Kolumne: Ausgepluendert in Tel Aviv
© Tim Möller-Kaya

Ausgeplündert in Tel Aviv

  • TEXT HELGE TIMMERBERG
  • ILLUSTRATION TIM MÖLLER-KAYA

  Auf jeder Reise zahle ich sie, die Trottelsteuer, aber immer nur einmal. Danach passe ich auf. Bis zur nächsten Reise, auf der ich dann wieder fällig bin. Das habe ich so oft erlebt, dass ich mittlerweile an die Routine des Mini-Schicksals glaube, der Mini-Aufmerksamkeit, der Mini-Blödheit. Üblicherweise geschieht es im Taxi, und meistens in dem, das mich vom Flughafen zum Hotel bringt. Entweder weil ich vergessen habe, auf das Anschalten der Uhr zu bestehen, oder weil ich nicht ortskundig bin. Das Doppelte des Tarifs ist da schon mal schnell drin, aber im Grunde entspannt es mich, wenn die Trottelsteuer so früh bezahlt ist. Und so günstig war. Um 20 oder 30 Dollar geneppt zu werden belastet die Ehre mehr als das Portemonnaie. 100 Dollar dagegen können wehtun, wie damals in Tel Aviv. Ich kam aus meinem Hotel und wollte in eine Diskothek. Und der Taxifahrer sagte „No problem, Klaus“ und hörte damit auch während der gesamten Tour nicht mehr auf, weil er glaubte, dass ich der exzentrische Schauspieler Klaus Kinski bin, der nicht erkannt werden will. Aber das laufe in seinem Taxi nicht. Weltruhm habe seinen Preis. Wir umrundeten die Hälfte der Stadt, waren auch eine Zeitlang auf einer Autobahn unterwegs, und als er mich endlich vor der Diskothek rausließ, gab ich ihm für diese doch sehr lange Fahrt die 100 Dollar, ohne mit der Wimper zu zucken. Erst als ich Stunden später den Türsteher des Lokals bat, mir ein Taxi zurück zum Hilton zu rufen, und er meinte, dafür bräuchte ich eigentlich nur 100 Meter die Straße runterzulaufen, wurde mir klar, was für ein Idiot ich gewesen war. Aber ich beruhigte mich bald, denn der Taxifahrer hatte mich über meine Eitelkeit gekriegt. Sie ist nicht nur eine große Schwäche, sondern, wie ich hörte, auch eine Sünde – und 100 Dollar Ablass gelten in diesen Fehler­kategorien noch nicht als Wucher. Glück gehabt.


Unser Kolumnist, 1952 geboren, trampte mit 17 Jahren erstmals nach Indien und traf anschließend seine Berufswahl: Reiseautor. Seitdem pflegt er sein heftiges Fernweh, schreibt Reisebücher aus aller Welt – und jeden Monat hier.

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