Dach der Basílica de la Asunción, im Hintergrund der Vulkan Momotombo; Skater auf dem Platz „Cancha 23 de Julio“
© Patrick Tombola

Gut gebrüllt, Genossen!

In León führen alte Revolutionäre durch die wechselhafte Geschichte ihrer Heimat Nicaragua

Heftige Windböen fegen durch die hohen, scheibenlosen Fenster des Museo de la Revolución in León und schütteln die Geschichte mächtig durch. Laub und Sand rascheln über abgeplatzte Fliesen des Museumssaals, schließlich krachen einige der ausgeblichenen Schautafeln von den blass­rosa Wänden. Marcelo Leonel Pereira, 56 Jahre, Kampf­name „Oscar“, fasst sich an sein schwarzes Barett mit den zwei angesteckten Silbersternen und schwarz-rot gestreifter Flagge und lässt den abgegriffenen Zeigestock fallen. Die Historie der glorreichen Revolution Nicaraguas am Boden? Niemals! Pereira kniet nieder und sammelt die vergilbten Fotos und Zeitungsausschnitte wieder ein, gibt der Vergangenheit ihre Ordnung zurück. Der Vergangenheit, die er selbst mit erschaffen hat. Und die im ehemaligen Justizpalast der Stadt weiterlebt.

Marcelo Leonel Pereira: ehemaliger Freiheitskämpfer und Hüter der Geschichte Nicaraguas

Marcelo Leonel Pereira: ehemaliger Freiheitskämpfer und Hüter der Geschichte Nicaraguas

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Noch sind längst nicht alle historischen Gebäude der Stadt restauriert

Noch sind längst nicht alle historischen Gebäude der Stadt restauriert

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 Hier öffnete 1990 das Museum seine mittlerweile arg abgeblätterten Holztüren, nur durch eine schmale Straße vom Parque Central getrennt, Léons Mittelpunkt. Hier atmet die Seele der Revolution, sie wirkt weit über den Platz mit seinen alten, schattenspendenden Platanen hinaus, ist präsent am Fahnenmast mit der Flagge der Sandinistischen Nationalen Befreiungsfront, feiert sich auch am grellweißen Rathaus mit seiner schwarzen Aufschrift: „León. Die zuerst befreite Stadt Nicaraguas“.

Leóns spanischer Gründer, der Konquistador Francisco Hernández de Córdoba, fand 1524 zunächst 30 Kilometer entfernt den idealen Platz für seine neuen Untertanen. Keine 100 Jahre später wurde die Stadt durch einen Ausbruch des nahe gelegenen Vulkans Momotombo zerstört und danach weiter westlich neu aufgebaut. Es herrscht klassische Kolonialarchitektur: niedrige Häuser, dicht an dicht, quadratisch angelegte Straßen, monumentale Kirchen. Die Ruinen von León Viejo zählen zum Unesco-Weltkulturerbe. Die Kirchen und Häuser des neuen León, mit gut 150 000 Einwohnern zweitgrößte Stadt des zen­tralamerikanischen Landes, hätten es ebenfalls verdient.

In León wurde 1821 die Akte über die Unabhängigkeit Nicaraguas von Spanien unterzeichnet. In León schrieb der berühmte Dichter Rubén Darío Ende des 19. Jahrhunderts an seinen leidenschaftlichen Versen, während er sich ebenso leidenschaftlich zu Tode trank. In León erschoss der Dichter Rigoberto López Pérez 1956 den Diktator Anastasio Somoza García. Das ist das Erbe von León: Stadt der Intellektuellen, der Künstler, aber auch der Kämpfer. Immer rebellisch, stets auf dem Pfad der Freiheit. Nirgendwo sonst in Nicaragua hat sich die Geschichte der Revolution so sehr im Bild einer Stadt verewigt.

Und kaum jemand kennt die Schauplätze der Geschichte so gut wie Oscar. Während der Kämpfe war er Kommandant der 80-köpfigen Kampfeinheit „Arlen Siu“, benannt nach der ersten Märtyrerin der Revolution. Ein Revoluzzer im „ersten Krieg“.

Beim Barbier schwärmen Veteranen von einstigen Heldentaten

Beim Barbier schwärmen Veteranen von einstigen Heldentaten

© Patrick Tombola
Stadt-Oase: der Garten des Hotels El Convento in León

Stadt-Oase: der Garten des Hotels El Convento in León

© Patrick Tombola
Skater in Léon. Die Mauern im Hintergrund bilden die turbulente Vergangenheit Nicaraguas ab

Skater in Léon. Die Mauern im Hintergrund bilden die turbulente Vergangenheit Nicaraguas ab

© Patrick Tombola

 Damit meint Oscar die Aufstände von 1978 und 1979, der Kampf der Bauern und Studenten gegen die Diktatur des berüchtigten Somoza-Clans. Doch der schlug zurück. Das alte Regime kämpfte, unterstützt von den USA, gegen die Sandinisten um Daniel Ortega, der heute immer noch Präsident des Landes ist. Das war der „zweite Krieg“. Auch da war Oscar dabei, nunmehr als patrio­tischer Verteidiger seiner Heimatstadt León gegen die Soldaten der sogenannten Contras. Damals wie heute, immer „Für die Freiheit Nicaraguas!“, wie er mit gereckter Faust durch den hohen Museumssaal ruft.

Aus seiner Zeit als Freiheitskämpfer stammen auch seine zwei Sterne. Ein Hinterhalt seiner Einheit, ein kurzes Gefecht, zwei Trophäen. Oscar knöpfte sie den zwei getöteten Soldaten von den Schulterklappen ab, bevor die Truppe weiterzog. Gut 40 Jahre später heißt Oscar längst wieder Marcelo Pereira. Und statt Geschichte zu schreiben, lässt er sie mit acht alten Kampfgenossen, die nun Kollegen sind, lebendig werden. Täglich von neun bis fünf Uhr. Für 50 Córdoba Eintritt, umgerechnet 1,60 Euro.

Pereiras Levi’s-Jeans ist fleckig, die Schuhe sind ausgetreten, aber das T-Shirt, auf dem das Konterfei des Guerillaführers Augusto César Sandino prangt, ist blitzsauber. Kleine Gruppen von Touristen und Schulklassen führt er durch die säulengestützten Hallen des Museums. Reich geworden ist keiner der Veteranen, das haben nur ein paar eifrige Parteifunktionäre geschafft. Deshalb gleicht eine Tour durch das Museum der Aufführung eines Improvisationstheaters. Einige von Pereiras Kollegen binden sich das rote Halstuch der Revoluzzer vor den Mund und galoppieren mit einer alten Panzerfaust zwischen den Beinen durch die Räume, andere schwingen währenddessen die Attrappe eines Molotowcocktails in der Hand. Oscar zählt lieber die Höhepunkte seiner Zeit als Freiheitskämpfer auf, den Zeigefinger seiner rechten Hand in die Höhe gereckt. Seine Munition sind seine Parolen: „Solidaridad! Libertad! Victoria!“, donnert er, bis er selber anfangen muss zu lachen.

Der Lauf der Geschichte war auf Seiten der Revolution

Marcelo Leonel „Oscar“ Pereira, Ex-Revoluzzer

Wer die Spuren der Revolution auch in der übrigen Stadt entdecken will, fragt einfach im Hof des Museums in die Runde. Dort sitzen sie meist, die einstigen Kämpfer, die alte Garde. Einer von ihnen wird für umgerechnet acht Euro seine Zigarette auf den Boden werfen, den Porträts der „Befreier Lateinamerikas“ auf der Mauer in seinem Rücken kurz zunicken und sich zu einer privaten Stadtführung bereitfinden. Zur gigantischen Kathedrale von Léon mit ihrem begehbaren Kuppeldach. Zu den Hauswänden mit den riesigen Wandmalereien, zu den Konterfeis der Märtyrer der Revolution. Zum Park der Poeten, zu Häusern, die wie Schreine wirken und in denen Kerzen die Büsten und Inschriften erhellen.

Trotz seiner blutigen Geschichte: Gefahr droht in León heute höchstens noch von der gleißenden Sonne. Die Provinzhauptstadt gilt – wie ganz Nicaragua – als sicheres Reiseziel, aber noch sind es meist Backpacker und Individualtouristen, die ihren Weg in die Stadt finden. Dort wird schnell klar: León schwelgt zwar voller Stolz in der Vergangenheit, drängt aber auch nach vorn. In den früher so erbittert belagerten Straßen finden sich heute Tattoo-Studios, Cafés und Restaurants, um die umgebaute Markthalle herum wird Mode aus aller Welt angeboten.

Wer einen Blick auf die Zukunft der Stadt werfen möchte, läuft durch den Säulengang der Universität, Ausgangspunkt der Revolution. Von hier strömten die Studenten 1978 auf die Straßen und sammelten sich gegen die Truppen Somozas. Heute arbeiten die Studenten einzeln an ihren Laptops statt an kollektiven Aufständen. Wenn sie sich versammeln, dann am Basketballplatz „Cancha 23 de Julio“, dessen Name an die erschossenen Studenten während des niedergeschlagenen Aufstands im Sommer 1959 erinnert.

Schmuckstück nach 113 Jahren Bauzeit: die Basílica de la Asunción

Schmuckstück nach 113 Jahren Bauzeit: die Basílica de la Asunción

© Patrick Tombola
Die junge Skaterin Maria Lopez wünscht sich Jobs statt Parolen

Die junge Skaterin Maria Lopez wünscht sich Jobs statt Parolen

© Patrick Tombola

 Vor einem riesigen Wandbild treffen sich die jungen Wilden der Stadt zum Skaten und BMX-Fahren. Die Bilder der knüppelschwingenden Soldaten und der flüchtenden Studenten von einst dienen als Kulisse für ihre neuesten Tricks. Auch Maria Lopez zieht hier auf dem Skateboard ihre Runden. Lässig springt die schmächtige 21-Jährige über Stufen und Rampen und scheint Lichtjahre entfernt vom Pathos der Vergangenheit. Zwar habe die Stadt ihnen offiziell erlaubt, den Platz und manche Straßen als Skate-Parcours zu nutzen. Dennoch seien die Älteren oft „engstirnig“, klagt Maria, und hätten nicht genug Verständnis für die Wünsche der Jungen. Statt um die Freiheit gehe es jetzt um Jobs, sagt sie, diese seien schwer zu finden in Nicaragua. Doch fast ebenso wichtig für sie ist die Frage, wer eigentlich heute Abend in der Kush Bar oder im Café ViaVia auflegt. Die Wahl zwischen Salsa, Merengue und Bachata, sie fällt nicht leicht, abends in León.

Der alte Revoluzzer Pereira und seine Kumpanen wollen nicht tanzen, sie bevorzugen eine Flasche Flor de Caña, nicaraguanischen Rum, in einem der vielen Comedores, einfachen Restaurants am Rand der engen Straßen. In die alten Anekdoten mischen sich neue Sorgen – ein Fünf-Sterne-Hotel soll in ihr geliebtes Museumsgebäude ziehen, doch noch ist nichts verloren. Zwar ist die zentrale Lage perfekt für Investoren, doch so einfach lassen sich die Compañeros nicht vertreiben. Für Pereira ist klar: „Wenn die Stadt unsere Forderungen nach Abfindung und einem neuen Platz für das Museum nicht erfüllt, zünden wir das Haus eben an. Und wenn wir dabei sterben sollten!“ Der Kampf ist nie vorbei. Nur die Gegner ändern sich.


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