Wandergruppe bei der Pause am Lion Rock
© Fabian Weiss

Über dem Grau das Grün

  • TEXT JENNI ROTH
  • FOTOS FABIAN WEISS
  • ILLUSTRATION CRISTÓBAL SCHMAL

Vor den Toren von Hongkong ­liegen unzählige Wanderwege. Wer den Schritt wagt, kann große Natur erleben und erstaunliche Parallelwelten entdecken.

Sechs Tage in der Woche sitzt Pete ­Spurrier zwischen Papierbergen und Bücherstapeln. Sein Büro ist klein, schmal die Straße, in der es liegt, ein Industriekomplex im Norden Hongkongs. Das Rollo klappert. Es riecht nach Fischsoße und Apfelsinen. Ein Schreibtischmensch ist Spurrier, einer von vielen in Hongkong. Aber am siebten Tag, da wird alles anders. Denn am siebten Tag der Woche geht Mr. Spurrier wandern.

Der Mann ist Hongkongs Wander-Guru, hat mehrere Bücher über Touren in und um die Stadt geschrieben. „Ich muss hinaus, um Lunge und Geist frei zu kriegen“, sagt Spurrier. Das glaubt man ihm sofort. Weil Hongkong auch ein Moloch ist, erst recht in der Wahrnehmung derer, die noch nie da waren. Stadt der Banken, der Staus, der Wolkenkratzer. Vollgestellt mit Shoppingmalls und gläsernen Türmen. Aufzüge bis unter die Wolken, Konsum in Neonreklame. Das kennt Spurrier alles.
Sein Hongkong sieht trotzdem anders aus. „Hier kommen Wildnis und Schönheit zusammen. In Hongkong gibt es mehr Schmetterlingsarten als auf den Britischen Inseln. Es gibt Affen, Wildschweine, Schlangen. Direkt vor der Haustür.“

Ich muss hinaus, um Lunge und Geist frei zu kriegen

Peter Spurrier, Hong Kong Hikers

Das muss man überprüfen. Also los, ab ins Grüne, von dem die Rede ist. Wo lang, bitte? Mit der Metro zur Station Wong Tai Sin, Exit C1, da treffen sie sich – die Hong Kong Hikers. 20 Leute, ein paar jung, mehr aber alt, Asiaten und Westler, vereint im Wandern. Und jetzt wird munter ausgeschritten.

Straßenszene in Hongkong; Blumengeschäft

Im Großstadtdschungel findet man seltene Blumen nur im Geschäft

© Fabian Weiss
Guide Steve Pheby weist den Weg

Guide Steve Pheby weist den Weg durch die wilden Gewächse vor Hongkong

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Skyline von Hongkong

Zwischen den Betonschluchten von Hongkong ...

© Fabian Weiss
Die Wandergruppe im Grünen, auf dem Weg nach Shenzhen

... und dem rund 30 Kilometer entfernten Shenzhen locken grüne Wunder

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Lam Pembo im Plover Cove Country

Wo bin ich? Lam Pembo bei einer Übung des Civil Aid Service im Plover Cove Country Park nordöstlich von Hongkong

© Fabian Weiss
Häuserblock in Hongkong

Häuserblock in Hongkong

© Fabian Weiss

HKG

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  Steil bergauf, über Stufen und Gestrüpp und durch die erste Wolke – in Hongkong geht man schnell durch diese Decke. Vor einem bunte, wippende Jackenkragen, schnaufend lernt man die dazugehörigen Biografien kennen. Den französischen Unternehmer mit Schokoriegelproviant. Den Iren, der als Mis­sionar arbeitet. Die Filipina, die sich ­heute von ihrer Haus­hälterei freigenommen hat. Viele wandern mit, um die Stadt­einsamkeit zu bekämpfen. Andere sind wegen der Landschaft gekommen. Wegen der Sicht, die vom Restnebel eingetrübt wird. Oder vom Smog? Aber über den Wolken ist auch über dem Smog.

Wir laufen entlang des Suicide Cliff. Die Felskante ragt ­dramatisch vor dem Hochhausmeer auf, deshalb der Fotomotivname. Dann sind wir endlich am Lion Rock. Der Weg hierher ist in keiner Wanderkarte verzeichnet. Entdeckt hat ihn Steve ­Pheby bei einem seiner berühmten Querfeldeinausflüge. Der Waliser ist Mitgründer der Hong Kong Hikers und führt heute unsere Gruppe. Selfiepause. Wahnsinnspanorama.

Illustration: Wanderroute bei Hongkong

Route No. 1: Lion Rock

Nach dem Lion Rock wechselt Pheby auf einen offiziellen Weg, der zum MacLehose-Trail gehört, einem der schönsten Wanderwege der Welt, 100 Kilometer lang. Gerade werden Buden aufgestellt, am nächsten Tag sollen sich hier Trailrunner verausgaben. Trailrunning sei der größte Trend in Hongkong, erzählt Pheby. Selbst auf den Nachtmärkten gebe es mittlerweile Wanderstöcke zu kaufen. Pheby grinst: „Mir reicht die 50-Kilometer-Strecke.“ Den Sport- und Gesundheitsboom, der die Stadt ergriffen hat, erklärt er so: „Seit der SARS-Pandemie, als alle Hongkonger ein halbes Jahr Atemmasken tragen mussten, sehnt man sich nach frischer Luft.“ Die Infektionskrankheit 2003 als Auslöser? Tatsächlich haben sich bis heute mehr als 19 000 Teilnehmer auf der Seite der Hong Kong Hikers registriert, 200 Wandergruppen gibt es, welche die Metropole in alle Richtungen durchmessen und auch ihre Ränder erkunden.

Fischer Fok Fong Koon in seinem Garten im Tai O

Der alte Fischer Fok Fong Koon in seinem Garten im Dorf Tai O

© Fabian Weiss
Verkehrstrubel im Bezirk Central, Hongkong

Ein Leben im Trubel des Bezirks Central reizt ihn nicht

© Fabian Weiss

  Neuer Tag, neue Route, neues Ziel. Nach Lai Chi Wo geht es, ein altes Hakka-Dorf im Plover Cove Country Park. Der Weg wird zu Beginn vor allem von Hongkongern mit Hund bevölkert, er ist Gassi-Standardstrecke. Die Herrchen sind häufig ABC, BBC oder CBC, das heißt: American, British oder Canadian born Chinese. Aber dann wird es einsam. Pete Spurrier erzählt von Geisterstädten, die er wandernd entdeckt hat. Verfallene Häuser, das gute Porzellan noch im Regal, die Hochzeitsfotos noch an der Wand. „Die Leute dachten, sie gehen für kurze Zeit zum Arbeiten in die Stadt oder nach Amerika oder sonst wohin. Und dann kamen sie nie wieder.“

 

Illustration: Wanderroute bei Hongkong

Route No. 2: Lai Chi Wo

In einer grünen Ebene grasen Kühe, ganz frei, lebende Relikte aus einer vergangenen Zeit. Die Farmer sind in die Fabriken gezogen, in die Banken, zum Geld. Das Vieh blieb, wo es war. Vom Reisanbau künden nur noch die alten Drainagesysteme. Und die Pfade, auf denen jetzt gewandert wird, die aber entstanden, weil die Bauern darauf ihre Ernte einbrachten. Mittlerweile importiert Hongkong, was es an Obst und Gemüse braucht. Die Ebene sollte mal mit Malls und Hotels bebaut werden, gehört jetzt aber doch den Läufern und der Natur. Man sieht Bambuswälder, verknotete Bäume, Blüten in Purpur und Orange.

Nach ein paar Stunden Fußmarsch sieht man auch Lai Chi Wo, ein mehr als 400 Jahre altes Dorf der Volksgruppe der Hakka. Am Dorfeingang ragt ein Feng-Shui-Wald empor, gepflanzt von den Bewohnern. So sollten die Naturgeister besänftigt werden. Zugleich dienten die Bäume dem Schutz vor Erdrutschen und Überschwemmungen. An der Wand der ehemaligen Schule flattert ein Banner der HSBC. Die Bank unterstützt ein Projekt der Universität von Hongkong, das die Landwirtschaft der Gegend wiederbeleben und nachhaltig stärken soll. Dafür schickt sie Gastarbeiter ins alte Dorf, sie bearbeiten den sauren, steinigen Boden. Hilfe bekommen sie von den letzten Dorfbewohnern, Susan Leung gehört dazu. Einige Jahre hat sie in Großbritannien gelebt, kam dann zurück, um ihre Eltern zu pflegen – und das Dorf zu retten, zu testen, was der Boden hergibt. „Zuerst haben wir Süßkartoffeln und Reis angebaut, aber die Wildschweine fraßen alles weg“, erzählt sie, dann zeigt sie auf einen Bambuskorb: „Nur Ingwer und Tamarinde mögen sie nicht.“

Wanderer auf dem MacLehose Trail

Pfade wie der MacLehose Trail ...

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Ein Junge im Dorf Lai Chi Wo zeigt das Peace-Zeichen

... führen zu fast vergessenen Dörfern wie Lai Chi Wo

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Kuh am Wegesrand

Hinter jeder Kurve wartet ein kleines Abenteuer

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Dschunken in Hongkong

Dschunken sind immer seltener im Stadtbild zu sehen

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Straßenszene in Tai O

In Tai O herrscht friedliches Miteinander

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Die Tian-Tan-Buddha-Statue am Rand des Lantau South Country Park

Die Tian-Tan-Buddha-Statue am Rand des Lantau South Country Park

© Fabian Weiss

  Eine weitere Wanderung, ans Wasser, in das Dorf Tai O auf Lantau Island. Mehr als 200 Inseln gehören zu Hongkong, und sie vermitteln eine Ahnung davon, wie es einst überall ausgesehen haben muss. Durch das Dorf scheppern Karren, auf denen getrockneter Fisch angeboten wird, Oktopus und sonstiges Meeresgetier. Über allem liegt der beißende Geruch von Krabbenpaste, die auch hier produziert wird. Aber seit sich die Fischerei nicht mehr lohnt, leeren sich auch die Ufer. Fok Fong Koon ist 83 Jahre alt, sein ganzes Leben hat er in Tai O verbracht. Jeden Morgen steht er um 3.30 Uhr auf, schwimmt einen Kilometer und kümmert sich dann um seinen Garten. Er baut Melonen an, Karotten, Ingwer. Liebevoll stutzt er die Bonsai­bäume, die in großen Kübeln sprießen. Koons Kinder sind nach Europa gezogen, der eine Sohn ist Manager, eine Tochter verheiratet in der Schweiz. „Ich wollte nicht, dass sie bleiben und Fischer werden wie ich – das ist ein zu hartes Leben.“ Das ­Fischernetz benutzt der alte Mann nur noch, um Sternfrüchte vom Baum zu holen.

 

Illustration: Wanderroute bei Hongkong

Route No. 3: Lantau Peak

Viele Wanderer landen in Tai O, nachdem sie auf den Lantau Peak gestiegen sind, über Granitfelsen, zu beiden Seiten das glitzernde Meer. Man sieht den Flughafen, die roten Fährschiffe, die Richtung Macau tuckern, die Tsing-Ma-Hänge­brücke. Man steht da und sieht das alles und staunt: über dieses Nebeneinander von Stadt und Land, von Kultur und Natur, dass nicht mehr als eine halbe Stunde liegt zwischen Metropolis und Blätterwald, zwischen dem Hupen der Autos und dem Gewirr der Vogelstimmen.

Schilder weisen den Weg zu Wanderungen in der Umgebung von Hongkong

Wandertag: In der Umgebung von Hongkong gibt es Routen für jeden Geschmack

© Fabian Weiss

  Eine letzte Expedition führt uns nochmals hinauf in die grünen Hügel Hongkongs – diesmal auf Hong Kong Island und zur Abwechslung am Abend.

An der Metrostation Tai Koo treffen wir Tom Fathy, 37, Beruf: Vermessungstechniker, Berufung: Wandern. Er macht sich häufig direkt nach Dienstschluss mit einem halben Dutzend Kollegen auf zu einem „Afterwork-Hike“, heute sind sie nur zu zweit. Eine Viertelstunde lang kämpfen sie sich durch den Feierabendverkehr und die heimwärts strebenden Menschen, unter denen sie in ihrem Wander-Outfit auffallen. Dann geht es bergauf in Richtung Quarry Pass – und in eine andere Welt, in die der Lärm nur noch gedämpft hinaufdringt.

Illustration: Wanderroute bei Hongkong

Route No. 4: Tai Koo

Nach einer halben Stunde Marsch weitet sich der Weg zu einer Lichtung. „Hier treffen sich morgens ältere Menschen, um Tai-Chi zu machen“, erzählt uns Fathy. Doch dafür müssen sie doch erst mal hier heraufkommen? „Eben – schon das hält sie fit und jung.“ Langsam wird es dunkel, die Männer schalten ihre Stirnlampen ein. Glühwürmchen umschwirren uns, die Lichter der Stadt ­dringen durch die Bananenstauden am Wegesrand. Unter uns leuchtet das abendliche Hongkong in allen Farben. Und das ­Verkehrsgewühl, die hektischen Garküchen in den Straßen, die Aktentaschenmänner – all das ist hier, im Dunkel über der Stadt, weit weg.


Tiefer Urwald, karge Berge, weite Buchten: Der Fotograf war überrascht von der Vielfalt vor Hongkongs Haustür – ein Paradies für Naturfreunde. Und egal, wohin die Entdeckungstour führte: Am Ende wartete stets ein Stand mit Leckerbissen.

Fabian Weiss ist freischaffender Fotograf und Mitglied der Agentur LAIF. In seinen fotografischen Essays erforscht er kulturelle Veränderungen in unserer bewegten Zeit, seine intimen Bilder zeigen nuancierte und durch feinfühlige Beobachtung entstandene Porträts im Kontext der jeweiligen Kultur. Während seiner Lehrtätigkeit mit der internationalen Workshop-Reihe ‘Publish Yourself!’ erarbeitet er gerne ganze Magazine in Rekordzeit. Weiss lebt in Estland und Deutschland und arbeitet überwiegend im Baltikum, Osteuropa und noch weiter östlich.

Fabian Weiß Photography