„Frauen-Power ist befreiend“

Jennifer Lawrence

Interview

  • INTERVIEW FRANK SIERING

Jung, erfolgsverwöhnt und einflussreich: Jennifer Lawrence ist das Aushängeschild des neuen Hollywood. Im Interview spricht sie über ihre Ängste und das Leben als Star, ihren Einsatz für faire Gagen und die Liebe zu Joni Mitchell.

Ms. Lawrence, Sie gewinnen einen Preis nach dem anderen. Sind Sie ein Glückskind?

Nein, wie kommen Sie denn darauf? Ich arbeite enorm hart und muss um jede Rolle kämpfen. Aber es stimmt, zuletzt hatte ich viel Glück bei Preisverleihungen.

Sind Ehrungen wie der Oscar wichtig?

Ich bin nicht Schauspielerin geworden, weil ich Preise einheimsen will, aber ich müsste lügen, wenn ich behaupten würde, es sei mir egal. Es ist so etwas wie das Sahnehäubchen auf der Torte.

Berühmt geworden sind Sie vor allem mit „Die Tribute von Panem“. Im Rückblick auf die vier Filme der Reihe, was haben Sie mitgenommen?

Vor allem: dass man sich zu Wort melden soll. Das habe ich gelernt. Und dass man begreifen muss, welche Konsequenzen ein Krieg hat. Dass jeder betroffen ist, auf welcher Seite man auch steht. Am Anfang der Serie war es einfach zu sagen: „Sie müssen in den Krieg ziehen.“ Aber am Ende, als dem Helden wirklich Schlimmes widerfährt, sehen wir, dass auch Helden nicht vor Schmerzen und Leid geschützt sind – das ist eine ungeheuer bittere, aber wichtige Erkenntnis.

Was meinen Sie genau damit?

Jeden Tag sehen wir Krieg im Fernsehen. Aber es bleibt abstrakt, es ist ja „nur“ im Fernsehen, es betrifft uns nicht direkt. Aber wir können diesen Bildern kaum noch entkommen. Und selbst wenn man sich für die Freiheit einsetzt, für eine gerechte Politik, wenn man sich auf die moralisch richtige Seite schlägt, gibt es keine Chance, vom Krieg und seinen Folgen verschont zu bleiben. Das ist eine gute Lektion – war es jedenfalls für mich.

Was hat Hollywood Ihnen in den vergangenen Jahren beigebracht?

Mit jedem neuen Film lernt man etwas Neues, man wird routinierter vor der Kamera, sicherer, fühlt sich wohler in der eigenen Haut.

Befinden Sie sich als Promi ständig in einer Art Belagerungszustand?

Jeden Morgen, wenn ich aufwache, stehen mindestens zehn Fotografen vor meinem Haus, das ist nicht so angenehm.

Aber Sie beschweren sich selten über diesen Umstand …

Das stimmt. Denn ich weiß, dass dann viele aufschreien würden: Diese Movie-Millionäre, jetzt beschweren sie sich auch noch über die Aufmerksamkeit, die sie bekommen! Das ist eine Schlacht, die man nicht gewinnen kann.

Jennifer Lawrence und Chris Pratt in ihrem aktuellen Film Passengers

Blick ins All: Chris Pratt und Jennifer Lawrence in ihrem aktuellen Film „Passengers“

© Sony Pictures

Wie beeinflusst der Ruhm Ihren Alltag?

Ganz ehrlich: Ich denke nie darüber nach, dass mich Leute auf der Straße erkennen. Selbst bei Kollegen bin ich manchmal nicht sicher, ob sie wissen, wer ich bin. Vielleicht bin ich da etwas naiv. Oder ich nehme mich selbst nicht so wichtig.

Wird es immer schwieriger, ein normales Leben zu führen?

Oft kriege ich den ganzen Trubel um meine Person gar nicht richtig mit. Ich arbeite im Moment so viel, dass ich gar keine Zeit habe, mich um das ganze Drumherum zu kümmern. Und ich wäre dumm, wenn ich mich über diesen Beruf beklagen würde. Mein Job bringt mich an tolle Orte auf dieser Welt. Es ist fast wie eine Ausbildung, die niemals aufhört – und auch noch sehr gut bezahlt wird.

Stimmt es, dass Sie heute nur noch im Privatjet reisen?

Ich bin ein sparsamer Mensch, aber ich gebe zu, dass ich es sehr genieße, wenn ich im Privatjet durch die Gegend geflogen werde. Als ich mit 21 Jahren das erste Mal in der ersten Klasse fliegen durfte, kam ich mir wie ein Trottel vor. Ich hatte das Gefühl, dass ich nicht dorthin gehöre, dass ich noch viel zu jung bin.

Ich wäre dumm, wenn ich mich über diesen Beruf beklagen würde

Sie sind erst 26 Jahre alt, waren aber schon in einigen Box-Office-Hits zu sehen: „Tribute von Panem“, „X-Men“, „American Hustle“ und „Silver Linings“, zuletzt „Joy“. Spüren Sie Erfolgsdruck?

Da ist schon ein bisschen Druck, aber manchmal habe ich das Gefühl, als würde ich in L. A. wie auf meiner eigenen Insel leben. Ich bin immer nur bei Freunden, die auch im Filmbusiness arbeiten.

Ihre Popularität verschafft Ihnen auch Einfluss in der Filmindustrie. Den nutzen Sie, um sich für die faire Bezahlung von Frauen im Filmgeschäft einzusetzen.

Ich finde den Gedanken sehr schlüssig: gleicher Lohn für gleiche Arbeit, oder? Es ist an der Zeit, dass auch Hollywood endlich im 21. Jahrhundert ankommt.

Fühlen Sie sich wohl, wenn man Sie als Aushängeschild für eine neue Frauengeneration in Hollywood bezeichnet?

Damit habe ich kein Problem. Frauen haben heute nicht nur die gleichen Rechte wie Männer, sie müssen sich auch nicht mehr vor Herausforderungen fürchten, denen früher nur Männer gegenüberstanden. Frauen-Power ist total befreiend!

Jennifer Lawrence als Mystique in „X-Men: Erste Entscheidung“

Blaues Wunder: Jennifer Lawrence als Mystique in „X-Men: Erste Entscheidung“ (2011)

© Sunset Box/Allpix/laif

Wen würden Sie gern einmal darstellen?

Ich liebe Joni Mitchell. „Blue“ war und ist für mich eines der schönsten Alben der Welt. Sie ist ein Mensch, der mich wirklich sehr fasziniert.

Wo sehen Sie sich in fünf Jahren?

Wenn ich ehrlich bin: keine Ahnung. Ich möchte schon irgendwann dieses Vagabunden-Leben beenden, etwas ruhiger werden, sesshafter. Aber ob das in den nächsten fünf Jahren geschieht? Das wage ich zu bezweifeln.

Was ist Ihr größter Traum?

Friede auf Erden, totale Emanzipation, keine Kriege mehr. Zu idealistisch? Vielleicht, aber ich bin jung. Ich darf so idealistisch denken.

Ihre gestolperten Auftritte auf dem roten Teppich sind legendär. Woran liegt’s, dass Sie so gerne hinfallen?

Ich bin ein echter Trottel dabei! Mal liegt es an den hochhackigen Schuhen, mal am gewachsten Fußboden. Ich bin etwas ungelenk, was das Laufen angeht, hoffentlich bessert sich das noch.

Im neuen „X-Men“-Film spielen Sie erneut Mystique, eine Mutantin, die sich in andere Wesen verwandelt. Würden Sie das auch gern können?

Ich würde es lieben! Nur für mich allein, aus rein egoistischen Gründen. Das wäre total cool! Ich glaube, dann wäre mein Leben ziemlich perfekt.