Im Interview spricht Julianne Moore über Lieblingsrollen, freudiges Altern und ihren Zweitberuf als Autorin.
© Miller Mobley 2015/laif

„Mein Leben ist ein Geschenk“

  • INTERVIEW PATRICK HEIDMANN

Ms. Moore, Ihr neuer Film „Freeheld“ erzählt die wahre Geschichte eines lesbischen Paares, das um seine Rechte kämpft. Geht es Ihnen darum, ein Zeichen zu setzen?

Das ist einer meiner Beweggründe. Aber für mich ist dieser Film nicht nur ein gesellschaftspolitisches Statement, sondern vor allem eine gute Liebes‑
geschichte. Einen Partner zu haben, ein Zuhause und ein gemeinsames Leben – für die meisten Menschen gibt es keinen größeren Wunsch.

Sie sind eine überzeugte Liberale, oder?

Absolut. Ich bin für Gleichberechtigung und Vielfalt in jeder Hinsicht. Meine Eltern haben mich so erzogen, und auch meine Kindheit und Jugend haben mich so geprägt. Je mehr man dem „Anderen“ begegnet, desto mehr verliert es an Bedrohlichkeit – es wird ganz normal. Ich habe einen amerikanischen Vater und eine schottische Mutter. Wir kamen viel rum, ich lernte sehr unterschiedliche Kulturen kennen. Dass jemand anders ist als sein Umfeld, das war für mich früh schon nichts Besonderes mehr.

Auch Sie haben sich gewiss häufiger fremd gefühlt, schließlich lebten Sie als Teenager eine Weile in Deutschland …

Mein Vater war bei der Army, und wir hatten schon in vielen US-Staaten und auch in Panama gelebt. Als ich 16 Jahre alt war, zogen wir nach Frankfurt. Noch viel mehr als zuvor war ich dort „die Neue“. Und auch „die Andere“, selbst wenn ich dort die amerikanische High School besuchte und es in Frankfurt eine riesige US-Community gab.

In „Freeheld“ spielen Sie eine sterbenskranke Polizistin. Wie sehr nimmt Sie eine solche Rolle beim Dreh mit?

Wenn ich nach Hause komme, lasse ich die Rolle vor der Tür. Ganz ehrlich, ich kann mit dieser „Sprecht mich nicht an, ich stecke gerade mit Haut und Haaren 
in meiner Figur“-Attitüde nichts anfangen. Schließlich habe ich eine Verantwortung meiner Familie gegenüber. Meine Arbeit ist wichtig, aber mein Mann hat auch seine Arbeit, und meine Kinder machen ebenfalls ihr eigenes Ding.

Das folgende Video ist nicht für Untertitel geeignet. Die Beschreibung finden Sie auf der Seite

Filmtrailer zu „Freeheld – Jede Liebe ist gleich“

Welche Spuren hinterlassen Ihre Rollen bei Ihnen, in Ihrem Leben?

Ich bin durch Filme wie „Still Alice“ oder „Freeheld“ kein vollkommen anderer Mensch geworden. Aber natürlich prägt einen jede Erfahrung, die man macht, 
mal mehr, mal weniger. Was Rollen wie diese mit sich bringen, ist eine neue Wertschätzung für das, was man hat. Ich habe mich nach den Dreharbeiten mehr denn je darüber gefreut, wie gut ich es habe.

Geburtstage machen mir keine Angst

Sie gelten, obwohl lange im Geschäft, als Spätstarterin, was Ihren Kinoruhm betrifft. Wie war es, als Sie merkten, dass der Knoten endlich geplatzt ist?

Es gab nicht den einen Moment oder den einen Film, mit dem alles anders wurde. Aber was meine Karriere grundlegend änderte, war der Boom des US-Inde‑
pendent-Kinos in den neunziger Jahren. Plötzlich bekamen Regisseure wie Robert Altman, Paul Thomas Anderson oder Todd Haynes nicht nur die Chance, ihre Kreativität zu zeigen, sondern auch jede Menge Aufmerksamkeit. Und sie hatten tolle Rollen für mich – mit einem Mal war ich Kinoschauspielerin!

Neben anspruchsvollen Dramen sieht man Sie auch in ganz anderen Filmen, Komödien wie „Crazy, Stupid, Love“ oder in „Die Tribute von Panem“. Suchen Sie nach solchen Gegensätzen?

Entscheidend ist für mich immer das Drehbuch. Irgendetwas muss mich an der
Geschichte interessieren, sonst wüsste ich nicht, warum ich auch nur einen Tag darin investieren sollte. Außer bei Regisseuren, mit denen mich eine lange persönliche Geschichte verbindet: Wenn mich Todd Haynes fragt, ob ich eine kleine Rolle in seinem nächsten Film übernehmen will, brauche ich kein Skript.

Man sieht es Ihnen nicht an, aber Ende 2015 wurden Sie 55 Jahre alt. Sind solche Geburtstage für Sie ein Thema?

Geburtstage machen mir keine Angst, sie sind einfach ein schöner Anlass zu feiern, dass man am Leben und gesund ist. Das ist schließlich keine Selbstverständlichkeit. Daran, dass unser Leben ein Geschenk ist, auf das es keine Garantie gibt, können wir ohnehin nichts ändern.

Der Spott, der Schalk, die Klugheit und der Kampfgeist – alles ist in Julianne Moores Augen

Der Spott, der Schalk, die Klugheit und der Kampfgeist – alles ist in Julianne Moores Augen

© Contour by Getty Images
Julianne Moore mit Ellen Page in „Freeheld – Jede Liebe ist gleich“

Julianne Moore mit Ellen Page in „Freeheld – Jede Liebe ist gleich“

© INTERTOPICS

Als Schauspielerin in Hollywood ist das Älterwerden nicht immer einfach, oder?

Das ist ein komplexes Thema. Bislang kann ich mich glücklich schätzen, denn ich bekomme wunderbare Rollen, auch wenn es natürlich Figuren und Filme gibt, für die ich nicht mehr infrage komme. Aber ich erlebe, dass es für Frauen um die 50 sehr wohl tolle Angebote gibt. 
Ich werde mich dem Jammern mancher Kolleginnen also nicht anschließen.

Wo bewahren Sie Ihren Oscar auf, den Sie 2015 für „Still Alice“ bekamen?

Ach, ganz unglamourös, in meinem Büro. Doch ich staune immer, wenn einige Kollegen so tun, als sei ihnen der Preis so unwichtig, dass sie ihn praktisch gleich in die Mülltonne geschmissen hätten.

Sie haben auch etliche Bücher geschrieben. Was inspiriert Sie als Autorin?

Bitte nicht übertreiben, ich bin kein Philip Roth. Ich schreibe kleine Bücher für Kinder, einige davon für sehr junge Leser. Über Themen, die für kleine Kinder eine große Sache sind: den ersten Zahn zu verlieren, zum Beispiel, oder was man alles nicht in seinen Rucksack packen sollte.

Ihr Mann Bart Freundlich ist Regisseur, Sie sind Schauspielerin. Haben Ihre beiden Kinder schon Pläne, auch ins Filmgeschäft einzusteigen?

Momentan glaube ich das eher nicht. Meine Tochter begeistert sich sehr für Mode 
und träumt davon, Stylistin zu werden. Aber sie wird auch erst 14 Jahre alt, das 
kann sich also noch ändern. Mein Sohn ist schon 18, für den steht im Moment 
die Musik im Vordergrund.

Interessieren sie sich für Ihre Filme?

Allenfalls für „Die Tribute von Panem“. Davon hätte ich wohl nie gehört, hätten sie nicht die Bücher gelesen. Meine Tochter ist für die meisten meiner Filme noch zu jung, und mein Sohn interessiert sich nicht sehr dafür. Wer will schon seiner Mutter bei der Arbeit zusehen?