Daniel Libeskind kam 1946 als Sohn zweier Holocaust-Überlebender im polnischen Łódź zur Welt
© Majid Moussavi

„Hören Sie nie auf Experten!“

  • TEXT SEBASTIAN HANDKE
  • FOTOS MAJID MOUSSAVI

Es ist brutal. Die verlebte Sitzecke, der traurige Teppich, zwei wackelige Tische, lieblos zusammengewürfelt. Eine gewaltige Pflanze verstellt das große, schräg übers Eck fliegende Fenster. Es könnte Licht einstreuen in diese eigenwillige Flucht zwischen zwei Universitätsgebäuden. Daniel Libeskind lächelt das souverän weg. „So ist Architektur. So ist das Leben danach. Du baust etwas, und das war’s.“ Wir gehen durch den ersten Stock seiner kleinen Erweiterung für die London Metropolitan University, 2004 fertiggestellt, 2016 vollgestellt. Die Architektur sei eben die bodenständigste aller Künste, sagt er. Voller Kompromisse. Als Komponist zum Beispiel hätte er es einfacher. Die könnten machen, was sie wollen. Und beinahe wäre es auch so gekommen: In seiner Jugend war Libeskind ein hochbegabter Musiker. Sein Instrument? Die Quetschkommode.

Ausgerechnet Akkordeon!

Daniel Libeskind: Wir lebten damals noch in Łódź. Ein richtiges Klavier wollten meine Eltern lieber nicht anschaffen – vor den argwöhnischen Augen unserer antisemitischen Nachbarn. Also bekam ich das Mini-Klavier im Koffer.

Sie brachten es darauf zu einiger Virtuosität. Warum haben Sie aufgehört?

Mit zwölf Jahren gewann ich ein Stipendium, in der Jury saß damals der berühmte Geiger Isaac Stern. Er nahm mich beiseite und sagte: Du musst jetzt aber das Instrument wechseln, aus diesem hast du schon alles herausgeholt. Meine ganze Zukunft brach zusammen! Aber er hatte recht. Und so kam ich zur Architektur.

Harte Kanten, spitze Winkel: Die schroffen Gebäude des Daniel Libeskind brechen mit allen Regeln der klassischen Architektur

Harte Kanten, spitze Winkel: Die schroffen Gebäude des Daniel Libeskind brechen ...

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Harte Kanten, spitze Winkel: Die schroffen Gebäude des Daniel Libeskind brechen mit allen Regeln der klassischen Architektur

... brechen mit allen Regeln der klassischen Architektur

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Meister der schiefen Häuser: Daniel Libeskind hält wenig von falscher Nostalgie

Meister der schiefen Häuser: Daniel Libeskind hält wenig von falscher Nostalgie

© Majid Moussavi

In Frankfurt findet dieser Tage Ihr Konzertprojekt „One Day in Life“ statt. Die Musiker spielen in einer fahrenden Straßenbahn, einem Schwimmbad, einem Operationssaal …

Ich möchte Gewohnheiten verrücken! Die Besucher kommen an Orte, die ihnen zwar vertraut sind, die sie aber kaum noch bewusst wahrnehmen. Dann erklingt Musik, die dort ungewohnt ist. Das verschiebt die Wahrnehmung.

Könnte man nicht auch einfach mit Kopfhörern durch die Stadt gehen?

Schon, aber dann wäre man abgeschnitten von der Welt. Die Geräusche einer Stadt sind doch auch Musik! Zu Hause habe ich sehr gute Kopfhörer, aber ich nutze sie kaum. Wenn ich eine Sinfonie höre, und es kommt von draußen eine Feuerwehr-Sirene dazu, gehört das für mich zum Hörerlebnis. Man kann jede Stadt an ihrem Klang erkennen.

Sie arbeiten immer an etlichen Projekten gleichzeitig. Kommen Sie überhaupt noch zum Musikhören?

Jeder Morgen beginnt damit! Ich mache Kaffee für mich und meine Frau, dann wähle ich etwas aus meiner Sammlung oder von Spotify und höre zu. Eine Stunde etwa, nicht als Berieselung, sondern als Aktivität – das verändert den ganzen Tag.

Schuld war eine Wette: Auf dem Weg zu einer Vorlesung kaufte Libeskind 2001 ein Paar Cowboy-stiefel; seitdem kommt er nicht mehr davon los

Schuld war eine Wette: Auf dem Weg zu einer Vorlesung kaufte Libeskind 2001 ein Paar Cowboystiefel; seitdem kommt er nicht mehr davon los

© Majid Moussavi

 Abends hören sie Jazz. Seine Frau Nina kocht gern fünf Gänge, selbst wenn Daniel erst gegen zehn nach Hause kommt. Kerzen werden angezündet, es wird Wein getrunken. Manchmal, wenn Tochter Rachel mit Freunden zu Besuch kommt, fragen die, was es denn zu feiern gebe. Perfekte Harmonie?  Nina, sagt Libeskind mit unverhohlenem Stolz, sei das exakte Gegenteil von ihm. Was sie mag, findet er eher schrecklich. Und umgekehrt. Es sei gerade richtig so. „Ich habe nie verstanden, wie Leute, die sich nicht streiten, zusammenleben können.“

Du musst in den Geist des Ortes eintauchen

Wenn Libeskind lacht, schließt er fast die Augen. Und er lacht gern. Der erfolgsverwöhnte Architekt ist die Freundlichkeit selbst, von Grund auf optimistisch. Auch mit 69 Jahren kann er die kindliche Euphorie kaum zügeln – seine Stimme vollführt dann weite Ausschläge nach oben. Dem Kampf in der Sache aber geht er nicht aus dem Weg. Und Ärger gibt es eigentlich immer. Denn auch in seinen Häusern will Libeskind die Menschen aus der Gewohnheit reißen. Seine markanten Gebäude, so der häufigste Vorwurf, platzten wie Fremdkörper in gewachsene Strukturen. Libeskind hält tatsächlich wenig von falscher Nostalgie. Er würde einem Ort aber nichts Fremdes aufzwingen wollen, will kein Eroberer sein. Am Anfang eines Projekts steht ­deshalb immer ein ausführlicher Ortsbesuch, und so wie Libeskind darüber spricht, hat das fast etwas Feierliches. „Du musst in den Geist des Ortes eintauchen, Kontakt aufnehmen, die Schwingungen spüren“, sagt er, nach Worten ringend, die nicht allzu nebulös daherkommen. „Dann muss sich etwas offenbaren.“ Wenn nicht, sagt er ab.

Sie verstehen sich als Empfänger?

Ja! Viele glauben, Ideen kommen aus einem selbst heraus. Aber so ist das nicht. Sie ergeben sich aus dem Ort. Und man kann das nicht forcieren. Wissenschaftler in Harvard wollten einmal exakt bestimmen, was Innovation ist. Es gelang ihnen nicht. Denn man kann eigentlich nur definieren, was das Gegenteil ist: Imitation. Wenn ich ein Gebäude entwerfe, versuche ich einfach, nicht zu imitieren, sondern eine Erfahrung zu schaffen, in der die Dinge ein bisschen verschoben sind.

Ihr Stil ist dadurch sehr eigen geworden. Haben Sie nicht manchmal Angst, sich selbst zu imitieren?

Die größte Gefahr ist, dass man seine Naivität verliert. Als ich anfing, wusste ich nicht, wie ein Fenster gemacht wird. Also dachte ich: Warum drehe ich das nicht um drei Grad, damit man einen anderen Blick hat? Wenn man tausend Fenster gemacht hat, gewinnt man zwar an Erfahrung, die Kreativität kann aber leiden. Experten zum Beispiel wissen alles. Man darf nicht auf sie hören!

Wie bewahren Sie Ihre Naivität?

Ich versuche, nicht zu viel nachzudenken oder vorzubereiten. Einfach machen! Das klingt vielleicht primitiv, aber es ist wahr. Computer sind zwar großartige Werkzeuge, man kann 1000 Entwürfe in zehn Minuten machen. Aber sie simulieren nur, sie offenbaren nichts.

Für einen Architekten, der gegen Nostalgie kämpft, klingt das geradezu old school …

Ich bin old school. Und new school! Manche Dinge werden nicht alt. Einen Strich kann ich mit einem Stöckchen in den Sand zeichnen oder mit meinem Finger auf dem iPad. Aber dieser eine Strich, egal wie bescheiden, ist schon der Anfang von Architektur.

Der 69-Jährige skizziert für uns eine Neuinterpretation seiner Erweiterung für die London Metropolitan University

Der 69-Jährige skizziert für uns eine Neuinterpretation seiner Erweiterung für die London Metropolitan University

© Majid Moussavi
Eine Skizze zum Konzertprojekt „One Day in Life“, 75 Konzerte in 24 Stunden, an 18 Orten in Frankfurt – von Libeskind kuratiert

Eine Skizze zum Konzertprojekt „One Day in Life“, 75 Konzerte
in 24 Stunden, an 18 Orten in Frankfurt – von Libeskind kuratiert

 Meist fängt Libeskind schon beim Ortsbesuch an zu zeichnen. Ein schlichter Gedanke ist es oft nur, der aber sofort festgehalten wird, im Notizblock, auf Flugtickets, Zeitungen, Buchseiten – ­„whatever works“. Nach und nach wird die Idee weiterge­sponnen, später entstehen kleine, schlichte Pappmodelle daraus.

Als Libeskind 1960 mit den Eltern nach New York emigrierte, kam er, weil er die Sprache noch nicht konnte, in eine Klasse mit schwachen Schülern. Er sollte Schreibmaschine lernen, um später einen Bürojob finden zu können. Seitdem pflegt Libeskind eine profunde Abneigung gegen alles Mechanische, auch gegen Computer. Und bei allem technischen Fortschritt, sagt er, am Ende gehe es in der Architektur ja doch nur um eines: Jeder Mensch braucht einen Ort für sich.

Die Menschen sind mobiler denn je, die Städte wachsen rasant. Was ist zu tun?

Ich war mein Leben lang Immigrant, meine Eltern auch. Wir müssen lernen, dass
uns die Welt, die Stadt, in der wir leben, nicht gehört. Wir sind alle nur vorübergehend da.

Das verschafft den Flüchtlingen dieser Tage aber noch kein Dach über dem Kopf …

Es braucht einen guten Plan: Wie kann man diese Menschen würdevoll unterbringen? Wie sie integrieren? Wichtig ist, dass sie mitten in der Stadt leben und nicht spurlos in den Randgebieten verschwinden.

Gerade dort wird es aber immer enger.

Dichte ist die größte Herausforderung für Architekten. Es gibt heute einen Boom in den Zentren von Manhattan, Paris und anderswo, aber wer kann sich das leisten? Nicht die Menschen, die dort arbeiten, sondern globale Konzerne. Glänzende Fassaden allein machen noch keine gute Stadt.

Wie sähe Ihr Masterplan aus?

Den gibt es schon – für Yongsan, einen Stadtteil von Seoul. Die Stadt ist 700 Jahre alt, da kann man nicht einfach ein künstliches Raster drüberstülpen. Ich habe genommen, was historisch gewachsen ist, und es neu entwickelt: eine sehr hohe Dichte aus Leben, Arbeiten, Kultur, Transport, verbunden durch Parks. Die Menschen brauchen offene Räume, wo sie sich begegnen können.

Städte sind anstrengend. Warum zieht es so viele Menschen dorthin?

Es liegt nicht nur an den Jobs, die es dort gibt. Wir würden immer noch in Dörfern leben, wenn der Mensch nicht das Bedürfnis hätte, sich zu versammeln. Und Versammlung heißt: Kultur. Ich glaube, es war Leonardo da Vinci, der sagte, kleine Räume machen intelligent – weil man darüber nachdenken muss, wo man ist und was man tut.

Ein Tag im Leben: Die musikalische Stadterkundung am 21./22. Mai geschieht im Auftrag der Alten Oper Frankfurt

Ein Tag im Leben: Die musikalische Stadterkundung geschieht im Auftrag der Alten Oper Frankfurt

© Majid Moussavi

 Seine Wohnung in Manhattan sei eher spärlich eingerichtet, sagt Libeskind, Bücher und CDs sind aber reichlich vorhanden – so reichlich jedenfalls, wie seine Frau es gerade zulässt. Und es gibt Blumen. Mehrmals in der Woche geht er in den Laden und bittet um die frischesten Exemplare. Die Namen kennt er bis heute nur auf Polnisch. Libeskind hat den Farben also keineswegs ­abgeschworen. Trotz seiner Uniform: schwarze rechtwinklige Brille, schwarzes Oberteil, ­schwarze Hose, hellschwarze Lederjacke.

Auf einem Empfang des US-Außenministers kürzlich hielt ihn die Dame vom Protokoll sogar für einen Priester, sagt er lachend, „und irgendwie sind wir Architekten das ja auch“. Libeskind muss morgens nicht über die richtige Kleidung nachdenken, das passende Muster oder den perfekten Schuh. Er trägt stets  Cowboystiefel, „das ist sehr befreiend“. Die erste wichtige Frage des Tages in seinem Leben lautet also nicht: Was ziehe ich an? Sondern: Welche ­Musik höre ich heute?


 

Cover Exclusive 5

 

Ein Beitrag aus dem Vielflieger-Magazin Lufthansa Exclusive. Mehr zu den Miles & More Angeboten von Lufthansa erfahren Sie hier.


Sebastian Handke war noch sehr jung, als er geboren wurde. Seine Kindheit verlebte er in San Francisco und im schwäbischen Kernland. Als es damit vorbei war, fand er sein Auskommen als Regieassistent, Flash-Entwickler, Musiker und Journalist. Jetzt schreibt er für Lufthansa Exclusive und leitet das Lufthansa Magazin Online als verantwortlicher Redakteur.