Kolumne: Die Mutter aller Stewardessen
© Tim Möller-Kaya

Die Mutter aller Stewardessen

  • TEXT HELGE TIMMERBERG
  • ILLUSTRATION TIM MÖLLER-KAYA

  Neulich hatte ich das Glück, auf einem Langstreckenflug ausreichend Platz für mich zu haben. Das Glück kam nicht von ungefähr, denn mein Ziel war zu dieser Jahreszeit nicht sonderlich attraktiv. Wer reist freiwillig in den Monsun? Oder zumindest ohne gute Gründe? Meine hatten mit Arbeit zu tun, und da empfiehlt es sich auszuschlafen. Ich verzichtete deshalb auf das Angebot an Spielfilmen im Bordcomputer, nicht aber auf das Abendessen und ein Glas Rotwein. Dabei fiel mir auf, dass ich der Stewardess sympathisch war. Woher ich das wissen will? Man fühlt es, wenn das innere Lächeln zum äußeren synchron ab­strahlt. Und weil Sympathie viel seltener einseitig ist als Verlieben, erwiderte ich ihr Wohlwollen mit dankbaren Blicken. Und das war es erst einmal. Der Flieger zog derweil wie von einer unsichtbaren Schnur gezogen durch den Nachthimmel. Halbmond. Wo werde ich sein, wenn er voll ist? Und wie nass wird es da sein? Eine weitere Frage betraf den Bluthunger der zu erwartenden Moskitos und die Aktualität der Stempel in meinem Impfpass. Auch mit der Elektrizität wird es Probleme geben. Wie gesagt, ich flog aus beruflichen Gründen in ein Land im Ausnahmezustand, und da fällt einem vorher vieles ein. Auch, dass ich meine Freundin schon jetzt zu vermissen begann. Nach einem zweiten Wein hatte ich genug Bettschwere, streckte mich auf den freien Sitzplätzen der Länge nach aus und war fast sofort weg. In der Zeitspanne, die das Wort „fast“ bemisst, bekam ich mit, dass die Decke, die ich nur nachlässig über mich gelegt hatte, noch einmal angehoben und mit einem sanften Schwung ausgebreitet wurde. Die Flugbegleiterin deckte mich gerade wie eine Mutter zu. Ein Schauer überlief meine Haut. In 10 000 Meter Flughöhe kam ich kurz mal nach Haus.


Unser Kolumnist, 1952 geboren, trampte mit 17 Jahren erstmals nach Indien und traf anschließend seine Berufswahl: Reiseautor. Seitdem pflegt er sein heftiges Fernweh, schreibt Reisebücher aus aller Welt – und jeden Monat hier.

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