Christine Macel in einer der Plexiglasröhren des Centre Pompidou
© Majid Moussavi

Die Alchemistin

  • TEXT TILL BRIEGLEB
  • FOTOS MAJID MOUSSAVI

Christine Macel ist Chefkuratorin des Centre Pompidou in Paris – und leitet 2017 das größte Kunst-Event der Welt, die Biennale in Venedig. Ihre Maxime für das Traditionsfestival: Mut zu künstlerischer Radikalität.

Das gibt es nur alle zehn Jahre: die ganz große Tour der Kunst. Immer zur Endziffer Sieben ballen sich die bedeutendsten Kunstereignisse Europas in einem Sommer. Die wichtigste Ausstellung für Kunst im öffentlichen Raum, die „Skulptur.Projekte“ in Münster, die nur einmal pro Dekade stattfindet; die im fünfjährigen Rhythmus organisierte größte Kunstschau der Welt, die documenta, die 2017 mit Kassel und Athen erstmals zwei Orte und Eröffnungen aufweist; dazu die Art Basel als prominentester Messetermin des Kunstmarkts. Und schließlich das schönste und älteste aller Kunstfestivals, die Biennale von Venedig. Man kann seinen ganzen Sommer-, ach, Jahresurlaub für diese Sammlung der Superlative aufbrauchen.

Allein für die venezianische Entdeckungsreise in die zeitgenössische Kunst – auf den Kieswegen des feinen Ausstellungsparks Giardini, durch die langen Hallen der historischen Marinewerft Arsenale und zu den vielen versteckten Zusatzausstellungen in den Gassen der Lagunenstadt – braucht man fünf intensive Marschtage, will man überallhin. Das sagt Christine Macel. Aber die Kuratorin der 57. Ausgabe der 1893 gegründeten Kunstbiennale fügt auch sofort lachend hinzu: „Natürlich muss man das nicht alles sehen!“ Denn sie weiß so gut wie jeder regelmäßige Besucher dieses idyllisch platzierten und Aperol-Sprizz-getränkten Festivals, dass selbst die Hartgesottensten irgendwann erschöpft sind von den Tausenden Kunstwerken, die in der Hauptausstellung, den 85 Nationenpavillons sowie den vielfältigen collateral events gezeigt werden.

Die 48-jährige Französin ist so etwas wie die Lara Croft der Künstlersuche. Eine schöne, modisch gekleidete und sehr zielstrebige Person mit auffällig großen Augen, die „ständig auf Entdeckungsreisen für die Kunst ist“. Nur sechs Monate Zeit hatte die Originalitätsjägerin, um neben ihrer Arbeit als Chefkuratorin des Centre Pompidou in Paris die 120 Künstlerinnen und Künstler für die zentrale Schau der Biennale zu finden. Zum Vergleich: Für die Suche und Betreuung von 150 Teilnehmern der documenta 2017 arbeitet ein Team von 45 Fachleuten über drei Jahre lang.

Dabei hatte Christine Macel ursprünglich gar nicht vor, jemals zu arbeiten, geschweige denn so viel. Ende der 1980er-Jahre begann sie mit dem Kunstgeschichtsstudium. „Am liebsten hätte ich mein ganzes Leben lang immer nur studiert“, sagt sie. Die Berufsperspektive wurde ihr aber durchaus in die Wiege gelegt: die Großeltern professionelle Musiker, die Mutter Lehrerin, der Vater Architekt – was sollte da aus Christine Macel werden, wenn nicht eine Kulturarbeiterin? Auch ihr heutiger Hauptarbeitsplatz im futuristischen Kunst-Container des Centre Pompidou begegnete der gebürtigen Pariserin bereits als Schulkind. Am Tag nach ihrem achten Geburtstag im Januar 1977 besuchte sie mit ihren Eltern die Eröffnung des damals hoch umstrittenen Kunstpalastes – und war schockiert von explodierenden Klavieren, nackten Riesen und anderem schrägen Zeug, das sie dort zu sehen bekam.

Das Werk „Untitled (Black, Red Over Black On Red)“ von Mark Rothko

Das Werk „Untitled (Black, Red Over Black On Red)“ von Mark Rothko

© Pierre Antoine, VG Bild-Kunst Bonn, 2017
Außenaufnahme des Centre Pompidou

Durch die Plexiglasröhren gelangen die Besucher zu den Ausstellungsräumen

© Majid Moussavi

CDG

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  Im Rückblick erweist sich das kindliche Staunen als ungeheuer produktiver Schock, zumal das Centre Pompidou wie ein Magnet auf Macels Biografie gewirkt hat. Ihr prägender Professor im Studium, Bernard Blistène, kam von dort und ist – als Direktor des gesamten Kulturkomplexes – seit drei Jahren auch Macels Chef. Sie selbst wurde nach ersten Berufserfahrungen im Kulturministerium und als Lehrkraft an der Schule des Louvre mit gerade 31 Jahren gleich Chefkuratorin in Frankreichs bekanntestem Museum für Gegenwartskunst. Weil das noch immer nicht genug Arbeit ist für ­eine hochenergetische Schatzsucherin, deren Tag ­offenbar mehr Stunden hat als der anderer Menschen, schreibt Macel auch noch für Kunstmagazine, veranstaltet Seminare, betätigt sich in Jurys und ­Auswahlgremien und wirkt regelmäßig als Gastkuratorin außerhalb ihres riesigen Stammhauses.

So hat sie auch auf der Biennale in Venedig bereits Spuren hinterlassen. 2007 kuratierte sie im belgischen Pavillon einen gläsernen Irrgarten des Künstlers Éric Duyckaerts. Und 2013, als Frankreich und Deutschland ihre gegenüberliegenden Nationenpavillons tauschten, zeigte Macel in der monumentalen NS-Architektur des deutschen Gebäudes eine Arbeit des albanischen Künstlers Anri Sala: ­Videos von Pianistenhänden, die Maurice Ravels „Klavierkonzert für die linke Hand“ spielten, das dieser 1932 für den kriegsversehrten Bruder Ludwig Wittgensteins, Paul Wittgenstein, komponiert hatte – quasi als antimilitaristisches Konzert.

Kunst ist der Ort, an dem man die Welt neu erfinden kann.

Trotz solch subtil politischer Bedeutungsebenen, die es auch bei den Künstlern ihrer Biennale gibt, spricht das Konzept dieser eleganten Intellektuellen untergründig noch die beherzte Sprache des kindlichen Staunens. Ganz im Kontrast zur Konkurrenz documenta, die stark auf politische Thesen und Inhalte setzt, heißt Macels Biennale „Viva Arte Viva“ und widmet sich dem Ziel, eigene „Künstler-Universen“ darzustellen. Als sei sie deren größter Fan und nicht die Chefin des ganzen Unternehmens, tut Macel alles, damit sich die Teilnehmer optimal darstellen können – und weigerte sich sogar, ein dezidiertes Thema als Rahmen für ihre Ausstellung zu nennen, wie es eigentlich Wunsch und Tradition der Biennale ist.

„Ein Thema zu setzen, das empfinde ich als redundant, sowohl für die Künstler als auch für mich“, erklärt Macel, „ich will die Aussagen der Künstler nicht missbrauchen. Ich möchte ihnen nur den Raum schaffen für ihre Arbeit.“ Trotzdem wehrt sich Macel gegen den Verdacht, ihr Titel „Viva Arte Viva“­ sei eine Einladung für selbstgenügsame Kunstbeschäftigung im Sinne des L’art pour l’art. „Wenn ich das Künstleruniversum ins Zentrum stelle, dann reflektiert das alle Dinge, die Künstler beschäftigen, auch das Politische.“ Ohne Übergang setzt sie energisch an, ihre Vorstellung von Kunst zu erklären: „Für mich kann Kunst die Welt nicht retten. Das war ein Traum der Moderne, aber der ist gescheitert. Für mich ist Kunst der Ort, an dem man die Welt neu erfinden kann. Es ist ein Ort der Freiheit, nicht für Veränderungen.“

Christine Macel im Porträt

Christine Macel hat im Centre Pompidou ganz persönliche Favoriten ...

© Majid Moussavi
„Bouquet“, ein Ausschnitt Werk des russischen Künstlers Dmitri Prigov

... zum Beispiel: „Bouquet“ des russischen Autors und Konzeptkünstlers Dmitri Prigov (Ausschnitt)

© Majid Moussavi

  Für ihr Universum der Kunst hat Macel also eine „Reise“ entworfen, die vom „Selbst“ bis zu „spekulativen Dingen“ verläuft. In Anlehnung an das Konzept der nationalen Pavillons organisiert sie ihr Programm in neun sogenannten Trans-Pavillons, die sie mit verbindenden statt trennenden Begriffen betitelt. Es beginnt mit einem Pavillon des „Gemeinwesens“ und führt über einen für „Künstler und Bücher“ zum Thema „Zeit und Unendlichkeit“. In jedem dieser Räume vermischt sie Künstler unterschiedlicher Generationen und Prominenz. Sie ignoriert dabei weitgehend das modisch Neue und den Glamour der Kunstwelt, die man mit dem sechsmonatigen Sommer-Festival am Canal Grande mit seinen vielen Jachten, Sektempfängen und teuren Garderoben eben auch verbindet. „Manchmal ist das Neueste eben ein 80 Jahre alter Künstler“, sagt Macel schmunzelnd.

Die Novitätenforscher werden trotzdem auf ihre Kosten kommen, schließlich waren 103 der 120 Künstler in Macels Auswahl noch nie auf der Biennale zu sehen. Lebende – und auch bereits verstorbene – Weltstars wie Ólafur Elíasson, Kiki Smith, Ernesto Neto oder Franz West treffen auf Dauergäste des internationalen Ausstellungsbetriebs wie Kader Attia, Gabriel Orozco, Philippe Parreno oder Anri Sala. Aber eben auch auf neue Namen, die hier die Chance haben, ihre Originalität erstmals im großen Rahmen zu beweisen.

Fragt man Macel nach den Kriterien ihrer Auswahl, wird sie kurz unwirsch. „Kriterien ist nicht das richtige Wort. Ich folge meinem Gefühl für Resonanzen zwischen Arbeiten und Künstlern, das ist der Job eines Kurators.“ Sie suche nach Utopien, nach der „Spiritualität des Alltags“, doch auch um Furcht gehe es ihr: „Wir müssen lernen, die Ängste in unseren Gesellschaften zu artikulieren. Künstler sind sich dieser Aufgabe ziemlich bewusst.“ Künstlertum sei generell eine Kritik an unserem Lebensstil, „wo jeder zunächst nur an sich denkt“, sagt Macel bestimmt und mit ernstem Blick. Die Kunst besitze die Kraft, gegen den alles durchdringenden Glauben an Effektivität und die Sucht nach Materiellem zu streiten, dem Kult des Individuellen zu widersprechen. „Künstler öffnen sich einer anderen Vision, einem Raum für Teilhabe und Generosität.“

Auch wenn einen bei solchen Worten das Gefühl beschleichen kann, dieses Ideal des humanen Kunst-Visionärs entspräche vielleicht nicht ganz der Wirklichkeit, sondern eher dem Echo der großen Liebe zu den Künstlern, hat der Glaube dieser hartnäckig entflammten Kuratorin auch etwas angenehm Pathetisches. Künstler im Sinne Macels sind die Avantgarde des Wahrnehmens, Denkens und Fühlens, sind zumindest Philosophen, wenn nicht Zauberer. Und davon hat die gehetzte Gesellschaft des äußeren Scheins ja wahrlich nicht allzu viele.

Alexander Calders Monumental-Mobile „Horizontal“

Aushänge-Schilder: Alexander Calders Monumental-Mobile „Horizontal“ steht seit 2012 vor dem Pariser Centre Pompidou

© Majid Moussavi

  Schließlich hält die französische Expeditionsleiterin noch eine überraschende Aussage über Künstler bereit, jedenfalls wenn man ihr eigenes Arbeitspensum betrachtet: „Wir werden geboren und erzogen, um zu arbeiten. Und wenn man physisch am Ende ist, bekommt man ein wenig Geld, um darauf zu warten zu sterben. Ist das nicht die dümmste Art, ein Leben zu leben? Künstler, auch Autoren, Musiker, sogar Wissenschaftler, Menschen, die sich entscheiden, ihr Leben in einer bestimmten Intensität zu führen, zeigen uns, wie es wert wäre zu leben.“

Vermutlich kann Christine Macel das genau so sagen, weil sie ihre exzessive Arbeit für die Kunst gar nicht als eine solche betrachtet. Sondern tatsächlich als die Erfüllung ihres Lebens­traums, ständig interessante Dinge zu studieren. Diese Intensität, die sie einsetzt, um den Venedig-Besuchern den Wert des freien Kunstlebens zu zeigen, verspricht eine Biennale, über die der Besucher staunen kann – wie Christine Macel einst bei der Eröffnung des Centre Pompidou.


Ein Beitrag aus dem Vielflieger-Magazin Lufthansa Exclusive. Mehr zu den Miles & More Angeboten von Lufthansa erfahren Sie hier.