© Anne Gabriel-Jürgens

Reichtum hinter Gittern

  • TEXT ANNE HAEMING
  • FOTOS ANNE GABRIEL-JÜRGENS

Der Freeport in Singapur ist ein Containerlager der Luxusklasse, randvoll mit Kunst. Geschäfte, die dort gemacht werden, stehen für die neuen Sitten und Strategien internationaler Sammler

„Wenn Sie noch mal hierher müssen, sagen Sie, Sie wollen zum Gefängnis“, hatte der Taxifahrer noch geraten und gelacht, bevor er in die Morgenhitze davonraste. Da steht man also in einem Industriegebiet im Nordosten Singapurs, umgeben von Unternehmen, die Airline-Food liefern, Flugzeuge reparieren, Flugsicherheitstrainings anbieten. Gelegentlich setzt ein Flieger zur Landung an, hinter Zaun und Mangrovenwald, auf dem Changi Airport. Aber in einem der Gebäude geht es um etwas anderes: um Kunst. Ein graubrauner Kubus, die Fassade aus gestanztem Metall in Camouflage-Optik, davor zwei, drei Palmen. Das ist „Le Freeport“, eine Architektur gewordene Freihandelszone. Ein Containerlager – aber in der Luxusausführung, mit direktem Zugang zum Flughafengelände. Es gibt ein eisernes Tor, durch das Kunst in Millionenwerten kommen und verschwinden kann, ohne dass Steuern und Zölle fällig werden. Weil die Regierung von Singapur flugs die Gesetze anpasste, als 2005 die Idee aufkam, hier eine Dependance des Genfer Freeports hochzuziehen.

Dieses Lager ist seit seinem Start 2010 ein Symp­tom für vieles: Es zeigt, wie sich der Kunstmarkt verändert, und mit ihm der Typus des Sammlers. Er demons­triert, wie sich das Verhältnis der Reichen zu ihrem Besitz wandelt und wie sich ein ganzes Land ein neues Image zulegt. All das steckt in diesem stillen Haus, 20 Grad kühl, einem Museum ähnlich, nur mit weniger Menschen.

Der Schweizer Christian Pauli arbeitet hier. Wer zwei Drehkreuze passiert hat, zwei Sicherheitsschleusen und den Ableger des Singapurer Zolls im Eingang, dem streckt der General Manager von Fine Art Logistics im Atrium seine Hand entgegen, breitbeinig steht er da und lächelt: „Grüezi.“ Er wird von den vielen Spiegeln der Cortenstahl-Plastik des Künstlers Ron Arad reflektiert, die den gesamten Lichthof ausfüllt. Es stand auch schon im MoMA in New York, es soll monatelang gedauert haben, bis das Trumm hier fertig aufgebaut war. Pauli, Endvierziger mit gegelten Haaren, lebt seit Jahrzehnten in Asien, beim Freeport ist er von Anfang an dabei. Gerne gibt er Auskunft: rund 6000 Quadratmeter Lagerfläche, mehr als die Hälfte der Kunden aus Europa und Nordamerika. Fine Art Logistics ist einer der Freeport-Mieter und zugleich eine 100-prozentige Tochter der Firma Natural Le ­Coul­tre, die auch die Freeports in Genf und Luxemburg betreibt. Ein weiterer entsteht derzeit in Schanghai, ein Anbau in Singapur soll 2018 fertig sein. 80 Prozent der Güter im Freeport Singapur sind laut Le Freeport Kunstwerke, der Rest Gold, etwa von der Deutschen Bank, aber auch Weine, ­Juwelen und Oldtimer.

Man kann in dem Gebäude, abgeschottet vom Tageslicht, problemlos den ganzen Tag verbringen. Man kann sich von Pauli Ausstellungsräume zeigen lassen, in denen mal ein ausladendes Sofa steht, mal Teppiche ausgelegt sind – ein bisschen heimelig darf es auch im Containerlager sein. Pauli gibt den augenzwinkernden Fremdenführer, wenn er auf die unterarmdicken Tresortüren klopft, die goldbarrengefüllte Bunker versperren, oder einem die Weinkeller vorführt, voller Holzkisten, auf denen in Schnörkelschrift edle Anbaugebiete und Jahreszahlen stehen, die mit einer 19 beginnen.

Die Edelstein-Tresore im Freeport sind schwer zu knacken

Die Edelstein-Tresore im Freeport sind schwer zu knacken

© Anne Gabriel-Jürgens
Queenie Hu von Christie's Fine Art Storage Services mit eingepackten Exponaten

Queenie Hu von Christie's Fine Art Storage Services mit eingepackten Exponaten

© Anne Gabriel-Jürgens
Asiatische Vasen, bruchsicher verpackt

Asiatische Vasen, bruchsicher verpackt

© Anne Gabriel-Jürgens
Gut getarnt, noch besser gesichert: Die Kunstwerke im Freeport von Singapur kommen, verweilen ein wenig, und irgendwann ­verschwinden sie wieder

Gut getarnt, noch besser gesichert: Die Kunstwerke im Freeport von Singapur kommen, verweilen ein wenig, und irgendwann ­verschwinden sie wieder

© Anne Gabriel-Jürgens
Kunst für alle: Die Skulptur „Pink Collar“ von Ma Han ist nicht eingebunkert, sie begrüßt die Besucher der Messe Art Stage

Kunst für alle: Die Skulptur „Pink Collar“ von Ma Han ist nicht eingebunkert, sie begrüßt die Besucher der Messe Art Stage

© Anne Gabriel-Jürgens

 Im ersten Stock bekommt man von der direkten Konkurrenz ganz Ähnliches gezeigt. Sharon Tan, eine so quirlige wie bestimmte Frau von der Christie’s-Tochter Fine Art Storage Services (CFASS), zeigt jetzt ihre Lager und Showrooms. 25 Quadratmeter gibt es ab 2000 Euro im Monat. In den Fluren, gestrichen in Anzuggrau, stehen ein paar Holzkisten herum, eine neue Lieferung. Mitarbeiter packen Gemälde aus und lehnen sie sanft an die Wand: Blumenstillleben und Ölbilder, die an Marc Chagall erinnern. „Ein Sammler kommt, um sich seine Werke anzuschauen“, erklärt sie. Tan tippt einen Code ein, schließt auf, dahinter liegt eine Bar mit teurem Tee und Nobel-Wodka. Die Mieter könnten hier ein richtiges Happening mit Gästen und Freunden veranstalten, wenn es nur nicht so frostig wäre. Auch die Macher der Tokioter Galerie UG kennen die Räume, sie sind zur Kunstmesse in der Stadt und nutzen den Freeport als Lager und Showroom. Um ­weitere Werke zu präsen­tieren, haben sie eine Hotelsuite gemietet. Dort erzählt mir Galeriegründer Eiichiro Sasaki: „Wir brauchen den Freeport in erster Linie aus Sicherheitsgründen.“ Seit dem Erdbeben 2011 und der anschließenden atomaren Katastrophe in Japan sei der Schutz der Werke das A und O. „Wir dürfen nicht vergessen“, sagt Sasaki bedächtig, „wir haben große Verantwortung. Wir sind nur kurzzeitige Begleiter der Kunst. Sie wird uns alle überdauern.“

Singapur feiert indes das Neue. Also vor allem sich selbst: Gerade zelebrierte der Stadtstaat die 50-jährige Unabhängigkeit. Die 5,5-Millionen-Metropole definiert sich als Dauerbaustelle, immer höher, größer, dichter. Malls und Verkehr prägen das Stadtbild, aber auch viele Parks entstehen. Singapur steht für neues Geld. Und das zeigt sich gerne auf der Kunstmesse Art ­Stage, gegründet von Lorenzo Rudolf, der einst die Art Basel umkrempelte und die Art Miami ins Leben rief. Die prächtige Location dafür ist das Marina Bay Sands, ein Nobelhotel mit eigenem Wald und Gucci-Boutiquen so groß wie anderswo Kaufhäuser. Einmal im Jahr kauft man hier eben auch Kunst.

„Wir werden während der Art Stage wieder ein Essen im Freeport geben“, sagt mir Rudolf, während wir durch die Messehalle schlendern. Die Galeristen an den Ständen drapieren die Preislisten und polieren Skulpturen. „Aber der Freeport ist eben nur für das Top-Segment an Kunst – ein 2000-Dollar-Werk wird dort keiner lagern.“ Wegen des Kunstmarkt-Booms nach der Finanzkrise sei vieles im Wert gestiegen, nun müsse man die Kunst sicher unterbringen. Die einen sperren Kunst weg, die anderen pochen darauf, dass der Wert eines Werks mit seiner Aura steigt – und dafür muss das Original sichtbar sein. Für Rudolf ist das die Kardinalfrage: „Ist es die Aufgabe des Sammlers, Kunst öffentlich zugänglich zu machen? Oder darf er tun, was er will?“ Er tendiert zur zweiten Meinung.

Ist es die Aufgabe des Sammlers, Kunst öffentlich zugängig zu machen?

Lorenzo Rudolf, Gründer der Messe Art Stage

Auch die Kuratorin Iola Lenzi schaut sich auf der Messe um. Die gebürtige Kanadierin mit dem Faible für auf­fälligen Schmuck hat sich auf südostasiatische Werke spezialisiert. „Kunst hat heute eine andere Funktion als vor 100 Jahren“, erläutert die Kunstwissenschaftlerin, „sie ist mehr Investment, nicht Ausdruck einer intellektuellen Welthaltung.“ Dass sie nicht viel von diesem Wandel hält, ist unüberhörbar. „Es ist mittlerweile schicker, über deine Lagerräume zu reden, als über die Kunst, die du besitzt“, spottet sie. Die Kulturmanagement-Professorin Joanne Roberts von der Universität Southampton, die vorwiegend über Luxus forscht, nennt einen anderen Ansatz: „Viele der Superreichen sind Selfmade-Millionäre, keine Erben“, sagt sie, diese empfänden Geld auf der Bank als langweilig. „Kunst zu sammeln ist hingegen kulturelles Kapital.“

Eine Ausprägung heutigen Reichtums nennen Soziologen stealth luxury, also „getarnten Luxus“, der nicht als solcher erkannt werden will. Kein Geprotze, sondern Dezenz. Dass der Besitz blickdicht lagert, passt dazu. Und die Einstellung zu Singapur. Die Stadt wirkt stets etwas zu künstlich, etwas zu bemüht. Es ist eine Stadt, in der es bis zum Herbst 2015 keine Nationalgalerie gab, keine Heimat für die prägenden Werke der eigenen Kunstgeschichte. Eine Stadt, in der man an einer bestimmten Kreuzung Typen im Kreativlook trifft, mit Hornbrille, gekrempelten Jeans und Plateau-Sneakern. Und in der die Galerien mit jungen lokalen und etablierten internationalen Künstlern 20 Taximinuten vom Zentrum entfernt in Ex-Militärhütten untergebracht sind, den Gillman Barracks.

Eine Lobby von Fine Art Logistics im Freeport

Eine Lobby von Fine Art Logistics im Freeport

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Gemälde des Künstlers Takashi Onishi auf der Art Stage

Gemälde des Künstlers Takashi Onishi auf der Art Stage

© Anne Gabriel-Jürgens
Ob die wilde Figur lacht oder verzweifelt, entscheidet jeder Betrachter selbst

Ob die wilde Figur lacht oder verzweifelt, entscheidet jeder Betrachter selbst

© Anne Gabriel-Jürgens
Gut abschließen, bitte: Christian Pauli, General Manager des Freeport-Mieters Fine Art Logistics, kennt das Flurlabyrinth und weiß, was sich hinter welcher Tür verbirgt

Gut abschließen, bitte: Christian Pauli, General Manager des Freeport-Mieters Fine Art Logistics, kennt das Flurlabyrinth und weiß, was sich hinter welcher Tür verbirgt

© Anne Gabriel-Jürgens

 „Weil wir Wertsachen aufbewahren, gelten wir als zwielichtig?“ Tony Reynard, Vorsitzender von Le Freeport Singapur, wirkt genervt. Der Franko-Schweizer ist ein drahtiger Typ, aber jetzt hängt er mit Jetlag in seinem ­Büro, die Müdigkeit im Gesicht. „Was genau hier lagert, weiß ich nicht, ich bin nur der Vermieter“, murmelt er. „Wir kontrollieren, dass es weder Diebesgut, Drogen oder Waffen sind.“ Er und Pauli betonen, der Freeport sei keine Festung, kein Fort Knox, man empfange ja Journalisten, sogar TV-Teams. Das mag Teil einer charmanten PR-Offensive sein, denn 2015 war ein hartes Jahr für den Freeport. Geldwäschevorwürfe gegen Yves Bouvier, den Inhaber der Betreiberfirma Natural Le Coultre, wurden laut. Ein russischer Kunde hatte ihn wegen Betrugs angezeigt. Bouvier wurde verhaftet, kam für 27 Millionen US-Dollar Kaution auf freien Fuß, per Gerichtsbeschluss wurde sein Vermögen eingefroren. Nicht gut fürs Geschäft, sagen Reynard, Pauli und Tan unisono, viele Kunden hätte die Geschichte irritiert. Wenn es um Sicherheit geht, noch dazu in einer Freihandelszone, wirken schon minimale Erschütterungen wie andernorts ein Erdbeben der Stärke acht. Aber, so behauptet das Trio: „Wir haben keinen Sammler verloren!“

Wir sind nur kurz die ­Begleiter dieser Kunst, sie wird uns alle überdauern

Eiichiro Sasaki, Leiter der Galerie UG

Reynard muss jetzt los, die US-Botschaft verleiht am Abend noch einen Kunstpreis. Dass seine Kunden ihr Geld nicht auf Zahlenkonten in der Schweiz bunkern, sondern als Luxusgüter in Übersee, wundert ihn nicht: „Ihr Glaube ans Finanzsystem hat sich geändert, nicht ihr Verhältnis zum Reichtum.“ Auf dem Weg nach draußen spricht er noch kurz mit Christian Pauli. Sie stehen vor Ron Arads verschlungener Riesenplastik. Das Werk fügt sich gut ein, schon wegen des Titels: „Käfige ohne Grenzen“. Es ist eine liegende Acht, übergroß. „Die Chinesen lieben das“, sagt Pauli, und die Spiegel glitzern über ihm, „es steht für unendlichen Reichtum.“


 

 

Ein Beitrag aus dem Vielflieger-Magazin Lufthansa Exclusive. Mehr zu den Miles & More Angeboten von Lufthansa erfahren Sie hier.