Inspektor Drohne
© Andreas Fechner

Inspektor Drohne

  • TEXT SASCHA BORRÉE
  • FOTOS ANDREAS FECHNER

In immer mehr Branchen setzen Profis  auf Multikopter, um Windparks, Gebäude, Flugzeuge oder Großflächen aus der  Luft zu untersuchen. Auch Lufthansa Aerial Services hebt in diesem Markt ab

Der Schwarm greift gleich an – so klingt es jedenfalls. Hoch über unseren Köpfen tönt ein Sirren und Schwirren wie von Hunderten Hornissen. Erst der prüfende Blick nach oben beruhigt: keine Insekten im Sturzflug. Nur ein schwarzer, kreuzförmiger Flugkörper, eine Drohne. Eine Kamera darunter, vier Rotoren daran. Ein Quadrokopter.

Laut summend gewinnt er jetzt an Höhe, und für einen Augenblick sieht es doch noch nach einem Angriff aus. David gegen Goliath. Die kleine Drohne – Durchmesser etwa eine Armlänge – gegen das riesige Windrad, das in den bewölkten Himmel der Hocheifel ragt. Aber nein: der Mann mit verspiegelter Sonnenbrille und wuchtiger Fernsteuerung am Fuß des Windrads ist kein moderner Don Quixote. Die Aufgabe von Michael Reitz, 38, lautet schlicht: Inspektion. Er kontrolliert, wie gut die Rotorblätter des Windrads noch funktionieren. Zurzeit ist das meist ein Job für Seiltechniker – und kein ungefährlicher. Lufthansa Aerial Services (LAS) erledigt den Check jetzt aus der Luft, eben per Drohne.

Die Einsätze erfordern hohes fliegerisches Know-how

Benjamin Löhr, Business Development Manager bei LAS

Drohnen-Pilot Reitz hat seinen Kopf weit in den Nacken gelegt und lässt sein Fluggerät entlang eines Rotorblatts aufsteigen. „Die Bedingungen sind hier heute echt nicht ohne“, sagt er. Der Wind weht mit knapp 30 Stundenkilometern in der Spitze. Das allein wäre noch kein Problem. Doch immer wieder erfassen stärkere Böen die Drohne. „Wenn du da nicht achtgibst, war’s das“, so Reitz. Also verlässt er sich nicht nur auf die Technik, sondern vor allem auf seine Erfahrung. Seit 30 Jahren lenkt er ferngesteuerte Fluggeräte, ist zweifacher Mannschafts-­Weltmeister mit dem Modelljet, ein Virtuose am Gerät. Er ist es gewohnt, bei Shows vor vielen Zuschauern zu fliegen. Sein Publikum heute: einige grasende Kühe auf der Wiese nebenan. Die lassen sich aber überhaupt nicht beirren.

Gemeinsame Entwicklungsarbeit: das Team von Nordex und LAS im Windpark

Gemeinsame Entwicklungsarbeit: das Team von Nordex und LAS im Windpark

© Oliver Rösler
Flug-Schau: Der Quadrokopter inspiziert eine Windenergieanlage aus der Nähe

Flug-Schau: Der Quadrokopter inspiziert eine Windenergieanlage aus der Nähe

© Andreas Fechner
Höhenflug für Details: Mittels iPad wird die Kamera gesteuert, sie macht Nahaufnahmen von den Rotorblättern

Höhenflug für Details: Mittels iPad wird die Kamera gesteuert, sie macht Nahaufnahmen von den Rotorblättern

© Andreas Fechner
Arbeitsteilung: Ein Profi fliegt die Drohne, der andere steuert die Kamera

Arbeitsteilung: Ein Profi fliegt die Drohne, der andere steuert die Kamera

© Andreas Fechner

 Neben Reitz steht ein zweiter Mann, auch er mit Fernbedienung. Aber Wirtschaftsingenieur Tobias Wentzler, 27, kümmert sich nur um die Fotos, schaut nie nach oben, sondern behält das iPad an der Steuerung im Blick. Dort sieht er den Livefeed der Drohnen-Kamera, liest Daten ab, gibt sie an den Piloten weiter: „50 Meter, 51, 52 Meter. Gut so, so bleiben. Noch etwas näher ran.“ Wentzler tippt auf den Touchscreen. Ein Klick, das Foto ist im Kasten. „Jetzt wieder runter, mit einem Meter pro Sekunde.“ Reitz lässt die Drohne sinken. Und Wentzler macht Bilderserien wie ein Sportfotograf an der Ziellinie. Jeden Quadrat­zentimeter des Rotorblatts soll Wentzler fotografieren, um ein komplettes digitales Abbild zu generieren. Damit kann Nordex, einer der führenden Hersteller von Windenergieanlagen, beurteilen, ob das Rotorblatt repariert werden muss. Die Rotoren sind oft starkem Wind (bis zu 300 Stundenkilometer an der Blattspitze) und hohen Fliehkräften ausgesetzt, weshalb es neben Blitz­einschlägen auch zu Erosionsabnutzung kommen kann. Schon kleinere Stellen können sich schnell vergrößern, etwa wenn im Winter Wasser eindringt und gefriert.

Früherkennung ist wichtig, wie bei Flugzeugen stehen auch bei Windrädern regelmäßige Checks an. Manchmal reicht die Inspektion per Fernglas. In größeren Intervallen aber sind professionelle Fotos aus der Nähe nötig. Der Bedarf an guten ­Bildern ist riesig: Allein in Deutschland stehen schon heute rund 26 000 Windenergieanlagen, die Zahl steigt. Und bei den An­lagen der ersten Generation wächst der Wartungs- und Inspektionsbedarf.

Um diesen Markt zu erschließen, hat Lufthansa Consulting ein neues Angebot gestartet: Lufthansa Aerial Services. Mit Nordex besteht bereits eine enge Entwicklungspartnerschaft, um künftig weitflächig per Drohne zu inspizieren. „Die Nachfrage an Drohnen-Einsätzen steigt in vielen Branchen“, sagt Benjamin Löhr, 36, Business Development Manager bei LAS. „Sie erfordern aber ein großes fliegerisches Know-how, in absehbarer Zeit werden auch die behördlichen Bestimmungen erheblich verschärft.“ Da eine eigene Drohnen-Abteilung aufbauen? Für die meisten Unternehmen lohnt der Aufwand nicht, sie würden Drohnen-Inspektionen eher extern in Auftrag geben. LAS bietet nicht nur Sensorik, Hard- und Software, sondern bereitet die Daten auch auf: ob 3-D-Modelle, digitale Höhenprofile, weiträumige Vogelperspektiven – nach oben gibt es kaum Grenzen.  „Die Drohnen-Technologie entwickelt sich gerade mit atemberaubendem Tempo“, sagt Drohnenfotograf Wentzler.

Inspektor Drohne

Landebahn Gummimatte: die Profi-Drohne DJI Matrice 100

© Andreas Fechner

 Bei Multikoptern arbeitet LAS mit DJI zusammen, dem chinesischen Weltmarktführer für kommerzielle Drohnen. In der Partnerschaft entwickelt LAS kundenspezifische Inspektions- und Vermessungslösungen, DJI unterstützt bei der technischen Umsetzung. Noch in diesem Jahr wird LAS auch Streckenflügler, sogenannte Fixed-Wing-Drohnen, quasi unbemannte Kleinflugzeuge, in die Flotte aufnehmen, um mehr Drohnenanwendungen außerhalb der Sichtweite der Piloten zu ermöglichen.

Pilot Michael Reitz fliegt heute den Quadrokopter Matrice 100 von DJI. Kostenpunkt: etwa 3600 Euro für die handelsübliche Basisversion, mit Kamera und Extras liegt man schnell bei einem Kaufpreis von rund 8000 Euro. Reitz landet die Drohne auf einer Gummimatte. Der Akku ist leer, Zeit für eine kurze Bestandsaufnahme. Tobias Wentzler begutachtet die Fotos auf seinem Laptop. „Hier, diese Bilder sind nicht scharf genug geworden. Die müssen wir noch mal machen“, urteilt er. Wind und Wetter erschweren die Arbeit zusätzlich, der Himmel ist so grau-weiß wie die Rotorblätter. So gibt es kaum Kontraste, auf die ein Autofokus aber angewiesen ist.

Geplant waren für heute etwa 20 Flüge. Autofokus- und windbedingt werden es ein paar mehr, das bedeutet auch mehr körperliche Arbeit für Michael Reitz. „Stundenlang mit dem Kopf im Nacken zu stehen ist schon anstrengend“, sagt er. Gegen 13 Uhr setzt Reitz zur letzten Landung an. Er lässt die Drohne diesmal nicht senkrecht sinken, fliegt stattdessen zum Abschied noch eine weite Schleife über der Wiese, kurz scheint der Spieltrieb des Modellflugmeisters durchzubrechen. Die Kühe auf der benachbarten Wiese reagieren zum ersten Mal: Mit großen Augen glotzen sie die Drohne an. Die Landung verläuft sicher.