Unstoppable Danny Lufthansa September 2016
© Jens Görlich

Danny ist nicht zu bremsen

  • TEXT TIM CAPPELMANN
  • FOTOS JENS GÖRLICH

Er tanzt mit dem Rad, springt über Dächer, steht kopf am Abgrund. ­Millionen ­bestaunen im Internet seine Stunts – und haben den Schotten Danny ­MacAskill zum erfolg­reichsten Trial-Biker der Welt gemacht

Düster hängt der Himmel, grau trutzt die Burg, bedrohlich klafft der Abgrund. Ein starker Wind pfeift durch die Zinnen von Dunvegan Castle auf der Insel Skye. Schottlands ältestes durchgehend bewohntes Schloss umfängt eine Mauer, die nicht mal einen halben Meter breit ist. Kein normaler Mensch würdeauf die Idee kommen, darauf entlangzuspazieren. Danny MacAskill macht da oben eine Radtour. Er nimmt Anlauf, hüpft mit seinem Mountainbike auf dieSteine, balanciert auf dem Hinterrad, tänzelt. Ein Wheelie auf schmalem Grat: Rechts geht es 20 Meter in die Tiefe.

Danny MacAskill scheint mit seinem Trial-Bike verwachsen zu sein, auf jedem Terrain. Er fährt mit dem Rad Bäume hoch, springt gegen Hauswände, rollt über handkantenschmale Geländer, macht Salti und fliegt von Dach zu Dach. ­Seine riskanten Stunts, zu bestaunen auf You­Tube, sorgen beim bloßen Zuschauen schon für Adre­nalinstöße. Und sie haben ihn berühmt gemacht. Fast überall wird er erkannt, bitten Fans um Autogramme und Selfies. „Kein Problem, wo kommst du her?“, fragt er dann. Danny bleibt stehen, spricht mit allen, nimmt sich Zeit. Der 30-jährige Schotte, 1,76 Meter groß, rötlicher Bart, Wollmütze, ist authentisch, sympathisch, bodenständig. Einen kleinen Jungen setzt er auf seinen Sattel, schiebt ihn behutsam über den Hof der alten Burg. Ein netter, ganz normaler Kerl. Nur beim Radfahren hört der Spaß auf – dann legt Danny MacAskill los.

Ich habe keinen Coach. Ich fahre einfach, sooft es geht – weil ich es liebe

Danny MacAskill über seine Trainingsmethode

In schwindelerregender Höhe balanciert er mal auf zwei, mal auf nur einem Reifen über die  schmale Burgmauer, völlig ungesichert. Bleibt plötzlich stehen, hebt spielerisch leicht das Hinterrad. Wie kann das gehen, ohne zu fallen? Ohne sich sämtliche Knochen zu brechen? Seine halbe Kindheit hat er auf dem Fahrrad verbracht. Und wenn er heute über die Burgmauer radelt, stellt er sich vor, er sei auf der Bordsteinkante vor seinem Elternhaus unterwegs. „Die ist noch schmaler, und da beherrsche ich es im Schlaf“, sagt er. „Ich bin kein Verrückter. Ich wäge Risiken ab. Autofahren fühlt sich für mich viel gefährlicher an.“

Daniel Hamilton MacAskill ist in Dunvegan aufgewachsen, einem Nest im Westen der Hebrideninsel Skye. Mit seinen Freunden sammelte er alte Fischernetze an der Küste, tagelang schleppten die Kinder sie in den Garten der MacAskills. Die Netze spannten sie zwischen die Bäume, und sie wagten erste Sprünge, die bald immer draufgängerischer wurden. Salti aus sieben Meter Höhe, aus den Wipfeln, vom Dach des Elternhauses – mit weicher Landung in den Fischernetzen. Die Nachbarn sahen ständig, wie Kinder über der Hecke durch die Luft flogen und aus den Bäumen purzelten. Noch ohne Rad unterm Hintern. „Es muss ein komisches Bild gewesen sein“, erzählt Danny. Ein Nachbar sagt: „Er war schon immer ein hyperaktives Kind, hielt uns alle auf Trab.“ Seine Mutter Anne aber sorgte sich nie wirklich um ihren Sohn, wenn der mal wieder zu akrobatischen Aktionen ausrückte. „Daniel musste mir nur sagen, ob er nach Norden, Osten oder Süden fährt, das reichte. Ich glaube, Kinder wachsen heutzutage viel zu behütet auf.“

 

Unstoppable Danny Lufthansa September 2016

Danny MacAskill ist ein Idol der Generation YouTube: Große Firmen sponsern, die Fans belagern ihn – weil er so authentisch wirkt

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Danny ist nicht zu bremsen Lufthansa September 2016

Danny MacAskill zeigt ­Skizzen für den Film „Cascadia“ in seinem Notizbuch

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Danny ist nicht zu bremsen Lufthansa September 2016

Vater Peter betreibt ein Museum, auch da hängt alles voller Räder

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Danny ist nicht zu bremsen Lufthansa September 2016

Einpacken am Ende eines langen Tages: Danny MacAskill hat seine dickreifigen ­Lieblinge stets dabei

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 Inzwischen macht sich eher Danny Sorgen um seine Mutter. Die nämlich fährt gerade bei der „Mongol Rally 2016“ rund 10 000 Meilen von England durch die Mongolei bis nach Ulan Ude in Sibirien – in einem 23 Jahre alten Renault-Kastenwagen. Anne, 68, und ihre beste Freundin Kay Simpson, 70, bilden das Rallye-Team „The Gallivanting Quines“ – übersetzt etwa „Die umherziehenden Mädels“. Die Abenteuerlust scheint der Familie im Blut zu liegen. Dannys Schwester Margaret Ishbel ist zwei Jahre jünger als er und auf der Insel für ihren wilden Lebensstil bekannt. Ihre Freunde nennen sie „Maggie Mayhem“ – „mayhem“ bedeutet auf Englisch so viel wie Chaos. Sie zieht durch die Welt, arbeitet mal auf der Megajacht des Emirs von Katar, mal auf Bohrinseln in der Nordsee. „Ich wusste gar nicht, dass du so was kannst mit deinem kleinen Fahrrad, bis ich deine Videos gesehen habe“, neckt sie den großen Bruder später beim Essen. „Ich bin professioneller Athlet!“, entgegnet Danny. Maggie zieht die Augenbrauen hoch. „Gut, ich hasse Training“, sagt Danny. Er folgt keinem Ernährungsplan, hat keinen Coach. „Ich fahre einfach nur, sooft es geht, weil ich es liebe.“

Bleibt noch Vater Peter, 72, ein eher ruhiger Mensch, der in einer Scheune neben seinem Haus das Museum „The Giant Angus MacAskill“ betreibt. Es ist einem Vorfahren des Clans gewidmet, jenem Riesen MacAskill, der angeblich 2,36 Meter groß war und so stark, dass er einen tausend Kilo schweren Anker durch die Gegend schleppen und schleudern konnte. „Ich bin also noch der normalste in der Familie“, sagt Danny und grinst.

Mit vier Jahren schenken ihm Verwandte sein erstes Fahrrad. Seine Freunde und er beginnen offroad zu fahren, sie probieren erste Stunts, rasen um die Wette zur Schule. Als Teenager bekommt er ein Trial-Bike, das kleinere Reifen und nur einen leichten Gang hat, gebaut, um auf kurzer Strecke zu beschleunigen und abzuheben. Danny erklärt prompt seine ganze Nachbarschaft zur Spielwiese: Er springt mit seinem Bike über Treppen, Brunnen, Mülltonnen, Telefonzellen, Geländer, Bäume. Der Dorfpolizist beschlagnahmt für sechs Wochen sein Rad. „Die Sommerferien waren vermasselt“, erinnert sich Danny, „das war eine harte Zeit.“ Nach der Schule zieht er aufs Festland, erst nach Aviemore, später nach Edinburgh, wo er sich als Mechaniker in Bikeshops durchschlägt. Nach Feierabend fährt und hüpft und balanciert er mit seinem Rad durch die Stadt, jeden Tag, jeden Abend, stundenlang, immer mit Kopfhörern auf den Ohren. Mehrere Wochen lang filmt Kumpel Dave Sowerby ihn bei seinen Touren.

Danny ist nicht zu bremsen Lufthansa September 2016

Ein Nachbar über Danny MacAskill: "Er war schon immer hyperaktiv, hielt uns alle ordentlich auf Trab"

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 Am 19. April 2009 laden die beiden ein Video mit Dannys besten Szenen auf YouTube hoch und gehen schlafen. Am nächsten Morgen wacht Danny als Internet-Star auf. Der 5:37-Minuten-Clip ist viral gegangen, wird auf Facebook geteilt, BBC zeigt ihn, die New York Times berichtet, Lance Armstrong twittert ihn. Rund 40 Millionen Menschen haben das Video bis heute angeklickt. Der ungeplante Durchbruch. Und Dannys Leben gewinnt an Fahrt: Red Bull nimmt ihn unter Vertrag, der Kamerahersteller GoPro und mehrere Fahrradfirmen sponsern ihn, seit Kurzem auch das kalifornische Unternehmen Santa Cruz, der Porsche unter den Mountainbike-Herstellern. Danny MacAskill dreht Werbespots für Volkswagen und kann inzwischen von Kunststücken auf dem Rad sehr gut leben.

Einige Medien nennen ihn gern den „YouTube-­Millionär“. Das findet er stark übertrieben. „Ich wünschte, es wäre so. Ist es aber nicht, und Geld treibt mich nicht an.“ Mit sechs Freunden lebt er in einer WG in Glasgow. Die Clique arbeitet auch für ihn, hilft bei seinen Produktionen. Zwei von ihnen sind selbst Weltklassefahrer: Mit Ali C und Duncan Shaw tourt Danny als „Drop and Roll“-Team hauptsächlich durch Europa. Die Crew zeigt ihre Bike-Stunts auf Festivals, sie ­schlafen bei Freunden auf der Couch oder im Tourbus. Rockstars auf Rädern, aber keine Millionäre. „Ich fühle mich immer noch wie der Typ aus dem Bikeshop“, sagt Danny.

Seine Stunts machen ihn zu einem gefundenen Fressen für Chirurgen

Die New York Times über Danny MacAskill

 Kerle wie er verkörpern eine neue Generation von Extremsportlern. Mit perfekt inszenierten Videos und immer gefährlicheren Stunts verschieben sie beständig die Grenzen des Möglichen. Ihnen geht es nicht um Wettkämpfe und Bestzeiten, sondern um die meisten Klicks im Netz. Je mehr, desto glücklicher die Sponsoren, und sie selbst werden zu Werbe-Ikonen. Dabei müssen die Sportler immer riskantere Aktionen wagen, um weiter Aufmerksamkeit zu erregen. Manche von ihnen haben dafür mit dem Leben bezahlt. Red Bull geriet zuletzt in die Kritik, als mehrere Extremsportler bei Rekordversuchen starben. „Ich spüre keinen Druck“, sagt Danny, „den meisten Druck mache ich mir selbst.“ Im Gegenteil: Ohne die Hilfe des Sponsors wäre alles viel schwieriger. „Ich bin dankbar dafür, dass  Radfahren meine Rechnungen zahlt.“

Ganz ohne Blessuren aber geht es nicht. Viermal wurde er schon operiert, den linken Fuß hat er sich dreimal gebrochen, den rechten zweimal, der linke Meniskus ist gerissen, eine Schraube verankert das rechte Handgelenk. Das linke Schlüsselbein: dreimal gebrochen. Der Ellenbogen: zusammengeflickt. Zuletzt die kaputte Bandscheibe und eine Rücken-OP in den USA. Ein Jahr Zwangspause. „Ich habe tonnenweise Ängste“, sagt Danny. Sobald er aber aufs Rad steigt, blendet er alles andere aus. „Da lähmt Angst nur, sie blockiert einen – und genau dann passieren Unfälle.“ Auch wenn er so gut wie nie an Wettkämpfen teilnimmt, gehört er auf dem Trial-Bike zu den besten Fahrern der Welt. „Es gibt aber Dutzende Jungs, die viel besser Mountainbike fahren als ich“, glaubt Danny.

Danny ist nicht zu bremsen Lufthansa September 2016

Autogrammstunde nach dem Tanz über den alten Blumenkasten auf der Insel Skye.

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Danny ist nicht zu bremsen Lufthansa September 2016

Hier trainierte ­MacAskill als Junge seine ersten Tricks.

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 Seinen Erfolg, auch bei der breiten Masse, erklärt er sich anders. Seine Videos handeln eben nicht nur vom Biken. Sie erzählen eine interessante Geschichte, auch jenseits des rein sportlichen Könnens. „Ich recherchiere oft Monate, bis ich eine gute Idee und einen besonderen Ort finde“, erzählt er. So wie die Geisterstadt Epecuén in Argentinien, durch die er fuhr. Oder seine ganz eigene Annäherung ans Meer – quer über die Dächer von Las Palmas. Den Bunnyhop, ein klassisches Sprungmanöver auf dem Bike, erfand er neu – in Hugh Hefners Playboy Mansion. Er inszenierte eine Reise in die kindliche Fantasie, gezeigt vor der Kulisse der Spielzeugwelt „Imaginate“ in einer Lagerhalle in Glasgow. „Manche Szenen und Passagen fahre ich 200-mal, bis ich zufrieden bin.“ Dann hört er sogar bei ihm kurz auf, der Spaß am Sport. Dann wird das Radfahren selbst für Danny MacAskill harte Arbeit.

Am Abend macht er einen letzten Hüpfer, runter von der Mauer der alten Burg. Auf dem Weg nach Hause stoppt er vor einem Angel- und Waffenladen in Dunvegan. „Hier fing alles an, das sind die Spuren meiner ersten Versuche“, sagt Danny und zeigt auf einen alten Blumenkasten. Im Steinrahmen sind noch heute einige Kerben zu erkennen. Stunden, Tage, Wochen hat er sich an diesem Blumenkasten abgearbeitet. Hat Sprünge probiert, Drehungen und Moves, hat sich unzählige Male vor dem Kasten lang gemacht.

Es regnet, der Besitzer des Angelladens kommt raus und grüßt. Früher gab es schon mal Ärger wegen der Kerben, heute sind die Insulaner stolz auf „unseren Daniel“. Sogar die Polizisten wollen ein Selfie mit ihm. „Für mich ist Trial-Biken wie ein grenzenloses Spiel“, sagt Danny, während er mit dem Hinterrad auf den Rand des Blumenkastens hüpft. Er kann nicht anders, er muss fahren, mit seinem Rad spielen. Der Puls bei 150 Schlägen pro Minute, gute Musik im Ohr, so hüpft und tänzelt und fliegt er durch die Gegend. Am liebsten allein, am liebsten nachts. Durch die Stadt, durch die Hinterhöfe. Dann ist alles im Flow. „Dafür lebe ich“, sagt er, für dieses Gefühl, das er kennenlernte, als er ein Kind war und das erste Mal mit dem Fahrrad abhob. Es ist dann wie früher – nur dass ihm heute ein paar Millionen dabei zuschauen.


 

Ein Beitrag aus dem Vielflieger-Magazin Lufthansa Exclusive. Mehr zu den Miles & More Angeboten von Lufthansa erfahren Sie hier.