Sri Lanka, Ceylon, Southern Province, Induruwa, Stilt fishermen
© Julie Hall

Zum Glück zurück

  • TEXT SASCHA BORRÉE
  • FOTOS JULIE HALL

Erst der Bürgerkrieg, dann der Tsunami – zuletzt war Sri Lanka eher ein Ziel für Furchtlose. Doch jetzt strömen die Menschen wieder scharenweise auf die Insel. Unser Autor sucht ihren Zauber, entdeckt einen Moloch mit Seele, ­legendäre Strände und einen heiligen Berg

Das Glück, es scheint zum Greifen nah: Das Meer so blau, die Blumen so bunt, die Straßen so sauber. Und himmelwärts streben die Wolkenkratzer, erdacht von den besten Baumeistern der Welt. Ein Bild, zu schön, um wahr zu sein. Entstanden im Computer, prangt diese Vision von den vielen Bauzäunen Colombos. Die Wirklichkeit aber ist: Sri Lankas Millionenmetropole stinkt. Sie schwitzt, lärmt, knattert, lässt dich schwer atmen. Ihre Straßen trachten dir nach dem Leben, ihr Wetter lässt dich leiden – eben noch grillt dir die Tropensonne das Gehirn, dann reißen dich die Fluten eines Wolkenbruchs von den Füßen. Sehenswürdigkeiten, Paläste, prunkvolle Tempel? Parks, Strände? Gibt’s so gut wie gar nicht. Noch nicht.

26 Jahre lang tobte ein erbitterter Bürgerkrieg in Sri Lanka, ausgetragen vor allem im Norden und Osten. Doch wie gelähmt wirkte die gesamte Insel, auch das an der Westküste gelegene Colombo. Heute, mehr als sechs Jahre nach Ende des Krieges, strömen die Investoren scharenweise in die Stadt. Auch die Touristen kommen wieder nach Sri Lanka, seit 2009 hat sich ihre Zahl mehr als vervierfacht. Doch um Colombo, den Moloch, machen die meisten noch einen großen Bogen. Das soll sich aber ändern. An der Galle Road, nur wenige Schritte vom Indischen Ozean entfernt, entstehen schon Hoteltürme, nebenan ist ein kompletter neuer Stadtteil geplant. Ambitioniert, edel, ultramodern, auf Land, das man dem Meer abtrotzen will.

Aufbruchstimmung herrscht auch in der Kunstszene. „Inzwischen kommen Sammler und Kuratoren aus aller Welt“, erzählt Saskia Fernando, 33, Inhaberin der nach ihr benannten Kunst­galerie. Die Bilder, die in ihren schneeweiß gestrichenen Räumen hängen, erinnern entfernt an Frida Kahlo, an Salvador Dalí: surreal, opulent, leuchtende Farben. Doch das ganz Eigene, ein Weg irgendwo zwischen Indien und Südsee, ist erkennbar. „In Sri Lanka gibt es jetzt erste Künstler, die von ihrer Arbeit leben können“, sagt Fernando, „als ich vor sechs Jahren mit der Galerie angefangen habe, war das noch undenkbar.“

Wie sie die Zukunft der Insel sieht? „Manchmal sorge ich mich um unsere Seele“, sagt Fernando, „überall wird gebaut, auch auf Kosten unserer Umwelt, Kultur und Tradition. Aber klar, wir brauchen dringend Entwicklung, Tourismus, Jobs. Und meistens bin ich zuversichtlich: Die Seele Sri Lankas, das sind die Leute. Die sind so großartig, die lassen sich nicht unterkriegen.“ Als ich später wieder durch die Stadt streife, verstehe ich, was sie meint. Egal wie voll, laut, lärmend und ärmlich Colombo ist: Die Bewohner strahlen dich an, als hinge ihr Leben davon ab. Als hätten sie beschlossen, schon heute die glücklichsten Menschen der Welt zu sein.

Das folgende Video ist nicht für Untertitel geeignet. Die Beschreibung finden Sie auf der Seite
Galle: Alter Glanz, neues Geld

 Der Mann, der sich in die Tiefe stürzen will, sieht aus wie ein Sohn von Bob Marley: fettes Grinsen, dunkle Haut, lange, schwarze Rastas. 15, vielleicht 20 Meter weiter unten liegt das Meer. Da will er runterspringen? „Kein Problem, Mister“, sagt der 26-jährige Asanka, „das ist mein Job.“

Ich bin in Galle, früher Sri Lankas wichtigste Hafenstadt, bin mit dem Zug gekommen. Fast drei Stunden braucht der Express für die wenig mehr als 100 Kilometer lange Strecke: nach Süden, mit offen stehenden Türen, immer dem Strand, der Küste folgend. Wenn Colombo die Gegenwart und die Zukunft der Insel ist, steht Galle für ihre Vergangenheit. Eine Festung, die vor der eigentlichen Stadt liegt, wurde im 16. Jahrhundert von Portugiesen gebaut, später von Niederländern und Briten erweitert. Als uneinnehmbar galt Galle Fort lange Zeit: auf drei Seiten vom Meer umspült, durch mächtige Mauern und Türme geschützt.

Auf einem dieser Türme steht jetzt Asanka. Er nimmt Anlauf, springt, fliegt, sinkt in die Tiefe, mit durchgedrücktem Kreuz, die Arme weit geöffnet. Wird vom Meer empfangen, taucht ein, kommt schon im nächsten Augenblick zum Stehen – das Wasser geht ihm gerade bis zur Hüfte. „Ich mache das, seit ich 15 bin“, erzählt Asan­ka, nachdem er wieder an der Mauer hochgeklettert ist, „erst nur zum Spaß, mit Freunden. Jetzt für Touristen, für Geld, als Beruf.“

400 alte Häuser stehen hinter den hohen Mauern. Bis vor wenigen Jahren lebte man hier wie in einer verwunschenen Welt. Dann kamen die Ausländer, kauften die verwitterten Kolonialgebäude, setzten sie instand, zogen selbst ein oder machten Luxushotels draus. Seitdem eine Autobahn, Sri Lankas allererste, ­Colombo mit Galle verbindet, haben auch die Eliten aus der ­Metropole das Fort für sich entdeckt. Schauspieler leben hier, Sportstars, da­runter Kricketlegende Kumar Sangakkara.

Hat das Fort jetzt seinen Zauber verloren? Ach was! An der Kreuzung von Lighthouse Street und Pedlar Street steigen die Backpacker aus ihren Tuk-Tuks, tummeln sich die Touristen, reihen sich teure Restaurants, Souvenir- und Edelsteingeschäfte aneinander. Doch ich gehe weiter, begegne älteren Damen in bunten Saris. Vor der großen Koranschule stehen weiß gewandete Jungen, auf der Stadtmauer flanieren buddhistische Mönche in orangen Roben. Aus einer Grundschule dringt das Geschrei Dutzender Kinderkehlen, übertönt nur noch vom markerschütternden Ruf eines riesigen Pfaus, der nebenan auf dem Dach sitzt. Doch, doch, das alte Fort lebt noch.

Im grünen Hochland herrscht traumhafte Ruhe

Im grünen Hochland herrscht traumhafte Ruhe

© Julie Hall
Lärm, Schweiß, Gestank: Colombo ist keine Schönheit, soll jetzt aber zur futuristischen Metropole werden

Lärm, Schweiß, Gestank: Colombo ist keine Schönheit, soll jetzt aber zur futuristischen Metropole werden

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Alltag in Colombo: Gemüse gibt’s an jeder Ecke

Alltag in Colombo: Gemüse gibt’s an jeder Ecke

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Ein Handwerker stellt Dämonenmasken her

Ein Handwerker stellt Dämonenmasken her

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Saskia Fernando leitet Colombos erste internationale Kunstgalerie

Saskia Fernando leitet Colombos erste internationale Kunstgalerie

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Der Buddhismus prägt Sri Lanka seit mehr als 2200 Jahren

Der Buddhismus prägt Sri Lanka seit mehr als 2200 Jahren

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Früher sprang Asanka nur zum Spaß von den mächtigen Mauern in Galle Fort, heute zahlen die Touristen für seine spektakulären Aktionen

Früher sprang Asanka nur zum Spaß von den mächtigen Mauern in Galle Fort ...

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... heute zahlen die Touristen für seine spektakulären Aktionen

... heute zahlen die Touristen für seine spektakulären Aktionen

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Zwei der bekanntesten Gebäude von Galle Fort: der alte Leuchtturm und die ­schneeweiße Koranschule; 400 historische Häuser stehen im Schutz der Festungsmauern

Zwei der bekanntesten Gebäude von Galle Fort: der alte Leuchtturm und die ­schneeweiße Koranschule; 400 historische Häuser stehen im Schutz der Festungsmauern

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Irfan und Irsah wollen in Arugam Bay eine eigene Surfschule eröffnen; Fischer wuchten frühmorgens ein Boot auf den Strand

Irfan und Irsah wollen in Arugam Bay eine eigene Surfschule eröffnen

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Fischer wuchten frühmorgens ein Boot auf den Strand

Fischer wuchten frühmorgens ein Boot auf den Strand

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Auf dem Gipfel warten Gebetsfahnen

Auf dem Gipfel warten Gebetsfahnen

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Erst durchs Dunkel wandern, dann den Sonnenaufgang bestaunen. Genauso beeindruckend: die buddhistischen Zeremonien, die Mönche und Pilger auf dem Sri Pada feiern

Erst durchs Dunkel wandern, dann den Sonnenaufgang bestaunen. Genauso beeindruckend: die buddhistischen Zeremonien, die Mönche und Pilger auf dem Sri Pada feiern

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Arugam Bay: Kiffer, Surfer und ein großer Traum

 Wer Sri Lanka wirklich kennenlernen will, muss das Land mit dem Bus erkunden. Wichtig zu wissen: Der Bus bremst nie, überholt aber ohne Rücksicht auf Verluste. Drinnen sitzt man auf steinharten Bänken, es dröhnt ein Diesel, der nach Traktor klingt, plärrt Musik, die an Bollywood-Soundtracks erinnert. Eine echte Erfahrung – zehn Stunden dauert die Fahrt nach Arugam Bay.

Eine Straße, zwei Kilometer lang, gesäumt von Hütten, Häusern, kleinen Hotels: der legendäre Surfspot an der Ostküste. Westlich des Orts, auch „A-Bay“ genannt, stolzieren Pfauen über die Reisfelder, weiter südlich streifen Elefanten durch die Wildnis. Ich komme mit Kopf-, Ohren- und Rückenschmerzen an, ich brauche ein Bier. Das beste Gebräu, sagt man, hat hier das Siam View Hotel. Das Haus ist eine Institution, geführt von A-Bay-Veteran Fred Netzband-Miller. „Ich bin in den Siebzigern gekommen, zum Kiffen und Surfen“, berichtet der 65-jährige Niederländer, „habe dann diese Frau getroffen, eine Einheimische. Sie hat mir verklickert, dass da nichts läuft, bevor ich sie heirate. Habe ich gemacht, zehn Tage später.“

Wir sitzen auf dem Dach seines Hotels, auf der Flower-­Power-Terrasse. Beim Bier, selbst gebraut, ganz hervorragend übrigens, erzählt Fred von den wilden Zeiten in A-Bay. Vom Bürgerkrieg, von Gefechten an anderen Stränden, gar nicht weit weg. Nach A-Bay fuhren die Surfer trotzdem, der spektakulären Wellen wegen, wenn nötig mitten durchs Gebiet der aufständischen Tamil Tigers. Auch den Tsunami von 2004 hat Fred in A-Bay er- und überlebt: „Ich war hier oben, habe gefeiert, mit meinen Mitarbeitern. Auf einmal schwappte mir Salzwasser in den Gin Tonic. Absolut inakzeptabel!“ Dann verschwindet das leichte Lächeln, das er bisher zur Schau getragen hat. „Im Ernst: Die Party hat uns das Leben gerettet.“

Andere hatten weniger Glück, bis zu 38 000 Tote beklagte Sri Lanka nach dem Tsunami. Unter ihnen war der Vater von Irsah und Irfan. Ich treffe die 25-jährigen Zwillingsbrüder, die als Surflehrer und Fischer arbeiten, morgens am Strand. „Wir waren 14“, sagt Irfan, „mussten dann aus der Schule raus, unsere Mutter hatte kein Geld mehr.“ Heute fehlt es wieder am Geld, um einen großen, gemeinsamen Traum zu verwirklichen. Irsah deutet auf ein Dach, vielleicht 14, 15 Quadratmeter groß, gebaut aus Palmblättern, gestützt von Baumstämmen. Ganz ohne Wände steht es hinten am Aufgang zum Strand. „Das wird unsere eigene Surfschule“, erzählt Irsah, „wenn wieder ein paar Rupien übrig sind, bauen wir weiter, kaufen ein paar gebrauchte Boards. Und starten richtig durch, du wirst schon sehen!“

Kaufen, klettern, beten: Der Weg zum Sri Pada, der hier am Horizont in den Himmel ragt, ist von Souvenirständen gesäumt

Kaufen, klettern, beten: Der Weg zum Sri Pada, der hier am Horizont in den Himmel ragt, ist von Souvenirständen gesäumt

© Julie Hall
Sri Pada: Stufen zu den Sternen

 Die Sterne, sie weisen den Weg in den Himmel. Doch nein, der erste Eindruck täuscht: Hinter den Lichtern, die schimmern wie aufgereiht an einer Perlenkette, erhebt sich die dunkle Silhouette eines pyramidenförmigen Bergs. Der Gipfel in 2243 Meter Höhe, 5500 Treppenstufen führen hinauf. Den Sri Pada, genannt auch Adam’s Peak, will ich besteigen. Warum? Nimal, 43, Inhaber des Hotels, in dem ich untergekommen bin, verrät das Geheimnis des Bergs: „Wer regelmäßig hochgeht, lebt zehn Jahre länger.“ Er selbst ist übrigens schon 1500-mal oben gewesen – und sieht für sein Alter tatsächlich sehr jugendlich aus.

Ich breche, wie die meisten, gegen zwei Uhr früh auf, will die Spitze vor Sonnenaufgang erreichen. Der Sri Pada im Hochland der Insel ist das spirituelle Herz von Sri Lanka. Auf dem Gipfel hat Buddha einen beinahe zwei Meter langen Fußabdruck hinterlassen, sagen die Buddhisten, die große Mehrheit der Bevölkerung. Falsch, sagen die Hindus, Shiva war’s. Die Moslems schreiben den Abdruck Adam zu, die Christen dem Apostel Thomas. Heilig ist der Berg allen, alle schleppen sie sich nach oben. Doch wer eine besondere, eine spirituelle Atmosphäre erwartet hat, wird zunächst enttäuscht. Verkaufsstände säumen den Weg, vollgestopft mit Süßigkeiten, Plüschtieren, Götterfiguren. Erst nach einer halben Stunde weichen sie dichtem Gebüsch, der Pfad steigt jetzt spürbar an.

Das ganze Land scheint unterwegs zu sein: Junge Kerle, wie fast alle in Flip-Flops oder barfuß, springen die Stufen hinauf. Ganze Familien, die am Wegesrand rasten, sich schlafend aneinanderkuscheln. Männer, die ihre faltigen, knochigen Großmütter tatsächlich Huckepack tragen. Gehen, absetzen, ausschnaufen. Luftholen. Und dann weiter.

Gegen fünf Uhr erreiche ich den Gipfel. Schuhe aus, rein in den Tempel, wo die Pilger Schulter an Schulter stehen. Der Blick nach Osten, der fahle Himmel färbt sich dunkelrot. Neben mir steht eine kleine, alte Frau. Sie faltet die Hände, lächelt entrückt. Huscht durch die Menge, sucht nach einem freien Blick auf die Stelle, wo sich gleich die Sonne zeigen wird. Ob sie auf meinen Schultern sitzen will? Ich deute auf meinen Rücken, gehe in die Hocke. Sie schaut verschämt, kichert wie ein kleines Mädchen, bricht in lautes Gelächter aus. Ein Lachen, so offen und frei – allein dafür hat sich der Aufstieg schon gelohnt.

Fehlt nur noch der Fußabdruck. Auf wen er wohl wirklich zurückgeht? Eine Frage, die offen bleibt: Man darf ihn anbeten, aber nicht anschauen. Ein Tuch verhüllt den Abdruck, ein Mönch wacht streng darüber, dass das auch so bleibt. Manche Geheimnisse behält der Berg dann doch lieber für sich.