Kapitän Ed Kean jagt einen Eisberg vor der grünen Küste Neufundlands
© Greta Rybus

Die Eisberg-Cowboys

  • TEXT PATRICK WITTE
  • FOTOS GRETA RYBUS

Jedes Jahr treiben gewaltige Gletschersplitter an Neufundland vorbei. Dann machen Käpt’n Ed Kean und seine Crew mit Lasso und Gewehr Jagd auf das kostbare Eis.

Eisberge muss man umschiffen: Alle Seeleute, ob sie im Atlantik, im Pazifik oder am Kap Hoorn unterwegs sind, kennen dieses Gesetz der Seefahrt. Eisberge sind eine tödliche Gefahr. Sie schlitzen die stählernen Schiffsrümpfe auf. Sie kippen um, sie brechen auseinander. Wenn Tausende Tonnen Eis im Wasser versinken, wird jedes Schiff in direkter Nähe mit in die Tiefe gerissen. Eisberge sind unberechenbar.

Und sie sind Käpt’n Keans Leidenschaft. Ed Kean, 59 Jahre alt, Neufundländer, ein Hüne mit breiten Schultern und mächtigem Bauch, umfährt die Eisberge nicht. Er jagt sie. Mit seiner Crew. Mit Lassos, Netzen und Gewehren. Jedes Jahr ab dem Frühling, wenn die Insel in Kanadas Osten noch unter einer dicken Schneedecke liegt, treiben die Eisberge bis vor Keans Haustür, bei St. John’s, Hauptstadt des Eilands. Dann weiß Kean, dass er sich bald auf den Weg machen muss.

 

Kapitän Ed Kean, Neufundlands bekanntester Eisjäger, auf seinem Schiff

Ein Mann wie ein Berg: Käpt’n Kean ist Neufundlands bekanntester Eisjäger

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Kapitän Keans Schleppnetzfischer „Green Waters“

... sein Trawler Green Waters hat unzählige Stürme durchquert – und alle überstanden

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  Die Eisberge splittern von den Gletschern Grönlands ab, wie etwa dem über tausend Quadratkilometer großen Petermann-Gletscher. Etliche Monate dauert ihre Fahrt durch die „Iceberg Alley“, die Straße der Eisberge. Hunderte Kilometer haben sie in der Strömung des Nordatlantiks zurückgelegt, bevor sie vor Neufundlands Küste auftauchen. Dabei sehen die Formationen, mal flach wie Tafelberge, mal wild gezackt, nicht nur faszinierend aus, sie sind auch extrem wertvoll. Kaum ein Wasser der Erde ist so rein wie das der Eisberge. Nie ist es durch Sand- oder Erdschichten gesickert, nie kam es mit Dünger in Kontakt. Der Gletscher, aus dem es stammt, besteht aus dem puren Wasser der Niederschläge, die vor Tausenden Jahren am Polarkreis niedergingen und gefroren. Damit ist Eisbergwasser ein Rohstoff, der sich zu Geld machen lässt – wenn man es schnell genug auffängt. Denn normalerweise ist nach der Fahrt durch die „Iceberg Alley“ Schluss: Im kurzen kanadischen Sommer schmilzt das Eis in der Sonne und verschwindet für immer im Meer.

Bei Wellengang sind die Eisberge gefährlich wie Dynamit. Aber sehen sie nicht wunderschön aus?

Ed Kean, Kapitän der Green Waters

Ed Kean muss sich also beeilen. 1,2 Millionen Liter des edlen Rohstoffs will er in diesem Jahr an die Canadian Iceberg Vodka Corporation liefern und dafür 500 000 kanadische Dollar (etwa 345 000 Euro) kassieren. Die Geschäftsidee des Getränkeherstellers: Wodka, Rum und Gin mit Wasser aus einer der saubersten Quellen der Welt. Die Destillerie mit Hauptsitz in Toronto, 1995 gegründet, setzt inzwischen Millionen um. Der Erfolg der Firma, die in der Provinzhauptstadt St. John’s eine Abfüllanlage betreibt, kommt den Insulanern wie gerufen. Die meisten der rund 500 000 Einwohner lebten früher direkt oder indirekt vom Fischfang – doch vor knapp 20 Jahren brach der Absatz für Kabeljau ein. Der Atlantik vor Neufundland war fast leer gefischt, dazu drückte die Konkurrenz aus China die Preise. Auch Ed Kean, dessen Familie seit fünf Generationen vom Fischhandel lebte, war betroffen. Also warum nicht das Eisbergwasser vor der eigenen Küste abschöpfen? Kean lieferte. Am Anfang hatte er bloß ein paar blaue Plastikfässer, die nur wenige Tausend Liter fassten. Doch dann explodierte die Nachfrage, der Qualität des Wodkas wegen. Der Kapitän kaufte größere Fässer. Bis heute ist Kean der einzige Lieferant der Destillerie. Er benutzt Bagger und Tanks, um einen Eisberg „abzuernten“. Angeblich bleibt für ihn nach Abzug der Unkosten für Crew, Diesel und Reparaturen kein hoher Gewinn. Einträglich genug, um jedes Jahr wieder in See zu stechen, scheint es gleichwohl zu sein.

Zwei Eisbergjäger auf dem Beiboot der Green Waters

Manchmal zetern Touristenführer, die Eisbergjagd störe das Postkartenpanorama, aber das kümmert Ed Kean wenig

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  Oder geht es um den Thrill? Ein Tag im August, der Kapitän hat das strahlende Eisbergweiß am Horizont entdeckt und trommelt seine Mannschaft zusammen. Phil Kennedy, 52, verantwortlich für die Befüllung der Eisbergwasser-Tanks. Dennis Greening, 39, Mechaniker. Und John Hoddinott, 42, Lenker des Beiboots, mit dem der Eisberg eingefangen wird. Allesamt Neufundländer, allesamt Männer, die „in jedem Job schon ihre Hände im Spiel hatten“, wie Hoddinott es ausdrückt. Als Jäger, Fischer, Dachdecker oder auf den Bohrinseln vor der Küste gab es vielleicht mehr Lohn. So viel Adrenalin wie bei der Eisjagd sicher nicht.

Im kleinen Heimathafen von Port Union entern sie den alten Fischtrawler Green Waters. Werfen auch einen Lastkahn an, mit dem das Wasser später transportiert werden soll. Und fahren los, hinaus aufs Meer. Jeden Tag, von Sonnenaufgang bis zur Dämmerung, wenn Wetter und Eis es zulassen, werden sie jetzt das Eis jagen. Oft sind sie wochenlang, manchmal sogar über Monate unterwegs. Zwischendurch laufen sie kleine Buchten in Neufundland an, um sich neu zu proviantieren.

Das Eismeer von Neufundland

1912 wurde Neufundlands Eismeer auf traurige Weise weltberühmt: Damals sank hier die Titanic

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John Hoddinott auf dem Schiff der Eis-Cowboys

Lauern, in sich ruhen, auf den richtigen Moment warten:
John Hoddinott ist ein Cowboy in Gummistiefeln, mit dem Tau fängt er die abgeschossenen Eisbergsplitter ein

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  Das Lastschiff, 55 Meter lang und mit der Green Waters vertäut, hält sechs Tanks bereit, jeder davon fasst 200 000 Liter. 1,2 Millionen Liter Wasser! Glaubt man Kean, ist das lediglich ein Prozent aller Eisberge, die im Jahr an Neufundland vorbeitreiben. Der Kapitän trägt Sonnenbrille und Basecap, sein Blick scannt das Meer, ein Arm liegt auf dem Steuerrad. Mit neun Knoten schiebt sich der Trawler vorwärts, vorbei an Leuchttürmen und grünen Hügeln. Durch die Luke der Steuerkabine dringt Möwenkreischen. Die Wellen rauschen, der Schiffsmotor wimmert leise. Mit glänzendem Haupt tauchen Seehunde aus der See, schauen neugierig, verschwinden wieder. Die gebogenen Rücken der Delfine und Zwergwale, geometrische Erscheinungen im Chaos der Wellen. Plötzlich lässt Kean das Schiffshorn tuten. Mit schwerem Akzent schreit er seinen Männern etwas zu, das „Eisberg voraus“ bedeuten muss.

Zuerst hatte Kean nur Fässer für ein paar Tausend Liter – dann explodierte die Nachfrage

Es wirkt wie eine Sinnestäuschung, als sich einer dieser Giganten in das Panorama Neufundlands schiebt, groß und größer wird, je näher die Green Waters ihm kommt. Kean hat richtig gesehen: Direkt vor der Küste ist ein knapp 300 Meter langer Eisberg auf Grund gelaufen und in etliche Stücke zersplittert. Millionen Tonnen Eis, nur wenige Meilen voraus. Kean steuert näher. Jedes Mänover ist nun ein Atem-anhalten. Er muss den Sicherheitsabstand wahren, das Schiff darf nicht leckschlagen. Per Lastkran lässt die Crew das Beiboot zu Wasser, eine Nussschale aus Holz, drei Meter lang nur, aber mit einem 65-PS-Motor bestückt. Endlich hat John Hoddinott seinen Auftritt. Der hochaufgeschossene, drahtige Lenker des Speedboots muss den Bug des Lastkahns in einem 90-Grad-Winkel zum Eisberg halten. Nur so kann Kean die eisige Beute mit dem montierten Schaufelbagger am Berg abgreifen.

Der Frachtkahn hat einen Eisbrocken im Netz

Mit einem Schleppnetz holen die Männer ihre „Beute“ ein

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  Die Nussschale schaukelt vor dieser haushohen Wand aus Eis, an der sich der Ozean bricht. Gischtfontänen schießen in die Höhe. Schlagartig verwandelt sich der milde Meereswind in eine eiskalte Brise. In seinem Boot greift Hoddinott nach dem Seil, umfährt damit den gesamten Berg, fängt ihn ein mit kilometerlangem, fingerdickem Lasso. Nur so kann er den Lastkahn am Eisberg festzurren. Deshalb nennt man die Männer um Ed Kean auch „Eisberg-Cowboys“. Mit der Baggerschaufel beginnt Kean das Eis von der Spitze abzukratzen und auf ein Förderband zu schmeißen, das in die Wassertanks mündet. Droht der Kahn am Berg abzugleiten, fährt Hoddinott mit dem Beiboot zum Bug, um es wieder in die richtige Position zu drücken, dabei einen ständigen Sicherheitsabstand zum weißen Koloss wahrend, den es jede Sekunde ausein­anderreißen könnte.

Die Männer haben es geschafft, der Berg ist bezwungen. Jetzt müssen sie nur noch warten, bis das Eis geschmolzen ist. Was für ein Triumph! In nur drei Wochen ist die Ernte nahezu einer ganzen Saison eingeholt. Eine Pause gönnen sie sich trotzdem nicht. Keans Leute jagen weiter, nehmen jetzt ein kleineres Exemplar ins Visier. Diesmal wollen sie nicht mit dem Lastkran arbeiten, der an den schmaleren Bergen nur schwer festzumachen ist, sondern mit Gewehr und Köderhaken. Geisterhaft schimmert der kleine Eisberg im Zielfernrohr von Keans Repetiergewehr. Unwirklich, unschuldig fast, gleich einem Ball, den irgendein Zufall ins Wasser vor Neufundland geschubst hat. Doch bei Wellengang, sagt Kean, gleiche er „kleinen Stücken Dynamit“. Man dürfe sich nicht täuschen lassen. Er weiß, dass nur etwa zehn Prozent eines Eisbergs, eben die berühmte Spitze, über der Wasseroberfläche zu sehen sind. Der größte Teil befindet sich darunter – und tatsächlich: Sieht man genau hin, erkennt man sein türkisfarbenes Schimmern. Es ist dieser Teil, der leicht ein Loch in die Bordwand schmettern könnte.

Jean Hoddinott zerschlägt einen Eisklotz mit der Axt

Jean Hoddinott bei der Arbeit: Das Eis wird mit der Axt zerschlagen; wenn das nicht reicht, greift er zur Kettensäge

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Ein Eisberg in Neufundland

Einst ging es um Fische, heute ist der Fang blau und weiß, gemustert, uralt und gefroren

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Der Trawler „Green Waters“ mit Beiboot

Das Beiboot ist eine Nussschale aus Holz

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Ein Lagefeuer brennt in einer Bucht

Lagerfeuerrast in einer Bucht

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Der Hafen von St. John's

Der Hafen von St. John's

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  Trinity, Bonavista und Conception Bay – so ­heißen die Buchten, in denen Kean auf Pirsch geht. Eine wilde und ursprüngliche Welt, atemraubend schön. Hier gibt es keine Strandpromenaden, keine schicken Restaurants, keine Jachthäfen. Diese Welt gehört der Natur und den Seeleuten. Wie hineingewürfelt stehen ihre Holzhäuser am Ufer, grün, blau und rot gestrichen. Dahinter dunkle Wälder, durch die Schwarzbären und Elche streifen. Auch das, wie die See, ist Jagdrevier.

Spitz läuft der Berg zu, auf den es Kean und seine Crew jetzt abgesehen haben. 15 Meter ist er hoch, zehn Meter lang, eine schwimmende Platte, durchzogen von schwarzen und saphirblauen Streifen. Noch 30 Meter bis zum Schiff. Kean legt das Gewehr an und kneift sein linkes Auge zu. Der Jäger zielt auf den rechten Rand des Eisbergs. Justieren. Warten. Dann drückt er ab. Der Knall zerreißt die Stille der Bucht. Von der Seite des Berges spritzen weiße Stücke in die Höhe. Mehr passiert nicht. Der Berg rührt sich keinen Millimeter. Kean legt nach. Noch eine Salve. Nach drei Schüssen gibt der Berg eine größere Ecke frei, die krachend in die Fluten fällt. Mit Beiboot, Haken und einem Schleppnetz setzen die Männer über und holen die Beute ein. Dieses Eis wird nicht an die Wodkafirma gehen, sondern an kleinere Abnehmer: Hummerfischer, Tante-Emma-Läden – die nehmen das Eis zum Kühlen ihrer Ware, verkaufen es weiter als Extra für Bars und Partys. Nebenbei plant Kean längst sein eigenes Geschäft: Tafelwasser. Die ersten Ab­füllungen laufen bereits.

Käpt’n Keans neueste Geschäftsidee: Tafelwasser von Eisbergen

Jetzt steuert er seinen Heimathafen in Port ­Union an. Er steht am Steuerrad der Green Waters, das Meer, das er seit Jahren durchpflügt, leuchtet in der Abendsonne. Er schaut auf das Panorama der tiefgrünen Hügel vor sich. Ein Moment des Innehaltens, der Ruhe. Keans Blick wandert zu einem weiteren Eisberg. „Sie sind wunderschön, nicht wahr?“, sagt er. Dann verfällt er in ein langes Schweigen. Irgendwann, er weiß es, wird er den Job aufgeben und die Green Waters verkaufen. Er ist mittlerweile 59 Jahre alt, und die Jagd nach dem Eis ist anstrengend, gefährlich und zeitraubend. Aber dieser Zeitpunkt, er scheint gerade verdammt weit weg zu sein.


 

Ein Beitrag aus dem Vielflieger-Magazin Lufthansa Exclusive. Mehr zu den Miles & More Angeboten von Lufthansa erfahren Sie hier.


… fotografierte gerade einen besonders schönen Eisberg, als sie ein lautes Knacken und Krachen hörte. Kurz befürchtete sie, die kalten Massen würden über ihr zusammenbrechen – dann bemerkte sie hinter sich im Boot den Kapitän, der mit einem Gewehr auf den Eisberg schoss.

Mehr zu Greta Rybus: gretarybus.com