Skytalk: Bryan Cranston Kinder haben Angst vor mir
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„Kinder haben Angst vor mir“

  • INTERVIEW FRANK SIERING

Mister Cranston, die Rolle des Walter White in der TV-Serie „Breaking Bad“ hat Sie in der ganzen Welt berühmt gemacht. Vermissen Sie die Rolle eigentlich?

Selbstverständlich. „Walter“ hat mein Leben für immer verändert. Ich habe sogar eine kleine Tätowierung, die mich an die Serie erinnert.

Der Chemielehrer Walter White rutscht unversehens ins Drogengeschäft, um seine teure Krebstherapie zu finanzieren. Wie würden Sie diese Figur erklären?

Walter war am Ende der Serie ein völlig anderer Mann als am Anfang. Er veränderte sich aus purer Notwendigkeit. Er stand mit dem Rücken zur Wand, er wusste, in zwei Jahren würde er tot sein. Er musste kämpfen, er hatte ja nichts mehr zu verlieren.

Wie haben Sie von Walter profitiert?

Der Erfolg hat mir Chancen eröffnet, die ich nie für möglich gehalten habe, dafür bin ich auf ewig dankbar. Ich habe aber immer noch Probleme mit der Öffentlichkeit, mit dem Berühmtsein. Ich fühle mich wohler, wenn ich arbeiten kann. Wenn ich nicht arbeite und zu Hause bin, lebe ich meist sehr zurückgezogen.

So schlimm ist der Ruhm?

Diese Lawine der Aufmerksamkeit, die auf dich zurollt, ist manchmal zu viel. Der versuche ich zu entkommen. Wenn mir jemand einen Preis verleihen möchte, ist es schön und gut, aber das ist es nicht, weshalb ich meine Arbeit mache.

Können Sie noch wie früher in Cafés gehen, unerkannt Leute beobachten?

Früher ging es besser, jetzt bin ich vom Beobachter zum Beobachteten geworden. Das ist ein ziemlich radikaler Wechsel und macht nicht so viel Spaß. Aber ich mag mich auch nicht verstecken.

Was fehlt Ihnen am meisten?

Normale Unterhaltungen, Gespräche an der Bushaltestelle, die sich ums tägliche Leben drehen. An Flughäfen suche ich immer nach älteren Menschen, mit denen ich reden kann. Sie wissen meist nicht, wer ich bin. Das ist wohltuend.

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Trailer zu Trumbo

Wären Sie nicht Schauspieler geworden, was würden Sie dann heute machen?

Ich hätte wohl einen Job in einem Nationalpark. Ich bin gerne draußen, ein echter Naturbursche.

Sie sollen mal gesagt haben, Sie hätten ein Gesicht, das Menschen Angst macht. Glauben Sie das wirklich?

Ja, das glaube ich (lacht). Ich bin nicht der klassische Hollywood-Star, der jederzeit bereit ist, der Kamera sein charmantes Lächeln zu zeigen. Ich bin eher der Typ, vor dem die Kinder Angst haben, wenn sie ihn das erste Mal sehen. Aber das ist völlig okay, denn dahinter steckt ja ein anständiger Mensch.

War es ein Vorteil, dass Sie schon fast 50 Jahre alt waren, als Sie berühmt wurden?

Ich glaube schon. Du bist in dem Alter schon ein bisschen erfahrener und ruhiger. Manchmal wünsche ich mir aber doch, ich hätte schon früher Erfolg gehabt. Dann hätte ich heute mehr Geld.

Ist es Ihnen sehr wichtig, reich zu sein?

Es ist schön, Geld zu haben, aber ich habe niemals Entscheidungen im Job getroffen, die mit meiner Gage zu tun hatten. Ich besitze keine große Jacht, doch es geht mir heute sehr gut.

Wie suchen Sie sich Ihre Projekte aus, was ist dabei entscheidend?

Ich mache nur noch Sachen, an die ich ganz fest glaube. Ich möchte ja auch, dass die Menschen an meine Filme glauben und sie deshalb anschauen.

Wollen Sie mit Ihren Filmen eine Botschaft vermitteln, eine Haltung?

Ich mag kleine Filme wie „Trumbo“, wo es  darum geht, Meinungen und Einstellungen zu verstehen, die man selbst vielleicht nicht teilt, ob es sich nun um die sexuelle Orientierung handelt oder sonst  etwas. Entscheidend ist, dass jeder eine Meinung haben darf. Wie der Autor Trumbo zu John Wayne im Film sagt: „Wir haben beide das Recht, falsch zu liegen.“

Fällt es leicht, eine so schillernde Figur wie das Autorengenie Trumbo zu spielen?

In mancher Hinsicht ist es kompliziert, aber es macht Spaß, eine Figur zu spielen, die so raumgreifend, so auffällig ist wie Trumbo. Das ist wesent­lich ein­facher, als einen kleinen unscheinba­ren Typen darzustellen.

Chemielehrer auf Abwegen: Bryan Cranston als Walter White in „Breaking Bad“

Chemielehrer auf Abwegen: Bryan Cranston als Walter White in „Breaking Bad“

© Sunset Box/Allpix/laif
Bryan Cranston mit Helen Mirren (als Hedda Hopper) im Fifties-Drama „Trumbo“

Im Fifties-Drama „Trumbo" spielt Bryan Cranston (hier mit Helen Mirren) den legendären Drehbuchautor Dalton Trumbo

© Blitz-Target/Fotex

Wie würden Sie sich als Schauspieler beschreiben?

Wir haben alle verschiedene Fähigkeiten. Wenn du offen bist, dann kannst du extreme Rollen spielen, dich zur Schau stellen, egozentrisch auftreten. Diese Fähigkeit, sich zu verwandeln, besitze ich. Als Schauspieler willst du dich voll und ganz in die Rolle hineinversetzen, mit allem, was du kannst, und mit all deinen Emotionen.

Kann es sein, dass Sie – bei aller Wandlungsfähigkeit – selbst ein ähnlich hartnäckiger Typ sind wie die Figuren, die Sie spielen?

Das wurde mir schon öfter nachgesagt (lacht). Ich nenne es aber nicht hartnä­ckig. Ich nenne es „argumentativ“. Das hört sich besser an. Ich diskutiere gerne – solange ich am Ende recht behalte.

Stimmt es, dass Sie gerne der Boss am Set sind?

Sagen wir so: Ich mag es, auf einem Set zu arbeiten, wo alle mit Respekt behandelt werden. So arbeite ich am liebsten.

Und Sie sind fleißig …

Ich arbeite hart und viel. Ja, ich habe die Tendenz zum Workaholic.

Wie halten Sie sich fit?

Gute DNA, keine Ahnung. Ich rauche nicht, versuche anständig zu schlafen. Ich laufe viel, um gesund zu bleiben.

Sie wirken sehr energiegeladen. Ist das Ihr Normalzustand?

Es gibt einen Spruch: Man soll das Heu ernten, wenn die Sonne scheint. Ich war sehr glücklich, als ich mit 26 Jahren Schauspieler werden konnte, denn genau das wollte ich immer machen. Das ist der einzige Beruf, den ich seitdem hatte, und heute kann ich damit meinen Lebensunterhalt verdienen. Darauf bin ich sehr stolz. Und ich bin dankbar. Es gibt so viele Menschen, die ihr Geld mit etwas verdienen, was sie eigentlich gar nicht machen wollen.