© Tim Möller-Kaya

Eine Wiener Liebeserklärung

  • TEXT HELGE TIMMERBERG
  • ILLUSTRATION TIM MÖLLER-KAYA

Wien ist die Hollywoodschaukel unter den Weltstädten. Man schaukelt in ihr aus dem Stress und der Zeit heraus. Vor allem aus der Zeit, weil die Stadt eine so alte Seele hat. Spazieren Sie mal außerhalb der offiziellen Touristenattraktionen durch die unaufdringlichen Sensationen der inneren Bezirke, und Sie werden wissen, was ich meine. Es gibt Städte, deren Schönheit so auf­getakelt wie eine Hure ist. Das hat Wien nicht nötig. Sie ist auch ungeschminkt ein Gedicht. Gassen, die irgendwo zwischen der Vergangenheit und der Gegenwart verlaufen und mit Romanfiguren bevölkert sind. Dauernd kommt man an Häusern vorbei, an denen Schilder darauf hinweisen, wer in ihnen welche Werke der Weltliteratur verfasst hat. Aber auch dauernd an Geschäften, in denen Dessous verkauft werden. Ist das in einem Zusammenhang zu sehen? Literatur und Lingerie?

Wien ist übrigens ganz gut allein bereisbar. In der Geburtsstadt der Psychoanalyse legt man sich nicht aufs Sofa, sondern geht ins Kaffeehaus. Nirgendwo auf der Welt habe ich so viele Kaffeehausbesucher schreibend sich therapieren gesehen. Hier ist jeder Mann ein Kriminalfilm, jede Frau ein ungelöster Fall und die Zeit wie Zucker im Kaffee. Dazu wird kostenlos ein Glas Wiener Leitungswasser gereicht. Das ist gut für den Magen, aber schlecht für die Gastronomie. Es spricht für die Wiener Wirte, dass sie es trotzdem tun. Das beste Leitungswasser der Welt. Das meiste Grün. Die großzügigsten Wohnungen. Wien gewinnt seit Jahren das Ranking für die Stadt mit der höchsten Lebensqualität. Seit Jahren. Und sollte mal das Ende der Welt nahen, dann ist Wien die letzte Stadt, die steht, soll Nos­tradamus vorausgesagt haben. Die Erkenntnisse der Wissenschaft und der Wahrsagerei verlaufen in diesem Fall synchron. Sonst haben sie wenig miteinander zu tun.

VIE

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Unser Kolumnist, 1952 geboren, trampte mit 17 Jahren erstmals nach Indien und traf anschließend seine Berufswahl: Reiseautor. Seitdem pflegt er sein heftiges Fernweh, schreibt Reisebücher aus aller Welt – und jeden Monat hier.

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