Kurze Strecken, langer Lauf

Airbus A321-100/200

  • TEXT SASCHA BORRÉE

Alles reine Routine? 167-mal fliegt die Lufthansa Passagiermaschine Sierra Echo binnen eines Monats quer durch Deutschland und Europa. Immer wieder werden Wartungsarbeiten erledigt oder Einsatzpläne in letzter Minute angepasst. Das Lufthansa Magazin war einen Monat lang mit an Bord – und blickte hinter die Kulissen eines logistischen Meisterstücks

Bis kurz vor der Landung läuft alles nach Plan an Bord des Lufthansa Airbus A321. Schon am frühen Morgen war die Maschine mit 95 Passagieren von Frankfurt nach München geflogen, jetzt kehrt sie zurück. Kapitän Ralf Lehner hat die Reiseflughöhe verlassen und steuert die Landebahn 25R an, als ein gelbes Warnlicht im Cockpit aufleuchtet. Ein Display liefert weitere Informationen: An der Pneumatik von Triebwerk 1, die normalerweise die Enteisungs- und Klimaanlage mit Luft versorgt, ist eine Störung aufgetreten. Kapitän Lehner informiert sofort das Maintenance Control Center in Frankfurt.

Für ihn hat sich der Fall damit erledigt. Die Pneumatik ist dreifach eingebaut, nur zwei der Anlagen werden gleichzeitig benötigt. Auf den aktuellen Flug hat der Ausfall also keine Auswirkungen. Die Maschine mit der Kennung D-AISE, nach den letzten beiden Buchstaben und gemäß Fliegeralphabet kurz Sierra Echo genannt, landet um 10.10 Uhr, alle Passagiere kommen sicher und pünktlich in Frankfurt an. Dieses Szenario ist der Regelfall bei Lufthansa: Hinter den Kulissen sorgt ein komplexes, flexibles und für den Fluggast unsichtbares System dafür, dass täglich mehr als 1100 Flüge sowie zahlreiche Wartungsarbeiten geschickt miteinander verzahnt werden – und der Flugbetrieb selbst bei unvorhergesehenen Ereignissen reibungslos weiterläuft.

Wie gelingt diese logistische Meisterleistung? Was passiert im Lauf eines Monats mit den Flugzeugen? Und wie wird die Pneumatik während des Flugbetriebs repariert? Schon für 12.05 Uhr ist die Sierra Echo für ihren nächsten Trip nach Venedig vorgesehen. Auch dieser Flug wird pünktlich an sein Ziel kommen, dank eines ebenso aufwendigen wie ausgetüftelten Verfahrens, das im Frankfurter Global Operations Control Center (GOCC) sowie im Münchener Hub Operations Center (HOC) gesteuert wird. „Bei uns läuft alles zusammen“, sagt der Frankfurter Flugzeugeinsatzsteuerer Rainer Rehwinkel.

In der Einsatzzentrale steuern die Mitarbeiter im Schichtdienst die gesamte Lufthansa Passage Flotte

In der Einsatzzentrale steuern die Mitarbeiter im Schichtdienst die gesamte Lufthansa Passage Flotte

© Deutsche Lufthansa AG
Das Flugzeug hat die Kennung D-AISE und wird daher nach den letzten beiden Buchstaben Sierra Echo genannt

Das Flugzeug hat die Kennung D-AISE und wird daher nach den letzten beiden Buchstaben Sierra Echo genannt

© Deutsche Lufthansa AG

Sein Schreibtisch erinnert an den Arbeitsplatz eines Aktienhändlers. Mehrere Flachbildschirme zeigen ein buntes Mosaik aus grünen, blauen und orangefarbenen Rechtecken: die Einsatzplanung für über 280 Maschinen. Rehwinkel und seine Kollegen in GOCC und HOC steuern die gesamte Flotte von Lufthansa Passage. Sie sorgen dafür, dass Tag für Tag weltweit rund 2 Millionen Flugkilometer zurückgelegt und mehr als 160 000 Fluggäste befördert werden können. „Die Pläne entstehen teilweise schon Wochen im Voraus“, sagt Rehwinkel, „aber vieles ist nicht fix und kann verändert werden, bis zur letzten Minute.“

So gelingt es dem Team, selbst das Ungewisse planbar zu machen – wie es mit der Sierra Echo unter Beweis stellt: „Wir warten erst mal ab, ob die Pneumatik direkt am Gate wieder zum Laufen gebracht werden kann“, sagt Rehwinkel gelassen, „das wäre die beste und schnellste Lösung, zwei Techniker sind schon unterwegs.“ Doch anders als auf dem Parkett der Frankfurter Börse ist die Stimmung im GOCC entspannt. Keine schnellen Schritte, man unterhält sich in gedämpftem Ton. Nach wenigen Minuten klingelt das Telefon, Rehwinkel nimmt ab, hört konzentriert zu. „Die Sache dauert doch etwas länger“, sagt er, „wir melden die Sierra Echo vom Flugbetrieb ab.“

167 Flüge in nur einem Monat

Ein paar Klicks mit der linken Maustaste, mehr braucht es nicht, damit auf dem Vorfeld tonnenschwere Maschinen in Bewegung gesetzt werden: Ein Ersatzflugzeug wird zum Gate gebracht; Lufthansa hält ständig eine Reserve bereit. Zeitgleich zieht ein Schlepper die Sierra Echo in die Halle 5 von Lufthansa Technik in Frankfurt. Das Gebäude ist gigantisch, bis zu 14 Flugzeuge haben hier Platz. Zwei Techniker checken die Pneumatik des Fliegers gründlich durch – und finden den Fehler: Es ist nur ein Thermostat, das ersetzt werden muss, ansonsten ist die Anlage in Ordnung. Um 18 Uhr wird die Maschine wieder zum Flugbetrieb angemeldet und gegen 18.30 Uhr ihrem nächsten Einsatz zugeteilt: Die Sierra Echo ersetzt ein Flugzeug, das ursprünglich nach Athen fliegen sollte, wegen eines defekten Sitzgurts im Cockpit aber zunächst am Boden bleiben muss.

Von A wie Athen bis Z wie Zürich – das ist Alltag auf der Kurz- und Mittelstrecke. Insgesamt 163 000 Kilometer legt die Sierra Echo während dieses Monats zurück, auf 167 Flügen befördert sie insgesamt 23 263 Passagiere. Wenn sie vorwiegend Mittelstrecke fliegt, schafft die Maschine mindestens vier Flüge pro Tag. So wie am 7. April: von Barcelona nach Frankfurt, weiter nach Berlin, zurück nach Frankfurt und von dort nach Sankt Petersburg. An Tagen mit mehr Einsätzen auf der Kurzstrecke sind bis zu acht Flüge möglich, etwa am 11. April: von Berlin nach Frankfurt, dann Venedig, wieder Frankfurt, noch zweimal von Frankfurt nach Berlin und zurück, schließlich am späten Abend nach Hamburg.

Mechaniker arbeiten an dem Triebwerk des Airbus

Mechaniker arbeiten an dem Triebwerk des Airbus

© Deutsche Lufthansa AG

Wie jedes Flugzeug bei Lufthansa wird die Sierra Echo regelmäßigen Checks unterzogen: Spätestens nach 48 Stunden machen Techniker einen kurzen Ramp-Check, wöchentlich einen gründlichen S-Check, noch umfassender sind die vorgeschriebenen Checks mit größeren technischen Überholungen. Damit die Maschinen möglichst viel fliegen können, werden sie in der Regel während der nächtlichen Standzeiten gewartet. Kleinere Defekte beheben Techniker gleich vor Ort: eine defekte Kaffeemaschine, ein kaputter Klapptisch, ein beschädigter Reifen. Nach solchen Reparaturen kann die Sierra Echo am nächsten Morgen planmäßig abheben.

Am 16. April wird die Maschine erneut vom Flugbetrieb abgemeldet: Das linke Triebwerk soll ausgewechselt werden. Eine Routine-Aktion, die spätestens nach 20 000 Flügen fällig ist, meist aber früher durchgeführt wird. Weil einzelne Bauteile verschleißen oder weil die Turbine mehr Kerosin als üblich verbraucht. Gegen sieben Uhr trifft die Maschine in der Frankfurter Flugzeughalle 6 ein. Heute wirkt das Gebäude fast leer, nur zwei weitere Maschinen stehen an diesem Morgen hier.

Ready for Takeoff – nach 50 Minuten

Zwei Techniker öffnen mit geübten Handgriffen die Cowling, die Verkleidung des Triebwerks. Anschließend trennen sie Rohr-, Schlauch- und Kabelverbindungen zur Maschine. Sie demontieren einige Teile, die am neuen Triebwerk weiterverwendet werden sollen, dann kommt der entscheidende Arbeitsschritt: Mit einem Schwebekran, der in 20 Meter Höhe an Schienen durch die Halle fährt, heben sie das mehr als zwei Tonnen schwere Gerät präzise aus. Nur wenige Millimeter Abweichung würden genügen, um Triebwerk oder Flugzeug zu beschädigen. „Sieht zwar spektakulär aus“, sagt Teamleiter Horst Wilhelm, „ist aber reine Routine, das machen wir alle paar Wochen.“

Nachdem das neue Triebwerk eingesetzt und angeschlossen wurde, folgen einige gründliche Tests. Die Sierra Echo ist startklar. Am nächsten Tag fliegt sie wie geplant um 13.35 Uhr nach Lissabon. Der Rest des Monats verläuft ohne nennenswerte Ereignisse, erst am frühen Morgen des 30. April muss bei einem Stopp in Rom noch einmal am Triebwerk gearbeitet werden. Doch diesmal geht alles ganz schnell: Nach 50 Minuten ist die Sierra Echo wieder Ready for Takeoff – und bereit für den nächsten Umlauf im Dienst der Lufthansa Flotte.