Illustration: Autor Adrian Pickshaus und sein Sohn mit Micky im Disneyland Paris
© Rafa Alvarez

Micky, mein Sohn und ich

  • TEXT ADRIAN PICKSHAUS
  • ILLUSTRATION RAFA ALVAREZ

Disneyland Paris feiert 25. Geburtstag – nichts wie hin! Fazit von Papa & Junior: Unter Mäusen, Monstern und Enten ist das Alter egal.

Der Mensch verbringt 374 Tage im Leben mit Warten. Was für eine verrückte Zahl. Mehr als ein Jahr lang werden wir zurückgeworfen auf das pure Sein. Wir, die vermeintliche Krone der Schöpfung, zurechtgestutzt, versetzt in einen Zustand nervöser Apathie. Wir starren. Treten auf der Stelle. Glotzen im Sekundentakt aufs Handy-Display. Aber im Disneyland Paris, in den Katakomben der Western-Achterbahn „Big Thunder Mountain“, in einer Warteschlange mit vielen hundert anderen Erlebnishungrigen, gibt es kein WLAN. Also denke ich übers Älterwerden nach.

Neben mir steht mein Sohn Theo. Acht Jahre jung, blonder Wuschelkopf unter dem grünen Basecap – und die Ruhe selbst. Lässig lehnt er am Metallgitter, ignoriert die Menschenmassen um uns herum, arbeitet sich durch ein Comicbuch. Woher hat er die Geduld? Woher kommt die Zuversicht in seinem Blick? Vielleicht weiß er schon, was am Ende dieser Schlange wartet: Erlösung im Spaß. Ein Schlitten auf Schienen, der uns rasant durch Kurven und Tunnel, über Berge aus Pappmaschee und durch illuminierte Höhlen tragen wird. Wir werden jauchzen und jubeln, zittern und schreien, den Duft dieser Sommernacht mit dem Fahrtwind aufsaugen. Der Ritt wird rasch vorbei sein, aber das Grinsen im Gesicht bleibt. Wie festgeklebt.

CDG

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  Die Reise beginnt am Düsseldorfer Flughafen. Erst kommt der Airbus, dann die Achterbahn. Ich, ganz der Journalist, grabe mich am Gate durch lange Stücke aus der Wirtschaftspresse. Ich erfahre, wie Disney durch geschickte Zukäufe zur globalen Traumfabrik wurde. Warum die Sternenkrieger von „Star Wars“ und die Superhelden von Marvel dem Konzern längst mehr Umsatz bescheren als alle Mäuse und Enten. Und ich lese, dass das Pariser Disneyland trotz hoher Besucherzahlen immer noch rote Zahlen schreibt.

Theo interessiert das nicht. Er ist Fan. Den Trip zu seinen Göttern habe ich ihm zu Weihnachten geschenkt. Theos heilige Schriften sind die „Lustigen Taschenbücher“, dicke Wälzer voller grellbunter Geschichten, in denen eine Maus mit weißen Handschuhen Verbrecher jagt und ein geldgeiler Erpel in Goldmünzen badet. Wenn ihm einer dieser Comics in die Hände fällt, hört man für zwei Stunden nichts mehr von ihm. Er ist dann in Entenhausen. Und ich weiß genau, wie er sich dabei fühlt. Als ich so alt war wie er, las ich die gleichen Geschichten. Ich fieberte mit Micky Maus, dem Mäusedetektiv. Und lachte über Goofy, Mickys tollpatschigen Hundekumpel. Stets hoffte ich, dass sie zusammen Kater Karlo schnappen würden. Die fiese, dicke, gemeine Gangster-Katze!

„Da, Papa, das Märchenschloss!“ Theo drückt die Nase an die Scheibe des Shuttlebusses. Wir sind jetzt 32 Kilometer östlich von Paris. Aus der grünen Landschaft stechen Themenhotels hervor, deren Drehtüren Touristen ausspucken. Überragt werden die Bettenburgen nur vom Dream Castle, der amerikanischen Variante von Neuschwanstein. Disneyland Paris, bestehend aus dem Disneyland Park sowie dem jüngeren Walt Disney Studios Park, läuft quantitativ unter Weltattraktion: Mit rund 14 Millionen Besuchern im Jahr zieht der begehbare Zeichentrickfilm mehr Menschen an als Louvre-Museum und Eiffelturm zusammen.

Das finden längst nicht alle Bewohner der Grande Nation großartig. Schließlich sind Micky und Donald, Minnie und Daisy allesamt – mon Dieu! – US-Importe. Doch der Park hat der französischen Wirtschaft seit seiner Eröffnung eine Wertschöpfung von rund 68 Milliarden Euro beschert. Da erträgt man die dauerfröhlichen Besatzer mit Fassung.

Disneyland Paris hat mehr Besucher im Jahr als Louvre und Eiffelturm zusammen

Disneyland Paris ist riesig: fast 2000 Hektar groß, 54 offizielle Attraktionen werden auf der Website gelistet. Theo und ich haben nur zwei Tage Zeit. Sofort stürzen wir uns ins Getümmel. Auf einer Studiotour lernen wir, dass Micky Maus schon 1928 im Animationsfilm „Steamboat Willie“ debütierte. Comiczeichner verraten uns, wie sie Figuren für die große Leinwand entwickeln. Bei einer Stuntshow liefern sich harte Kerle in heißen Kisten eine Verfolgungsjagd – im Rückwärtsgang! Dann besteigen wir den „Tower of Terror“, ein klotziges Spukhotel. Durch den Fahrstuhlschacht stürzen wir 13 Stockwerke in die Tiefe, 50 Meter freier Fall. Theo kichert, ich schreie wie am Spieß, kralle die Finger in den Sicherheitsgurt. Mut ist keine Frage des Alters.

Illustration: Autor Adrian Pickshaus und sein Sohn schießen im Disneyland Paris ein Selfie mit Donald und Goofey
© Rafa Alvarez

  Mein Sohn ist 2008, ich bin 1978 geboren. Im Jahr zuvor, 1977, brachte George Lucas den ersten „Krieg der Sterne“ in die Kinos. 2012 sicherte sich Disney die Rechte an der interstellaren Filmreihe. Und 2017? Die Jungs in Theos Klasse sind völlig verrückt nach „Star Wars“, bauen die Raumschiffe aus dem Weltraummärchen mit Legosteinen nach, fuchteln mit Besenstielen, als wären es Lichtschwerter. Sie fahren auf einen Stoff ab, der gut 40 Jahre auf dem Buckel hat. Luke Skywalker gegen Darth Vader. Gut gegen Böse, in Ewigkeit, amen?

Vielleicht liegt darin ja das Erfolgsgeheimnis von Disney. Zeiten ändern sich, wir alle werden älter und erwachsen. Aber die Helden unserer Jugend sind auch für den Nachwuchs spannend. Die Konzernmanager von Disney wären demnach moderne Brüder Grimm: Sie haben das Copyright auf unsere Träume, halten die Rechte am „König der Löwen“, an „Die Schöne und das Biest“, an den witzigen Fischen Nemo und Dorie. Inzwischen sind sechs Disney-Parks über die Welt verteilt, gleich drei davon befinden sich in Asien. Durch die Karibik steuern eigene Kreuzfahrtschiffe des Unternehmens. Disneyland Paris feiert dieses Jahr den 25. Geburtstag. Auch deshalb ist die Warteschlange am „Big Thunder Mountain“ so lang. Unsere Herberge für die Nacht ist das Disneyland Hotel.

Am Eingang des Parks gelegen, gerahmt von Springbrunnen und Blumenbeeten. Mit der weißen Fassade, den vielen Erkern und Türmen und dem rosa Dach erinnert es an ein viktorianisches Bahnhofsgebäude, dessen Architekt auf LSD gewesen sein muss. Die Teppiche in der Lobby sind pfützentief, im Souvenir­shop gibt es Micky-Figuren aus Kristallglas, das Stück für 2000 Euro. Der Hunger treibt uns ins Büfettrestaurant. Dort wartet eine Überraschung: Lebensgroße Disney-Figuren tapsen von Tisch zu Tisch. Micky, Pluto, Goofy – alle sind sie da. Väterhände werden geschüttelt, Ehefrauen in den Arm genommen, Jugendliche schießen Selfies mit Enten und Mäusen in XXL.


Walt Disney Parks weltweit

Karte: Walt Disney Parks weltweit

1 ANAHEIM, California, USA | 2 LAKE BUENA VISTA, Florida, USA | 3 MARNE LA-VALÉE, Frankreich | 4 LANTAU ISLAND, Hong Kong | 5 SHANGHAI, China | 6 URAYASU, Japan

  Theo rennt sofort zu Donald. Der glücklose Neffe von Dagobert Duck ist sein absoluter Held. In Donalds kleinem Leben geht immer alles schief, er ist ständig pleite, aber, so sagt mein Sohn: „Ich mag ihn. Er gibt nie auf. Wenn er hinfällt, steht er wieder auf. Und er hat ein großes Herz.“ Ich bin ein wenig stolz da­rauf, dass Theo Donald so mag. Ich schieße ein Handyfoto von den beiden. Mein Sohn will den Mann, der in einem Entenkostüm steckt und nur Französisch spricht, gar nicht mehr loslassen. Doch Donald muss weiter, wahrscheinlich hat er bald Feierabend. Theo und ich essen Pizza und Pommes.

Als Kind war ich selten in Vergnügungsparks. Disneyland gab es damals nur in Kalifornien und Florida, meine Mutter flog mit mir lieber auf die Kanaren. Ich habe also einiges nachzu­holen. Am nächsten Tag will ich den Ort mit Theos Augen sehen, aus der Perspektive eines neugierigen Kindes. Mir fällt auf, dass viele Frauen mit großen Mäuseohren herumlaufen. Überhaupt tragen hier viele Menschen Kostüme und Kappen. Jungs gehen oft als Spider-Man oder Captain America, Mädchen eher als Pocahontas oder Schneewittchen. Bei Disney sind die Geschlechterrollen klar verteilt.

Theo und ich streunen über das Gelände, verirren uns im Labyrinth von „Alice im Wunderland“, feuern mit Laserpistolen, Buzz Lightyear aus „Toy Story“ an unserer Seite. Auch die Figuren aus dem Restaurant sind wieder da, wollen wieder auf Tuchfühlung gehen, Wegelagerer der plüschigen Umarmung. Als Pluto auf ihn zuwankt, weicht Theo zurück. „Der hat kein Gehirn, oder, Papa?“ Hach, sie werden so schnell erwachsen.

Wir kosten unseren Besuch aus. Noch um zehn Uhr abends fallen wir aus Achterbahnen, rennen durch den Park, der jetzt an manchen Stellen menschenleer ist. Theo und ich, Vater und Sohn, jetzt aber mehr ein Duo infernale, zwei Kumpels auf Augenhöhe. Wenn das seine Mutter wüsste. Am Märchenschloss bricht das Feuerwerk los. Wasserfontänen schießen in den Himmel, Laserstrahlen und Videoprojektionen flirren durch die Nacht. Theo steht stumm da, den Blick starr auf das Spektakel gerichtet. Zu gern wäre ich jetzt in seinem Kopf. In meinem ist bloßes Glück. Ich lege meine Hand auf Theos Schulter. Das Warten hat sich gelohnt.