Illustration: Ein lachender Wanderer
© Daniel Egnéus

Der Witz ist der Weg

  • TEXT MAX KÜNG
  • ILLUSTRATION DANIEL EGNÉUS

Wann fing es an, dass jeder Wanderweg ein verkrampft originelles Motto bekam? Und wann hört es endlich wieder auf?

Es ist ganz natürlich: Natur gibt es an jeder Ecke, und häufig ist sie schön anzusehen. Eine Unzahl von Wanderwegen führt über tausend Berge und noch mehr Hügel, durch die Wälder, über die Wiesen. Und so ein Wanderweg ist ja an und für sich schon was Tolles, wenn er gut unterhalten wird, Trittsicherheit bietet, Markierungen den Weg weisen, Tafeln über Marschzeiten informieren und – sehr, sehr wichtig – über Verpflegungsmöglichkeiten. Aber eben: Es gibt so viele von ihnen. Was also soll man als Tourismusbüro tun, um sich von all den anderen abzuheben? Man denkt sich etwas ganz Neues aus!

Also gibt es in der Schweiz nicht bloß immer mehr ordinäre Wanderwege, sondern Märchenwege, Planetenwege, Kräuterwege, Gesundheitswege, Barfußwege, Schellen-Ursli-Wege, Pfade der Armen, Zauberinnenwege, Schindelmacherwege, didaktische Pfade für die Schutzwälder, Murmeltierlehrpfade und und und … und Witzwege. Denn wer wollte das Lachen schmähen? Gegen das Lachen kann niemand etwas haben.

Einen solchen Witzweg gibt es etwa auf der Hulftegg. Wer nun denkt, Hulftegg, das hab ich ja noch nie gehört, ist nicht ­allein. Die Hulftegg gehört weder zum Unesco-Weltkultur- noch -naturerbe, niemals wird sie als Location für eine James-Bond-Actionszene ausgesucht werden, sie ist bloß ein durchaus unspektakulärer Passübergang von gemäßigter Höhe (953 Meter über Meer) in den unspektakulären Voralpen und verbindet zwei simple Täler, in denen nicht viel los ist. Auf dem Hulft­egg-Pass steht ein Restaurant, wo Ausflügler gern Rast machen, Cabriolet-Piloten, Fahrradfahrer oder Motorradlenker, die auf ihrer ­Suche nach Kurven zeitvertreibend durch das Land brausen. Serviert werden nebst Schnitzel in allen Varianten auch geräucherte Tofuschnitten mit Kräuterbutter und Pommes sowie der Fernwehklassiker Toast Hawaii. Hier, bei diesem Restaurant, startet der Witzweg. Er ist nicht besonders lang. Genau sind es bloß 267 Schritte. 44 Tafeln stehen am Wegesrand. Darauf: ­Witze, frisch aus dem Computerdrucker.

„Ein Mann fängt Fliegen. Fragt ihn seine Frau: Wie viele hast du jetzt gefangen? – Fünf! Drei Männchen, zwei Weibchen. – Woher weißt du denn das? – Drei saßen auf dem Bierglas, zwei auf dem Telefon.“

Drei Schritte weiter: „Liebling, ich gehe zum Frühschoppen. Wenn ich bis Mittag nicht wieder da bin, brauchst du mit dem Abendessen nicht zu warten!“ Drei Schritte weiter: „Müller, warum kommen Sie erst jetzt zur Arbeit? – Weil Sie gestern gesagt haben, ich solle meine Zeitung gefälligst zu Hause lesen.“

Der letzte Witz des Rundwegs geht so: „Oh, verzeihen Sie, da hätte ich mich doch beinahe auf Ihre Brille gesetzt. – Halb so schlimm, die hat schon ganz andere Sachen gesehen.“

Ha. Haha. Hahaha.

Und während man sich noch schier ausschütten will vor Lachen (oder vielleicht doch eher nicht), ist man schon wieder am Ausgangspunkt des Witzparcours angekommen. Aber wenn man schon einmal hier oben ist, schnürt man am besten seine Wanderschuhe nochmals frisch, schultert einen leichten Rucksack und biegt auf einen südostwärts führenden Weg ein. Weil: Witze hin oder her, 267 Schritte sind längst nicht genug! Bald hat einen der Wald verschluckt mit seiner betäubenden Stille und milden Kühle. Die Luft ist schwanger vom Duft des Bärlauchs, der sich wie ein grünes Meer ausbreitet. Bald erreicht man den Rücken der zwergigen Berge und blickt hinunter in die Tobel, die schlichten Schluchten, schreitet über die Wurzelwerke vorbei an satten, saftigen, von geschäftigen Fluginsekten gut besuchten Wiesen den nicht zu strengen Weg empor auf das Schnebelhorn, mit 1292 Meter die höchste Erhebung des ganzen Kantons Zürich, von wo der Blick rundherum geht.

Am Ende des Tages, ich war erschöpft, aber auf die gute, die glückliche Art, notierte ich in mein Notizbuch: „Wunderschöne Wanderung gemacht. Marschzeit: vier Stunden. Bloß eine Blase eingefangen an der rechten Ferse. Und zu einer Erkenntnis gelangt: Die Natur braucht keine Themenwege. Und schon gar keine Witze. Der Pfad auf das Schnebelhorn ist nichts anderes als das, was er ist, ein Pfad nämlich, der kein Thema hat, außer dem einen: die Natur.“