Männer tragen ihre Mountainbikes durchs Wasser
© Kirsten Milhahn

Tour d’Afrique

  • TEXT KIRSTEN MILHAHN
  • FOTOS KIRSTEN MILHAHN

Durch Kenia mit dem Jeep? Das kennt jeder. Dabei eignen sich die Hügel, Berge und Küstenstraßen des Landes perfekt zum Fahrradfahren.

Etappe 1: Die Savanne

Behäbig kreuzt der graue Riese die Sandpiste direkt vor uns. Vorsichtig radeln meine Begleiter und ich auf den Elefanten­bullen zu. Als der plötzlich wie angewurzelt stehen bleibt, ist Schluss mit lustig. Er dreht sich mit seinem massigen Körper um und schaut uns an. Wir gehen in die Eisen. Wir sind im kenianischen Schutzgebiet Ol Pejeta, drei Autostunden nördlich der Hauptstadt Nairobi. Ein Begleitfahrzeug zuckelte die vergangenen Stunden hinter uns her, die zwei Wildhüter darin wirkten, als wären sie längst eingeschlafen. Doch jetzt gibt der Fahrer Gas, zieht an uns vorbei und steckt den Kopf aus dem Autofenster: „Bleibt hinterm Fahrzeug“, ruft er, „niemand überholt!“ Wir suchen dicht hinter dem Wagen Deckung. Geschlossen fährt unser Tross am Elefantenbullen vorbei, dabei mache ich mich auf meinem Mountainbike so klein es geht.

Wer Kenia bereist, will vor allem Tiere sehen, möglichst viele und möglichst große, und fremde Landschaften erkunden, das Ganze meist mit dem Geländewagen. Nur wenige wissen, dass man die interessantesten Regionen des Landes auch vom Rad aus entdecken kann, ebenso sicher, nur viel unmittelbarer. Dazu kommt die Herausforderung: Das schroffe Gelände, der Busch und die vielen unbefestigten Wege sind ideal zum Mountainbiken. Ich will losziehen: durch die kenianische Savanne, ins Bergland und an die Küste, deren Strände zu den schönsten in ganz Ostafrika zählen sollen. Mit wem soll ich fahren? Natürlich mit dem Besten: David Kinjah. Der 45-Jährige ist in Kenia eine Legende. Er hat den Radsport in seinem Land groß gemacht, hat Christopher Froome, Sieger bei der Tour de France 2013, 2015 und 2016, entdeckt und eine Zeit lang trainiert.

Souverän hat sich unsere kleine Gruppe – Kinjah, ein weiterer Guide und ich – an dem Elefantenbullen vorbeigeschoben. Ich drehe mich noch einmal um, der Dickhäuter glotzt uns nach. Wir geben uns ein High Five und radeln weiter.

Radsport-Legende David Kinjah

In voller Montur: Radsport-Legende David Kinjah im Schutzgebiet Ol Pejeta

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Ein Fahrrad lehnt an einer Hütte am Mount Kenya

Zwischenstopp bei einer Hütte am Mount Kenya

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Zebras im Schutzgebiet Ol Pejeta

Zebras im Schutzgebiet Ol Pejeta

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Impalas im Schutzgebiet Ol Pejeta

Impalas im Schutzgebiet Ol Pejeta

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  „Leone nero“ hätten sie ihn in Italien genannt, „schwarzer Löwe“, erzählt Kinjah. Aufgewachsen ist er in einfachen Verhältnissen in Mombasa. Mit einem alten BMX-Rad fuhr er zum Strand, wo er mit anderen Jungs Fußball spielte. Er erkannte bald, dass er das Rad mehr liebte als den Ball. Er begann zu schrauben, zu trainieren, fuhr längere Distanzen. Mit 22 startete er bei den ersten Rennen in seiner Heimat, er siegte bei den meisten. Er kam ins Nationalteam, 2000 war er der einzige schwarze Fahrer bei der Straßen-WM in Frankreich. Erst gewann er den Fahrradteile-Hersteller Shimano als Sponsor, dann nahm ihn das italienische Team Index-Alexia Alluminio unter Vertrag – Kinjah wurde der erste schwarze Radprofi. Nach einem Jahr kehrte er zurück nach Kenia, um weiterzuführen, was er früh begonnen hatte: Kinder im Radsport trainieren.

Kinjah erinnert sich noch gut an den Tag, an dem er Chris Froome in sein Team aufnahm. „In Nairobi aufgewachsen, mit britischen Wurzeln. Ein milchgesichtiger Bursche mit zähem Charakter und großem Ziel: Radprofi werden und einmal bei der Tour de France starten“, so beschreibt ihn Kinjah. Er begann den Jungen zu trainieren. Heute ist Froome dreimaliger Tour-Sieger, er lebt in Südafrika. Kinjah dagegen gründete vor 15 Jahren in seiner Fahrradwerkstatt in einem Hinterhof den Verein Safari Simbaz Trust, um Spendengelder für sein Projekt zu sammeln. Das Ziel: Kindern aus armen Verhältnissen durch Sport eine Perspektive zu geben. Seine Safari Simbaz, was so viel bedeutet wie „Reiselöwen“, bildet er nicht nur zu Sportlern, sondern auch zu Fahrradmechanikern aus. Mitunter führt Kinjah zusammen mit seinen Jungs ausländische Fahrradtouristen durch Kenia – auch mal einen Fahrradverein aus Stavanger in Norwegen.

Radfahrer und Begleitfahrzeug im Elefantengebiet von Kenia

In die Elefantengebiete geht's nur mit Begleitfahrzeug

© Kirsten Milhahn

Etappe 2: Die Berge

Zwei Dutzend Mountainbikes stehen umgedreht auf dem Sattel vor einem Gästehaus im Dorf Ndunyu Njeru am Fuße des Aberdare-Nationalparks. Die Gebirgskette, etwa 150 Kilometer von unserer ersten Tour in Ol Pejeta entfernt, ist nach dem Mount Kenya die dritthöchste Erhebung des Landes und stellt selbst für trainierte Radfahrer eine echte Herausforderung dar.

Eifrig schrauben die Safari Simbaz an den Rädern. Sind die Schaltungen richtig eingestellt? Alle Ketten geölt? Beim Aufstieg auf knapp 3200 Meter muss jedes Detail stimmen. Die Norweger sitzen noch beim Frühstück. Einige klackern schon mit ihren Radschuhen durchs Treppenhaus, nervös wie junge Rennpferde, bevor sich alle im Hof versammeln, wo Kinjah das Gelände und seine Regeln erklärt. Auf gar keinen Fall sollen wir den vorausfahrenden Jeep überholen, mit dem die Ranger womöglich Büffel und Elefanten aus dem Weg treiben müssen. Dann gibt er das Zeichen zum Start. 21 Norweger und vier kenianische Guides schwingen sich in die Sättel – und sind weg. Ich strample hinterher. Kilometer um Kilometer harte Anstiege, dazu die stetig dünner werdende Höhenluft. Egal wie ich mich anstrenge, die Gruppe hat mich längst abgehängt.

Unterwegs begegne ich dem einen oder anderen schlaksigen Dorfjungen auf seiner „Schwarzen Mamba“. So werden die grob zusammengeschweißten einheimischen Drahtesel genannt, mit denen Kenianer Hühnerkisten und Säcke mit Maismehl transportieren. Dass mit den Vehikeln sogar Rennen ausgetragen werden, konnte ich mir nicht vorstellen – bis mich, auf dem letzten Ritzel verzweifelt strampelnd, bei einer Radtour durch Kenias Bergland einer dieser Jungs auf seiner Mamba überholte, ganz locker und natürlich ohne Gangschaltung.

Radfahren wird in Kenia zum Trend: Die jungen Aufsteiger strampeln

Wie in vielen Ländern Afrikas blieb das Radfahren auch in Kenia lange auf die Unterschicht beschränkt – nur zu Fuß gehen ist billiger. Aber nun entwickelt sich der Sport zum Trend, die junge Mittelklasse radelt. Biker treffen sich am Wochenende zur gemeinsamen Runde in Nairobi, um dann zu den Ngong- Bergen zu fahren, bekannt aus „Jenseits von Afrika“. Sie biken auf staubigen Routen durch den Busch im Großen Ostafrikanischen Grabenbruch und an den Hängen des Mount Kenya. Dass der Sport heute in Kenia nicht nur kulturelle, sondern auch soziale Unterschiede überwindet, ist vor allem David Kinjah zu verdanken. Sein Credo: „Sport schafft Selbstbewusstsein. Was zählt, ist Leistung, nicht die Herkunft.“

Während ich mich den Hang zum Nationalpark hochquäle, sind die Norweger schon fast über alle Berge. Kein Wunder, ihre Heimat besteht ja großteils aus Gebirgen! Dazu hat es wie aus Kannen zu regnen angefangen. Ich steige schließlich um in eines der Begleitfahrzeuge. Das hat auch den Vorteil, dass man sauber bleibt. Die Biker, die Stunden später im Tal einrollen, überzieht eine Patina aus Schlamm. Dafür hat jeder von ihnen ein Grinsen im Gesicht. „Die genialste Abfahrt der Welt“, tönt es aus der Gruppe. Die Norweger müssen es wissen. Und natürlich werde ich jetzt doch ein kleines bisschen neidisch …

Lehrstunde in David Kinjahs Werkstatt

Lehrstunde in David Kinjahs Werkstatt

© Kirsten Milhahn
Eine Junge am Strand von Shimoni im Fußballtrikot

Eine Junge am Strand von Shimoni im Fußballtrikot

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Junge am Pier von Shimoni

Reisebekanntschaften: Junge am Pier von Shimoni

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Dorf-Moschee bei Shimoni

Dorf-Moschee bei Shimoni

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Ein jugendlicher Chelsea-Fan auf seiner „Schwarzen Mamba“

Aufgemotzt: ein jugendlicher Chelsea-Fan auf seiner „Schwarzen Mamba“

© Kirsten Milhahn

Etappe 3 : Die Küste

Die Küstenstrecke, knapp 700 Kilometer südlich des Aberdare-Gebirges, sollte der einfachste Teil der Tour werden. So hatte ich mir das vorgestellt. Palmen und Strände, ein Mark-Rothko-Gemälde in Blau-Weiß. Menschen in bunten flatternden Gewändern, an jeder Straßenecke duftet es nach exotischen Gewürzen. So ist es dann auch, und alles könnte perfekt sein, wäre da nicht die Hitze der Trockenzeit. 40 Grad im Schatten. Und meistens brennt einem die Sonne auf den Helm.

Gegen sieben Uhr morgens war es auf Wasini Island noch angenehm kühl. Abseits der Touristenstrände hatten David Kinjah und ich – die Norweger sind längst abgereist – am Vorabend auf die Koralleninsel nahe der tansanischen Grenze übergesetzt und dort Quartier genommen. Zum Radfahren ist die Insel zu klein, das Korallengestein zu scharfkantig für unsere Reifen. Doch an kaum einem anderen Ort an der kenianischen Küste kommt man der Swahili-Kultur so nahe wie auf Wasini. Die Familie von Feisal Mohamed Abdalla stammt aus diesem Volk, dessen Kultur auf arabische Händler zurückgeht. Im 8. Jahrhundert nach Christus landeten sie an der ostafrikanischen Küste. Viele mischten sich mit den einheimischen Bantu-Stämmen und wurden so zu den Ahnen der heutigen Swahilis.

David Kinjah und Autorin Kirsten Milhahn auf ihren Rädern in Kenia

David Kinjah und Autorin Kirsten Milhahn

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Zusammen mit seiner deutschen Ehefrau betreibt Abdalla eine einfache Lodge auf den Felsen. Mit einer motorisierten Dau bringt er Taucher und Schnorchler zu Unterwasserparks, und manchmal eben auch Mountainbiker ans Festland. Als wir unsere Räder gegen halb neun im Küstenort Shimoni vom Boot hieven, ist die Luft schon zum Schneiden stickig. Wir radeln los, die Südküste rauf, Richtung Norden, nach Diani. Der Badeort ist berühmt für seine weißen Strände. Wir fahren über flirrenden Asphalt, durch Palmenhaine und zwischen Mangrovenwäldern. Wir entdecken winzige Fischerdörfer und passieren gigantische Baobab-Bäume. Deren Äste sehen so ulkig aus, dass ihnen nachgesagt wird, Gott hätte sie zum Spaß mit den Wurzeln nach oben in die Erde gepflanzt.

Es ist früher Nachmittag, ich bin dem Hitzschlag nahe, als Kinjah mit einem Mal vom Hauptweg abbiegt. Wir fahren über einen Sandpfad, der sich durch mannshohe Büsche schlängelt, und gelangen schließlich an ein hölzernes Tor. Kinjah steigt vom Rad und wummert gegen die Planken. Ein freundlich lächelnder Wachmann begrüßt uns mit den Worten „Karibu peponi“, willkommen im Paradies. Im Küstenwald versteckt, abgeschieden vom Touristenrummel, liegt idyllisch das Strandresort Kinondo Kwetu. Im Schatten von Kokospalmen sacken wir auf Strandliegen. Ein Kellner bringt uns eiskalten Passionsfruchtsaft. Paradiesisch! Alle Anstrengung ist vergessen. Das haben wir uns aber auch verdient.