Afrikaburn: Kurz vorm Abheben: Eine Tänzerin fängt das Licht. In der Ferne: eine der riesigen, fantasievollen Holzskulpturen
© Malte Jäger

Wüste Party

  • TEXT SARA MOUSLY
  • FOTOS MALTE JÄGER

Tausende kommen Jahr für Jahr zum Afrika­burn-Festival nach Südafrika. Sie tanzen, träumen, spüren in der Tankwa-Karoo-­Wüste dem Sinn des Lebens nach – unsere Autorin hat mitgesucht.

Wie Goldstaub verlieren sich die ­Funken zwischen den Sternen über der südafrikanischen Wüste. Stumm staunend sitze ich mit Hunderten anderen da, nie zuvor habe ich ein so großes Feuer gesehen. Gut 25  Meter hoch züngeln die Flammen in den pechschwarzen Himmel. Eine eigentümliche Ruhe liegt über dem Gelände, nur das Knacken und Krachen und Knistern von brennendem Holz ist zu hören. Ein paar Meter von mir entfernt steht ein Mann in ­einem langen Mantel, mit einem Dreispitz und einer Art Schäferstab – im Schein des Feuers wirkt er wie ein Zauberer, der einer längst vergangenen Welt entsprungen ist.

Alles an der Szenerie mutet surreal an, doch zugleich fühle ich mich geborgen wie lange nicht mehr. Durch die Flammen zeichnet sich langsam ein verkohltes Holzgerippe ab, das an ein riesiges Vogelnest erinnert. „Ist das nicht wundervoll?“, flüstert mir mein Nachbar zu und reicht mir einen Flachmann. Ich nicke und nehme einen Schluck Whisky.

Afrikaburn: Staubiger Job: Die Wüstenpiste hat einen Reifen geschreddert, die Autorin muss ran

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© Malte Jäger
Afrikburn: Viel Liebe und Magie

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© Malte Jäger
Afrikaburn: Sturmbrille und nackte Haut – das sind die Zutaten des Afrikaburn

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© Malte Jäger
Monique Schiess brachte den Ableger des „Burning Man“ vor elf Jahren nach Südafrika. Längst ist die Organisation für sie zum Fulltime-Job geworden

Monique Schiess brachte den Ableger des „Burning Man“ vor elf Jahren nach Südafrika. Längst ist die Organisation für sie zum Fulltime-Job geworden

© Malte Jäger

  Es ist Ende April, der Sommer auf der Südhalbkugel geht zu Ende. Die Menschen um mich herum sind zum Afrikaburn zusammengekommen, einem einwöchigen Spektakel in einer der unwirtlichsten Gegenden Südafrikas. Hier in der Halbwüste Tankwa Karoo leben Schakale, Skorpione und giftige Puffottern. Tagsüber wird es bis zu 40 Grad heiß, nachts kann es Minusgrade geben. Dennoch reisen Jahr für Jahr mehr Besucher aus dem rund 300 Kilometer entfernten Kapstadt an, aber auch von weiter her: aus Durban und Johannesburg, aus Europa und den USA. 13 000 Menschen sind es diesmal, einer von ihnen bin ich.

Was hat das alles zu bedeuten? Hängt davon ab, wen man fragt. Ich treffe Suchende, aber auch solche, die hier alles vergessen möchten. Die einen stellen die großen Fragen ans Leben, die anderen wollen die Nacht durchtanzen, den folgenden Tag und auch die nächste Nacht. Es kommen welche, die einfach nur nett sein wollen, die Pfannkuchen backen oder die Toiletten putzen, Tag für Tag, für nichts außer ein paar Mahlzeiten. Und es gibt jene, die lieber unter sich bleiben, wie ein paar Farmer aus der Gegend, die sich breitbeinig auf Campingstühlen fläzen und Fleisch auf den Grill packen: Männer, die gern trinken, in die Sterne gucken und schweigen. Wieder andere kommen, um sexuelle Abenteuer zu wagen, die sie sich sonst nie trauen würden – oder einfach ein paar Tage nackt herumzulaufen.

Afrikanern: Wer wollen wir sein? Nicht nur Menschen in schrillen Outfits

Wer wollen wir sein? Nicht nur Menschen in schrillen Outfits, ...

© Malte Jäger
Afrikaburn: auch Fabelwesen zählen zur Afrikaburn-Folklore

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© Malte Jäger
Afrikaburn: Tag und Nacht kreuzen solche Fantasie-Fahrzeuge über das Festivalgelände

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© Malte Jäger

Für ein paar Tage im Jahr ist die Wüste Catwalk, Spielplatz und gigantische Tanzfläche

  „Tankwa Town“ heißt die Stadt, die sie in der Wüste jedes Jahr aufs Neue errichten, um sie nach ein paar Tagen wieder einzureißen; eine Gemeinde, die es offiziell gar nicht gibt. Aber wer in Google Maps an die Koordinaten 32°19’36.6’’S 19°44’53.2’’E heranzoomt, findet das Camp, das sich sichelförmig um den „Binnekring“ legt, die zentrale Arena des Festivals. Ein halber Quadratkilometer Wüste, der einmal im Jahr zum ­Catwalk wird, zum Spielplatz und zur Tanzfläche. An einer Stelle laufen Discotracks, woanders klimpert Jazz, am häufigsten aber sind Elektrobeats zu hören. Ein „Berghain“ im Nirgendwo.

Der knochentrockene Landstrich ist ideal für einen ge­sellschaftlichen Selbstversuch: sieben Tage ohne Geld, ohne WLAN und Handyempfang. Es gibt keine Müllabfuhr, kein Catering, kein organisiertes Unterhaltungsprogramm. Dafür kann ­jeder anbieten, was er will – Kekse, Schnaps, Kürbiseintopf. Manche führen Konzerte auf, andere zeigen Kunstwerke oder legen Tarotkarten. Eine der Afrikaburn-Regeln lautet: Jeder trägt etwas zum Gelingen bei. Man probt eine Utopie der Eigenverantwortung und unterfüttert sie mit Herzlichkeit. „Gimme a hug!“, „Lass dich umarmen!“ – nirgends habe ich das häufiger gehört als hier. Die Dis­tanz des Großstädters, die gibt es in der Wüste nicht.

„Happy Thursday“, einen frohen Donnerstag wünscht mir ein Mann im Vorbeiradeln und winkt mit seinem Regenschirm. Zwei andere, die in einem Giraffenkostüm stecken, werden von einem elfenhaften Wesen geführt, das zur silberfarbenen Fliegerjacke ein knappes Bikinihöschen trägt. Ein Mann in weißem Tutu sitzt auf einem roten Sofa, ein anderer, als Gartenzwerg verkleidet, reicht ihm ein Glas Champagner. Als ich mich in den Schatten eines riesigen Cupcakes setze, rollt ein pinkfarbenes Plüsch-Nilpferd an mir vorbei. Ich mache ein Foto, das ich liebend gern meinem Freund schicken würde. Ich will ihm von dem staubig-­trüben Licht erzählen, von der Hitze. Und dass ich mich fühle, als wäre ich in Tim Burtons Interpretation von Woodstock geraten. Ist aber vielleicht besser, dass ich keinen Handyempfang habe. Vielleicht sitzt er gerade in einer Konferenz oder stochert in seinem Kantinenessen. Wie soll ich ihm das hier erklären?

Haushohe Holzskulpturen stehen über den Binnekring verstreut. Man kann hineinschlüpfen oder draufklettern, einige dienen den DJs als Bühnen. Sogar ein Riesenrad gibt es, komplett aus Holz. Fast alle diese Objekte werden im Lauf der Woche verbrannt. Die Feuer faszinieren mich, sie erinnern mich an die Demut tibetischer Mönche: Stundenlang legen sie filigrane Mandalas aus gefärbtem Sand, doch kaum sind sie fertig, zerstören sie sie wieder. Ich denke aber auch: Was für eine Materialschlacht! Tonnenweise bestes Bauholz geht in Flammen auf, das sicher Hunderttausende gekostet hat. Muss das sein, ausgerechnet in einem Land, in dem noch immer Millionen Menschen unterhalb der Armutsgrenze leben?

Afrikaburn: Wohin die Reise geht? Spielt doch keine Rolle, solange man mit den richtigen Leuten unterwegs ist

Wohin die Reise geht? Spielt doch keine Rolle, solange man mit den richtigen Leuten unterwegs ist

© Malte Jäger

  Um mich herum sehe ich vor allem junge, weiße Menschen. Sie verdienen ihr Geld als Spieleentwickler oder Werber, sind Wissenschaftler oder Drehbuchschreiber. Einige blicken aus ex­trem geweiteten, andere aus stecknadelkopfkleinen Pupillen. Drogen sind auch in Südafrika verboten, aber wie an so vielen Orten der Welt gehören sie auch hier zum Feiern dazu. Ist das Ganze vielleicht doch kein soziales Experiment, sondern eher eine Gelegenheit für „rich kids“, es mal richtig krachen zu lassen?

Das Walkie-Talkie knarzt, schon wieder. Monique Schiess, eine der Organisatorinnen, legt das Gerät gar nicht mehr aus der Hand. Die große Skulptur, die am Abend verbrannt werden soll, ist noch nicht fertig – also müssen Zeitpläne geändert, Sicherheitsleute benachrichtigt werden. Für Schiess ist Afrikaburn ein Fulltime-Job. Die 45-Jährige mit dem Schlafzimmerblick, in schwarzen Leggings und Flip-Flops, sitzt in einem Bus, der vor Jahren auf dem Gelände liegen geblieben ist. Irgendjemand hat darin Kunstrasen ausgelegt und hölzerne Eckbänke eingebaut, es ist die Schaltzentrale der Party. Schiess ist das ganze Jahr über damit beschäftigt, das Event von Kapstadt aus zu organisieren. Sie hat es zusammen mit fünf Partnern gegründet, oder besser: Sie haben es zu sich geholt. Gefeiert wird in der Wüste schon seit fast 30 Jahren – allerdings am anderen Ende der Welt: in der Black Rock Desert im US-Bundesstaat Nevada.

 

CPT

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  Im Juni 1986, in der Nacht der Sommersonnenwende, verbrannten 20 Freunde eine zweieinhalb Meter hohe Holzstatue am Baker Beach in San Francisco. Das Ritual wurde zur Tradition, die Figur von Jahr zu Jahr größer, der Zulauf zu dem Happening ebenfalls. Bis es untersagt wurde und die Feiernden – 800 waren es inzwischen – 1990 nach Nevada auswichen. In den Folgejahren wurde der „Burning Man“ zum Magneten für New-Age-Hippies und andere Sinnsuchende und zog schließlich auch die Player der kalifornischen Tech-Industrie an. Denn die Wüste, diese gigantische, scheinbar leere Weite, lässt sich als perfekte Allegorie auf das Internet lesen: ein autonomer, nicht regulierter Ort, wo Ideen gedeihen und sich jeder austoben kann. Das Spek­takel wurde zu einem Sehnsuchtsort des Silicon Valley, seiner Visionäre und Milliardäre. Facebook-Gründer Mark Zuckerberg soll hier Sandwiches verteilt haben, Google-Chef Larry ­Page in einem silbernen Ganzkörperanzug herumgelaufen sein. Er und sein Partner Sergey Brin, heißt es, stellten ihren einstigen Aufsichtsratsvorsitzenden Eric Schmidt auch deshalb ein, weil er wie sie ein „Burner“ war. Und Tesla-Chef Elon Musk wird mit den Worten zitiert: „Wer nie beim Burning Man war, kann Silicon ­Valley nicht verstehen.“

Heute treffen sich jährlich rund 70 000 Besucher in der Wüste von Nevada. Monique Schiess war 2004 zum ersten Mal dort. Als sie nach Haus zurückkehrte, stand ihr Entschluss fest: Sie würde den Burning Man auch in Südafrika starten. Drei Jahre später organisierten sie und ihre Partner ihr erstes eigenes Wüstenfest.

Afrikaburn: Ohne sie läuft nichts: Jean-Pierre de Villiers ist einer der Besitzer des Wüsten-Areals

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© Malte Jäger
Afrikaburn: Officer Given Phololo sorgt auf dem Gelände für Sicherheit

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© Malte Jäger

  Hitze, Staub, flirrende Luft. Es ist früher Nachmittag, ich laufe über den Binnekring. Fette Beats wummern aus einem Ghetto­blaster von der Größe eines Hafencontainers. Eine gigantische ­lila und grün leuchtende Schnecke rattert auf verborgenen Rädern an mir vorbei. Ich mache an einem Schokoladen-Springbrunnen halt, in den ein etwa zehnjähriges Mädchen Marshmallows taucht. Schließlich komme ich mit einer Frau ins Gespräch, die mir erzählt, dass ihr Mann vor zwei Jahren gestorben ist. „Hier spüre ich zum ersten Mal seit Langem, dass meine Kräfte zurückkehren“, sagt sie – und verabschiedet sich gleich wieder. Sie will noch hinüber zur Landebahn, um Neuankömmlinge zu begrüßen, die in Cessnas zum Festival eintrudeln.

Ein paar Tage in der Wüste, können die einen wirklich verändern? Das frage ich Monique Schiess, die ich am Feuer wiedertreffe. „Absolut“, sagt sie und schaut in die Flammen. „Die Menschen machen hier die Erfahrung, dass sie gemeinsam etwas Neues schaffen können.“ Viele treffen sich in Kapstadt wieder, erzählt sie, legen Stadtgärten an, engagieren sich in ihrem Viertel. „Sie machen sich die Orte, an denen sie leben, zu eigen.“

Afrikaburn: Feuriges Finale

Feuriges Finale: ...

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Afrikaburn: ... Kaum sind die hölzernen Kunst­werke fertiggestellt, gehen sie in Flammen auf

... Kaum sind die hölzernen Kunst­werke fertiggestellt, gehen sie in Flammen auf

© Malte Jäger

  Das Feuer ist zu einem glimmenden Haufen zusammengesunken. Meine Beine sind vom Sitzen auf dem harten Boden steif geworden. Ich laufe los, lasse das Camp hinter mir, gehe ­hinaus in die Wüste, immer weiter in die Dunkelheit. Bevor die Sonne aufgeht, schickt sie blasse Farben vor, ein helles Blau, ein schmutziges Gelb. Dann beginnen die Wolken zu glühen.
Der nächste Tag, er kommt.


 

Afrikaburn: Karte - wann brennt's wo?

Wann brennt’s wo?

1) Kiwiburn, Neuseeland (24. bis 29. Januar)
  kiwiburn.com

2) Fuego Austral, Argentinien (28. März bis 2.April)
  fuegoaustral.org

3) Afrikaburn, Südafrika (23. bis 29. April)
  afrikaburn.com

4) Midburn, Israel (14. bis 19. Mai)
  midburn.org

5) Nowhere, Spanien (3. bis 8. Juli)
  goingnowhere.org

6) Burning Man, USA (26. August bis 3. September)
  burningman.org


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