Der Deutsche ist immer ein Kicker
© Tim Möller-Kaya

Der Deutsche ist immer ein Kicker

  • TEXT HELGE TIMMERBERG
  • ILLUSTRATION TIM MÖLLER-KAYA

Belutschistan 1970. Die Heimat der Paschtunen. Ihr Stammesgebiet liegt in Afghanistan, Pakistan und im Iran. Sehr wilde Männer mit langen Bärten, alle bewaffnet, alle süchtig nach Tee. Dort heißt er Chai. Extrem stark, übermäßig viel Zucker. Im Grunde eine flüssige Süßspeise. Der Chai-Macher saß mit übereinandergeschlagenen Beinen hinter seinem Kessel, der Widerschein des offenen Feuers flackerte über sein Lederhaut-Gesicht, er betrachtete mich wie ein Wundertier, denn er hatte noch nie einen leibhaftigen Europäer vor sich gehabt. „American?“, fragte er. „No, German.“ Sofort leuchteten seine Augen auf. „Beckenbauer“, rief er begeistert, „Be-cken-bau-er!“ Und ich bekam meinen Tee umsonst.

Südindien 1982. Der Berg war heilig, ein winziges Tempelchen unterhalb des Gipfels wurde von einer jungen Brahmanin bewirtschaftet. Sie hatte einen neunjährigen Sohn, ein Transistorradio und ein gutes Dutzend Hühner, von denen hin und wieder eines der Göttin Kali geopfert wurde. Sushila trug Ringe in der Nase, malte jeden Morgen mit weißem Kreidestaub komplizierte Mandalas in den Lehm und sprach kein Englisch. Trotzdem erfuhr ich: Sie war 29 Finger alt, und mehr als die drei Dörfer unten im Tal hatte sie von der Welt noch nicht gesehen. Als ich kundtat, ich sei Deutscher, bewirkte das bei ihr nichts, aber ihr Sohn flippte komplett aus. „Rum-me-nig-ge“, schrie der Kleine.

Am Amazonas 1992. Ich war mit Goldsuchern im Regenwald unterwegs. Nach zwei Wochen hatte ich die Vergangenheit abgelegt und mich an die ständige Dunkelheit, die Jaguare, Krokodile und Schlangen gewöhnt. Nicht aber daran, dass die Yanomami, die noch mit Giftpfeilen jagten, mich Lothar nannten, als sie erfahren hatten, woher ich kam, „Lo-thar Mat-thä-us!“


Unser Kolumnist, 1952 geboren, trampte mit 17 Jahren erstmals nach Indien und traf anschließend seine Berufswahl: Reiseautor. Seitdem pflegt er sein heftiges Fernweh, schreibt Reisebücher aus aller Welt – und jeden Monat hier.

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