Konkurrenz innerhalb der Familie: Carsten Olsen und Tochter Anna wollen ins All – die Rakete bietet aber nur Platz für eine(n) von ihnen © Uffe Weng
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Dänen im Höhenrausch

  • TEXT BERND HAUSER
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In Kopenhagen liefern sich ein Verein und ein Ein-Mann-Unternehmen ein „Space Race“: Beide wollen eine bemannte Rakete 100 Kilometer hoch ins All schießen. Es wäre der erste Do-it-yourself-Raumflug der Geschichte.

Ein paar wertvolle Reliquien stehen in Carsten Olsens Wohnzimmervitrine. Ein winziges Stück einer Unterlegscheibe zum Beispiel. Es stammt von der Wostok, dem Raumschiff, mit dem Juri Gagarin 1961 als erster Mensch ins Weltall flog. Dafür hat Olsen, 41, Leiter eines Kinderhorts in Kopenhagen, auf einer Auktion 700 Euro bezahlt. Wenn er Spaghetti Bolognese kocht, sagt er zu seinen Kindern: „Die Leibspeise von Alan Bean, Apollo 12! Der erste Mensch, der auf dem Mond Pasta aß!“ Dann verdreht der 14-jährige Mikkel die Augen. Olsens Sohn interessiert sich nur für Fußball und Mädchen. „Schade“, sagt der Vater. Doch bei Anna, 17, hat die Erziehung gefruchtet. Vielleicht sogar zu sehr, überlegt er. Denn seine Tochter ist zur Konkurrentin geworden. Beide wollen dorthin, wo noch nie ein Däne war: ins Weltall. Aber in ihrer Rakete ist nur Platz für einen Astronauten.

Auf dem Gelände einer ehemaligen Werft am Rand von Kopenhagen basteln Vater und Tochter mit vier Dutzend anderen Helfern an ihrem Raumfahrtprogramm. Zweck des Vereins „Copenhagen Suborbitals“ ist es, den ersten bemannten Do-it-yourself-Raumflug zu realisieren. Eine selbst gebaute Rakete soll auf 100 Kilometer Höhe steigen, die Kapsel danach mit dem Astronauten – von Fallschirmen gebremst – sicher auf die Erde zurückkehren. Zahlreiche Testraketen flogen bereits von der schwimmenden Abschussrampe auf der Ostsee in den Himmel, die 4,5 Meter lange Sapphire mit einer Geschwindigkeit von 1239 km/h sogar bis auf 8,3 Kilometer Höhe. „Ein Riesenerfolg!“, jubelte Ingeniøren, eine dänische technische Wochenzeitung. Wie an einer Lotschnur stieg die Sapphire senkrecht auf. Ein Programmierer unter den Vereinsmitgliedern hatte in monatelanger Arbeit eine Software geschrieben, die den Kurs der Rakete 500-mal pro Sekunde überprüfte und korrigierte. Das Wissen kommt von den Ingenieuren unter den Mitgliedern, das Material aus dem Baumarkt. Korkplatten etwa, als Hitzeschutz für die Kapsel. Doch so groß der Kreis der Mitstreiter auch ist, für den Sitz im Cockpit gibt es nur zwei Interessenten: Carsten Olsen und seine Tochter Anna.

Raketen sind mythisch und schön in ihrer titanischen Kraft. Deshalb baue ich sie

Peter Madsen, 43, Ingenieur

Eigentlich war Peter Madsen, der Gründer von „Copen­hagen Suborbitals“, für den Jungfernflug vorgesehen. Laut der Biografie „Raket-Madsen“, die der Technikjournalist Thomas Djursing kürzlich veröffentlicht hat, passt die persönliche Habe des 43-Jährigen in zwei Einkaufstüten. Jahrelang schlief Madsen auf einer Matratze unter seiner Werkbank, bis er seine Frau Sirid kennenlernte und mit ihr auf ein kleines Boot unweit der Raketenwerkstatt zog. Das Maschinenbaustudium brach er ab, Karriere wollte er nie machen, sondern immer nur hoch hinaus – oder tief hinab: Zeit seines Lebens baute er Raketen und U-Boote. Seine fast 18 Meter lange, 40 Tonnen schwere UC3 Nautilus, entstanden in dreijähriger Arbeit mit ­einem Spendenbudget von 200 000 Euro, ist das größte privat gebaute Unterwasserfahrzeug der Welt. Doch Erfinder will er nicht genannt werden: „Erfinder wollen ein Produkt entwickeln, um es auf den Markt zu bringen“, sagt er. Ihm gehe es aber nie um Geld. Ob U-Boote oder Raketen, „sie sind mythisch und schön in ihrer titanischen Kraft – deshalb baue ich sie“.

Dr. Jonas Bækby Bjarnø entwickelt einen neuen Motor ... © Uffe Weng

Dr. Jonas Bækby Bjarnø entwickelt einen neuen Motor ...

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... für die Vereinsrakete © Uffe Weng

... für die Vereinsrakete

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CPH

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 Ein Traum, den viele Männer verstehen. Als er bloggt, dass er für die Offshore-Raketenversuche auf der Ostsee ­einen alten deutschen Seenotkreuzer kaufen wolle, kommt die Kaufsumme von 40 000 Euro binnen weniger Tage über Online-Spenden zusammen. Wenn er von Unternehmen wie Novo Nordisk, IBM oder SAP eingeladen wird, die sich Inspiration von dem Freigeist erhoffen, honorieren sie einen Vortrag mit bis zu 4500 Euro: „Was die Menschen antörnt, ist die Poesie meiner absurden Mission.“ Madsen kann das Geld gut gebrauchen. Er benötigt Material und neue Maschinen. Denn seit dem Sommer 2014 ist der Gründer kein Mitglied von „Copenhagen Suborbitals“ mehr. Die ehemaligen Vereinskameraden nahmen das gesamte Werkzeug mit und zogen in eine andere Halle, die etwa 100 Meter weiter liegt.

Wie kam es zum Zerwürfnis mit dem Mann, der Dutzende Raumfahrtverrückte für seine Idee und Abertausende Stunden freiwilliger Arbeit begeisterte? Madsen sagt, die anderen hätten zu viel geredet und zu wenig getan. Die Vereinsmitglieder sagen, Madsen sei selbstgerecht und egozentrisch, er wolle alles selbst bestimmen. Die Dänen sind ein tolerantes Volk, aber auf Starallüren reagieren sie allergisch. Vielleicht wurmte es manchen Elektronik- oder Softwarespezialisten im Verein auch, dass Madsen den ganzen Ruhm abbekam, dass er nach Kuala Lumpur flog, um dort den „Breitling Milestone Award“ des internationalen Luftsportverbands FAI entgegenzunehmen. Nun kommt es zu einem erbitterten Wettlauf ins All zwischen „Copenhagen Suborbitals“ und der „Raketen-Mad­sens Raumlaboratorium GmbH“.

Peter Madsen will zurück zu seinen Wurzeln und setzt auf einen einfachen Motor: Er plant den Einsatz von Wasserstoffperoxid, das schon die Messerschmitt AG als „T-Stoff“ Anfang der 1940er Jahre für ihre ersten Düsenjäger benutzte. Der starke Oxidator soll über Spezialhartgummi geleitet werden, auf dass nach der Zündung im Brennraum die Hölle losbricht. Aber wie kommt Madsen aus 100 Kilometer Höhe heil zurück? „Die Druck- und Sicherheitsprobleme bei der Kapsel sind ähnlich wie in einem U-Boot, das kriegen wir hin“, sagt er. Ein Dutzend freiwilliger Helfer strömte nach der Unternehmensgründung zu ihm, sein neuer Förderverein hat bereits 129 Mitglieder, einige neue Investoren gibt es auch.

Ab 2018 könnte „Raketen-Madsen“ auf seinem T-Stoff-Gummigeschoss ins All rauschen © Uffe Weng

Ab 2018 könnte „Raketen-Madsen“ auf seinem T-Stoff-Gummigeschoss ins All rauschen

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 Die Konkurrenz verfolgt dagegen künftig einen akademischeren Zugang: zuerst denken und zeichnen, dann bauen. Unter Madsens Ägide, heißt es, sei die Reihenfolge eher umgekehrt gewesen. Dr. Jonas Bækby Bjarnø, 33, hat einen neuen Motor entworfen. Im Brotberuf entwickelt er Navigationstechnologie für die Nasa und die Esa, aber er hält auch Vorlesungen über Raketenbau. Sein Motor wird mit Ethanol und Flüssig­sauerstoff angetrieben, ein „Injektor“, der aussieht wie ein großer Duschkopf, sorgt für möglichst effiziente Verbrennung.

Im Sommer soll der Testmotor in eine 4,5-Meter-Rakete eingebaut werden und seine Tauglichkeit unter Beweis stellen. Geplant ist der Bau eines dreimal größeren Motors, der Spica antreiben wird, die geplante, 13 Meter hohe Rakete – in deren Spitze der Astronaut bei einem Kapseldurchmesser von 95 Zentimetern eher gekrümmt stehen als ­sitzen wird. Vier Tonnen wird Spica voraussichtlich wiegen, ­davon entfallen zweieinhalb Tonnen auf den Treibstoff. Innerhalb von 90 Sekunden soll die Maximalgeschwindigkeit von 3600 km/h erreicht sein – und nach 190 Sekunden die Kármán-Linie auf 100 Kilometer Höhe. Sie gilt als Grenze zwischen Erdatmosphäre und Weltraum. Im nächsten Jahr soll Spica erstmals abheben, dann noch mit einem Dummy an Bord. Nach einigen Testflügen, in denen Sicherheitssysteme wie die Fallschirme ausprobiert werden, könnte 2020 ein Mensch in der Kapsel Platz nehmen.

Der Pädagoge und Astronautenanwärter Carsten Olsen hofft, dass die Kollegen Ingenieure alle Probleme zügig lösen. Nicht nur, weil Konkurrent Madsen auf seinem T-Stoff-Gummigeschoss bereits „2018 oder 2019“ in den Himmel rauschen will. Olsen denkt vor allem daran, dass seine Tochter nach dem Gymnasium plant, Ärztin zu werden und sich auf Raumfahrtmedizin zu spezialisieren. „Das wäre sicher ein Plus für sie bei der Frage, wer Astronaut werden darf“, überlegt er, „die Zeit arbeitet für Anna und gegen mich.“