Ein Riad in Marrakesch
© Tim Möller-Kaya

Die Engel von Marrakesch

  • TEXT HELGE TIMMERBERG
  • ILLUSTRATION TIM MÖLLER-KAYA

Ich hatte mal einen Schreibtisch in Marrakesch. Er stand im Innenhof eines Riads. Zwei Bäume – einer trug Zitronen, einer Orangen – spendeten ihm Schatten, und in der Mitte des Patios plätscherte nonstop ein Springbrunnen. Die Wassermusik und das Zwitschern der Vögel, die in dem Blätterwerk der Bäume bei mir zur Untermiete wohnten, begleiteten meine Sätze. Ich schrieb immer nur einen. Dann stand ich auf und ging eine Runde um Bäume und Brunnen. Der Innenhof war recht groß, und ich hatte es nicht eilig, und fast immer wusste ich am Ende der Runde den nächsten Satz. Ich nannte das „Entschleunigtes Schreiben“ und fand es sehr gesund. Entschleunigte ich zu viel, verließ ich das Haus und holte mir erst in den Gassen des Basars und dann am Djemaa el Fna eine ordentliche energetische Aufladung.

Der große Platz der Gaukler, Zähnezieher, Preisboxer, Wahrsager und Märchenerzähler in der Medina von Marrakesch wird jeden Tag zur blauen Stunde ziemlich laut und lustig, und der beste Platz, das ohne Vollkontakt mit Schlangen und frechen Äffchen zu genießen, ist die Terrasse vom Café Glacier. Das wusste schon Leonard Cohen, das wusste schon Jimi Hendrix, und das wussten eigentlich auch alle Autoren der Beat Generation. Hupen und Trommeln und erstauntes Blöken eselseits bei einem whisky marocain (umgangssprachlich für Minztee) färbten die grauen Gehirnzellen schnell wieder bunt, und daheim, im Riad, machte man für mich schon mal die Schreibtischbeleuchtung an: 70 Kerzen, ungelogen. Überall im Innenhof, auf dem Boden, auf dem Brunnen, in den Bäumen, auf der Balustrade des ersten Stocks, und natürlich auch auf meinem Schreibtisch flackerten kleine Flammen, nicht nur, weil das wunderschön aussieht, sondern auch, weil ich als Kind von meiner Oma darüber aufgeklärt wurde, dass Kerzenlicht Engel anzieht.


Unser Kolumnist, 1952 geboren, trampte mit 17 Jahren erstmals nach Indien und traf anschließend seine Berufswahl: Reiseautor. Seitdem pflegt er sein heftiges Fernweh, schreibt Reisebücher aus aller Welt – und jeden Monat hier.

helgetimmerberg.com