vor und darüber, wie irrsinnig sich das Leben in den vergangenen 25 Jahren auf Sylt entwickelt hat, und Lachtränen kullern auf die Poloshirts und College-Slipper seiner Zuhörer.

Ich liebe das vom Wind umtoste Meer. Am besten, wenn es dunkel ist und dramatisch

Indra Wussow, Leiterin des kunst:raum sylt quelle

Jetzt steht Degen am Rantumer Hafen und schaut strahlend Richtung Watt, der Himmel blau, der Wind pfeift, und wundert sich: „Die fühlen sich nicht angesprochen, auch wenn draußen vor dem Saal der Maybach parkt und ihr Mops im Mufflonwams promeniert.“ Gleich wird er im Vereinsheim des Nordfriesischen Segelvereins Rantum verschwinden, in diesem Club alteingesessener Sylter ist er seit Jahren Mitglied. Keine Frage, der ehemalige Eisenbahner Degen liebt seine Wahlheimat, trotz der manchmal schwierigen Besucher, trotz alledem. Wie sich herausstellt, handelt es sich bei Degens ambivalentem Verhältnis zu Sylt um ein verbreitetes Muster: Fast allen Syltern, die ich in den nächsten Tagen treffe, geht es ähnlich. Sie lieben die Insel, würden aber in der Hauptsaison – im Juli, August und zum Jahreswechsel – am liebsten ihre Wohnung nicht verlassen.

Am Ellenbogen im Norden der Insel weiden Schafe

Am Ellenbogen im Norden der Insel weiden Schafe

© Christian O. Bruch
Auf ihn ist Verlass: Der Leuchturm List Ost am „Ellenbogen“

Auf ihn ist Verlass: Der Leuchturm List Ost am „Ellenbogen“

© Christian O. Bruch
Sylter aus Passion: Kabarettist Manfred Degen

Sylter aus Passion: Kabarettist Manfred Degen

© Christian O. Bruch
Große Pause: Bei Niedrigwasser fällt Rantums Hafen trocken

Große Pause: Bei Niedrigwasser fällt Rantums Hafen trocken

© Christian O. Bruch
„Ich finde mich in Sylt lieber in der Einsamkeit wieder“, sagt Indra Wussow, die so etwas wie die inoffizielle Kulturministerin der Insel ist.

„Ich finde mich in Sylt lieber in der Einsamkeit wieder“, sagt Indra Wussow, die so etwas wie die inoffizielle Kulturministerin der Insel ist

© Christian O. Bruch
So weit, so schön: Blick von der Rantumer Düne in Richtung Hörnum

So weit, so schön: Blick von der Rantumer Düne in Richtung Hörnum

© Christian O. Bruch
Craft-Beer-Brauer Christoph Knorr ist nach seinem Zivildienst auf Sylt hängen geblieben

Craft-Beer-Brauer Christoph Knorr ist nach seinem Zivildienst auf Sylt hängen geblieben

© Christian O. Bruch
Buhne am Strand bei Rantum

Buhne am Strand bei Rantum

© Christian O. Bruch
Spaziergänger genießen die kalte, klare Luft der Nordseeinsel

Spaziergänger genießen die kalte, klare Luft der Nordseeinsel

© Christian O. Bruch
Ruhe vor dem Sommer: Dann ist diese Terasse wieder voll besetzt

Ruhe vor dem Sommer: Dann ist diese Terasse wieder voll besetzt

© Christian O. Bruch

 „Ich finde mich in Sylt lieber in der Einsamkeit wieder“, sagt Indra Wussow, die so etwas wie die inoffizielle Kulturministerin der Insel ist. Sie leitet die Stiftung „kunst:raum sylt quelle“, lädt Künstler und Schriftsteller aus der ganzen Welt nach Sylt ein, gibt südafrikanische Literatur heraus. Sie selbst verbringt nur noch etwa drei Monate des Jahres auf der Insel, und die außerhalb der Saison. „Ich liebe das vom Wind umtoste Meer“, sagt sie, „am besten, wenn es dunkel ist und dramatisch. Man geht allein am Strand entlang und wird darauf zurückgeworfen, was einem wirklich wichtig ist, was einen antreibt.“

In den nächsten Tagen wandere und jogge ich an den einsamen Orten auf Sylt. Keine „Kupferkanne“, kein „Gogärtchen“, kein „Sansibar“ – und wie sie alle heißen, die Treffpunkte der reichen Gäste. Stattdessen der Lister Ellenbogen. Das weiße Kliff zwischen Munkmarsch und Braderup. Die „Kliffkante“ in Wenningstedt. Wenig Menschen, viel Natur. Ich habe die Stimme von Swantje noch im Ohr, die mich damals, vor meinem ersten Besuch auf Sylt, beruhigte: „Das Schöne an Sylt ist ja, dass man sich nie Gedanken übers Wetter machen muss.“

Daran denke ich jetzt, wenn ich mich gegen den Wind stemme, der meine Jacke aufbläht wie einen Fallschirm. Der Lärm der Brandung verschluckt an solchen Tagen das eigene Keuchen. Die Wege zwischen Rantum und Hörnum an der Südspitze Sylts gehören zu den schönsten Strecken, die ich kenne. Sie führen vorbei an Dünen, kleinen reetgedeckten Häusern und den torfbraunen Pfützen des Wattenmeers, vorbei auch am Design-Plattenbau eines Ferienresorts und am „Budersand“, der ebenso modernen, aber deutlich gelungeneren Version eines Luxushotels mitten in der Sylter Natur. Auf solch einem Lauf ist viel zu sehen und fast ­alles zu spüren, was Sylt ausmacht: die klare Luft, die Weite, die Frische. Sylt pustet Seele und Körper durch.

 Christoph Knorr versteht mich. Der 34-jährige Hesse ist nach seinem Zivildienst auf der Insel hängen geblieben. „Die Natur, das Surfen“, sagt er und stöhnt fast ein wenig dabei. Denn er weiß ja: Hätte er sich etwa in Amrum oder Pellworm verliebt, wäre es deutlich einfacher gewesen, sich dort einzurichten. So aber hat Knorr sich zusammen mit Frau und Kind eine Wohnung auf dem nahen Festland gesucht, von dort pendelt er jetzt nach Sylt und treibt dort seine Geschäftsidee voran.

Er braut sein eigenes Bier, „Sørfers“ – der Craft-Beer-Trend ist auch auf Sylt angekommen. Momentan ist Sørfers mehr ein Hobby und noch kein Geschäft, sein „Braulabor“ baut Knorr auf einem Bio-Bauernhof in Braderup immer wieder aufs Neue auf und wieder ab, je nachdem, ob der Raum gerade anderweitig benötigt wird. Knorr hofft nun auf einen sympathischen Investor, der in seiner Geschäftsidee ausreichend Potenzial erkennt. „Was uns hier fehlt, ist so ein Gasthaus wie das ,Alte Mädchen‘ in Hamburg, sagt Knorr, „charmant eingerichtet, gute Produkte, weit weg vom üblichen Sylt-Bling-Bling.“ In solch einem Haus könnte er brauen und ausschenken und auch ein bisschen Programm für junge Leute machen. „Aber auf Sylt gibt’s keinen bezahlbaren Raum für so ein Projekt.“

Warum er trotzdem auf der Insel bleibt und seinen Traum vom eigenen Bier weiter verfolgt? Den wehmütigen Blick, mit dem er antwortet, den kenne ich schon von Manfred Degen und Indra Wussow. Es muss Liebe sein.


Sylt-Tipps

Severins

Das perfekte Hotel für den Winter: Das Reetdach-Refugium verfügt über Spa-Bereich, Pool und Kamin.

severins-sylt.de

Meermann

Restaurant oder Strandbar? Egal. Galloway-Bratwurst und Strandlage machen diesen Laden unschlagbar.

meermann-sylt.de

Galerie Herold

Der Keitumer Ableger der Hamburger Galerie zeigt im Januar norddeutsche Impressionisten.

galerie-herold.de/keitum

Sylter Strandkörbe

Sylt-Flair für den Garten: Der Familienbetrieb fertigt Strandkörbe an und verschickt sie in alle Welt.

sylt-strandkoerbe.de

Alle City-Tipps auch bei

foursquare.com/lufthansa