Foto: Isabelle & Alexis
© Isabelle & Alexis

Die große Unsichtbare

  • TEXT MARC BIELEFELD
  • FOTOS ISABELLE & ALEXIS

Wir können sie nicht sehen, brauchen sie aber zum Atmen, zum Leben – und zum Fliegen. Ein Loblied auf die Luft.

Wenn Sie in 9000 Meter Höhe über die Welt fliegen und aus dem Fenster blicken, was sehen Sie? Ihre Antwort: die Wolken, den Himmel, unten die Erde. Was Sie aber wohl nicht nennen würden: die Luft. Wir wissen zwar um das unsichtbare Gasgemisch, aber es ist selten präsent. Wir können Luft nicht greifen, meist nicht einmal riechen. Sie entzieht sich unserer sinnlichen Wahrnehmung.

Dass wir die Luft als eine Art Nichts begreifen, zeigt schon die Sprache. Wer plötzlich verschwindet, löst sich in Luft auf. Wer nichts zu sagen hat, gibt nur heiße Luft von sich. Der Fantast, der nichts zustande bringt: ein Luftikus. Wer von unrealistischen Plänen faselt, baut Luftschlösser. Und nicht haltbare Theorien? Sind aus der Luft gegriffen. Als würden unsere Gedanken sie, die Allgegenwärtige, nicht wahrhaben wollen. Aber was wäre ohne sie? Wenig nur. Wir brauchen sie zum Atmen, zum Leben. Und natürlich zum Fliegen. Ohne die Luft würde kein Flugzeug abheben, kein Vogel durch den Himmel gleiten. Höchste Zeit also, jenes ätherische Element zu würdigen, das da draußen am Fenster vorbeiströmt.

 

Fotografei: Isabelle & Alexis
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Lange wussten die Menschen nicht, dass es Luft gibt. Was war es, das man da einatmete – und spürbar wieder auspusten konnte? Das Nichts? Der Odem Gottes? Der griechische Naturphilosoph Anaximander war einer der Ersten, die das Phänomen zu erklären versuchten. Bereits um 600 vor Christus soll er beschrieben haben, was die Erde umhüllt und wir beim leisesten Zuge spüren können: „Wind ist ein Fließen von Luft.“ Was heute selbstverständlich klingt, war damals eine Offenbarung.

Beobachte die Fische im Wasser, und du wirst die Vögel in der Luft begreifen 

Leonardo da Vinci, Universalgelehrter

Dass Luft überhaupt eine Substanz ist, entdeckte Philon von Byzanz im 3. Jahrhundert vor Christus. Doch erst Galileo Galilei konnte rund 1800 Jahre später nachweisen, dass Luft tatsächlich ein Gewicht besitzt. Damals ein gewagtes Statement, denn die Menschen glaubten ungern an etwas Weltliches, das sie nicht sehen konnten. Der italienische Physiker Evangelista Torricelli experimentierte schließlich mit Quecksilber. Er füllte es in kleine Glasröhrchen – und staunte, als er beobachtete, dass der Pegel stieg und sank, je nach Wetter. Daraus wurde das Barometer. Damit konnte man endlich den Druck messen, mit dem die Luftmassen auf der Erde lasten – der Schlüssel zum Wetter. Erst von da an war es gesicherte Erkenntnis, dass Luft eben kein Nichts ist, sondern etwas sehr Konkretes.

Fotografei: Isabelle & Alexis
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  Tatsächlich lasten die Massen der rund 100 Kilometer dicken Atmosphäre schwer auf der Welt. Die Luft in einem Würfel mit einem Kubikmeter Volumen wiegt knapp 1,3 Kilogramm. Auf die Luftsäule über unseren Köpfen umgerechnet, lasten auf jedem Quadratmeter Boden in Meereshöhe rund zehn Tonnen Luft – das entspricht etwa 17 Tonnen auf jedem Menschen. Aber wir spüren sie nicht, denn unser Körper baut einen natür­lichen Gegendruck auf.

78 Prozent Stickstoff, 21 Prozent Sauerstoff, 0,9 Prozent Argon und weitere Edelgase sowie 0,04 Prozent Kohlendioxid: So setzt sich die Luft heute zusammen. Hinzu kommen Staub, Wasserdampf, Schwefel- und Stickstoffverbindungen, Abgase, pflanzliche und tierische Mikroorganismen. Eine bunte ­Mi­schung. Menschen, die sich mit Luft beschäftigen, vor allem Piloten, haben deshalb eine sehr genaue Vorstellung von ihr. Und Experten, wie etwa Barometer-Erfinder Torricelli, sprechen auch nicht davon, dass wir auf der Erdoberfläche leben, sondern auf dem Grund eines Ozeans aus Luft.

Dieses Luftmeer ist äußerst lebendig. Unablässig fließt und strömt es, darin bilden sich Wirbel, Wellen und Strudel. Mal ist die Luft dichter, mal dünner, mal wärmer, mal kälter. Niemals ruht sie. Selbst wenn wir an einem perfekten Sommertag von „süßer Stille“ sprechen, führen Milliarden Moleküle um uns herum wilde Tänze auf. Stürme wüten in der Luft, regelrechte Brandungszonen existieren in dieser unsichtbaren See. Jedes Objekt, das sich in der Luft bewegt, hinterlässt seine Spuren. Es unterbricht, es stört die strömende Luft wie ein Pfeiler, der in einem reißenden Fluss steht.

Flugzeuge durchmessen dieses durchsichtige Meer, durchschiffen den ungreifbaren Ozean auf etlichen Kursen, Höhen und Tiefen. Dabei begegnen sie kuriosen Gesetzen. Sie erzeugen regelrechte Bugwellen, quasi ihr eigenes Kielwasser, sie hinterlassen Wirbelschleppen. Luft fließt teilweise so schnell vor sich hin, dass Piloten ihr Flugzeug darin steuern wie ein Kapitän sein Schiff durch die Meeresströmungen. Mit einem Tempo von manchmal über 200 Stundenkilometern rasen die sogenannten Jetstreams am Himmel dahin, die Piloten klinken sich in diese Starkwindbänder ein und nutzen sie. Im Himmel gibt es zwei Geschwindigkeiten: Eine bemisst sich relativ zur Luft, die andere relativ zur Erde. Fliegt ein Pilot mit einem Luftstrom im Rücken und misst dabei 600 Stundenkilometer Air Speed, bewegt er sich womöglich mit rund 800 Stundenkilometern Ground Speed über die Erde. Umgekehrt bremst Luft, deswegen kann ein Hinflug auch mal länger dauern als der Rückflug.

Fotografei: Isabelle & Alexis
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  Die Substanz der Luft ist es letztlich, die Flugzeuge zum Abheben bringt. Der Flügel durchbricht sie, die Luftmoleküle umströmen die gewölbten Tragflächen, oben schneller als unten. Auf der Flügeloberseite entsteht dabei ein Unter-, auf seiner Unterseite ein Überdruck – die Tragflächen werden regelrecht nach oben gehoben. Der Schweizer Physiker Daniel Bernoulli beschrieb diesen Effekt im 18. Jahrhundert und formulierte damit die wichtigste Grundlage der Fliegerei. Wir können das Phänomen auch andernorts beobachten: Der Fahrtwind am offenen Autofenster drückt die Haare nicht ins Wageninnere, er zerrt sie heraus. In starken Winden werden Hausdächer nicht eingedrückt, sondern abgedeckt.

Nicht zuletzt steckt auch Philosophie in der Luft: Die stille Aufforderung, nach der Welt hinter den Dingen zu forschen, zu entdecken, was wir nicht sehen können. Dann wird aus der Luft das Wunder eines unsichtbaren Meers. Der Universalforscher Leonardo da Vinci wusste schon vor gut 500 Jahren um die Parallelen: „Beobachte das Schwimmen der Fische im Wasser, und du wirst den Flug der Vögel in der Luft begreifen.“