Olympia auf Indisch: wilder Sport im Punjab
© Meiko Herrman

Vier Tage Ruhm

  • TEXT SARA MOUSLY
  • FOTOS MEIKO HERRMANN
  • ILLUSTRATION CRISTÓBAL SCHMAL

Einmal im Jahr wird im indischen Punjab die „Dorf-Olympiade“ gefeiert, eine wilde Mischung aus Kräftemessen und Kultur, aus Kampfkunst und Tierschau

Aua! Ein Schlag gegen den Knöchel, ein kurzer Schwindel, ich setze mich ins Gras. Jetzt erst sehe ich, was mich da aus dem Nichts getroffen hat: ein Hockeyball. Das Spiel hatte ich gar nicht bemerkt. Um mich herum herrscht Chaos. Menschen machen Motorrad-Stunts, stemmen Gewichte, jemand führt ein tanzendes Kamel vor. Es gibt Rollstuhl- und Traktorenrennen, Hunde- und Pferdewettkämpfe.

Aus verbeulten Blechtrichtern plärren Ansagen in ohrenbetäubender Lautstärke. Der Mann am Mikrofon ist Zeremonienmeister, Kommentator und ekstatischer Fan in einem. Abwechselnd sehe ich zwei Kugelstoßerinnen zu, Frauen mit beängstigend breiten Schultern, parallel versuche ich die Regeln zu verstehen, nach denen Kabaddi funktioniert, eine Art Mannschaftsringen ein paar Meter weiter.

Aber der Reihe nach. Der Rasen, auf dem ich sitze und mir den Knöchel reibe, liegt im Bundesstaat Punjab im Norden Indiens. Die meiste Zeit ist Kila Raipur, 300 Kilometer nördlich von Neu-Delhi, ein ganz normales Dorf. Hier leben vor allem Sikhs. Auf den Feldern wachsen Reis, Weizen und Zuckerrohr, die Bauern versorgen ihre Milchkühe, ihre Ochsen und Esel.

Aber für vier Tage im Jahr, um das erste Februarwochenende herum, wird das Dorf zur Bühne. In einem eigens dafür errichteten Stadion findet eine schrille Mischung aus Leichtathletik-Disziplinen, Tierschauen und Kampfkunst-Shows statt.

Alle machen mit: Alte und Junge, Fitte und Behinderte. Männer und Frauen. Na ja, wenigstens einige Frauen. Seit 83 Jahren gibt es das Kila Raipur Sports Festival bereits. Über eine Million Besucher werden erwartet, lese ich vor meiner Abreise auf der offiziellen Website. Das ist groß, denke ich mir, da will ich hin!

Das folgende Video ist nicht für Untertitel geeignet. Die Beschreibung finden Sie auf der Seite

 Mein erstes Gefühl: Ernüchterung. Das Feld ist mehr Bolzplatz als Stadion. Ich zähle die noch fast leeren Stuhlreihen auf den überdachten Tribünen, schätze, wie viele Zuschauer auf die weiß getünchten Betonstufen rechts und links davon passen, multipliziere, addiere, komme beim besten Willen nicht auf mehr als 20 000 Plätze.

Es ist neun Uhr am Morgen, und es ist kalt. Die ersten Besucher trudeln ein, zu dicken Pullovern und Jacken tragen die meisten den obligatorischen Turban der Sikhs. Die Erwartungen sind hoch, die Spiele aber lassen auf sich warten. Also ran an die Ausländerin, das Handy gezückt. Ein Selfie?

Ich versuche unsichtbar zu werden, lasse mich an den Rand des Felds treiben. Neben einem leuchtend grünen Reisfeld steht ein Mann mit strubbeligen Haaren und tränkt ein Pferd. Wer bist du? „Javindar Singh. Aber die Leute nennen mich ‚Kaka‘ – Junge.“

Der 25-Jährige streichelt die braunglänzende Stute. Es ist nicht sein Pferd, er wurde nur als Jockey engagiert. Gewinnt er das Rennen, bekommt er 5000 Rupien, 67 Euro. Verliert er, gibt es nichts. Seine Chancen, heute etwas zu verdienen, stehen gut: Er wurde gleich von mehreren Pferdebesitzern gebucht.

Wenn ich gewinne, fühle ich mich als etwas Besonderes

Javindar Singh, Jockey

Das ist Kakas Leben: Er wohnt bei seinen Eltern, zwei Motorradstunden entfernt, trainiert die Pferde anderer Leute und fährt zu Rennen in der Umgebung. Es geht ihm um mehr als das Geld. „Wenn ich gewinne“, sagt er und lächelt, „fühle ich mich als jemand Besonderes.“

 

Barfuß auf der Ziel­geraden: Laufwettbewerb in Kila Raipur

Barfuß auf der Ziel­geraden: Laufwettbewerb in Kila Raipur

© Meiko Herrmann
Auch die Rasen-Radler nehmen an der Olympiade teil

Dann sind die Rasen-Radler dran

© Meiko Herrmann
Ein junger Sikh zeigt sein Können auf der Dorf-Olympiade

Jetzt nicht loslassen! Ein junger Sikh zeigt sein Können

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Reifenprüfung: In Kila Raipur wagen Taekwondo-Kämpfer den Sprung durchs Feuer

Reifenprüfung: In Kila Raipur wagen Taekwondo-Kämpfer den Sprung durchs Feuer

© Meiko Herrmann

  Alle Zeitungsartikel, die er über sich findet, bewahrt er in einer Mappe auf. Ich beginne zu verstehen. In diesem Land mit über einer Milliarde Einwohnern wird der Antrieb stärker, aus der Menge herauszustechen. Kila Raipur ist für viele eine Chance. Warhols 15 Minuten Ruhm auf Indisch.

Ein Böllerschuss scheucht einen Schwarm grüner Papageien auf. Die Mittagssonne hat die Luft aufgeheizt, das Stadion hat sich gefüllt.

Ich treffe die 19-jährige Prachi Virk, die sich für einen 400- und einen 800-Meter-Lauf angemeldet hat. Sie ist eine Studentin aus Ludhiana, der größten Stadt im indischen Punjab.

Ihre streng zurückgekämmten Haare trägt die große, dünne Frau unverschleiert, im Gegensatz zu den meisten Dorfbewohnerinnen. In Hamburg würde sie mir wohl kaum auffallen, höchstens ihre langen, silber lackierten Fingernägel.

In Kila Raipur aber ist Virk eine Ausnahmeerscheinung: Sie reist allein und übernachtet in der Fremde – Freiheiten, die vielen Frauen im ländlichen Indien verwehrt bleiben. „Ich finde es schlimm, wie rückwärtsgewandt die Leute hier sind“, schimpft sie. „Schau dich doch mal um – fast nur Männer.“

Die hält es kaum auf ihren Plätzen. Immer wieder scheuchen strenge Aufseher sie zurück in den Zuschauerbereich, immer wieder drängen sie aufs Feld, um dem Geschehen nahe zu sein. Ich mache es genauso. Gerade bildet sich ein neuer Pulk: Ein Mann klemmt das Ende eines wuchtigen Gestells aus Holz und Eisen, auf das er zudem ein Fahrrad montiert hat, zwischen seine Zähne.

Das Ganze stemmt er in die Höhe, die Arme nach den Seiten ausgestreckt. Ungläubig filmt Läuferin Virk die Szene mit ihrem Handy, sie kichert. „Ich muss hingucken, obwohl es mir weh tut! Das schicke ich meiner Mutter. Später, hier habe ich ja kein Netz.“

Reiter Javindar Singh gibt alles bei der Dorf-Olympiade im indischen Punjab

Reiter Javindar Singh gibt alles

© Meiko Herrmann

  Ach, das Internet. Jagbir Singh Grewal seufzt und lässt sich auf ein durchgesessenes Sofa plumpsen. Grewal ist ein massiger Mann, der Brille, Weste und Cordhose trägt. Ich treffe ihn im provisorisch eingerichteten Medienzentrum unter einer der Tri­bünen.

An den Wänden hängen gerahmte Fotos ehemaliger Hockeystars. „Würde uns die Regierung mehr Geld geben, könnten wir uns WLAN leisten – und Flutlicht!“ Grewal stellt sich mir als Nachfahre des Festival-Gründers Inder Singh Grewal vor und erzählt mir die Geschichte seines Ahnen.

Er war ein einflussreicher Dorfbewohner und muss so eine Art Turnvater Jahn des Punjab gewesen sein. Es ging ihm um die Ertüchtigung der jungen Männer in den Dörfern, darum, ihre Leistungsbereitschaft zu steigern, also begann er, sportliche Wettkämpfe zu veranstalten. ­

Eine Idee, die gut zu dieser Gegend passt, denn kampferprobt waren die Bewohner von Indiens Norden schon immer. In der Region gab es immer wieder blutige Konflikte zwischen Sikhs, Muslims und Hindus. Im 17. Jahrhundert gründeten die Sikhs den militärischen Nihang-Orden, dessen Anhänger sich bis heute in Reit- und Kampfkünsten üben.

Heute tritt eine junge Truppe an, der Älteste mag 20, der Jüngste erst vier oder fünf Jahre alt sein. Ihre Uniformen sehen fantastisch aus: leuchtend blaue Gewänder, dazu blaue und senfgelbe Turbane. Zu indischen Uptempo-Klängen springen und wirbeln sie durch die Luft, schwingen Messer, Säbel, Streitäxte, mal einzeln, mal in Gruppen. Ihre Waffen seien nicht echt, hat man mir erklärt.

Trotzdem hoffe ich, dass sie die gut im Griff haben. Vor allem, als der Jüngste zum Abschluss in einem wahnsinnigen Tempo eine Metallkugel an einer Kette kreisen lässt. Ohne Zweifel, die Nihang bieten hier die imposanteste Show. Das gilt auch für den nächsten Akt, den Ritt auf zwei Pferden – im Stehen, ein Fuß pro Pferderücken.

Den Anfang macht ein Teenager, der ziemlich wackelig aussieht, angespannt starrt er auf seine Füße. Der Nächste zeigt, was beharrliches Training bringen kann: Er steht so locker da wie ein geübter Surfer auf seinem Brett, sein langer Bart flattert im Wind, mit der rechten Hand schwingt er einen Krummsäbel über dem Kopf.

„Das ist unsere Tradition“, erklärt mir ein junger Mann, der auf seinen Auftritt wartet. „Das haben unsere Vorfahren auch gemacht. Wer das nicht kann, ist kein richtiger Mann.“ Ein Bürschchen, das neben ihm steht, nickt heftig.

Der Zuckerwatte-Verkäufer wartet darauf, dass sich die Ränge füllen

Etwas Süßes gefällig? Der Zuckerwatte-Verkäufer wartet darauf, dass sich die Ränge füllen

© Meiko Herrmann
Den Zuschauerinnen aus der Stadt gefällt das Spektakel in Kila Raipur

Den Zuschauerinnen aus der Stadt gefällt’s

© Meiko Herrmann

  Ein hartes Urteil. Aber am 80-jährigen Nichhattar Singh dürfte es abprallen. Über seinen trüben Augen wachsen buschige weiße Brauen, an seinem Kinn hängt ein zotteliger Bart. Jeden Tag, erzählt er, radele er drei Kilometer zum Sportplatz, um zwei Stunden lang zu laufen.

Schon immer habe er sich fit gehalten, 28 Jahre lang als Trainer für Polizei und Militär gearbeitet. Zum vierten Mal läuft er jetzt das Alten-Rennen in Kila Raipur mit, sagt er stolz, heute zum ersten Mal in der Kategorie „ab 80“. Jetzt müsse er aber weiter, sein Rennen, er verschwindet im Gewühl.

Der Stadionsprecher lässt Europes Gassenhauer „Final Countdown“ laufen, übersteuert und in Dauerschleife. Jugendliche in Taekwondo-Anzügen zerschlagen Bretter. Ein alter Sikh rast auf seinem Motorrad vorbei, unentwegt eine Trillerpfeife pustend zieht er seine Kreise. Über unseren Köpfen schwebt die neueste Attraktion: Ein Mann hängt an einem Motorschirm, der laut knatternd 20 Meter über ­unseren Köpfen kreist.

Jetzt soll ich auch noch nach oben gucken? Langsam wird es mir zu viel. Ich kann eine Pause gebrauchen. Gut, dass das Pferderennen beginnt. Während sich die meisten Besucher im Zielbereich des Stadions drängen, laufe ich zur Startlinie. Dort wartet ein Dutzend temperamentvoller Pferde, zusammen mit ihren Jockeys. Ich suche Kaka und finde ihn, inzwischen trägt er seine Arbeitskleidung: Barfuß und in dünner Jogginghose erinnert er mich an ein Kind im Pyjama.

 

Alt, aber schnell: 74-jähriger Sprinter auf der Dorf-Olympiade im Punjab

Alt, aber schnell: 74-jähriger Sprinter

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Auch Kiefer-­Akrobaten nehmen teil an der Dorf­olympiade

Auch Kiefer-­Akrobaten nehmen teil an der Dorf­olympiade

© Meiko Herrmann
Reporterin Sara Mously im Gespräch mit Festival-Besuchern

Reporterin Sara Mously im Gespräch mit Festival-Besuchern

© Meiko Herrmann
Gut gestemmt: Muskelprotz beim Mühlsteinheben

Gut gestemmt: Muskelprotz beim Mühlsteinheben

© Meiko Herrmann
Die Chapati-Braterei sorgt für Verpflegung

Die Chapati-Braterei sorgt für Verpflegung

© Meiko Herrmann
Stolze Pose: Die Nihang gelten als Verteidiger des Sikhismus gegen mögliche Angreifer

Stolze Pose: Die Nihang gelten als Verteidiger des Sikhismus gegen mögliche Angreifer

© Meiko Herrmann

 Kaka ist mit einer schwarzen Stute hier, Rani, sie verdreht die Augen, schnaubt und tänzelt. Leise redet Kaka ihr zu und schnalzt mit der Zunge. Macht der bevorstehende Wettkampf sie nervös? Oder hat man ihr noch etwas anderes gegeben als bloß etwas Zuckerwasser – was er natürlich abstreitet?

Er steigt auf ihren Rücken, barfuß und ohne Sattel wie die anderen. Jemand schwenkt einen Bambusstock mit einer roten Flagge, der Startschuss für das erste Rennen: Die Pferde rasen los, die Jockeys mit ihnen, laut brüllend. Nur das Publikum schreit lauter.

Ich treffe Kaka am letzten Tag der Party wieder, es ist die Zeit der Siegerehrungen. Das Rennen mit Rani hat er gewonnen. Er posiert kurz für ein Siegerfoto, Männer klopfen ihm auf die Schultern. Aber er hat noch zu tun: Er führt Rani zum Parkplatz, wo er sie auf die Ladefläche eines Pick-ups schiebt. Sie soll endlich ihre Ruhe haben nach dem ganzen Trubel, alle haben sie fotografiert, Selfies mit ihr gemacht.

Auch ich habe genug, habe genug gesehen und gehört – und für alle Zeiten genug Staub in der Nase. Bevor ich gehe, will ich aber noch wissen, wie es Prachi Virk ergangen ist, der Läuferin. Ich finde sie tatsächlich wieder. Sie strahlt, als sie mir erzählt, dass auch sie ein Rennen gewonnen hat.

Von dem Preisgeld will sie sich vor allem neue Klamotten kaufen. Der Alte aber bleibt verschwunden. Ich finde eine Liste mit seinem Namen, er wurde Zweiter. Keine Ahnung, ob ihn das Ergebnis freut oder ärgert. Eines aber weiß ich: Auch er hatte in diesem Jahr wieder für einen kurzen Moment seine Bühne, seinen Moment des Ruhms.


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Vier Tage Ruhm Punjab LHM November 2016

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Vier Tage Ruhm Punjab LHM November 2016

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