Eine Kuna-Indianerin im traditionellen Gewand
© Meiko Herrmann

Paradies zu verkaufen?

  • TEXT GÜNTER KAST
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Auf einem schmalen Küstenstreifen im Norden Panamas leben die Kuna-Indianer. Lange Zeit waren sie von der Außenwelt abgeschnitten, jetzt entdecken sie den Tourismus als Einnahmequelle – und geraten in Konflikte mit ihrer Kultur.

Piler Stocel gleitet von seinem Einbaum vorsichtig ins Wasser. Noch einmal saugt er Luft in die Lungen, dann taucht er hinab in die Tiefe. Eine ganze Minute lang bleibt er unten, eine gefühlte Ewigkeit. Als er wieder an die Oberfläche kommt, hat ihn die Strömung gefährlich nah an die scharfen Kanten der Korallen gezogen. In der Schlaufe am Ende seines Stocks baumelt eine orangebraune Languste, ihre Antennen wischen hin und her. Freuen kann sich Stocel aber nicht über den Fang: „Zu klein“, sagt der 21-Jährige enttäuscht und wirft das Tier zurück ins Meer.

Regelmäßig sucht Stocel die Riffe vor der Insel Digir ab, Meter für Meter. Doch der junge Mann vom Stamm der Kuna hat ein Problem: Geld verdient er nur, wenn er genügend ausgewachsene Schalentiere fängt. Und wegen der Schonzeiten, Fangquoten und Schutzzonen, die sich sein Volk selbst auferlegt hat, kommt er oft mit leeren Gitter­körben heim. Umweltschützer sind zufrieden, doch Stocel wird nicht satt.

Die Heimat der Kuna-Indianer ist die Provinz­ Guna Yala im Norden Panamas: ein rund 200 Kilometer langer Streifen am Karibischen Meer, geschützt von einer bis zu 750 Meter ­hohen Hügelkette, mit Hunderten von Eilanden vor der Küste. Wie viele der San-Blas-Inseln es genau gibt, weiß niemand. Einige behaupten, es ­seien ­exakt 365 – eine Insel für jeden Tag. Als einer der ­wenigen Stämme Zentralamerikas leben die etwa 32 000 Kuna hier weitgehend autonom. Ihren ­Status haben sie sich in blutigen Kämpfen erstritten, im Jahr 1925, als sie sich gegen die Kolonialpolizei zur Wehr setzten. Seitdem waren sie quasi abgeschottet vom Rest Panamas. Lange Zeit musste man fliegen oder sich tagelang zu Fuß über die Berge und durch den Regenwald kämpfen, um die Region zu erreichen.

Teerstraße durch den Dschungel in die abgelegene Küstenregion Guna Yala

Der Weg ins Paradies: Erst seit 2008 führt eine Teerstraße durch den Dschungel in die abgelegene Küstenregion Guna Yala

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Panorama-Ansicht der San-Blas-Insel

Palmen, Sand und Meer: Die San-Blas-Inseln bieten Panorama-Ansichten wie von der Postkarte

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PTY

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  Diese Isolation brachte Guna Yala einen Ruf als „letztes Paradies“ ein, die Kuna, wurde vermutet, seien das glücklichste Volk der Erde. Bis der natür­liche Schutzschild im Jahr 2008 einen Riss bekam. Seit dem Bau einer Teerstraße dauert es nur knapp fünf Stunden von Panama-Stadt bis zum Hafen von Cartí, dem Eingangstor zum Kuna-Land. Nun kommen jedes Jahr mehr Touristen. Es sind so viele, dass der congreso general, das Parlament der Kuna, den Ausverkauf der Stammeskultur befürchtet, den Einfall des Kapitals ins Paradies.

Die Sorgen hatten damit begonnen, dass in der Hauptstadt Fotos von Stammesfrauen mit ihren typischen Bubi-Frisuren kursierten, für zwei Dollar das Stück – ohne die Zustimmung der Abgebildeten. Seitdem ist einiges passiert: Die meisten Kuna-Männer und -Jugendlichen tragen heute westliche Kleidung. Die ­Molas, die traditionellen bunten Näh­kunstwerke der Kuna, sind inzwischen auch in den Boutiquen von Manhattans 5th Avenue begehrt. Und nur unter großen Mühen konnten ausländische Investoren, die gern prächtige Resorts rund um die Inseln errichten ­wollen, fernge­halten werden.

Viele Kuna zogen Ende des 19. Jahrhunderts auf die schwülheißen Inseln von San Blas, aus Angst vor der Malaria, Jaguaren und Giftschlangen. ­Hatten sie auf dem Festland noch Yams, Mais und Maniok­ angebaut, lebten sie fortan hauptsächlich vom Kokosnusshandel. Noch heute wechseln sich die einzelnen Clans monatlich mit der ­Ernte ab. Doch was früher ganze Familien ernährte, lohnt sich heute kaum noch. Händler bezahlen nur 40 Cent pro Frucht, und mehr als 400 Stück lassen sich in einem Monat nicht sammeln. Die Alternative zum Hungerlohn: Tourismus.

Auch Piler Stocel sieht im Geschäft mit den ausländischen Gästen­ die einzige Chance auf ein anständiges Leben.­ Gerade einmal vier Dollar bekommen er und die anderen Fischer von den Zwischenhändlern für das Pfund Languste. Einnahmen, von denen sie ihren ­Lebensunterhalt, die Schulen ihrer­ Kinder, den Besuch beim Arzt bezahlen müssen. ­Außerdem träumen sie von Smartphones, Fernsehern und Fertiggerichten.

Könnte Stocel sein Geld anders verdienen, die Krustentiere blieben verschont. Er würde Cabañas­ bauen, einfache Strandhütten, sie an die Touristen ­vermieten und Bootsausflüge organisieren. Aber niemand kommt. In der Handvoll Cabañas auf ­seiner Heimatinsel Digir haben zuletzt vor fünf Monaten Gäste geschlafen. Die Häuschen, erst zwei Jahre­ alt, sind schon jetzt halb verfallen, Toiletten und ­Duschen sind in der salzigen Meeresluft verrostet – zwischen dem Hafen bei Cartí und Digir locken zu viele andere Trauminseln.

Fischer Stocel taucht im Wasser

Fette Beute? Nur die großen Langusten kann Fischer Stocel gewinnbringend verkaufen, alle anderen lässt er wieder frei

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  Eine davon ist Achudub, das beliebteste Ziel des Archipels. Korallensand gibt es hier, weich wie Backpulver, Palmen, die sich im Wind wiegen, und ein Wrack zum Schnorcheln mit Clownfischen. Hunderte Besucher kommen täglich, meist nur für eine Übernachtung. Ein Dutzend Ausflugsboote­ liegen­ ungenutzt am Strand. Vier junge Deutsche,­ die einige Monate durch Zentralamerika tingeln, laufen durch das Postkartenpanorama. „Man möchte am liebsten eine Tigerente aufs Wasser setzen und ständig ,Oh, wie schön ist Panama!‘ singen“, schwärmt Martina Furrer, 26, aus Stuttgart. „Wir haben uns spontan für den Trip entschieden, wurden im Hostel angesprochen“, ergänzt ihr Begleiter Nick Kohler, „dass hier die Kuna leben, haben wir erst später erfahren.“ ­In direkten Kontakt mit den Ureinwohnern kommen sie nicht, „aber unser Guide erzählt uns viel über deren Kultur“.

Als Rainald Framhein 2008 das erste Mal ­Achudub besuchte, schlief er in Hängematten, er war der einzige Weiße weit und breit. Der Schweizer­ lebt seit 20 Jahren in Panama, organisiert Reisen,­ unter anderem nach Guna Yala, und ist mit einigen Kuna befreundet. Den Ureinwohnern falle es schwer, der Versuchung durch den Tourismus zu widerstehen, sagt er. „Und für den congreso ist es schwierig, alle Interessen zu berücksichtigen. Wenn nur einige wenige von den Touristen profitieren, ­entstehen Neid und Missgunst.“ An die Regel, wonach jeder Kuna nur zwei Touristenboote betreiben darf, halten sich nur ­wenige. An den Rändern der dicht besiedelten kleinen Inseln dümpeln Unrat und Korallengestein, selbst auf den unbewohnten Eilanden türmen sich Müllberge auf.

Eine junge Kuna-Indianer in Tracht trägt ihren kleinen Bruder auf dem Arm

Die junge Bigdili­, hier mit ihrem kleinen Bruder, trägt noch die Tracht der Kuna

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Junge Mädchen im Wasser auf Corbisky Island

Auf Corbisky Island ist der Alltag noch immer geprägt vom einfachen Leben

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Ein Kuna-Indianer trägt eine Baseballcap mit der Aufschrift „Money“

Der Tourismus als Einnahmequelle bringt den Kuna Konflikte mit ihrer Kultur

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Eine Kuna-Frau näht eine Mola

Viele Kuna-Frauen verdienen etwas Geld mit dem Nähen der Molas

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Samen des Annattostrauchs

Das Rouge für ihr Make-up stammt aus den Samen des Annattostrauchs

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  „Die Autonomie dieses Volkes ist eine wichtige Errungenschaft“, meint Framhein, „aber dann muss es seine Umweltprobleme auch selbst lösen.“ Und je größer der Ansturm der Urlauber, desto schwieriger wird es für die Kuna, ihre traditionelle Lebensweise zu bewahren. Gorgidub, ein winziger Sandhaufen im Meer, ist derzeit gesperrt, weil es dort keine Toilette­ gibt. Aber sie ist immerhin schon beantragt.­ „Es ist nur eine Frage der Zeit, bis auch hier das erste Gäste­haus eröffnet“, prophezeit der Schweizer.

Jedes Jahr kommen mehr Touristen – manche Kuna befürchten schon den Ausverkauf der Kultur

„Geld verdient man nur mit den Touristen“, glaubt auch Lorenzo Rodríguez, ein 45-jähriger­ Hotelmanager auf Icodub. Die Insel gehört zu den leicht erreichbaren Eilanden, bei Neumond kann man den Lichtschimmer von Panama-Stadt am ­Himmel sehen. Seit 14 Jahren schon kommen ­die Touristen, erklärt der Mann mit der resoluten­ ­Stimme und dem frisch gebügelten Polohemd. Seine Großeltern haben hier noch Kokosöl produziert, erzählt er. Nach einer ­Reihe von Missernten setzt nun auch seine ­Familie auf die Fremden. ­Doch die Insel bietet gerade einmal 50 Betten. „Wir ­müssen jetzt inves­tieren“, sagt Verwalter Rodríguez, „eine­ Million Dollar stehen im Geschäftsplan, den der congreso hoffentlich absegnen wird.“ Er hält das für den richtigen Schritt, denn das schaffe Jobs. Höhere Einnahmen seien wichtig, schließlich müsse der Gewinn auf alle 82 Familien verteilt werden, denen die Insel zu gleichen Teilen gehört.

Touristen am Strand der San-Blas-Inseln

Kühle Drinks am Panoramastrand

© Meiko Herrmann

  Je mehr Zeit man mit den Kuna verbringt, umso klarer wird: Es gibt keine einfachen Antworten,­ kein falsch oder richtig. Auch nicht auf Corbisky­ ­Island. Drei blaue Cabañas stehen hier auf Stelzen­ im ­Wasser, das Abwasser fließt ungeklärt ins ­flache Meer, wo Stachelrochen und Hornhechte nach Nahrung suchen. Dafür spürt man hier noch einen­ Hauch unentdeckter Welt. Fischer säubern ­ihre ­Netze, Kinder toben zwischen den Booten herum.

Der Dorfvorsteher, der auch Medizinmann ist, lädt in seine mit Palmzweigen gedeckte Hütte ein und erklärt mit leiser Stimme, welche Kräutertinkturen er seinen Patienten gegen Fieber und Mückenstiche verabreicht. Neben ihm, auf dem Lehmboden, sitzt eine kleine Frau und rührt in ­einem großen Topf Maisbrei für die Schulspeisung an, ­ihre bunten Armreife klappern. Als sie fertig­ ist, geht sie in die Nachbarhütte und hilft dort beim Nähen der Molas. Jüngere Frauen mit ­Babys schauen zu. Sie scherzen und lachen, ­ziehen sich dabei gegenseitig den schwarzen Strich auf Stirn und Nase nach, der vor Unheil ­bewahren soll.

Am nächsten Morgen, es ist noch ganz still, sitzt ein Mann an der Mole hinterm Dorf. Er hat seinen kleinen Sohn auf dem Arm, sie schauen den Pelikanen beim Fischen zu, während die Sonne ­aufgeht und das Dorf allmählich erwacht. Noch gehört dieses kleine Paradies ihnen.


 

Ein Beitrag aus dem Vielflieger-Magazin Lufthansa Exclusive. Mehr zu den Miles & More Angeboten von Lufthansa erfahren Sie hier.