Menschen bei Boeing

Boeing 747-8

  • TEXT MARC BIELEFELD
  • FOTOS JENS GÖRLICH

Manche braten saftige Hamburger, andere sammeln Schlümpfe, haben millionenschwere Flügel in den Händen oder tauchen in fantastische Archive ab – der größte amerikanische Flugzeughersteller hat viele Gesichter

Kranführer Jeff Johnson an seinem Arbeitsplatz in 40 Meter Höhe

Kranführer Jeff Johnson an seinem Arbeitsplatz in 40 Meter Höhe

© Jens Görlich
Das folgende Video ist nicht für Untertitel geeignet. Die Beschreibung finden Sie auf der Seite

Vom Schaltpult des Krans aus hievt Johnson riesige Flugzeugteile durch die Werkshalle von Boeing

Jeff Johnson: Der Kranfahrer, der mit den Händen spricht

„Ich arbeite seit 1999 als Kranfahrer bei Boeing. Ich sitze in fast 40 Meter Höhe in meinem Cockpit und hieve die Teile der 747-8 durch die Fertigungshalle. Komplette Flügel, Leitwerke, ganze Rumpfsegmente. Oft laufe ich auch unten durch die Halle und gebe den anderen Kranfahrern oben Handzeichen. Das ist im Grunde der aufregendere und schwierigere Job. Wir haben dafür unsere eigene Zeichensprache entwickelt. Zwei Finger, längs gestreckt, bedeuten: Ein paar Zentimeter weiter vor. Die Faust heißt: Stopp! Kein bisschen weiter, sonst kracht’s! Oft geht es wirklich um Zentimeter. Selbst fliege ich nicht so oft. Mein Traumziel? Hawaii! Ich suche die Fluggesellschaft immer nach dem Flugzeugtyp aus. Selbstverständlich nur Boeing, so stehen die Chancen gut, dass ich das Flugzeug, in dem ich sitze, mit zusammengebaut habe.“


 

Boeing 747-8 Die vielen Gesichter Shelly Strayer
© Jens Görlich

Shelly Strayer: Die Küchenchefin mit dem Rodeo-Burger

Menschen, die schöne und große Flugzeuge bauen, müssen ordentlich essen. Was bieten Sie an?
Pizza, Spaghetti, Pfannkuchen, aber auch viel Gesundes wie Salate, Vegetarisches. Und wir haben unsere eigenen Sushi-Experten. Am liebsten mögen die Leute aber Pommes, Hotdogs und Hamburger.

Wie muss ein guter Hamburger aussehen?
Unser Klassiker ist der Rodeo-Burger. Ein fünf Unzen schweres, schön rundes Stück aus Angus-Rind, garniert mit panierten Zwiebelringen, Salat, Tomaten, dazu eine köstliche Barbecue-Soße. Ich persönlich würde noch zwei Lagen Käse empfehlen. Unschlagbar.

Gibt es ein spezielles 747-Gericht?
Nein, aber einer unserer 70 Köche hat sich etwas Schönes einfallen lassen. Zu speziellen Anlässen nimmt er einen Eisblock und meißelt daraus tolle Figuren. Einmal kam er mit einem Flugzeug aus seiner Küchenecke, einer 747 mit drei Meter Spannweite, komplett aus Eis.


 

Boeing 747-8 Die vielen Gesichter Brown
© Jens Görlich

Tom Brown: Der Lackierer mit der Design-Pistole

„Inzwischen müssten es um die 600 Jumbos sein, die ich lackiert habe. Kaum ein Airline-Kleid, das nicht aus meiner Sprühkanone kam. Ich bin meistens für den Bugbereich zuständig, bei jeder 747-8 muss ich dort erst mal 72 Fenster abkleben. Alles Handarbeit, versteht sich. Seit 1989 bin ich als Decorative Exterior Painter bei Boeing, und unser größtes Muster zu lackieren, die 747-8, macht mich stolz. Einmal lackierten wir sogar ein „Wal-Flugzeug“. In Japan hatte ein Mädchen einen Design-Wettbewerb gewonnen, und nach seinem Entwurf sprühten wir einen Flieger an: überall Fische, der Rumpf war voller Meereswesen, so angeordnet, dass das Flugzeug aussah wie ein großer Wal. Wir flogen das Mädchen zu uns ein, und als die Kleine sah, wie wir ihr Bild auf den riesigen Flieger gebracht hatten, war sie ziemlich baff.“

Boeing 747-8 Die vielen Gesichter Dickson
© Jens Görlich

Eileen Dickson: Die Führerin, die alles weiß

Eileen gibt es zu: Noch mehr als Flugzeuge mag sie Pferde. Sie besitzt selbst eins, Delilah. Seit 1986 arbeitet sie bei Boeing, „und immer gern“. Als Visitor Relation Specialist führt sie VIP-Besucher durchs Werk. Um ihnen die Details des Flugzeugbaus besser erklären zu können, hat sie schon tagelang selbst im Blaumann an Flugzeugen genietet und geschraubt. „Ich muss doch wissen, wie das alles funktioniert, wenn ich es unseren Gästen vermitteln soll“, sagt sie. Wenn Besucher ausgefallene Fragen stellen, recherchiert sie, bis sie die Antwort hat. So ist sie über die Jahre eine Art wandelndes Boeing-Lexikon geworden – und weiß auch Kurioses zu berichten. Etwa, dass es bei Boeing 19 000 Festnetztelefone gibt und die 16 800 Computerstationen auf dem Gelände mit 12 000 Meilen Kabel verbunden sind.


 

Boeing 747-8 Die vielen Gesichter Rowntree
© Jens Görlich

David Rowntree: Der Mechaniker mit Swing im Blut

Sie sind zuständig für die Preflight Deliveries. Worum geht es da genau?
Wir liefern die Boeing 747-8 aus. Wenn der Flieger aus der Fertigung kommt, bereiten wir ihn für alles Weitere vor: Lackierung, Betankung, Funktionstests; schließlich für den ersten Flug. Und ich habe die nette Aufgabe, das alles zu koordinieren.

Muss man dafür sehr viel von Flugzeugen verstehen?
Absolut. Als Mechaniker fing ich 1978 bei Boeing an und habe fast alle technischen Abläufe kennengelernt, eine herrliche Sache. Meine erste Boeing 747, an der ich arbeitete, trug die Nummer 329. Heute nähern wir uns der 1500.

Erinnern Sie sich an bestimmte Flugzeuge?
Manche vergisst man nie, zum Beispiel habe ich an der Air Force One gearbeitet, der Präsidenten-Maschine.

Könnten Sie einen Jumbo fliegen?
Nein, das wollte ich auch nie. Flugzeuge sind wunderbare Geräte, am Boden an ihnen zu arbeiten ist für mich das Spannendste. Es gibt nichts Schöneres, als wenn ein Flugzeug das erste Mal abhebt. Ich habe fast jede 747 starten sehen, aber heute stecke ich dafür viel zu oft in Meetings.

Was tun Sie, wenn Sie sich nicht um Flugzeuge kümmern?
Ich habe einen alten englischen Triumph 206 von 1974. Und, nun ja, an dem schraube ich auch viel herum. Das macht mich zufrieden. Ansonsten gehe ich gern mit meiner Frau tanzen.

Ihre Favoriten dort?
Wir lieben Ballroom Dance, Swing, Cha-Cha-Cha, Rumba.


 

Boeing 747-8 Die vielen Gesichter Robinson
© Jens Görlich

Jeff Robinson: Der Marketing-Mann im kreativen Chaos

Sie sind bei Boeing bekannt dafür, einen der unaufgeräumtesten Schreibtische zu haben. Geht das, auch wenn man als Chef der weltweiten Werbung arbeitet?
Einige nennen es Chaos. Ich sage: Mein Schreibtisch ist meine kreative Bühne, meine Denkzone. Ich brauche das, um auf gute Ideen zu kommen. Mein Job fordert vor allem Kreativität on demand, Geistesblitze auf Abruf.

Was sammelt sich auf Ihrem Schreibtisch alles an?
Bilder, Flugzeugmodelle, Sprüche, alles, was ich auf Reisen aufgreife. Besonders mag ich diese kleinen Spielzeuge von McDonald’s. Denn die machen nicht nur Burger, sondern sind inzwischen der größte Spielzeugvertreiber der Welt. Das sind kleine Ikonen, die Kultur einfangen wie kaum etwas anderes. Ein paar Zentimeter Plastik, die für Amerika stehen, das ist genial.

Mögen Sie Flugzeuge?
Na klar! Als Kind war ich schon Flugzeugfan. Wir wohnten in Kalifornien, da hörte ich in meinem Zimmer ständig den Überschallknall, weil die berühmte Edwards Air Force Base in der Nähe lag. Auch in Seattle wohne ich nicht weit von der Startbahn. Wenn eine Maschine über unser Haus fliegt, renne ich noch immer raus und schaue nach oben.

Und wie wirbt man für Flugzeuge?
Wir wollen eines vermitteln: Fliegen muss wieder ein Erlebnis werden! Diese Euphorie von früher haben wir durch Routine verloren. Fliegen ist dabei etwas sehr Besonderes und viel mehr, als von A nach B zu gelangen.

Boeing 747-8 Die vielen Gesichter Lombardi
© Jens Görlich

Michael Lombardi: Der Hüter des großen Flugzeugwissens

Hollywood ruft regelmäßig bei ihm an. Immer wenn eine Flugzeugszene gedreht werden muss. Was trugen die Stewardessen in den sechziger Jahren? Wie sah eine Boeing 747 damals von innen aus? Und was müssen die Kostümdesigner Leonardo DiCaprio anziehen, wenn der einen Gaunerpiloten spielt? Viele Fragen, viele Details. Michael Lombardi kennt die Antworten. Er half schon bei Filmen wie „Air Force One“ aus oder beriet die Macher der Kultserie „Lost“. Als Historiker arbeitet er seit 1979 für Boeing und pflegt dort ein einzigartiges Archiv. Rund vier Millionen Fotonegative, 20 000 Filme, Hunderte Modelle, alte Kapitänskappen, Embleme, Poster, Anstecknadeln: In seinen Räumen lagert die Boeing-Historie und ein wichtiger Teil Luftfahrtgeschichte. Lombardi kann sogar alte Bilder von Marilyn Monroe zeigen, auf denen sie sich lasziv in einem Vierziger-Jahre-Flugzeugbett räkelt, lange bevor sie bekannt wurde. Das Foto wurde noch nie veröffentlicht, es existiert nur einmal, genau hier, es könnte Millionen wert sein. Sein bestes Stück? Lombardi zeigt auf einen alten Ledersessel. Auf ihm saß seit 1944 der damalige Boeing-Präsident Bill Allen, der bis heute verehrt wird. Auf diesem Stuhl saß Allen, als er in den sechziger Jahren entschied, die 747 zu bauen. Lombardi streichelt über die Lehne, lächelt leise. Dann taucht er wieder ab in sein Sammelsurium aus Modellen, Originalplänen und Raketen – denn Boeing arbeitete immer auch für die Raumfahrt. Dass er öfter mit Neil Armstrong zu Mittag isst, erwähnt er darum auch nur ganz beiläufig.


 

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