Michael Schlosser vor seinem Flugzeug
© Espen Eichhöfer

Der Rüberflieger

  • TEXT BERND HAUSER
  • FOTOS ESPEN EICHHÖFER

Michael Schlosser wollte aus der DDR in die Freiheit fliegen – mit einer komplett selbst gebauten Propellermaschine. Ein ­Kollege verriet ihn, er landete im Gefängnis. 28 Jahre nach dem Mauerfall will er ­beweisen: Ich hätte es geschafft.

Michael Schlosser reißt am Zugseil. Einmal, zweimal. Aber der Motor bockt, will nicht anspringen. Der Zweizylinder aus einem alten DDR-Trabant ist das Herz eines Fliegers, den Schlosser selbst gebaut hat. Rumpf und Tragflächen aus Aluminium funkeln im Abendlicht. Neben dem Eigenbau stehen Männer in billigen T-Shirts und mit teuren Pilotenuhren, manche halten ein Bier in der Hand. Die Mitglieder des Fliegerclubs Langhennersdorf lassen nach Touren über Wälder und Weiler des Osterzgebirges den Sonntag ausklingen. Schlosser, 73 Jahre alt, ein stämmiger Mann mit grauem Haarschopf, hat seinen Jungfernflug erst vor sich. „Hat das Ding Bremsen?“, fragt einer der Piloten. „Nein“, sagt Schlosser, „brauche ich nicht.“ Die Wölbung der Tragflächen sehe vernünftig aus, meint ein anderer: „Abheben kann er bestimmt.“ Und landen? „Falls er Talent hat und ein Glückspilz ist, dann ja.“

Schlosser reißt erneut am Zugseil. Der Motor keucht, die Drehzahl geht hoch. Der selbst geschnitzte Propeller aus Esche macht mächtig Wind, weht Schlosser den Haarschopf aus der Stirn. So sieht er verwegen aus – ein tollkühner Mann in seiner fliegenden Kiste. Er will einen Rollversuch unternehmen, also den Flieger bis auf Abhebegeschwindigkeit bringen. Das hat ihm der Club erlaubt. Und vielleicht gibt er dann ja auch noch ein bisschen mehr Gas. Wenn die Räder den Erdboden verlassen, hat er endlich den Beweis erbracht. „Es wurmt mich sehr, dass die Leute daran zweifeln“, sagt Schlosser, „aber ich kann fliegen!“

Marke Eigenbau: Michael Schlosser bastelt in Liebstadt bei Dresden an seinem Flugzeug

Marke Eigenbau: Michael Schlosser bastelt in Liebstadt bei Dresden an seinem Flugzeug

© Espen Eichhöfer

  Schon einmal hat er ein flugtüchtiges Gerät gebaut, erzählt er. Das war 1983, in Dresden, in seinem Hühnerstall, unter höchster Geheimhaltung. Seinen Wehrdienst hatte der Kfz-Meister bei den DDR-Luftstreitkräften geleistet – und sich dort manches abgeguckt. Für aerodynamische Fragen zog er außerdem das antiquarische Werk „Die Wunder des Segelflugs“ zurate. So nahm sein Flieger, 265 Kilogramm Startgewicht, in jahrelanger Arbeit immer mehr Gestalt an. Mit 120 Stundenkilometern wollte er damit aus der DDR fliehen. Auf einer Waldlichtung starten, über der beleuchteten A9 den Eisernen Vorhang überqueren, dann auf der Autobahn bei Rudolphstein in Bayern landen. Frühmorgens um fünf Uhr, wenn es dort kaum Verkehr gibt. So sein verwegener Plan.

In der DDR hielt ihn nach seiner Scheidung nichts mehr, auch sein beruflicher Traum war geplatzt. Weil Schlosser nicht bereit war, in die SED oder eine der Blockparteien einzutreten, wurde es nichts mit dem Gewerbeschein. Schon als Kind hatte Schlosser renitent reagiert, wenn ihn jemand zu etwas zwingen wollte. Als die Sowjet-Armee am 17. Juni 1953 den Volksaufstand in der DDR niederschlug, verlangte Schlossers Vater von seinem neunjährigen Sohn, er solle den Soldaten auf der Straße Blumen bringen. „Aber ich wollte nicht“, erinnert sich Schlosser. Auch die Zusammenkünfte der Jungpioniere schwänzte er, der Vater schlug ihn deshalb – im Alter von zehn Jahren zog er zu seinen Großeltern.

Die Generalprobe für die Flucht beginnt am frühen Morgen des 14. August 1983 auf einem Übungsplatz der russischen Streitkräfte. Doch gerade als er den Flieger auf dem einsamen Gelände vom Laster abladen will, kommt eine Gruppe Sowjet-Soldaten aus dem Wald. „Ich arbeite fürs DDR-Fernsehen“, sagt er. Was stimmt, er ist Fuhrparkleiter im Studio Dresden. „Für eine neue Serie muss ich den Flieger testen.“ Was nicht stimmt. Er zaubert zwei Flaschen Wodka hervor. Die Russen helfen ihm beim Aufbau des Fliegers und setzen sich ins Gras. Schlosser beschleunigt, hebt ab, zwei Meter hoch. Die Soldaten gratulieren.

Beweisen kann er diesen geglückten Versuch nicht, zum Fluchtflug kam es nie. Denn kurz vorher stutzt die Stasi dem sächsischen „Ikarus“ – so nennen ihn die Ermittler – die Flügel. In der griechischen Mythologie erhob sich Ikarus mit Flügeln aus Wachs und Federn in die Lüfte. Aber trotz aller Warnungen des Vaters wurde er übermütig, kam der Sonne zu nahe: Das Wachs schmolz, Ikarus stürzte ab.

Die DDR mag keine übermütigen Bürger. Ein Kollege beim Fernsehen ist „Informeller Mitarbeiter“ bei der Stasi. Er beobachtet, dass Schlosser sich in einem ungarischen Magazin für einen Bericht über Flugdrachen interessiert und meldet ihn. Die Stasibeamten durchsuchen den Hühnerstall, finden das Flugzeug und verhaften Schlosser. Er muss viereinhalb Jahre ins Gefängnis wegen „versuchter Republikflucht“. Zwar kauft ihn die Bundes­republik nach fünf Monaten Haft für 96 000 D-Mark frei, und er kann bei Ludwigshafen eine eigene Autowerkstatt eröffnen. Aber Schlosser ist von Verhören und Knast gezeichnet. Er leidet unter Migräne, in seinen Träumen rasseln Wärter mit Schlüsseln, „und immer wieder steht Erich Honecker an meinem Bett“. Mit 60 Jahren kehrt er nach Dresden zurück. Er macht Führungen durch die Stasi-Gedenkstätte und erzählt in Schulen seine Geschichte. „Seitdem geht es mir besser.“ Aber erst mit dem Jungfernflug kann Schlosser seine Vergangenheitsbewältigung abschließen, glaubt er. Und heute soll der Tag dafür sein.

„Du darfst keine Angst haben“, sagt Schlosser, „Angst ist dein größter Gegner.“ Dann gibt er Gas. Der Flieger ruckelt über die Graspiste, wird schneller. 20 Stundenkilometer, 30, 40. Die Tragflächen wippen bedenklich. Plötzlich reißt es das kleine Flugzeug in eine enge Linkskurve, der Motor stirbt ab. Was ist passiert? „Da war wohl eine tiefe Bodenrille in der Piste“, erklärt Schlosser seelenruhig, als er aus dem Cockpit klettert, „darum ist ein Bolzen gebrochen.“ Das Rad am Heck lässt sich nicht mehr steuern. Er schiebt das Vehikel zum Hangar. „Heute geht nichts mehr.“

Nächstes Mal klappt's bestimmt! Michael Schlosser schiebt seinen beschädigten Flieger zurück zum Hangar

Nächstes Mal klappt's bestimmt! Michael Schlosser schiebt seinen beschädigten Flieger zurück zum Hangar

© Espen Eichhöfer

  Einer der Ultraleicht-Piloten geht auf Schlosser zu. „Mann, handwerklich eine reife Leistung“, sagt er. „Aber es ist gut, dass die Stasi dich eingesperrt hat. Sonst hättste die Wende gar nicht erlebt!“ Der Propeller, meint er, sollte anders gebogen sein, die Querruder müssten weiter nach außen. Vor allem aber bräuchten die Flügel noch Streben zur Verstärkung: „Wenn dir die Tragfläche bricht, ist das Ding unkontrollierbar.“ Schlosser verteidigt sich: „1983 hatte ich andere Flügel, die waren leichter.“ Die hatte er aus Sperrholz und Nesseltuch gefertigt, das er mit Latex und Polyesterharz bestrich, bis eine feste Hartschale entstand. „Ich habe meinen Flieger damals aus dem Nichts gebaut“, sagt er, es klingt Trotz mit. In der DDR-Mangelwirtschaft musste er sich das ganze Material heimlich besorgen, mit List und Tücke.

Michael Schlosser denkt gar nicht daran aufzugeben. „Die heutige Erfahrung lehrt mich: Ich muss den Flieger von 1983 exakt nachbauen“, fasst er zusammen. Mit den leichteren Tragflächen. Auch den Trabant-Zweizylinder will er wieder frisieren wie damals, sodass er statt auf 28 auf satte 36 PS kommt. Schlosser schaut in den Himmel und sagt: „Ihr werdet mich auf diesem Flugplatz künftig öfter sehen.“


 

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