Häusermeer im Abendlicht von Tanger
© Ramon Haindl

Die Stadt der lebenden Geister

  • TEXT WALTER MAYER
  • FOTOS RAMON HAINDL

Tanger, nördlichster Zipfel Marokkos, war bis in die 1950er-Jahre Europas Vorposten auf dem afrikanischen Kontinent – eine Zwischenwelt, ein Schmugglerland, ein Sehnsuchtsort für Künstler und Literaten. Unser Autor begab sich in den Straßen, Spelunken und altehrwürdigen Hotels auf Spurensuche.

Der Wind, der streichelt und peitscht, weht immer über Tanger. Er brachte die Phönizier und Karthager, die Römer, die Araber, die Engländer, Franzosen und Spanier. Die Dichter und Junkies. Die Milliardäre, die Exzentriker, die Träumer mit ihren Träumen. Auf dem Felsplateau mit den Gräbern, hundert Meter oberhalb der neuen Küstenstraße, treffen sich die Zeiten, als wären sie alte Bekannte. Die Toten waren vermutlich Phönizier. Sie sollen Tanger in verwehter Zeit, zwischen dem 12. und 5. Jahrhundert vor Christus, gegründet haben. ­Sicher ist sich die Geschichtswissenschaft nicht.

Die Lebenden sind Familien aus der Nachbarschaft, Teenager, vereinzelte Touristen. Mounier, ein Student, der sich als Taxifahrer durchschlägt, hat mich hergebracht. Er ist hier im Viertel um den Phönizier-Friedhof aufgewachsen, lebt aber längst in einer billigeren Gegend. Unter uns schwappen Zwitterwellen, Atlantik und Mittelmeer. Die Straße von ­Gibraltar. Spanien döst unter einer Decke aus Dunst. Der Wind spielt mit den Fähren, die zwischen dem andalusischen Algeciras und dem Hafen von Tanger verkehren. Im Hinterland die pinienbewaldeten Berge mit den Königspalästen. Unter uns die Baustellen des Jachthafens, die Bucht biegt sich bis zum Leuchtturm von Cap Malabata, gesäumt von Bling-Bling-Appartementhäusern, die auch in Dubai stehen könnten.

Zwei Mädchen in der Altstadt von Tanger

Straßenszene in der Altstadt

© Ramon Haindl
Vintage-Cabrio in der Altstadt von Tanger

Sightseeing im Vintage-Cabrio

© Ramon Haindl
Eingang zur Kasbah, der Stadtfestung von Tanger

Eingang zur Kasbah, der Stadtfestung von Tanger

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Reklameschild einer Teestube in Tanger

Reklameschild einer Teestube

© Ramon Haindl

  Ich blicke in das perfekte Postkartenpanorama: blauer Himmel, leuchtende Bougainvilleen, weiße Stadt. Ich sehe mediterrane Schönheit. Aber ich ­sehe keine Geheimnisse. Was ist geblieben vom Mythos der Stadt, die zwischen den 1920er- und 1950er-Jahren als international verwaltete Zone die erste Adresse der Dekadenz war? Findet man es noch, das Mysterium, das die Dichter der Beat­generation anlockte? Tanger, zeig mir deine Seele!

Am Rande der Nekropole das Café Hafa. Mein Begleiter Mounier kennt die Kellner, klar. Die Plastikstühle hinter den gekachelten Tischen sind – wie die Gräber – nach Nordwesten ausgerichtet. Der Blick reist nach Europa, wenn man nicht ins Mobiltelefon starrt. Mittelständische Kicherjugend, die Frisuren der Jungs kunstvoll rasiert. Die Mädchen tragen Designer­kopftuch. Interessierte Blicke, freundliche Lethargie. Süßer Duft der mitgebrachten Rauchwaren. So geht das schon ewig. Hier tranken die Schriftsteller William S. Burroughs und Paul Bowles und beobachteten die Fischerjungs. Die Beatles und die Stones waren auch mal da, und neulich, so erzählt mir Mounier, der sich eine dünne Kräuterzigarette dreht, schaute sogar Prinzessin Lalla Salma auf ein Glas Minztee vorbei, die Frau des marokkanischen Königs Mohammed VI.

Concept-Store-Inhaberin Yasmine Durner-Hurel

Ganz entspannt: Concept-Store-Inhaberin Yasmine Durner-Hurel

© Ramon Haindl
Garten der Villa Mimi Calpe in Tanger

Im Garten der Villa Mimi Calpe, einem Gästehaus im Zentrum, wuchert üppiges Grün

© Ramon Haindl

  Am nächsten Morgen ist der Sturm mein Wecker. Er braust vom Meer her und lässt die Fensterscheiben zittern. Ich erwache im Hotel Rembrandt, genau wie Paul Bowles im Jahr 1931, bei seinem ersten Besuch in Tanger. Auch Tennessee Williams war hier, später David Bowie. Das Rembrandt hat ehrliche drei Sterne, die Betten sind ein bisschen durchgelegen, der wahre Luxus des Hauses ist die Freundlichkeit des Personals. Das Beste ist die Lage direkt an der Avenue Pasteur, die wirkt, als würde sie sich in ein 1960er-Jahre-Europa hineinschlängeln. Vielleicht auch in ein Europa, das nie existiert hat.

Gegenüber vom Rembrandt liegt die Bar Number One. Dort habe ich am Abend zuvor „Flag Spéciale“-Bier getrunken und einen Maler kennengelernt, ­Ilias Selfati. Über Selfati wird in Tanger geflüstert, der König habe jüngst einige seiner Werke angekauft. Solche Infos verleihen jeder Künstlerkarriere in Marokko einen Extraschub. Wo ich denn Tangers Seele fände, wollte ich von Selfati wissen. Als Antwort bekam ich lediglich eine ausführliche Lektion in der richtigen Aussprache des arabischen Wortes für „Prost“ – „Bsharraha“? Oder war es ­„Bsaracha“? „Bsora­chah“? Die Schwierigkeit besteht im richtigen Herauspressen des zwischen „H“ und „Ch“ changierenden Lautes am Anfang der zweiten Silbe. Ich versuchte es den ganzen Abend und scheiterte.

Frühstück am Petit Socco, Medina, Altstadt. Ich sitze auf der Veranda des Café Tingis. Passanten ­eilen, schlendern, palavern Hand in Hand, drängeln fluchend oder lassen sich tragen von ihren gemurmelten Gebetsformeln. Vom Hafen zum Markt Richtung Grand Socco oder die Abzweigung über die Rue des Chrétiens hinauf auf die Kasbah und in Gegenrichtung zur großen Moschee. Jetzt kommt, umkreist von Schleppern und falschen Führern, eine Gruppe Kreuzfahrttouristen, die sich aus der Sicherheit ihres Schiffes in die Medina gewagt haben. Sie nehmen den gleichen Weg, den der deutsche Kaiser Wilhelm II. 1904 zum Sultan Abd al-Aziz ritt, um ihn als Verbündeten gegen Frankreich zu gewinnen.

Geister bevölkern Tanger. Überall treffe ich sie: den deutschen Kaiser am Petit Socco. Die Beatniks in den Spelunken. Und den Maler Eugène Delacroix auf der Dachterrasse der Galerie Conil. Ich trinke, umgeben von Gemälden, leichten marokkanischen Gris mit Olivier Conil, dem Galeristen. Er kam vor Jahren mit seinen Eltern und führt heute die bedeutendste Galerie für Art brut und naive marokkanische Gegenwartskunst in Tanger. Fand zwei Schritte vom Petit Socco ein Haus, das in der Interzonenzeit als Säuferkneipe und noch früher Delacroix als Atelier diente. Der Blick auf die Kasbah, den er hier malte, zählt zu den wichtigsten Werken des Orientalismus. „Wo finde ich die Seele von Tanger?“, frage ich auch Olivier. „Ha“, sagt er, „die Seele von Tanger hat keine Adresse. Viel Glück beim Suchen!“

Mosaikfenster in Tanger

Tangers Mysterien offenbaren sich oft erst auf den zweiten Blick

© Ramon Haindl

  Durch Tanger laufen erinnert mich an Traum­passagen, in denen es gleichzeitig schnell und langsam vorangeht, aufwärts und abwärts, leichtfüßig und schwer, einer Idee nachjagend, die man nie fängt. Träume sind der Wind der Seele, denke ich mir.

In der Hotelbar Tanger Inn trafen sich die Götter der Beatliteratur mit ihren Jüngern

Es geht steil runter zur Villa Muniria. Das Muniria ist ein billiges Hotel. Früher war es ein noch billigeres. Seine Bewohner nannten es „Villa Delirium“. Auf den Gängen setzten sich Junkies ihren Schuss. Im vermüllten Zimmer Nummer 9 schrieb William S. Burroughs seinen Drogenporno „Naked Lunch“. Ein Foto aus dem Jahr 1961 zeigt Burroughs mit dunklem Blick im Garten der Villa, neben ihm Paul ­Bowles, Leinenanzug, Krawatte, Stecktuch, zufrieden verschränkte Arme. Unten in der Hotelbar, dem Tanger Inn, trafen sich diese Götter der Beatliteratur in Whiskeylicht und Kiffdunst mit ihren Jüngern, mit Streunern und Eckenstehern. Heute sind die Sitten gemäßigt, das Tanger Inn ist ein Technoclub mit innovativen Cocktails und rich kids aus den Vororten.

Weiter ins Gran Café de Paris. Im Gastraum rauchen Polizisten. Fußball im Fernsehen. Alle Tische am Gehweg vor der Fensterfront sind besetzt. Schlanke Herren, die ihr Leben lang Rentner waren, atmen Benzinluft und starren auf ihren Café noir oder Nersa (mit wenig Milch) oder Nouss Nouss (mit viel Milch). Mit der Abenddämmerung hauchen die Fenster über dem Café gedämpftes Rot auf die Straße. Im ersten Stock kreischt Berberpop, Tänzerinnen schwingen Hüften, Trinker ertränken Träume.

Die „Terrasse des Paresseux“ (Terrasse der ­Faulenzer) öffnet erneut den Blick auf die Bucht. Zwischen antiken Kanonen tanzen Schatten. Die Rue Velasquez stürzt zwischen Tapas-Bars, Antiquitätenläden und der famosen Buchhandlung Les Insolites in den Abgrund. Ein freundlicher Mischlingshund bewacht den alten jüdischen Friedhof. Eine bröckelnde Art-déco-Fassade. Es ist die Totenmaske des Gran Teatro Cervantes, geschlossen seit 1976. Man hört Gerüchte, die Renovierung stehe endlich bevor. Gerüchte, diese gewünschten Gewissheiten, manchmal werden sie sogar wahr. Wie im Fall des Cinéma Rif, ebenfalls feines Art déco, und mindestens so gut wie die Architektur ist das Programm: internationales und nordafrikanisches Independent-Kino. Der beste Film aber läuft jeden Tag vor dem Kino. Das Straßencafé des Cinéma Rif ist von morgens bis abends ein Treffpunkt der geistaffinen Jugend Tangers.

Der Künstler Ilias Selfati

Der Künstler Ilias Selfati pendelt zwischen Paris, Tanger und New York. Dem marokkanischen König, heißt es, gefallen seine Bilder

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Jugendliche in Tanger führen einen Hund spazieren

Jugendpatrouille mit Hund

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Der Besitzer der Bar Number One in Tanger

Karim, Besitzer der Bar Number One

© Ramon Haindl

  Die Stürme der Zeit. Verfall und Aufschwung, Tanger erlebt beides gleichzeitig. Vernichtet Geld, lockt Geld. Immer neue Shoppingmalls, Großbaustellen neben Ruinen. Es heißt, König Mohammed liebe Tanger, anders als sein Vater Hassan II., der dem Moloch misstraute. Ein Hochgeschwindigkeitszug soll ab 2017 die Strecke nach Casablanca um zwei Fahrstunden verkürzen. Hoffnungen fluten die Stadt. Renault-Nissan, Bombardier und Volvo investieren in der Tanger Automotive City. Der chinesische Luftfahrttechnik-Konzern Haite pumpt Milliarden in seine afrikanische Basis, inklusive einer Fabrik für Elek­trobusse. Petro-Dollars werden zu Hochhäusern. Und auch die Gewinne aus dem Handel mit dem grünen Gold der Träume aus dem Hinterland von Tanger, dem weltgrößten Cannabis-­Anbaugebiet, drängen in den Kreislauf des Geldes.

Die Kasbah erhebt sich über Altstadt, Neustadt und die eitle Bucht. Regieanweisungen dringen aus einem Nebengebäude des Sultanspalastes. Leise Befehle. Hier probt der junge Regisseur Hamza Boulaiz mit seiner neu gegründeten Theaterkompanie. Es geht um korrupte Bürokraten und darum, wie klein deren Macht wird, wenn man dagegen aufbegehrt. Um Selbstermächtigung. Boulaiz, 27 Jahre alt, Typ wuscheliger Sympath, ist der Shootingstar der nordafrikanischen Theaterszene. Erfolge in Casa­blanca, ein Stipendium am Sundance Institute. Nun hat er einen Lastwagen zur mobilen Bühne umbauen lassen und reist mit seiner Truppe durch die marokkanische Provinz. „Wir kommen in Dörfer, die von der Kultur normalerweise umfahren werden“, sagt Boulaiz, „aber Kunst gehört ins Leben.“

Die geografische und geistige Lage der Stadt zwingt sie zur Offenheit

Ein Rausch aus Licht und Wind auf der Terrasse des Hotels Nord-Pinus, des schicken Gästehauses von Anne Igou. Die Besitzerin war lange mit dem Fotografen Peter Lindbergh liiert, einige seiner Werke schmücken die Zimmer. Ich treffe den Schriftsteller Philippe Guiguet Bologne, einen schlanken Mann mit feinen Bewegungen und beweglichem Geist. Er liebt Tanger und seine Bewohner, schrieb drei Bücher, in denen er die Stadt feiert. Vor Kurzem erschien sein Gedichtband „Treize“ (Dreizehn), illustriert vom Maler Selfati, meinem Nachhilfelehrer in Sachen „Prost“. Erklärt der Autor mir nun die Seele der Stadt? Nein. Aber er sagt: „Ihre Lage zwingt die Stadt zur Offenheit.“ Sie liegt zwischen Atlantik und Mittelmeer, Europa und Afrika, Islam und Christentum, Tradition und Moderne. Sie würde nicht existieren, würde sie diese Welten nicht miteinander verbinden.

Also einfach weiterlaufen durch dieses Tanger. Rauf und runter. Vom Licht gelockt, vom Wind getrieben und den Träumen nach. Kommen Sie ohne Plan. Vergessen Sie die Zeit. Halten Sie sich nicht mit der Suche nach dem Mythos auf. Denn Tanger ist jetzt.


Ein Beitrag aus dem Vielflieger-Magazin Lufthansa Exclusive. Mehr zu den Miles & More Angeboten von Lufthansa erfahren Sie hier.

 

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