Jeff Koons Skulptur „Popeye" im Hotel Wynn
© Barbara Kraft

Ein Bett im Museum

  • TEXT ULF LIPPITZ

Der Warhol im Foyer, Hockney im Restaurant, Richter im Flur – früher diente Kunst in Hotels als Dekoration, dann als Beleg für Luxus und Geschmack. Heute ist daraus ein Business geworden.

Wer in das Dolder Grand Hotel hoch auf dem Zürichberg eincheckt, muss zunächst einige Schritte zurücktreten. Über der Rezeption hängt ein knapp elf Meter langes Gemälde, erst mit genügend Abstand kann der Gast die ganze Farbenexplosion erkennen, dieses Blau, Grün, Rot, Lila, darauf Siebdruckmotive, Kuhköpfe, Mao und, ganz rechts am Bildrand, das Konterfei des Schöpfers selbst: Andy Warhol. 80 Mil­lionen Franken, damals rund 61 Millionen Euro, soll das „Big Retrospective Painting“ von 1979 bei seinem Eintreffen in dem schweizerischen Fünf-Sterne-Palais vor fünf Jahren wert gewesen sein.

Es ist nicht der einzige Hingucker im Dolder Grand. Mit mehr als 100 Gemälden und Skulpturen kann man das Traditionshaus mit dem Norman-Foster-Anbau auch als kleines Museum betrachten. Gerhard Richter, Salvador Dalí, Keith Haring … Die zugkräftigen Namen des Kunstmarktes schmücken das Restaurant, den Garten, das Spa. Der Wert der Sammlung dürfte im dreistelligen Millionenbereich ­liegen. General Manager Marc Jacob, auch für die Kunst verantwortlich, hält es auf Anfrage mit der berühmtesten aller Schweizer Tugenden: der Diskretion.

„Als Hotelgast erwartet man nicht unbedingt Kunstwerke“, sagt Jacob. Er spricht von einem Überraschungsmoment, einem besonderen Ambiente, das damit geschaffen werde, von der Kunst als wichtigem Teil der Identität des Hauses. Einzigartige Werke eines Jeff Koons oder Pablo Picasso werten heute weltweit Fünf-Sterne-Häuser auf. Es geht darum, sich von anderen Häusern abzuheben, von Hotelketten, die in Tel Aviv, Tokio und Toronto, also überall dieselbe Inneneinrichtung und Raumaufteilung haben. Parallel zum maßgeschneiderten Urlaub individualisiert sich auch das Hotelgewerbe. Das besondere Erlebnis beginnt, wenn der Reisende das Hotel betritt, in der Lobby, mit aufwendiger Kunst. Im Wynn Las Vegas zum Beispiel, wo ein fast zwei Meter großer Edelstahl-Popeye von Jeff Koons steht, Kaufpreis: 28 Millionen US-Dollar, knapp 25 Millionen Euro.

Das Benesse House auf der japanische Insel Naoshima wartet mit der Installation „Blind Blue Landscape“ auf

Das Benesse House auf der japanische Insel Naoshima wartet mit der Installation „Blind Blue Landscape“ auf

© Noboru Morikawa
Andy Warhols „Big Retrospective Painting“ im Züricher Hotel The Dolder Grand

Andy Warhols „Big Retrospective Painting“ im Züricher Hotel The Dolder Grand

© Nicola Pitaro/Tamedia
Peter D. Gerakaris' Installation „Floating Garden“ in New York

dDs Dach des New Yorker Hotels The Surrey mit Peter D. Gerakaris’ Installation „Floating Garden“

© Peter Gerakaris, 2016
Sigmar Polkes Bild „Sibirische Glasmeteoriten“ im Park Hyatt Chicago

Aufpoliert: Mit der Anschaffung von Sigmar Polkes Bild „Sibirische Glasmeteoriten“ veredelte die Pritzker-Familie nicht nur das Park Hyatt Chicago, sondern auch die eigene Kunstsammlung

Anthony Tahlier/parkchicago.hyatt.com, © The Estate of Sigmar Polke, Cologne/VG Bild-Kunst Bonn, 2016

  Dabei ist die Werkschau im Empfangsbereich nur eine von vielen Möglichkeiten, den Gästen hochkarätige Kunst näherzubringen. Viele Häuser gehen einen Schritt weiter: Sie kooperieren mit Künstlern, beschäftigen eigene Kuratoren und Berater. Es gibt Hotels mit Artist-in-Residence-Programmen, Publikumsführungen durch eigene Sammlungen, Museen mit angeschlossenen Hotels respektive umgekehrt, und Hotels mit eigens für sie angefertigten Arbeiten.

So kuratierte Malerstar und Filmregisseur Julian Schnabel für das New Yorker Gramercy Park Hotel die Auswahl der Bilder, die aus der Sammlung des Gründers Ian Schrager stammten: Jean-Michel Basquiat, Damien Hirst und – wieder – Warhol. Im The Beaumont in London kreierte der mit dem Turner ­Prize geadelte Sir Antony Gormley eine ganze Suite als Kunstwerk. Wer in dem Riesenquader mit Eichenholz-Verkleidung und Zen-Stille schlafen möchte, zahlt pro Nacht angeblich 2500 Pfund (rund 2900 Euro). Die Kunst dient also nicht nur dazu, sich von der Konkurrenz zu unterscheiden. Sie wird, nun auch in der Reisebranche, Teil eines lohnenden Geschäftsmodells, das selbst Sammler aufhorchen lässt. Denn nur ein Künstler, der gesehen wird, bleibt im Gespräch – und damit für den Markt interessant.

Hotels kooperieren mit Künstlern, sie beschäftigen eigene Kuratoren, Berater und Galeristen

So veredelte der französische Milliardär Jean Pigozzi sein Privatresort Isla Simca vor der Küste Panamas mit Werken von Hirst und afrikanischen Malern wie George Lilanga. Der Hongkonger Immobilienmogul George Wong spendierte seinem Hotel Éclat in Peking eine Dalí-Sammlung. In Zürich ist es der Finanz­investor Urs Schwarzenbach, der einen Teil seiner Sammlung im Dolder Grand platzierte, das wiederum in sein Immobilien-Portfolio gehört. Pop-Art und Surrealismus, schön bunt schimmern sie hier in soignierter Umgebung.

Das Züricher Hotel The Dolder Grand zeigt Salvador Dalís „Femmes métamorphosées – Les sept arts“

Imposante Werkschau: Das Züricher Hotel The Dolder Grand zeigt Salvador Dalís „Femmes métamorphosées – Les sept arts“

© Salvador Dali, Fundació Gala-Salvador Dali/VG Bild-Kunst Bonn 2016
Antony Gormleys skulpturale Suite „Room“ im Londoner The Beaumont

Alleinstellungsmerkmale: Antony Gormleys skulpturale Suite „Room“ im Londoner The Beaumont

© Anthony Weller/archimage.co.uk

  Fragt man Minda Dowling nach den Farben der Vergangenheit, fallen ihr Grau und Pfirsich ein. Das waren die Töne, die Hoteliers vor 30 Jahren in ihren Zimmern sehen wollten – am liebsten auf Posterdrucken. Die US-Amerikanerin Dowling ist so etwas wie die graue Eminenz der Kunstberatung. Sie arbeitete in einer New Yorker Galerie, bevor sie Anfang der 1980er-Jahre nach London zog, sich darauf spezialisierte, Hotels mit Kunst auszustatten, und die Agentur Artefact gründete. Zuerst bestand ihre Arbeit aus Schnäppchenjagd. Die Budgets für Kunst – oder was Hoteliers dafür hielten – lagen zu Beginn ihrer Tätigkeit im dreistelligen Bereich, dafür konnte Dowling höchstens auf Flohmärkten stöbern. Heute verwaltet die Agentin sechsstellige Budgets für Projekte auf der ganzen Welt. Auch für das Beaumont Hotel im schicken Londoner Bezirk Mayfair hat Dowling die Kunstwerke besorgt. Zuerst hat sie sich mit dem Innen­architekten getroffen und das Thema des Hauses besprochen, die 1920er-Jahre. Anschließend erstand sie Originalbilder auf Auktionen und beauftragte Künstler, sich mit jener Zeit auseinanderzusetzen. Mittlerweile senden ihr Maler, Bildhauer und Designer ihre Portfolios zu, um bei Aufträgen berücksichtigt zu werden. „Jede Woche schreiben mich Künstler an“, sagt die Agentin. Auch dieses Beispiel zeigt, wie die Kulturelite von der Luxusbranche profitieren kann.
Aber warum sind die Budgets derart in die Höhe geschossen, wie wurde Kunst plötzlich zum Verkaufsargument? „Die Klientel hat sich verändert“, sagt Dowling. Kunst existiert nicht mehr nur an den Rändern der Gesellschaft, sie ist heute Mainstream. Menschen stellen sich stundenlang für Ausstellungen an. Kunstmessen wie die Frieze in London oder die Art Basel mit ihren Ablegern in Hongkong und Miami Beach sind zu Pflichtereignissen im Society-Kalender geworden. Mit Pop, Party und Paparazzi. Das reflektiert auch die Kundschaft eines Luxushotels. Wer dort absteigt, will als „savvy“ gelten, sagt Dowling – als klug und weltgewandt. Er hat im Zweifelsfall selbst schon Kunst erstanden und bereits eine Einladung für die nächste Art Basel in der Tasche.

 

Früher stöberte Minda Dowling auf dem Flohmarkt, heute verwaltet die Kunstagentin sechsstellige Budgets

Der Kunstmarkt ist in den vergangenen zehn Jahren explodiert. Ein Gerhard Richter, ein Anselm Kiefer, ein Georg Baselitz gilt inzwischen als lohnendes Investment. Und immer mehr Menschen wollen sich dies leisten. Der Ölpreis sinkt, die Aktienkurse spielen verrückt, der Wert mancher zeitgenössischer Künstler steigt ins Unermessliche. Das müssen auch die Unternehmen der Hotellerie berücksichtigen. Eine grundsätzliche Neuverteilung des Vermögens kommt hinzu. Noch nie lebten so viele Milliardäre auf der Erde, noch nie kamen so viele davon aus dem arabischen oder asiatischen Raum. Sie haben keine jahrhundertealten Familiensammlungen aufgebaut, hegen aber ein starkes Interesse daran, auch die Insignien des alten Geldadels zu erwerben. Für diese Klientel bietet das Le Royal Monceau in Paris einen besonderen Service: eine hauseigene Galerie. Dienstags bis samstags präsentiert Julie Eugène, Berufsbezeichnung: Galeristin und Art Concierge, Werke zeitgenössischer Künstler zum Verkauf. Die 32-Jährige sagt, es hingen bereits Arbeiten für Preise von bis zu 500 000 Euro in den Räumen. Über Provisionen schweigt sie sich aus, aber ein erkleckliches Nebengeschäft dürfte sich für das Hotel schon ergeben.

Die Galerie des Le Royal Monceau in Paris

Neue Orte für zeitgenössische Kunst: Die Galerie des Le Royal Monceau in Paris

© Courtesy Galerie Nathalie Obadia & Le Royal Monceau Raffles Paris

  Zusätzlich zum Verkaufsgeschäft informiert Eugène die Hotelgäste über Ausstellungen in den Museen und Galerien der Stadt, auf Wunsch begleitet sie die Besucher. Sie versendet einen Newsletter, bloggt und stöbert junge Künstler auf. Das Konzept wird von den Gästen des Hauses derart begeistert angenommen, dass die Raffles-Gruppe, die das Royal Monceau besitzt, nun einen zweiten Art Concierge beschäftigen wird, in einem neuen Hotel in Istanbul. „Ich war sehr überrascht, als ich das Jobangebot erhielt“, gibt Eugène zu, „nie hätte ich mir vorstellen können, dass ein Hotel meine Dienste bräuchte.“ Gezögert hat sie trotzdem nicht. Hervé Mikaeloff, der ­renommierte Kurator für die Kunstaktivitäten der LVMH-Gruppe (Louis Vuitton, Dior, Fendi), zeichnete als Schirmherr für die Auswahl im Royal Monceau verantwortlich. Mit ihm baute die junge Galeristin die Sammlung des Hotels auf, die der zeitgenössischen Fotografie einen besonderen Platz einräumt.

Galeristen, Künstler, Sammler, Hoteliers und nicht zuletzt die Gäste – sie alle profitieren von diesem Boom. Das Hotel ist zum Mikrokosmos des Kunstmarktes geworden. Dazu gehört auch, ein Bild oder eine Skulptur eines Tages zu veräußern. Eine ­Investition erzielt nur Gewinn, wenn man auch loslassen kann. In Chicago trennte sich 2013 die Pritzker-­Familie (Platz sieben auf der Forbes-Liste der reichsten Familien der USA), Inhaberin der Hyatt-Hotels, vom großformatigen Gemälde „Domplatz, Mailand“ des deutschen Malers Gerhard Richter. Jahrelang hatte es die Lobby des Park Hyatt Chicago geziert, bis es bei einer Sotheby’s-Auktion für rund 29 Millionen Euro den Besitzer wechselte. Nun grüßt ein Werk von Sigmar Polke die Gäste des Hauses in Chicago. Auch der auf Hochglanz polierte Popeye von Jeff ­Koons wird auf Reisen gehen. Den Besitzer wechselt er dafür allerdings nicht: Der Muskelprotz soll 2019 nach Everett bei Boston umziehen, wo derzeit das nächste Haus des Wynn-Imperiums entsteht.


 

Ein Beitrag aus dem Vielflieger-Magazin Lufthansa Exclusive. Mehr zu den Miles & More Angeboten von Lufthansa erfahren Sie hier.