Pädagogisch wertvoll

Boeing 737-500

  • TEXT TIM CAPPELMANN
  • FOTOS JENS GÖRLICH

An einem eigenen Flieger lernen die Azubis der Lufthansa Technik von der Pike auf, wie eine Maschine gewartet wird. Bei einem 30-Tage-Check an der Boeing 737 hat das Lufthansa Magazin den Lehrlingen über die Schulter geschaut

Bevor die Hilfsturbine am Heck hochgefahren werden kann, wird der Flieger aufs Vorfeld geschleppt – die Azubis weisen den Weg

Bevor die Hilfsturbine am Heck hochgefahren werden kann, wird der Flieger aufs Vorfeld geschleppt – die Azubis weisen den Weg

© Jens Görlich

 Vorfeld am Frankfurter Airport, morgens um sieben. Zwei Azubis stehen am Rumpf einer Boeing 737-500 und beobachten eine Glühbirne. Vor ihnen brummt ein Dieselgenerator, der den Flieger mit Strom versorgt – „Power. Anytime. Anywhere“ steht auf dem Kasten auf Rädern. Im Cockpit sitzen Sebastian Kraus und sein Kollege Christian Lühring, ebenfalls Auszubildende. „Hier fühlt man sich schon mal wie ein kleiner Pilot“, sagt Lühring und grinst. Obwohl die zwei wohl nie selbst abheben werden: Nach ihrer Ausbildung tragen sie aber als Fluggerätmechaniker einen wichtigen Teil dazu bei, dass technisch zuverlässige Maschinen sicher fliegen. Ihr Handwerk lernen sie auch hier oben, in der Pilotenkanzel. Auf dem linken Kapitänssitz legt Kraus einen Schalter um. „Emergency lights on“, spricht er in sein Funkgerät. Draußen am Flieger: Kein Licht. Kurzes Schweigen. Der Listenpreis für das flugtaugliche Lämpchen mit Gehäuse beträgt 1648 Dollar, es sieht aus wie ein 10-Euro-Teil aus dem Baumarkt. Die Fehlersuche beginnt: Flink schrauben die jungen Männer am Rumpf die Halterung auf, schließen ein Messgerät an die Kontakte. Der Zeiger schlägt aus, Strom ist also da. „Das Ganze wird günstiger“, sagt einer der Jungs. Nachdem sie die Birne ausgewechselt haben, kann die Gruppe einen Haken auf ihrer Checkliste setzen: Alle Lichter am Flugzeug leuchten wieder.

Die Wartungsarbeit gehört zu einem regelmäßigen „30-Tage-Check“ der Boeing 737, der für die Ausbildung komprimiert an drei Kalendertagen erledigt wird. Und der alles andere als Alltag ist: Das Flugzeug kam als Weihnachtsgeschenk, rechtzeitig am 23. Dezember 2011 landete die Maschine in Frankfurt, eingekauft von Lufthansa Technik für ihre Ausbildungstochter Lufthansa Technical Training (LTT). „Uns so ein Flugzeug für die Lehre zu überlassen zeigt den hohen Qualitätsanspruch und ist ein Alleinstellungsmerkmal unseres Betriebs“, sagt Martin Brandes, Ausbildungsleiter bei LTT in Frankfurt. Ein Team von Trainern stellte in monatelanger Arbeit ein neues Lehrprogramm zusammen, seit Sommer 2012 dürfen sich nun Azubis an der Boeing erproben. Alle sind angehende Fluggerätmechaniker für Instandhaltung und Elektroniker, zwischen 18 und 20 Jahre alt, am Ende ihres zweiten Lehrjahres.

Fliegendes Klassenzimmer: Am neuen Schulungsflugzeug lernen die Auszubildenden ihr Handwerk. Die Boeing 737-500 wird so gewartet, dass sie jederzeit abheben könnte

Fliegendes Klassenzimmer: Am neuen Schulungsflugzeug lernen die Auszubildenden ihr Handwerk. Die Boeing 737-500 wird so gewartet, dass sie jederzeit abheben könnte

© Jens Görlich
Briefing in der Kabine: Ausbilder Matthias Knapp bespricht mit seinen Azubis die Aufgaben für den Tag

Briefing in der Kabine: Ausbilder Matthias Knapp bespricht mit seinen Azubis die Aufgaben für den Tag

© Jens Görlich
Zündung: Um die Triebwerke zu starten, müssen sie erst geöffnet werden. Den Schlüssel dafür haben die Ausbilder

Zündung: Um die Triebwerke zu starten, müssen sie erst geöffnet werden. Den Schlüssel dafür haben die Ausbilder

© Jens Görlich
Arbeitsplatz Cockpit: Die Azubis müssen während des 30-Tage-Checks auch alle Systeme in der Pilotenkanzel hochfahren. Auf dem linken Kapitänssitz steht Sebastian Kraus in Funkkontakt mit seinen Kollegen draußen am Flieger. Sie überprüfen, ob Signallampen, ­Ruder und Klappen funktionieren

Arbeitsplatz Cockpit: Die Azubis müssen während des 30-Tage-Checks auch alle Systeme in der Pilotenkanzel hochfahren. Auf dem linken Kapitänssitz steht Sebastian Kraus in Funkkontakt mit seinen Kollegen draußen am Flieger. Sie überprüfen, ob Signallampen, ­Ruder und Klappen funktionieren

© Jens Görlich
Zwei Azubis überprüfen am Heck der Boeing die Hilfsturbine (APU)

Zwei Azubis überprüfen am Heck der Boeing die Hilfsturbine (APU)

© Jens Görlich
Druck bei 1200 psi? Ausbilder Matthias Lück überprüft mit den Azubis Timo Lemmer und Sebastian Kraus (von links), ob die Stickstoffmenge in der Federbeingrundfüllung des linken Fahrwerks stimmt

Druck bei 1200 psi? Ausbilder Matthias Lück überprüft mit den Azubis Timo Lemmer und Sebastian Kraus (von links), ob die Stickstoffmenge in der Federbeingrundfüllung des linken Fahrwerks stimmt

© Jens Görlich
Sicherheit geht vor: Einige Schalter für Flugsysteme sollten keinesfalls versehentlich betätigt werden – das rote Warnschild hilft

Sicherheit geht vor: Einige Schalter für Flugsysteme sollten keinesfalls versehentlich betätigt werden – das rote Warnschild hilft

© Jens Görlich

 „Die Verzahnung zwischen Theorie und Praxis geht kaum besser“, erklärt Brandes den großen Vorteil des neuen Schulungsfliegers. 42 172 Flugstunden hat die Boeing bereits auf dem Buckel. Jetzt wird sie von den Lehrlingen so gewartet,dass sie jederzeit wieder für die Kranich-Linie abheben könnte. Bislang konnte vieles nur in der Theorie, an einzelnen Bauteilen oder im laufenden Flugbetrieb unter hohem Zeitdruck vermittelt werden – ohne Raum für Fehler. Nun lernen die Azubis alle Abläufe und Reparaturen ebenso intensiv, können sie aber wiederholen, unter individueller Anleitung ihrer Ausbilder.

„Es ist schon besonders, einen eigenen Flieger zu haben“, sagt Philipp Müller, einer der sechs, die heute hier arbeiten, „mir macht die Arbeit mehr Spaß.“ Auf dem Programm der Schicht: die Maschine aufs Vorfeld schleppen, die Hilfsturbine am Heck hochfahren, im Cockpit alle Systeme starten, am Triebwerk schrauben, die Hydraulik checken, Seiten- und Höhenruder steuern. In Zweier-Teams verteilen sich die jungen Männer an der Maschine. Ihre Ausbilder schauen genau zu. Sie bringen ihren Schützlingen bei, nicht nur ihren Augen und Instrumenten zu vertrauen, sondern auch auf den Geruch zu achten, lose sitzende Schellen zu ertasten, austretende Luft zu erspüren.

Schritt für Schritt arbeiten sie ihre Checklisten ab, nehmen alles unter die Lupe und dokumentieren die Vorgänge. Sie überprüfen die Landeklappen und Batterien, schmieren bewegliche Teile, pumpen die Reifen mit nicht brennbarem Stickstoff auf. Wie im echten Leben? „Ja, fast“, sagt Azubi Müller, „aber die Verantwortung ist nicht so groß wie in der Halle unter echten Bedingungen, das macht es stressfreier.“ Sein Ausbilder Matthias Knapp fügt hinzu: „Die Azubis können sich Fehler erlauben, die in der Werft richtig viel Geld kosten.“ Am Anfang seien alle etwas nervös gewesen, nicht sicher, wie die Umstellung funktioniert. Die Verantwortung ist groß. „Mit einem falschen Handgriff legen die mir am Ende den Flieger in Schutt und Asche!“, ruft Knapp in die Runde und grinst. Seine Azubis grinsen zurück. Mittlerweile hat er ein richtig gutes Gefühl. „Das Vertrauen ist da, alle arbeiten sehr selbstständig. Manche muss man etwas bremsen, andere ermutigen, das ist charakterabhängig“, erklärt er, „wir sind sehr zufrieden.“