Country-Klänge in Kalifornien

  • TEXT HELGE TIMMERBERG
  • ILLUSTRATION TIM MÖLLER-KAYA

Wir fuhren in einem alten Buick aus San Francisco hinaus, die Berge und Wälder Nordkaliforniens nahmen uns auf. Die meisten Bäume, die wenigsten Menschen, aber die wenigen haben wunderschöne kleine Straßen gebaut, auf denen man kein Ziel braucht, denn man hätte nach jeder Kurve anhalten und sagen können: Wir sind da. Und zwar für immer. An einem Fluss, dessen Namen ich bis heute nicht weiß, machten wir es wie die Indianer oder wie Tarzan: Irgendwer hatte  an den hohen Ast eines Baumes ein Seil gebunden, mit dem wir uns über das Wasser schwangen. Über der Mitte des Flusses sprangen wir ab, Stromschnellen vervollständigten den Spaß. Nach eineinhalb Tagen gesellte sich eine Familie zu uns. Vater, Mutter, drei Kinder. Sie campierten in etwa 50  Meter Entfernung und machten dort all die Dinge, die Familien tun. Grillen, Spielen und Rumliegen, und irgendwann begann die Mutter zu singen. Sie hatte ein paar Zähne zu wenig und ein paar Pfunde zu viel, aber sie sang mit der Stimme eines Engels. A cappella, ihr Instrument war die Seele. So schön wie diese Wälder, so rein wie dieser Fluss. Ich kannte das Lied. Ein Gebet des Country & Western, oft von Joan Baez gehört. Auch die Frau am Fluss hätte ein Millionenpublikum verdient gehabt, aber keine Nuance in ihrer Stimme verriet den Wunsch danach. Sie vergeudete ihr Talent nicht an Ruhm und Geld. Sie sang nur für ihre Lieben, Gott und sich selbst. Das ist gut 30 Jahre her, und ich habe seither viel erlebt und viel vergessen, aber die Engelsstimme der Unbekannten aus dem Indianerland schwimmt über den großen Fluss der Zeit immer und immer wieder zu mir.


Unser Kolumnist, 1952 geboren, trampte mit 17 Jahren erstmals nach Indien und traf anschließend seine Berufswahl: Reiseautor. Seitdem pflegt er sein heftiges Fernweh, schreibt Reisebücher aus aller Welt – und jeden Monat hier.

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