Jetset und Samba

Embraer ERJ 190

  • TEXT ANDREAS SPAETH

Das brasilianische Unternehmen Embraer ist mit innovativen Regionaljets zum drittgrößten Passagierflugzeughersteller der Welt nach Airbus und Boeing aufgestiegen. Mit den neuesten E-Jets fliegen auch Lufthansa Passagiere

Embraer 190 Jetset und Samba
ⓒ Fridman/Corbis

Bandeirantes – so nannte man in Brasilien die Abenteurer unter den portugiesischen Kolonialherren. Die Pioniere, deren Bezeichnung sich vom Wort bandeira (Fahne) ableitet, brachen im 17. und 18. Jahrhundert von der Metropole São Paulo aus auf, um Gold, Silber und Diamanten aufzuspüren. Bandeirante – so nannten die Brasilianer gut 300 Jahre später ihr erstes selbst entwickeltes Flugzeug. Ein Prototyp der zweimotorigen Propellermaschine, frisch restauriert, schmückt heute die Einfahrt zum Firmensitz des Flugzeugherstellers Embraer. Der robuste 21-Sitzer flog erstmals 1968 und war der Grundstein für eine eigene Flugzeugproduktion in dem lateinamerikanischen Schwellenland. 1969 wurde das staatliche Luftfahrtunternehmen Empresa Brasileira de Aeronáutica (Embraer) gegründet.

Die Bandeirante in ihren verschieden Varianten wurde ein großer Erfolg: etwa 500 Maschinen wurden gebaut. Über 40 Jahre später gilt der mittlerweile privatisierte Flugzeugbauer Embraer als Symbol für das neue Brasilien: erfolgreich und selbstbewusst, aber zurückhaltend. Weltweit ist Embraer die Nummer drei bei Passagierjets hinter Airbus und Boeing. Die Brasilianer sind Spezialisten für den Markt der Regionalflugzeuge bis 120 Sitze, insgesamt hat Embraer seit der Gründung rund 5000 Flugzeuge aller Art ausgeliefert.

Passagiere schätzen die „Samba-Flieger“

Auch im Lufthansa Konzern sind hochmoderne „Samba-Flieger“ bei Lufthansa CityLine und Air Dolomiti unterwegs. Fluggäste schätzen die E-Jets – vor allem weil sie mit nur zwei Ledersitzen pro Reihe ausschließlich Plätze am Gang oder am Fenster bieten, dazu viel Beinfreiheit und große Handgepäckfächer. „Die Embraer-Jets haben bei uns große Begeisterung ausgelöst, zumal dies das erste funkelnagelneue Flugzeug in der Geschichte von Air Dolomiti ist“, sagt Michael Kraus, Chef der norditalienischen Lufthansa Tochter. Mit der Embraer 195 fliege die Airline jetzt zum Beispiel 15 bis 20 Minuten schneller von Frankfurt nach Verona. Das spart auch Treibstoff: „Auf 100 Kilometer verbraucht die Embraer 195 weniger als vier Liter pro Passagier, fast die Hälfte des Werts der bisher eingesetzten Jets“, bilanziert Kraus, auch die CO2-Emissionen sinken entsprechend.

Mit dem robusten 21-Sitzer Bandeirante – hier zwei Modelle beim Flug über Rio – begann 1968 die Geschichte von Embraer, ein Jahr später wurde das Unternehmen offiziell gegründet

Mit dem robusten 21-Sitzer Bandeirante – hier zwei Modelle beim Flug über Rio – begann 1968 die Geschichte von Embraer, ein Jahr später wurde das Unternehmen offiziell gegründet

© Deutsche Lufthansa AG

Eine gute Autostunde vom internationalen Flughafen São Paulo-Guarulhos entfernt wird die Landschaft hügelig, das endlose Häusermeer der Metropolregion (20 Millionen Einwohner) geht in sattgrüne Weiden über. Hier, in der Nachbarstadt São José dos Campos, konzentriert sich Brasiliens Luftfahrtexpertise mit Embraer und einer Universität, die passende Studiengänge für angehende Ingenieure anbietet. Das Hauptwerk von Embraer ist so groß wie 55 Fußballfelder, wie die Manager gern betonen – Fußball ist in Brasilien das Maß aller Dinge.

In einem abgedunkelten Raum wird Besuchern die Innovationskraft des Unternehmens vorgeführt. Mit 3-D-Brillen können sie um sich herum in Grün, Rosa und Blau die Flugzeugkabine eines E-Jets in all ihren Einzelteilen sehen, plastisch in allen drei Dimensionen. „Die Systeme hier in unserem Virtual Reality Center sind die gleichen, mit denen etwa der Science-Fiction-Film „I, Robot“ produziert wurde. Damit zeigen wir unseren Kunden schon vorher, wie ihr Flugzeug aussehen wird“, erläutert Edgard Souza Jr., Ingenieur in der Produktentwicklung. Dass sie dieses weltweit modernste Verfahren einsetzen können, ist ein Wettbewerbsvorteil für die Embraer-Entwickler. „Das verkürzt die Zeit, bis ein Flugzeug marktreif ist, um die Hälfte. Bei den E-Jets hat das gerade zwei Jahre gedauert“, sagt Embraer-Marktforscher Luiz Sergio Chiessi. Und es ermöglichst den Brasilianern, innovativer zu sein als andere. „Seit 1999 haben wir mehr als ein neues Flugzeugmuster jedes Jahr gestartet, das wäre ohne die virtuelle Entwicklung undenkbar gewesen“, sagt Chiessi.

Caipirinhas zur E-Jet-Auslieferung

Außer Regionaljets baut Embraer auch Geschäftsreiseflugzeuge, Segelflugzeuge und Militärmaschinen – und das erste mit Ethanol, also Alkohol betriebene Flugzeug der Welt, die Ipanema, die in der Landwirtschaft eingesetzt wird. Der Globalisierung können sich auch die Südamerikaner nicht verschließen. Der Rumpf für die E-Jets etwa wird, ausgerechnet, in der Airbus-Stadt Toulouse beim Zulieferer Latécoère montiert. Per Schiff kommen die fertigen Produkte dann nach Santos in Brasilien und von dort mit dem Tieflader über eine Strecke von rund 160 Kilometern zu Embraer.

Heute Abend wird wieder ein E-Jet ausgeliefert. Es gibt eine Zeremonie, zu der die Firmenspitze erschienen ist. Es geht eher locker zu, nach Reden und Geschenkeaustausch mixen Barkeeper im Hangar Caipirinhas und andere brasilianische Cocktails. Leise Sambarhythmen plätschern aus den Boxen, warmer Wind zieht durch die Tore. „Wir sind alle sehr leidenschaftlich und scheuen auch nicht extreme Anstrengungen, um Dinge zu schaffen“, erklärt Mauro Kern aus der Embraer-Geschäftsführung die Firmenphilosophie. Das hätten die Bandeirantes vor 300 Jahren wohl genauso gesagt.