„Ich will keine Marke sein!“

Léa Seydoux

Interview

  • INTERVIEW PATRICK HEIDMANN

Glamour, Geist und Erotik: Léa Seydoux bringt all das sehr lässig zusammen. Im Interview spricht der französische Star über Vorbilder, Erfolge in Cannes, die Freude an Familiendramen und das Pendeln zwischen Europa und den USA

Mademoiselle Seydoux, Sie gehören zu den Stars des französischen Kinos. Was muss man Ihnen bieten, damit Sie – wie nun im Familiendrama „Einfach das Ende der Welt“ – eine Nebenrolle übernehmen?

Die Größe einer Rolle ist für mich kein Kriterium. Und ich spiele am allerliebsten Figuren, die so weit weg von mir selbst sind wie möglich. Frauen, die im Leben zu kämpfen haben oder deren Alltag mit meinem nichts zu tun hat. So wie in „Einfach das Ende der Welt“: Tattoos, dreckig, fettige Haare – genau mein Ding! Das Einzige, was man mir bieten muss,
ist also ein Drehbuch, das mich umhaut, mich berührt und nicht mehr loslässt.

Was hat Ihnen bei diesem Drehbuch derart gut gefallen?

Alle Frustrationen, alle Ängste und alle Hoffnungen, die man täglich spürt,
stecken darin. Das gilt auch für den Blick, den man auf sich selbst hat, und für den, mit dem man seine Mitmenschen betrachtet. Die Familie, um die es hier geht, ist das Vehikel, mit dem sämtliche menschlichen Emotionen unter die Lupe genommen werden: Ärger, Wut, Trauer, Liebe. Die Auseinandersetzung mit alldem – das ist für mich der Inbegriff dessen, was Kino kann und sein soll.

Gebührt dieses große Lob vor allem dem Regisseur und Autor Xavier Dolan?

Ganz gewiss. Seine Vision, seine Intelligenz und sein Einfühlungsvermögen 
sind großartig. Wir haben uns alle darum gerissen, mit ihm zu arbeiten, auch Marion Cotillard und Vincent Cassel.

Mein Ding war die Musik, ich wollte Sängerin werden

Ist es seltsam, mit einem Filmemacher zu arbeiten, der so jung ist? Dolan ist immerhin vier Jahre jünger als Sie …

In gewisser Weise ist er fast noch ein Kind, was ich unglaublich erfrischend finde. Zum anderen wirkt er beinahe alterslos. Anders gesagt: Er ist viel reifer, als es sein Alter vermuten lässt. Kein Wunder, schließlich hat er schon mehr – und bessere – Filme gedreht als viele alte Regisseure. Einzigartig sind auf jeden Fall seine Energie und Empathie. Er lacht mit seinen Schauspielern, und er weint mit seinen Schauspielern.

Seine Premiere feierte „Einfach das Ende der Welt“ beim Festival in Cannes, ein ganz besonderer Ort für Sie …

Oh ja, vor allem seit 2013 komme ich unglaublich gern zurück. Damals stellten wir „Blau ist eine warme Farbe“ dort vor, und seither muss ich jedes Mal daran zurückdenken, wie dieser Film mein Leben verändert hat. Es war schwierig, ihn zu drehen, doch ich bin auf kaum eine Arbeit so stolz wie auf diesen Film.

Zum ersten Mal gewann nicht nur der Regisseur, sondern erhielten auch beide Hauptdarstellerinnen die Goldene Palme.

Das war sehr besonders, wie ja der gesamte Film. Hätte er nicht in Cannes gewonnen, hätte Sam Mendes ihn womöglich nie gesehen, ich hätte nie die Rolle im Bond-Film „Spectre“ bekommen – um nur ein Beispiel zu nennen.

Léa Seydoux in „Einfach das Ende der Welt“

Endlich mal rotzig sein: Léa Seydoux in „Einfach das Ende der Welt“

© Weltkino

Ist es schwer, zwischen internationalen Großproduktionen und kleinen französischen Filmen hin- und herzuwechseln?

Ich empfinde das gar nicht als schwierig, sondern als großen Spaß. Das ist es doch, was man als Schauspielerin erhofft: möglichst unterschiedliche Filme drehen und in die verschiedensten Welten eintauchen. In meiner Idealvorstellung bin ich für das Publikum sogar jedes Mal aufs Neue gar nicht wiederzuerkennen, weil meine Rollen und Filme so anders sind, so wie bei meinem großen Vorbild Marlon Brando. Ich will auf keinen Fall eine unverwechselbare Marke sein.

Wie groß sind die Unterschiede zwischen Frankreich und Hollywood?

Wenn wir mal ehrlich sind, habe ich noch gar keine Hollywood-Erfahrung. „James Bond“ ist ja nicht Hollywood, Woody Allen und Wes Anderson sind es auch nicht. Selbst für „Mission: Impossible“ stand ich nur in Europa vor der Kamera.

Aber die Arbeitsbedingungen sind anders bei einem Blockbuster, oder?

Was man als Schauspieler vor der Kamera tut, ist letztlich das Gleiche. Aber das Drumherum könnte nicht unter-
schiedlicher sein. Ich finde das eine nicht besser als das andere, sondern freue mich enorm, dass ich beides haben kann – auch wenn es manchmal ein anstrengender Spagat ist.

Weshalb anstrengend?

„Einfach das Ende der Welt“ und „Spectre“ habe ich parallel gedreht. Manchmal musste ich aus London für 24  Stunden nach Montreal fliegen. Acht Stunden hin, drehen, wieder acht Stunden zurück, dann gleich wieder neben Daniel Craig vor der Kamera. Danach war ich so erschöpft, dass ich erst mal eine Pause brauchte.

Seit Ihrem Debüt in „Mes copines“ sind zehn Jahre vergangen. Wie haben Sie sich in dieser Zeit verändert?

Vor allem bin ich älter geworden (lacht). Und ich verstehe jetzt besser, wie diese seltsame Branche funktioniert.

Vermutlich wussten Sie ganz gut, was auf Sie zukommt, schließlich stammen Sie aus einer Film-Familie: Ihre Mutter war Schauspielerin, Ihr Großvater und seine Brüder gehören zu den wichtigsten Produzenten des Landes …

Aber jahrelang habe ich mich gar nicht für diese Welt interessiert. Mein Ding war die Musik, ich wollte Sängerin werden, am Konservatorium studieren. Erst als ich mich mit einem Schauspieler anfreundete, reifte in mir die Idee, dass das auch etwas für mich sein könnte.

Und dann kam doch Vitamin B ins Spiel?

Nein, mein Großvater hat sich nicht sehr dafür interessiert, was ich mache, und auch die anderen aus der Familie haben kaum einen Finger gekrümmt, um mir zu helfen. Das war auch gut so. Das Letzte, was ich wollte, war, hinter dem Namen meiner Familie zu verschwinden. Ich wollte unbedingt auf eigenen Füßen stehen und allein meinen Weg gehen.

War Ihr Name sogar eher hinderlich?

So schlimm war es auch wieder nicht. Gestört hat meine Herkunft, wenn ich an einfallslose Regisseure geraten bin, die mich nur Adlige oder Töchter aus gutem Hause spielen lassen wollten.