Uhren kann man zurückstellen, die Zeit aber nicht
© Christian Gralingen

Wie spät hätten wir’s denn gern?

  • TEXT MARC BIELEFELD
  • ILLUSTRATION CHRISTIAN GRALINGEN

Wenn in Berlin der Countdown ins neue Jahr beginnt, schläft in Auckland schon so mancher seinen Neujahrsrausch aus, und auf Hawaii wird der Sekt gerade erst kalt gestellt – zu Silvester zeigen sich Zeitzonen von ihrer kuriosen Seite. Doch wer hat das System eigentlich erfunden?

Reisen kann einem ganz schön auf den Zeiger gehen, und zwar buchstäblich. Es gibt diesen magischen Moment, da man nach der Ankunft in einem fernen Land zur Armbanduhr greift und an der kleinen Stellschraube dreht. Die Zeiger streichen über die Skala, fliegen über die Stunden und Minuten. Ein kleines Wunder: Wir sind in einer anderen Zeitzone gelandet – und müssen die Uhr umstellen. Man hat die Zeit dann förmlich in der Hand. Bekommt ein seltsames Gefühl für Distanzen, für die Größe und Dimension der Erde. Und spürt in diesem Moment, wo wir uns tatsächlich befinden: auf einem stetig durchs Weltall rotierenden Planeten, der die Sonne umkreist.

Wie lange hat der Flug gedauert? Neun Stunden? Zwölf? Vielleicht ist es draußen noch immer taghell. Oder auf einmal stockfinster? Der Mond scheint, vielleicht längst wieder die ­Sonne. Die Nacht verging im Fluge. Wie spät ist es gerade – hier und jetzt? Und was sagt eigentlich unsere innere Uhr dazu? Eine Reise durch die Zeitzonen kann uns ziemlich durcheinander­bringen. Wir gewinnen Zeit, verlieren Zeit. Müssen wachen, wenn wir schlafen wollen, sollen wegdämmern, obwohl wir doch gerade hellwach sind. Außerdem besitzt so eine Reise über die 360 Längengrade – 180 im Osten, 180 im Westen – auch etwas Magisches: Näher können wir dem Beamen vom Raumschiff Enter­prise nicht kommen.

Landen wir zum Beispiel in der HKT, gilt auf einmal UTC + 0800. Wie bitte? Nun, die Uhren ticken dann nach der „Hong Kong Time“; zur „Coordinated Universal Time“, der koordinierten Weltzeit, müssen acht Stunden addiert werden. Steigen wir hingegen auf Tahiti aus dem Flugzeug, müssen wir von der offiziellen Weltrichtzeit UTC zehn Stunden abziehen. Auf den Chatham-Inseln im Südpazifik wiederum ist es 12 Stunden und 45  Minuten später als in London, auf den Line Islands gar 14  Stunden.

Verwirrend? Und ob! Etwas aus dem Takt geraten wir allemal, fliegen uns die Stunden derart um die Ohren. Auch wenn uns das Phänomen der Zeitumstellung, nicht zuletzt durch den Jetlag, längst vertraut ist, bleibt eine Frage: Warum gibt es eigentlich Zeitzonen? Woher kommen sie? Wer hat sie erfunden?

Illustration der Zeitzonen von Christian Gralingen

Wem die Stunde schlägt? Jedem auf der Welt zu seiner Zeit

© Christian Gralingen

  Genau genommen ist die Sonne verantwortlich. Denn nur nach ihr richtete sich früher die Zeit. Als noch Sonnenuhren angaben, was die Stunde schlägt, herrschte an jedem Ort der Erde eine eigene Zeit. Mittag war, wenn die Sonne auf dem jeweiligen Längengrad ihren höchsten Stand erreicht hatte, also den Zenit. High Noon herrschte exakt dann, wenn die Sonne an einem Ort senkrecht einfiel – der Schatten, den die wandernde Sonne warf, war der Zeiger. Eine geniale Idee, simpel und verlässlich.

Allein: In jedem Ort, der nicht auf demselben Längengrad lag, schlug eine andere Stunde. Auch wenn diese Orte gar nicht weit auseinander lagen. Köln etwa liegt nahe dem siebten, Berlin nahe dem 13. Längengrad, München wiederum viel weiter westlich als Dresden – und überall erreicht die Sonne zu einem anderen Zeitpunkt ihren höchsten Punkt. In jedem Dorf auf einem anderen Längengrad herrschte eine andere Zeit. Genauer: die WOZ – die Wahre Ortszeit. So hingen in Köln am Bahnhof Schilder, die auswiesen: „Differenz der Ortszeit gegen Berlin 25 Minuten.“ Nach der Sonnenuhr war es in Köln nämlich früher als in Berlin.

Heute sind es das Internet und der globale Handel, die Zeit und Raum immer weiter verdichten

Lange Zeit war das ganz unproblematisch. Die Menschen bewegten sich langsam. Zu Fuß, zu Pferd oder mit der Kutsche, was machten da schon ein paar Minuten aus? Als Mitte des 19. Jahrhunderts die ersten Eisenbahnen fuhren, geriet man jedoch ins Schleudern: Hätte man sich nach den jeweiligen Ortszeiten gerichtet, wäre ein und derselbe Zug nach Berliner Zeit später losgefahren als nach der Kölner Anzeige. Und natürlich hätten die Kölner Uhren bei Ankunft desselben Zugs in Köln eine andere Zeit gezeigt als die in Berlin. Ein komplettes Chaos samt landesweitem Umrechnen im Minutentakt wäre die Folge gewesen. Man brauchte also einen einheitlichen Plan mit angeglichenen Abfahrts- und Ankunftszeiten. Darum wurden überregionale Standardzeiten festgelegt, die sich nach den Hauptstädten richteten. In ganz Preußen galt bald die Berliner Zeit, in Bayern die Münchner. In Amerika war man schon weiter, dort preschten die Lokomotiven über große Distanzen, von New York nach Kali­for­nien. Bereits 1883 hatte man Nordamerika darum in vier Zeitzonen eingeteilt, später wurden es fünf.

Eine Kuckucksuhr zeigt die Uhrzeit an

Zum Kuckuck mit der Differenz: Gleiche Zeit für alle?

© Christian Gralingen

  In den einzelnen Orten herrschte nun nicht mehr die jeweilige Sonnenuhrzeit, stattdessen dachte man raumgreifender, in größeren Zeitzonen. Das machte das Leben einfacher, koordinier- und planbar. Es war auch nötig, denn die Technik beschleunigte die Welt immer stärker. Auch die Telegrafie etwa verlangte nach Uhren, die synchron tickten, und dies bald auf der ganzen Welt. Auf der Washingtoner Internationalen Meridiankonferenz 1884 trafen sich Vertreter von 25 Nationen und legten schließlich den Greenwich-Längengrad fest, den Nullmeridian, der durch den Londoner Stadtteil Greenwich verläuft. Von ihm aus wandern die bis heute gültigen 24 Zeitzonen der Welt in 15-Grad-Schritten um den Globus, nach Westen und nach Osten – bis sie sich im Pazifik an der Datumsgrenze treffen. Man hatte nichts anderes getan, als die Zeit auf dem Planeten gröber einzuteilen, in eine übersichtliche Landkarte der Stunden. So konnte man sich nun wesentlich leichter verabreden.

Der wahre Lauf der Zeit jedoch vollzieht sich weiterhin in kosmischen Dimensionen, die sich wenig um menschliches Schubladendenken kümmern. Und wo ließe sich das besser erleben als im Flugzeug? Wenn wir gen Westen der Sonne hinterherfliegen oder nach Fernost vom Sonnenuntergang in die Nacht gleiten, fliegen wir regelrecht durch Tage und Nächte, losgelöst vom kleinlichen Minutentakt. Wir werden ein wenig wieder wie unsere Ahnen, die naturverbunden die Zeit maßen, in Sonnenaufgängen und Monden dachten.

Heute schmieden Experten schon die nächsten Pläne. Waren es Ende des 19. Jahrhunderts die Eisenbahnen, die den sonnenbedingten Ortszeiten das Ende bescherten, sind es heute das Internet, der globale Handel und der internationale Datenverkehr, die Zeit und Raum immer weiter verdichten. Und auch vernichten: Steve Hanke und Dick Henry, Professoren für Ökonomie an der Johns Hopkins University, behaupten darum, man benötige nun eine einzige Weltzeit, gültig ganz unabhängig vom Stand der Sonne.

Wäre es etwa in New York sieben Uhr morgens, stünden die Uhren auch in Frankfurt, Tokio und Honolulu auf sieben Uhr morgens. Über dem Pazifik, dem Atlantik, in der Arktis: Überall würden die Uhren die gleiche Zeit vermelden. Verrückt? Ja und nein – und letztlich nur eine weitere Vereinheitlichung unseres Zeitdenkens. Niemand brauchte mehr seine Uhr umzustellen. Es gäbe einen einzigen zeitlichen Fixpunkt für den weltweiten Datenverkehr, für die Wirtschaft, für alles.

Im All funktioniert die Zeit noch ganz anders

Zu den Sternen: Im All tickt's noch ganz anders

© Christian Gralingen

Die meisten Menschen auf dem Planeten jedoch müssten ihre kulturellen Zeitgewohnheiten über den Haufen werfen, sich an eine andere Lesart der Zeit gewöhnen. Während die Bewohner New Yorks (sowie alle auf demselben Längengrad) weiterhin um sieben Uhr mit dem beginnenden Tag aufstehen und frühstücken könnten, müssten andere um sieben Uhr ihre Mittagspause einlegen, andernorts würde man um sieben Uhr zu Bett gehen. Die Uhrzeit würde nichts mehr über alltägliche Situationen aussagen – von der Sonne, von Tag und Nacht wäre sie endgültig abgekoppelt. Wäre das effektiv? Vielleicht.

Aber schön? Man stelle sich nur vor: Um Mitternacht an Silvester würde die gesamte Menschheit auf einmal die Korken knallen lassen – doch vielerorts stünde die Sonne noch immer hoch am Himmel. Kein nächtliches Feuerwerk könnte dort mehr leuchten, viele müssten direkt nach dem Aufstehen aufs neue Jahr anstoßen: Sekt statt Zähneputzen. Die Sonne interessiert das alles herzlich wenig, ganz gemäß einem indischen Sprichwort, das die Verhältnisse zurechtrückt: „Die Menschen sagen, dass die Zeit vergeht. Die Zeit sagt, dass die Menschen vergehen.“


Die wichtigsten Kürzel der Zeit

Kleine orangefarbene Uhr

WOZ

Wahre Ortszeit. Orientiert sich ausschließlich nach dem tatsächlichen örtlichen Sonnenstand.

Kleine grüne Uhr

GMT

Greenwich Mean Time. Richtet sich nach dem Sonnenstand auf dem Nullmeridian, der durch den Londoner Stadtteil Greenwich führt.

Kleine schwarze Uhr

UTC

Coordinated Universal Time. 1972 eingeführte koordinierte Weltzeit, ausgehend vom Nullmeri­dian als Referenz. Entspricht der GMT.

Kleine blaue Uhr

MEZ

Mitteleuropäische Zeit. Gesetzlich gültige Uhrzeit für Mitteleuropa und Teile Afrikas.


Unser Autor fliegt gern durch die Zeit, am liebsten durch die Nacht nach Osten – da geht die Sonne im Rücken unter und bald vor der Nase wieder auf. Für uns hat er die Geschichte der Zeitzonen aufgeschrieben.