Fliegender Kult

Boeing 747-400

  • TEXT MARC BIELEFELD

Filmstar, Mythos, Sammlerschatz – kaum ein Flugzeug wird so verehrt wie die Boeing 747. Sie hat Geschichte geschrieben, Hollywood inspiriert und Fans auf der ganzen Welt verzaubert

Boeing 747-8 Fliegender Kult Modellflugzeug

Hobbybastler Arnold "Noldi" Meier hat in 17 Jahren und rund 4600 Arbeitsstunden sein persönliches 747-Modell gebaut

© Arnold Meier

Eine Wiese bei Bassersdorf in der Schweiz, Kanton Zürich. Es ist ein Septembertag, nur leichte Winde wehen. „Heute ist es so weit“, entscheidet Arnold „Noldi“ Meier und fährt mit seinem Kombi vor. Drei Männer hieven ein Modellflugzeug aus dem Laderaum. Zum Vorschein kommt ein Jumbo-Jet, eine Boeing 747-400, frisch lackiert, technisch ausgereift. Auch die Schubleistungstests hat der Flieger bereits hinter sich. Das ferngesteuerte Flugzeug wiegt knapp 25 Kilogramm, hat mehr als drei Meter Spannweite und kann im Horizontalflug 120 Stundenkilometer schnell fliegen. Ein erfahrener Jetpilot ist nötig, um die Maschine starten zu lassen; der Erbauer und Eigner selbst bringt es nicht fertig. „Für den Erstflug hatte ich zu wenig oder zu viel Nerven“, sagt Meier. Man kann das verstehen: Tausende Euro sind in das Flugzeug geflossen, Tausende Stunden an Arbeit, 17 Jahre hat Meier an dem Jumbo getüftelt.

Mit viel Gedröhne hebt die Maschine schließlich ab. In der Luft ist sie von ihrem großen Vorbild bald kaum noch zu unterscheiden. Dass Meier für sein Mammutprojekt ausgerechnet eine 747 erkor, hat einen speziellen Grund: „Am Flughafen Zürich faszinierten mich immer wieder die Landeanflüge, die majestätischen Bewegungen der Jumbos auf den Rollwegen, die Starts dieser Riesen.“ Die 747 hat etwas Besonderes, das gewisse Extra. Sie ist nicht nur ein Flugzeug. Der markante Buckel, die Schnauze mit dem hohen Cockpit und der tiefen Nase. Zudem hat dieses Modell Geschichte geschrieben, hat mehr Menschen befördert als jedes andere Flugzeug. Die 747 ist Kult. Eine fliegende Majestät mit Charakter. Und das einzige Flugzeug, das weltweit mit Namen angesprochen wird. Ein Name, der zum Synonym für Größe und Anmut geworden ist: Gestatten, Jumbo.

An diesen Flügeln hängt so mancher harte Kerl: Bruce Willis kämpft als John McClane im Actionfilm „Stirb langsam 2“ auf der Tragfläche einer Boeing 747 gegen Bösewichte

An diesen Flügeln hängt so mancher harte Kerl: Bruce Willis kämpft als John McClane im Actionfilm „Stirb langsam 2“ auf der Tragfläche einer Boeing 747 gegen Bösewichte

© United Archives/imago

 Im Internet findet man leicht Hunderte Fanclubs, zigtausendfach steht der Jumbo-Jet als Modell in Kinderzimmern, als aufblasbares Gummiflugzeug treibt er durch Swimmingpools. In Hollywood wurde kein anderes Flugzeug so oft zum Star. Die 747 rauschte in dem Blockbuster „Air Force One“ mit Harrison Ford über die Leinwand sowie in den legendären Filmen der „Airport“-Serie. In „Stirb langsam 2“ turnt Bruce Willis auf einer Tragfläche herum und rettet Leben – natürlich gehört der imposante Flügel einer 747. Die Rockgruppe Genesis, bekannt für opulente Bühnenshows, nutzte bei einem ihrer Konzerte sogar zwei Reihen gleißend heller 747-Landescheinwerfer, um sich ins rechte Licht zu rücken. In den siebziger Jahren sollen es die hellsten Strahler gewesen sein, die es bis dato gab. Mittlerweile ist der Jumbo zum Symbol einer optimistischen Moderne geworden, zum globalen und universalen Sympathieträger. In zahlreichen Museen ist er in voller Größe ausgestellt, eine Metapher aus Aluminium, die für eine ganze Ära steht. Für Fortschritt, stilvolles Reisen und weltweite Verbindung.

Am Flughafen Arlanda in Stockholm dient einer der ausgemusterten Riesen als Hotel: Im Rumpf warten 76 Betten auf Gäste, das Cockpit wurde zu einer Zwei-Bett-Suite umgerüstet. In Namyangju, Südkorea, wurde 2000 eine alte 747 zu einem Restaurant umgebaut. Das gigantische Flugzeug stand inmitten einer Wohnsiedlung und wirkte, als wäre es direkt neben den Hochhäusern gelandet. Die Gäste konnten an 150 Tischen speisen, Blick aus den Fenstern inklusive. Eines der Triebwerke wurde zugeklebt, auf einer Plane stand das jeweilige Tagesmenü mit Fastfood und Nudelgerichten. Inzwischen hat die asiatische Jumbo-Garküche geschlossen, sie wurde verschrottet.

Traum vom Fliegen: Im Jumbo-Hostel am Stockholmer Airport Arlanda schlafen Gäste in der Kabine einer 747. Sie wurde in 27 Zimmer mit 76 Betten umgewandelt. Das Cockpit wurde zur Suite mit Ausblick, im Oberdeck wartet eine Lounge mit Flugzeugsesseln

Traum vom Fliegen: Im Jumbo-Hostel am Stockholmer Airport Arlanda schlafen Gäste in der Kabine einer 747. Sie wurde in 27 Zimmer mit 76 Betten umgewandelt. Das Cockpit wurde zur Suite mit Ausblick, im Oberdeck wartet eine Lounge mit Flugzeugsesseln

© Zuma Press Inc./action press
Bordmenü am Boden: Im südkoreanischen Namyangju wurde die 747 Juan T. Trippe inmitten einer Hochhaussiedlung geparkt und in ein Restaurant umgebaut, mittlerweile ist sie jedoch verschrottet. Der Flieger trug den Namen des Gründers der Pan American Airways

Bordmenü am Boden: Im südkoreanischen Namyangju wurde die 747 Juan T. Trippe inmitten einer Hochhaussiedlung geparkt und in ein Restaurant umgebaut, mittlerweile ist sie jedoch verschrottet. Der Flieger trug den Namen des Gründers der Pan American Airways

© Jon Dunbar

 Im Evergreen Aviation & Space Museum in Oregon hat man sich ebenfalls eine spezielle Präsentation ausgedacht. Das Museum verfügt über einen angeschlossenen Wasserpark, in dem sich Familien mit Kindern in Pools austoben können. Die komplette 747 auf dem Dach ist hier Erkennungszeichen und fungiert als ultimativer Hingucker. Ein Kran hob eine komplette 747-100 an, samt Flügeln, Triebwerken und Fahrwerk, bis die gut 200 Tonnen schwere Maschine in 30 Meter Höhe hing. Aus dem Rumpf des Flugzeugs ragen weiße Röhren – Wasserrutschen zum Hinabsausen. Dass eine 747 eines Tages als Plattform für gehobenen Badespaß dienen würde, hätte sich wohl selbst der kühnste Flugzeugkonstrukteur nicht träumen lassen.

Doch dem Kult um die 747 scheinen kaum Grenzen gesetzt. In den USA wurde ein Jumbo komplett zerlegt – und fand sich bald als architektonisches Stilmittel in einem Designerhaus wieder. In den Hügeln von Malibu konstruierte der Architekt David Hertz einer Kundin ihr „Wing House“, das weitgehend aus Teilen einer Boeing 747-200 besteht, die etwa 180 000 Kilogramm wiegen. Helikopter flogen die demontierte Maschine aus der kalifornischen Wüste zur Baustelle, wo das moderne Flugzeug-Designer-Haus 2011 fertiggestellt wurde. Die beiden geschwungenen Tragflächen, von ihren Triebwerken befreit, bilden dabei die Dächer der zwei eleganten Glasbungalows. Das Cockpit ist auf dem Grundstück zu einem Meditations-Pavillon umgewandelt worden, der Buckel mit der ehemaligen First Class dient heute als Dach des Gästehauses. Aus der Frachtbucht des unteren Rumpfs ließ sich die exzentrische Haubesitzerin eine „Animal Barn“ bauen – einen Stall, in dem die Dame gefährdete Tiere aufnehmen möchte. Von der Luft aus sieht man vor allem die gigantischen Flügel, die silbern in der Sonne glänzen. Sie mussten eigens bei der amerikanischen Luftfahrtbehörde FAA registriert werden, damit vorbeifliegende Piloten dies nicht versehentlich als Absturzstelle eines Jumbo-Wracks deuten und melden.

In den USA wurde ein Jumbo komplett zerlegt – und fand sich bald als architektonisches Stilmittel in einem Designerhaus in den Hügeln von Malibu wieder

In den USA wurde ein Jumbo komplett zerlegt – und fand sich bald als architektonisches Stilmittel in einem Designerhaus in den Hügeln von Malibu wieder

© Action Press
Der Kalifornier Anthony Toth hat sich in seiner Garage die Kabine eines Jumbos nachgebaut

Der Kalifornier Anthony Toth hat sich in seiner Garage die Kabine eines Jumbos nachgebaut

© Frank/Redux/laif

 Regelrecht verliebt in das Flugzeug hat sich Anthony Toth. In Redondo Beach, Kalifornien, hat er sich in seiner Garage eine originalgetreue First-Class-Kabine eines Jumbos nachgebaut, in beinahe allen Details und mit den Ausrüstungsgegenständen, die in den siebziger und achtziger Jahren im Einsatz waren. Die Sitze, die Handgepäckfächer, sogar die Treppe zur oberen Etage des Buckels sowie die alten Kaffeemaschinen hat er verwendet. Roth sammelt Servietten, die damals im Jumbo verteilt wurden, die Kopfhörer; sogar jene Mandeln, die Stewardessen als Snack servierten, hat er noch, original eingeschweißt. 20 Jahre bastelte der Superfan an seiner Replik, die er sich insgesamt rund 50 000 Dollar kosten ließ. Wer an seinem Haus vorbeifährt, ahnt nicht, was sich dort im Keller verbirgt: Jumbo-Nostalgie der feinsten Sorte, ein Mahnmal der Begeisterung, Gipfel des Kults. Der Jumbo ist eben nicht bloß ein Flugzeug – längst ist er in den Herzen der Menschen angekommen.