Christoph Niemann in seinem Atelier in Berlin
© Thomas Meyer

Ein echter Einfallspinsel

  • TEXT HELGE HOPP
  • FOTOS THOMAS MEYER

Christoph Niemann ist ­­mindestens hundertmal so ­lustig wie bekannt. Der Illustrator zeichnet für Zeitungen und ­Magazine in ­Europa und den USA, entwickelt ­witzige Apps für Erwachsene und ­Kinder – und nimmt sich selbst auch nicht so ernst. Höchste Zeit also für einen Atelier­besuch in Berlin.

Am Morgen, wenn die Kinder, mit Schulbroten versorgt, von dannen gezogen sind, wechselt der Vater ins Vorderhaus. Da ist sein kleines Ladenbüro in Berlin-Mitte, das er nicht teilt. Dort denkt er dann. Hofft, dass ihm etwas einfällt. Probiert, verwirft, zerknüllt, ärgert sich. Er erwartet nicht den plötzlichen Musenkuss, er hält sich nicht für ein Genie, er arbeitet.

Die Ergebnisse, ob es nun eine simple Zeichnung ist, eine ganze Reihe milde hingetuschter Reiseerinnerungen, eine furiose App für neugierige Kinder oder ein gewitzter Bilderblog, sind phänomenal, findet das Publikum. Aber nein doch, er will da nicht widersprechen, bitte, wer sei er denn? Christoph Niemann vertraut seiner Disziplin.

„Ich arbeite von 9 bis 18 Uhr und merke auch immer mehr, welche Parallelen zum Sport es gibt: Training, Kondition, Konzentration, Wettkampfsituation. Vieles von dem, was ich mache, hat nur mit Dasitzen und Denken zu tun, und mit Handwerk, das man ständig pflegen und verbessern muss. Denn in dem Moment, wo ich mal eine gute Idee habe, sollte mein Handwerk auch funktionieren, damit ich sie möglichst gut umsetzen kann.“ Wäre ja auch wirklich blöd, im entscheidenden Moment nicht zu wissen, was nun mit dem Stift zu tun sei.

Aber kommen Sie ihm besser nicht mit dem Künstlertum, mit der Romantik. „Überhaupt kenne ich nur sehr disziplinierte Künstler“, sagt Niemann, „da gibt es keinen, der morgens noch oder schon wieder halb besoffen in seinem Atelier herumpoltert und -wütet, der zwischen zwei Schlucken aus der Absinthpulle mal eben genialisch die Leinwand bewirft.“ Aber er braucht auch die echte Welt. „Ich kann mich nicht eisern einschließen und erwarten, ich könnte die ganze Welt erfassen.“

Ein Reisebild von Christoph Niemann

Niemanns Reisebilder sind erstaunlich zart

© Thomas Meyer
Skizze auf Christoph Niemanns PC

Der Künstler beantwortet Eigentum- und Stilfragen zugleich

© Thomas Meyer
Christoph Niemanns Buch "Abstract City"

Seine New-York-Kolumnen gibt es auch als Buch

© Thomas Meyer

  Christoph Niemann, 1970 in Waiblingen geboren, ist ein Schwabe, im Sinne der Tüftler, nicht der Spießer. Als Vorbilder nennt er Roland Topor, Sempé, Albert Uderzo, Chaval und Tomi Ungerer, aber auch das selige MAD-Magazin. Er hat nach einem Studium in Stuttgart (Kommunikationsdesign) den Sprung in die USA gewagt, das war 1997, voller Entdeckerfreude, ohne Minderwertigkeitsgefühl. Damals hat er „nur“ illustriert: Mal bitte ein Bild zum Text.

Niemann scheut das Scheitern nicht, schmeißt „das meiste weg, das muss auch so sein“. Erst liegt es ’ne Weile herum, „weil man ja hofft, bei einem zweiten oder dritten Blick stellt sich noch heraus, wie genial man da seiner Zeit voraus war …“ Was für Niemann spricht, warum er weltweit erfolgreich ist: Er kümmert sich um den skurrilen Alltag, nicht nur um die großen Themen.

Er erkundet das Drama im Detail, wird mit einem Strich zum Weltverbesserer, einer für die kleine wirksame Pointe, ein Spaßmacher für das erkennende Grinsen zwischendurch. „Das Publikum soll als intelligenter Teil das Ding zum Leben bringen“, wünscht er sich, „meine Arbeit funktioniert wie ein Schalter, der beim Betrachter eine Erfahrung auslöst.“ Das ist Niemanns smarte, ganz unvertrackte Kunst: Der erste Blick macht den Betrachter gleich zum Beschenkten, zum Komplizen.

 

Bis 23 oder 24 hatte ich keinen Satz Kleidungsstücke, die nicht irgendwo mit einem Farbfleck verziert waren, Tusche, Acryl, sonstwas

Christoph Niemann

Dass sein Werk komisch sein könnte, hat ihn zunächst überrascht. „Der Klassiker ist ja, dass ich beim Leser oder Zuschauer eine Erwartung aufbaue, die ich dann auf unerwartete Weise enttäusche. Damit das funktioniert, müssen meine Gedanken und die des Lesers sehr eng zusammenkommen, da muss ich ihn hinkriegen, das ist die totale Kommunikation.

Denn der Witz entsteht ja mehr im Kopf des Lesers, weniger auf der Seite, die ist ja nur eine Anleitung. Das ist natürlich völlig anders, als wenn ich ein riesiges Deckengemälde schaffe, das den Betrachter klein macht, ihn einschüchtert und mit
offenem Mund staunen lassen soll.“

Christoph Niemann beim Zeichnen

Christoph Niemann tüftelt an einer Zeichnung für die Krimi-Beilage der New York Times

© Thomas Meyer

 Und wie war das nun in New York, wie schafft man es da in die erste Reihe der Illustratoren, wie wird man Zeichner für das Cover des New Yorker und des New York Times Magazine, wie wird man zeichnender Kolumnist der New York Times? Geht man da mit Arbeitsproben hin, bewirbt man sich? Muss man wen kennen, der jemanden gut kennt?

Niemann lächelt bescheiden. Das, muss man jetzt auch mal sagen, tut er häufig. Gut möglich, dass er, auf den ersten Blick weder Superstar noch Revoluzzer, das kultiviert, um nicht noch mehr als schon durch seinen puren Erfolg aufzufallen. Die Gefahr – man spürt, die würde er gern bannen – liegt nun darin, dass man ihn für einen fleißigen Musterschüler nimmt, für einen Streber gar. Und prompt reinfällt. Denn Niemann ist ein listiger Könner, der mit Vorliebe vermutete Harmlosigkeit wonnig – man möchte sagen: nach Strich und Faden – demontiert.

Wo waren wir? Ah, in New York. Also endloses Klinkenputzen? Nee, nee, sagt Niemann. „Das ist eine riesige Maschine, die ständig Neues produzieren muss“, skizziert er die US-Medienlandschaft, „also muss sie offen sein für Vorschläge, sonst kommt sie nicht hinterher. Die Grundhaltung ist wohl folgende: ,Wir sollten diese Mappe angucken, denn wenn wir es nicht tun, guckt sie jemand anders an und bringt die Sachen raus. Und wenn es dann ein Erfolg wird, wie sollen wir uns rechtfertigen?‘ Wenn sie das angucken und mögen und sagen, nun mal los, muss man natürlich auch liefern. Das ist kein guter Moment, um den kapriziösen Künstler zu geben, der durchgefüttert werden möchte.“

Niemann lieferte, immer samt kleinem Twist. Die Leser waren entzückt, sie sagten es der Redaktion – so sieht ein Durchbruch aus. Niemann blickt zurück: „Der Vorteil bestand bis vor ein paar Jahren, als die sozialen Netzwerke noch nicht ganz so stark waren, auch darin, dass einen alle kannten, wenn man im New York Times Magazine, in Time oder im Rolling Stone gedruckt wurde. Dann hatten einen alle gesehen.“

Ein Skizzenblock von Christoph Niemann
© Thomas Meyer
Eine Zeichnung von Christoph Niemann

Man sollte mit einer gewissen Eleganz aus dem Rahmen fallen

© Thomas Meyer

  Nach elf Jahren USA ist Familie Niemann, zu der neben der Weltkunst-Chefredakteurin Lisa Zeitz noch drei Söhne gehören, reif für die Heimat, 2008 zieht man nach Berlin. Und Christoph Niemann, gestärkt, seiner Fähigkeiten und Reputation sicher, orientiert sich neu. Er beginnt eigene Geschichten zu erzählen. Mit dem Umzug entstand das Gefühl, man könnte nun auch in der Arbeit etwas abschließen und sich einer neuen Stufe zuwenden.

„Es ist schwer, an einem Ort zu bleiben, in der ganzen gewohnten Umgebung, und dann etwas völlig anders zu machen. Wenn ohnehin – wie beim Umzug – das ganze Koordinatensystem durcheinandergerüttelt wird, fällt es auch leichter, einen neuen Blick auf sich selbst und seine Arbeit zu gewinnen. Und mit der Kolumne für die New York Times hatte ich dann ja eine ­ernsthafte Aufgabe, eine Verpflichtung – und keine Ausrede mehr, es nicht zu tun.“

So hat er dann – als persönlichen Abschiedsgruß – den New Yorker Alltag minimalistisch mit Lego nachgestellt, hat fantasievoll getrocknete Blätter sortiert, sich unter „Da fällt mir Einstein vom Herzen“ der Physik gewidmet – und ausführlich der Gestaltung der häuslichen Badezimmer (with a little help by the Kunstgeschichte).

Der Mann weiß, dass man Geniestreiche nicht erzwingen kann, aber vorbereiten soll. „Es gibt dieses Zitat von Paul Rand: Art is not an intention. Good work is an intention. Art happens when you’re lucky. Ich glaube, darum geht’s, um geduldiges Probieren. Ich sitze da, zeichne etwas. Schiebe es einen Zentimeter nach links. Aha. Schiebe es einen Zentimeter nach rechts. Was passiert, wenn ich statt eines Apfels eine Birne nehme? Wenn die Birne fünfmal größer ist? Wenn ich statt des Hundes eine Katze nehme. Wenn ich das eine Adjektiv durch ein anderes ersetze. Wird es besser, wird es stärker? Und manchmal verselbstständigen sich dann Dinge, und man merkt, man hat mehr oder minder zufällig jetzt einen Nerv getroffen, und die Wirkung der Arbeit geht über das hinaus, was intellektuell planbar ist.“

Niemanns Brooklyn-Bridge-Fingerspiel-Zeichnung

Ein Blatt des Fingerspiels mit der Brooklyn Bridge verschenkte Bundespräsident Gauck an US-Präsident Obama

© Thomas Meyer

  Und manchmal traut man sich dann was. So hatte Niemann jahrelang einen höllischen Respekt vor glatten, satten Farben, „die waren immer ein Problem für mich, ich habe meine ganze Jugend über nie glatte Farben hingekriegt. Ich habe mir dann Airbrush gekauft, nur um glatte Hintergründe zu machen. Dagegen konnte ich mit einem Pinsel und Tusche schon als Achtjähriger perfekte, repro­fähige Zeichnungen abliefern. Dann kam der Computer, plötzlich ging auch Rot auf Weiß. Das war das Beste für mich am Computer, dieses Klicken, und es ist Gelb, perfektes, glattes Gelb – wow!“

Es geht ihm um das geduldige Probieren,um Mut, Spielfreude und Beharrlichkeit

Man darf sich Niemann, den begnadeten Herumschnibbler, als Ausprobierer vorstellen, nicht als Träumer. Etwas Staunen ist dabei. „Es ist doch toll und auch absolut wahnsinnig, wenn ich es schaffe, jemanden zum Lachen oder zum Weinen zu bringen, ohne dass ich ihn kitzele oder ihm Schmerzen zufüge. Dass wir es mit so abstrakten Dingen wie aneinandergereihten Worten oder Tönen schaffen, echte Emotionen auszulösen. Für mich ist es fast ein Spiel: Wie knapp kann ich werden und das trotzdem schaffen?“

Niemann spielt weiter. Und der Erfolg, ist das verdientes Glück? Da ist es wieder, das bescheidene Lächeln. „Na, es hilft, wenn die Leute die Arbeiten schon kennen, sie gut finden und mit einem gewissen Grundrespekt auf einen zukommen“, befindet er, „aber den Zustand der Beseeltheit empfinde ich nicht. Im Gegenteil: Wenn ich bei der Arbeit eine gewisse Magie spüre, weiß ich meist, das ist Mist.“


 

Ein Beitrag aus dem Vielflieger-Magazin Lufthansa Exclusive. Mehr zu den Miles & More Angeboten von Lufthansa erfahren Sie hier.