© Jason deCaires Taylor. All rights reserved, DACS 2015; The Silent Evolution, 2010 © VG Bild-Kunst, Bonn 2015
© Jason deCaires Taylor. All rights reserved, DACS 2015; The Silent Evolution, 2010 © VG Bild-Kunst, Bonn 2015

Riffe versenken

  • TEXT EMILY BARTELS
  • FOTOS JÖRG MODROW

Der Bildhauer Jason deCaires Taylor stellt seine Werke auf dem Meeresgrund aus, dort werden sie zu künst­lichen Riffen. Vor der Kanareninsel ­Lanzarote arbeitet er an einem neuen Skulpturenpark. Besuch bei einem Mann mit Tiefgang

Ein paar Körnchen bricht Jason deCaires Taylor noch aus Silvanas Gesicht. Er tritt einen Schritt zurück und betrachtet seine Nachbarin. Er hat einen Gipsabdruck von ihr gemacht, hat ihn modelliert und geschliffen, eine Betonskulptur daraus gegossen und sie aushärten lassen. Nun wird Taylor das Kunstwerk in zehn Meter Tiefe vor Lanzarote im Meer versenken. Dass Taylor seine Skulpturen auf dem Meeresboden ausstellt, gehört zu seinem Konzept als Künstler. Vor der mexikanischen Küste und in der Karibik hat der Bildhauer schon ganze Skulpturenparks unter der Wasseroberfläche installiert. Nun ist er nach Lanzarote gekommen, um vor Playa Blanca das erste Unterwassermuseum im östlichen Atlantik zu eröffnen. In seiner Werkstatt im Ort, einem Touristenzentrum an der südlichen Spitze von Lanzarote, hängen Hammer und Säge an der Wand, es liegen in Silikon gegossene Kakteen und Säcke voller Zement herum. Mit einem kleinen Meißel korrigiert Taylor jetzt das Bein einer männlichen Skulptur. Taylor, lässig in Shorts, Flip­flops und mit einer verspiegelten Sonnenbrille im Haar, will die Skulptur auf einem Schlauchboot aus Beton befestigen. „Das ist Abdal“, sagt er, „er ist mit acht Jahren in genau so einem Boot auf der Insel angekommen.“

Viele Figuren zeigen Bewohner der Kanarischen Inseln, aber auch ein botanischer Garten und ein riesiges Eingangstor samt Mauer sollen auf dem Meeresgrund installiert werden. In zehn Meter Tiefe, auf einer Fläche von 50 mal 50 Metern, können sich Besucher mit Sauerstoffflasche oder Schnorchel die Skulpturen ansehen. Oder sie fahren in Booten mit Glasboden darüber hinweg. Taylors Studio liegt im Jachthafen. Im Hintergrund ragt eine steile Felsküste empor, die Brecher des Atlantiks sind bis auf die Terrasse zu hören. Hier stehen die fertigen Skulpturen. Eine Gruppe von etwa 40 Menschen, in der Bewegung eingefroren. Mit geschlossenen Augen schreiten sie auf das Meer zu. „Es hat viel mit dem Gedanken zu tun, dass wir immer woanders hin­wollen, dass wir ständig in Bewegung sind“, erklärt Taylors Mitarbeiterin Jessica Miles. Die wandernde Gruppe spielt aber auch auf die Flüchtlingskrise in Europa an.

Das folgende Video ist nicht für Untertitel geeignet. Die Beschreibung finden Sie auf der Seite

Im Video: Reporterin Emily Bartels hat Bildhauer Jason deCaires Taylor auf Lanzerote besucht

 Jason Taylor verarbeitet oft gesellschaftliche und politische Themen: Im Jahr 2012 ließ er als Kommentar zur Finanzkrise eine Gruppe Banker die Köpfe in den sandigen Meeresboden vor Cancún stecken. Im September 2015 installierte er vier apo­kalyptische Reiter in der Themse, nur einen Steinwurf vom Parlament und der Firmenzentrale von Shell entfernt. Die Köpfe der Pferde sehen aus wie Erdölpumpen, die Reiter wie Politiker, deren Blick in die Ferne schweift, als bemerkten sie nicht, dass ihnen das Wasser bis zum Hals steht – und das wortwörtlich.

Die Arbeit unter Wasser fasziniert Taylor. „Unter Wasser funktioniert alles anders: die Schwerkraft, das Licht, die Farben. Das Meer ist wie ein zweiter Künstler, der die Skulpturen weiter­bearbeitet.“ Das meiste übernehmen die Meeresbewohner, die sich auf dem Stein niederlassen. Sie lassen Auswüchse sprießen, bedecken die Körper mit bunten Teppichen. Taylor besucht seine Skulpturen so oft wie möglich und dokumentiert ihre Veränderungen. Er zeigt auf die Nahaufnahme einer Skulptur an der Wand seines Büros: „Diese Schwämme funktionieren wie kleine Herzen – durch eine Öffnung saugen sie Wasser ein, filtern die Nährstoffe heraus und pumpen das verbrauchte Wasser wieder hinaus“, erklärt er. Seine Werke verändern unter Wasser nicht nur ihr Aussehen, sie werden zu lebenden Organis­men. „Du weißt nie, was dich erwartet. Manchmal tauche ich runter, und die ganze Skulptur ist bloß voll von schwarzem Schleim. Beim nächsten Mal bin ich völlig überwältigt. Ich schaue in das Gesicht der Figur und sehe eine Garnele, die in ihrem Ohr wohnt – das ­ändert alles.“

© Jason deCaires Taylor. All rights reserved, DACS 2015; The Silent Evolution, 2010 © VG Bild-Kunst, Bonn 2015

Unter Wasser werden die Werke von Bildhauer Jason deCaires Taylor zu künstlichen Riffen

© Jason deCaires Taylor. All rights reserved, DACS 2015; The Silent Evolution, 2010 © VG Bild-Kunst, Bonn 2015
Taylors Skulpturen-­Armee auf Lanzarote

Taylors Skulpturen-­Armee auf Lanzarote

© Jörg Modrow
Feinarbeit in seinem Atelier

Feinarbeit in seinem Atelier

© Jörg Modrow
Seinen Modellen begegnet Taylor auf der Straße; von ihnen macht er Gips- und Silikonabdrücke

Seinen Modellen begegnet Taylor auf der Straße; von ihnen macht er Gips- und Silikonabdrücke

© Jörg Modrow
Der Künstler beim Tauchgang

Der Künstler beim Tauchgang

© Jörg Modrow
Sind die Skulpturen versenkt ...

Sind die Skulpturen versenkt ...

© Jörg Modrow
... führen Algen und Schwämme die Arbeit des Künstlers fort

... führen Algen und Schwämme die Arbeit des Künstlers fort

© Jason deCaires Taylor. All rights reserved, DACS 2015; The Silent Evolution, 2010 © VG Bild-Kunst, Bonn 2015
Nachtwanderung: Die schreitenden Figuren symbolisieren den Drang der Menschen nach Veränderung

Nachtwanderung: Die schreitenden Figuren symbolisieren den Drang der Menschen nach Veränderung

© Jörg Modrow
Taylors Arbeiten beziehen sich oft auf politische Themen, so auch „The Raft of Lampedusa“

Taylors Arbeiten beziehen sich oft auf politische Themen, so auch „The Raft of Lampedusa“

© Jörg Modrow
Zwischen Felsküste und Jachthafen: Taylors Werkstatt in Playa Blanca

Zwischen Felsküste und Jachthafen: Taylors Werkstatt in Playa Blanca

© Jörg Modrow
Für immer vereint: Aus den Gipsabdrücken seiner Modelle gießt Taylor die Betonskulpturen

Für immer vereint: Aus den Gipsabdrücken seiner Modelle gießt Taylor die Betonskulpturen

© Jörg Modrow
Haare und Kleidung modelliert Taylor nicht an seinen Modellen, sondern an Plastikskulpturen, die er in einem Zwischenschritt anfertigt

Haare und Kleidung modelliert Taylor nicht an seinen Modellen, sondern an Plastikskulpturen, die er in einem Zwischenschritt anfertigt

© Jörg Modrow
Die fertigen Skulpturen müssen tage-, manchmal wochenlang aushärten

Die fertigen Skulpturen müssen tage-, manchmal wochenlang aushärten

© Jörg Modrow
Die letzten Details korrigiert Taylor mit Hammer und kleinen Meißeln an der fertigen Skulptur

Die letzten Details korrigiert Taylor mit Hammer und kleinen Meißeln an der fertigen Skulptur

© Jörg Modrow

 Mit seiner Arbeit will Taylor vor allem auf die bedrohliche Situation in den marinen Ökosystemen aufmerksam machen. In Korallenriffen, wie sie zum Beispiel in der Karibik vorkommen, leben Hunderttausende Arten. Doch Industrie, die Erderwärmung und auch der Tourismus zerstören weite Teile der Riffs. „Leider sind die meisten Touristen keine besonders guten Taucher oder Schwimmer“, sagt Taylor, „sie stoßen gegen die Korallen und brechen sie ab.“ Taylor baut seine Unterwasserskulpturen, um auf die Riffe aufmerksam zu machen und gleichzeitig von ihnen abzulenken. Auf den Figuren aus pH-neutralem Beton lassen sich Algen, Schwämme und Korallen nieder und machen sie so zu künstlichen Riffen. Um Taucher von den empfindlichen natürlichen Riffen wegzulocken, platziert Taylor die Kunstwerke nur auf sandigem Meeresboden, weit ab von belebten Stellen.

Das Meer ist der zweite Künstler, der meine Skulpturen bearbeitet

Jason deCaires Taylor

Korallenriffe gibt es vor Lanzarote keine. Dennoch beauftragte die spanische Regierung Taylor mit dem Bau des Unterwassermuseums und übernahm die Kosten des Projekts in Höhe von etwa einer Million Euro. Um Reisende anzulocken, ist jede der Kana­rischen Inseln darum bemüht, sich ein eigenes Image aufzubauen. Leider sehen viele Touristen in Lanzarote nur einen Ort für günstigen Cluburlaub. Die Regierung will das ändern und wirbt mit der künstlerischen Tradition der Vulkaninsel. Der Haus- und Hofkünstler César Manrique prägte in den Siebzigern und Achtzigern das Bild der Insel. Selbst Umweltschützer und Bildhauer, verwob er seine Kunst mit der zerklüfteten Vulkanlandschaft Lanzarotes. „Ich hoffe nun, ein Gegenstück dazu im Meer zu schaffen“, sagt Taylor.

Die nächsten zwei Jahre wird der Brite mit seiner Freundin und seiner vierjährigen Tochter auf Lanzarote leben. Sein Erfolg als Künstler hat auch Nachteile: „Früher bin ich fast jeden Tag runter zu den Skulpturen getaucht“, erinnert er sich, „aber bei so vielen Stücken, die auf der ganzen Welt verteilt sind, geht das nicht mehr. Es ist, als würde ich meine Kinder nicht sehen.“ Die Figur von Abdal soll nun auf einem bereits voll besetzten Betonboot befestigt werden. Mit dicken Handschuhen und Atemmasken gegen den Zementstaub hieven Taylor und zwei Mitarbeiter die Skulptur auf den Rand des Schlauchboots. Abdals Betonversion wiegt etwa 120 Kilo. Die Skulpturen, die noch trocken und nackt in Taylors Werkstatt stehen, sollen bald ihrer neuen Umgebung und den nächsten „Künstlern“ überlassen werden. Im kalten Wasser des Atlantiks wird es eine Weile dauern, aber schon bald wird ihre Haut bedeckt sein von bunten Schwämmen, und zwischen ihren Füßen werden Fische wohnen.


Emily Bartels, geboren 1988 in Hamburg, probiert hauptberuflich Dinge aus: Sterneküche und panierte Insekten, Fallschirmspringen oder Qigong. Nebenbei arbeitet sie als Redakteurin bei den Lufthansa Magazinen.